Norditalien

Po-etische Momente

Einmal quer durch den Norden Italiens – von der Quelle des Po in den
Piemonteser Alpen bis zu seinem verzweigten Delta an der Adriaküste. Inklusive eines Besuchs bei Don Camillo und Peppone und einem Gang nach Canossa.

Foto: Daams
Norditalien-Tour, MOTORRAD 4/2004
Norditalien-Tour, MOTORRAD 4/2004
Vielleicht haben wir uns mit der Jahreszeit doch verhauen. Obwohl der Mai für eine Reise quer durch Norditalien eigentlich goldrichtig sein sollte. Von Klaus und mir mit Bedacht für unsere Tour entlang des Pos gewählt, des größten Flusses in Italien. Später im Jahr werden die Stechmücken in der schwülen Po-Ebene nämlich so riesig, dass sie von rechts wegen Nummernschilder tragen müssten und Motorradfahrer schier in den Wahnsinn treiben.

Doch jetzt stehen wir erst mal auf 1800 Meter Höhe in den italienischen Alpen, nur einen Katzensprung von der Grenze nach Frankreich entfernt, und schnattern vor uns hin. Von Stechmücken weit und breit keine Spur, dafür Nieselregen, sechs Grad. Vor uns der Startpunkt unserer Reise. Andächtig starren wir auf den Bach, der hier auf dem „Plateau der Königin“ über die Almen plätschert. Ganz zur Quelle des Pos dringen wir um diese Jahreszeit nicht vor. Die befindet sich noch mal gut 200 Meter weiter oben auf dem „Pian del Re“, dem Plateau des Königs. Das steile, vier Kilometer lange Sträßchen dorthin ist allerdings gesperrt: Gefahr von Steinschlag, Erdrutsch und Lawinenabgang, heißt es auf dem Schild am Schlagbaum. Gleich drei mögliche Katastrophen auf einmal, die Abenteuerlustige abschrecken sollen. Was der Wirt der nahen Berghütte nachdrücklich bestätigt. „Nicht mal zu Fuß dürft ihr da rauf. Ein lautes Wort, und alles kann runterkommen.“ Zur Untermauerung erzählt er die Schauergeschichte von 1989, als am nahen Alpengipfel Monviso 200 000 Kubikmeter Eis abbrachen und 1000 Meter talwärts tosten. „Zu Schaden kam nur deswegen niemand, weil es nachts passierte.“
Anzeige
Foto: Daams
Norditalien-Tour, MOTORRAD 4/2004
Norditalien-Tour, MOTORRAD 4/2004
Eine raue Gegend, die Höhenzüge des Piemont. Bevölkert von einem wortkargen Menschenschlag, zwar freundlich, aber irgendwie ganz anders als sonst in Italien. Als Klaus und ich tags zuvor im nahen Örtchen Paesana Station machten, zauberte uns die Wirtin ein herzhaftes Abendessen aus Pasta und Brasato al Barolo, einem Rinderschmorbraten, der im kräftigen und edlen Rotwein nahezu ertränkt wird – obwohl der Koch frei hatte und sie selbst an die Töpfe musste. So weit, so gut und deutschen Erwartungen an italienische Gastfreundschaft voll entsprechend. Doch an diesem Abend fanden mit Spannung erwartete Wahlen statt, und die Wirtsleute sowie vier Gäste verfolgten den Ausgang am Fernseher in völligem Schweigen, jeder einsam an seinem Tisch. Eine solche Grabesstille in einer Kneipe – undenkbar im restlichen Italien.

Dafür legt der Po nach zurückhaltendem Start an Lautstärke kräftig zu. Er hat sich als Geburtsstätte eines der kürzesten Alpentäler überhaupt ausgesucht und stürzt auf seinen ersten 25 Kilometern an die 1700 Höhenmeter nach unten. In spektakulären Wasserfällen donnert er dröhnend zu Tal, um sich dann in der Ebene als friedliches Flüsschen Richtung Turin zu schlängeln. Und gleichzeitig ist Schluss mit dem wilden Kurvengetümmel der Alpen, brav und schnurstracks führen nun alle Wege in Italiens kränkelnde Autohauptstadt – Fiat hat in Turin seinen Sitz. Der Po bringt uns mitten ins Zentrum, dann zweigen wir nach Nordosten ab, Richtung Superga. Die mächtige Basilika fungiert als Wahrzeichen Turins und gleichzeitig als Ruhestätte der ehemaligen Könige des Hauses Savoyen.

Norditalien (2)

Foto: Daams
Norditalien-Tour, MOTORRAD 4/2004
Norditalien-Tour, MOTORRAD 4/2004
Im nahen Chieri empfiehlt die Besitzerin des Hotels „Tre Re“ fürs Abendessen die Pizzeria „Del Pino“ im benachbarten Pino Torinese. Guter Tipp für Motorradfahrer: Dort hat ein kleiner Fan-Club des Grand-Prix-Piloten Roberto Rolfo, der aus dem Städtchen stammt, seinen Sitz. Der Kellner erzählt vom lokalen Motorradfahrerleben. Wie beispielsweise der tollen Kurvenstrecke nach Superga, die seit über zehn Jahren gesperrt sei, weil ein paar Clubs dort Rennen ausgetragen hätten und es fast jedes Wochenende zu Unfällen mit Toten gekommen sei.

„Von wegen“, schnaubt am nächsten Morgen ungehalten die Hotel-Wirtin, zusammen mit ihrem Mann BMW-K-100- Besitzerin. „An der Straße hat früher der Bürgermeister von Pino Torinese gewohnt. Der meinte, Motorräder würden zu viel Krach machen und ließ die Straße für motorisierte Zweiräder kurzerhand sperren.“ Willkürliche Streckensperrung auf italienische Art.
Foto: Daams
Norditalien-Tour, MOTORRAD 4/2004
Norditalien-Tour, MOTORRAD 4/2004
Wir pirschen weiter ostwärts durchs Turiner Hügelland südlich des Pos, auf italienischen Landkarten entweder „Colline del Po“ oder „Colli torinesi“ genannt. Schmale Sträßchen, übersät mit riesigen Schlaglöchern, schlängeln sich über die sanften Kuppen. Fast jedes Dorf scheint hier über eine idyllische Burg zu verfügen oder zumindest über eine Nobelvilla der Turiner High Society. Kurz vor Casale Monferrato treffen wir wieder auf den Fluss. Das Bild hat sich gewandelt: Aus dem bislang so braven Gewässer ist dank einiger Zuflüsse ein riesiger Strom geworden. Von den Hügeln aus betrachtet wirkt es, als stünde die ganze Ebene unter Wasser. Hier gedeihen Italiens asiatische Momente – der Po bewässert die riesigen Flächen für Reisanbau.

Norditalien (Infos)

Eine Reise entlang des längsten Flusses Italiens bietet wahrlich Erlebnisse, wie sie vielseitiger kaum sein könnten. Wer bereits in der Toskana oder an der Adria weilt, sollte zumindest einen Abstecher an den Po einplanen.
Anreise
Ins Qellgebiet des Pos, das sich in den kargen Hängen der Kottischen Alpen befindet, gelangt man besten über die Schweiz und das Aostatal oder über Mailand und Turin. Wer dem Flusslauf bis zum Delta an der Adria-Küste folgt, spult rund 800 Kilometer ab. Unterwegs bieten sich Abstecher in die Höhen des nahen Apennin an. Es lohnt sich auch, nur einzelne Etappen entlang des Flusses unter die Räder zu nehmen. So lässt sich das Quellgebiet auf einem Trip nach Südfrankreich oder an die italienische Riviera integrieren. Eine weitere lohnenswerte Etappe umfasst, von Norden kommend, die Strecke zwischen Brescello am Po über Canossa in den Apennin. Und dann ist da als dritte Etappe schließlich noch das Mündungsdelta südlich von Venedig, in dem man ganze Tage verträumen kann.

Übernachten
Einen Platz für die Nacht zu finden ist in Italien in der Regel kein Problem. Zu Engpässen kommt es normalerweise allenfalls im Ferienmonat August. In Paesana empfiehlt sich das Hotel »Sudamerica« (sehr gute Küche!), Telefon 0039/0175/94122. Ein Doppelzimmer kostet ab zirka 58 Euro. Ebenfalls ein Tipp ist das Hotel Tre Re in Chieri, Telefon 0039/011/9471029. Hier kostet ein Doppelzimmer rund 59 Euro. In Bobbio lässt es sich gut im Hotel Giardino nächtigen, Telefon 0039/052/3936247, Doppelzimmer etwa 58 Euro. An der Adria sind Motorradfahrer gut im Hotel Alexander in Rosolina Mare untergebracht, Telefon 0039/0426/68047, E-Mail: info@ hotelalexander.ro.it, Doppelzimmer für 70 Euro. Garagen sind bei den genannten Unterkünften vorhanden.

Gastronomie
In Sachen Küche kann man in Italien kaum etwas falsch machen – einfach nach den örtlichen Spezialitäten fragen. Während im Landesinneren Fleisch- und Wildgerichte vorherrschen, sollte man im Delta auf Fisch und Meeresgetier umsteigen. Als besondere Delikatesse gilt dort der Aal. An Weinen trinkt man im Quellgebiet die schweren Rotweine aus dem Piemont wie Barolo oder Nebbiolo; in der Emilia Romagna den allgegenwärtigen, leichten Lambrusco (in der trockenen Variante ein guter Tischwein) und im Mündungsgebiet einen Prosecco aus dem Veneto.

Motorradtreffen
Am 5. und 6. Juni 2004 veranstaltet der »Motoclub Peppone e Don Camillo« in Brescello ein großes Treffen. Am Samstag findet eine Ausfahrt in die Umgebung statt, und in der Einschreibegbühr von neun Euro (zahlbar vor Ort) ist bereits das Abendessen inbegriffen.

Sehenswert
Das Museum über Don Camillo und Peppone in Brescello ist auf alle Fälle einen Besuch wert. Eine Homepage informiert über das, was einen dort erwartet: www.museodoncamilloepeppone.it. Der Eintritt ist kostenlos; eine Spende allerdings willkommen.

Literatur
Wirklich umfassend informiert »Richtig Reisen – Oberitalien« aus dem Haus DuMont für 22,50 Euro. Der handliche, aber dennoch recht ausführliche Marco-Polo-Reiseführer »Piemont«, acht Euro, passt in jeden Tankrucksack. Aus dem gleichen Verlag kommt das Reisetaschenbuch »Emilia Romagna« für 12,50 Euro. m Internet finden sich zusätzlich viele Infos über die gesamte Region. Speziell über den Po informieren www.parks.it/parco.delta.po.er und www.ildeltadelpo.it (beide Seiten in Englisch). Viele Hotel- und Campingadressen bietet www.parcodeldelta.com (in Deutsch). Das Quellgebiet hingegen ist touristisch nicht sonderlich erschlossen, entsprechend dürftig sind die Internet-Informationen. Hotels in der Umgebung der Quelle: www.ghionda.com/vallepo/rubriche/tourist.htm. Die Italien-Karte von Kümmerly + Frey im Maßstab von 1:500000 gehört mit auf jede Reise über den Stiefel. Preis: 10,50 Euro. Demnächst erscheinen in Mairs Geographischem Verlag die brandneuen Generalkarten über Italien; Blatt 1: Piemont; Blatt 2: Lombardei; Blatt 4: Veneto-Friaul und Blatt 6: Emilia Romagna. Jeweils im Maßstab von 1:200000 und für 7,50 Euro pro Blatt. Bestens für die beschriebene Reise eignet sich die Karte des Touring Club Italiano »Italia settentrionale« (Norditalien), im Maßstab von 1:400000, die für 6,50 Euro in Norditalien an Tankstellen und Kiosken erhältlich ist.

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote