Oberitalienische Seen

Frühjahrsputz im Süden

Endlich mal wieder richtig durch die Ecken fegen – Kehren kehren, Kurven schrubben und zwischendurch das Wasser wechseln: Gardasee, Comer See, Lago Maggiore und Trabanten. Wer zum Saisonstart nach Oberitalien reist, hat mehr vom Frühling.

Foto: Eisenschink
Und plötzlich sind sie da - die Frühlingsgefühle.
Und plötzlich sind sie da - die Frühlingsgefühle.

Am Ortsausgang von Riva öffnet sich die erste Katakombe der Gardesana Occidentale. „Tunnel“, wie auf dem Schild zu lesen war, scheint untertrieben: Kilometer um Kilometer grob behauener Fels, diffus gelbes Deckenlicht, dunkle Ecken. Gänsehaut. Kein Hauch von mediterranem Flair. Sporadisch in den Stein gesprengte Luken geben den Blick auf den Gardasee frei, der aus dem Inneren dieser grauen Röhrenwelt kalt und bedrohlich wirkt. Blechern schlägt der Klang des BMW-Einzylinders von den Tunnelwänden zurück. Ich drossle die F 650, taste um unerwartet enge Kurven, hoffe auf Tageslicht.

Mehr als 2000 Arbeiter waren vonnöten, um diese irrwitzige Trasse aus dem Fels zu hauen. 74 Tunnel mussten gebohrt, 56 Brücken aus dem Gestein gehobelt werden, bevor man die 44 Kilometer lange Uferstraße zwischen Riva del Garda und Salò 1932 eröffnen konnte. Ein Aufwand, der sich gelohnt hat: Zur Hochsaison transportiert die Occidentale Millionen Touristen zur Westseite des Sees. Jetzt, im Frühjahr, gehört sie ein paar gut aufgelegten Motorradlern allein. Na ja – fast.

Donnernd dringt eine Ducati 916 in den Bauch der Erde, dem die BMW samt Besatzung gerade entkommen: Sonne, Zypressen, ein paar wunderschöne Schwünge zwischen steilen Felswänden und Palmen. Blühende Oleanderbüsche, die malerischen Ziegeldächer von Limone – und schon geht’s wieder Untertage. Das volle Kontrastprogramm, durch den ständigen Hell-Dunkel-Wechsel alle Konzentration fordernd. In Gargnano bin ich reif für einen ordentlichen Espresso, steuere durch beinahe menschenleere Gassen zum Hafen, der sommers vor lauter Leben aus den Fugen zu platzen droht. Zum Trocknen aufgehängte Wäsche flattert an Balkonen, Fernseher flimmern durch offene Fensterläden, aus den Kneipen dringt die unvermeidliche Sportsendung, ein paar Segelboote, Yachten und Schwäne schaukeln auf den Wellen. Sonst nichts. Noch dämmert der Ort im Winterschlaf. Im Osten schimmern die verschneiten Gipfel des knapp 2000 Meter hohen Monte-Baldo-Massivs. Bestenfalls stoßen dort oben gerade die ersten Krokusse durch die letzte Altschneedecke, während hier unten schon die Orangen blühen.

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Foto: Eisenschink
Zeit für einen Espresso.
Zeit für einen Espresso.

Frühling! Es gibt keinen besseren Zeitpunkt für eine Motorrad-Seefahrt durch Oberitalien. Gardasee, Comer See, Lago Maggiore und Co. wirken verträumt und unverbraucht, die Temperaturen sommerlich mild, der Verkehr wie abgeschnitten.Bei Gargnano kurve ich in die westliche Bergwelt des Lago di Garda hinauf, und kaum ist das Blau aus den Rückspiegeln verschwunden, tut sich backbord ein neues Gewässer auf: der vergleichsweise kleine Valvestino-See. In engen Schleifen führt die Fahrbahn an dessen Ostufer entlang. Der Blick streift über tiefe Schluchten und zackig ausgeprägte Grate. Kalte Waldluft dringt hinters Visier, das plötzlich in Schwarzweiß zu senden scheint – bis aufs erste, zart sprießende Grün der Buchen. Am knapp über Meereshöhe gelegenen Gardasee ist der Frühling deutlich weiter.

Hinter Capovalle stürzt die Straße in breiten Serpentinen zu Tal, passiert einen stockfinsteren Tunnel und ermöglicht die Sicht auf den von mächtigen Bergen umgebenen Lago d’Idro. Statt schierer Größe trägt er den Titel „höchstgelegener See der Lombardei“ zur Schau. Über Storo und die teils spektakuläre Landstraße 240 könnte man von hier aus zum Ledro-See gelangen – wenn man wollte. Nur bedeutete das, den Rückwärtsgang Richtung Gardasee einzulegen. Ich aber will weiter westlich zum Lago d’Iseo.

Kurve an Kurve geht’s über Bagolino dem Passo di Croce Domini entgegen. Links und rechts der Fahrbahn schlagen die Lärchen aus, Myriaden von Schlüsselblumen hüllen die Hänge in leuchtendes Gelb, der bayerische Einzylinder läuft zur Hochform auf: Frühlingsgefühle, ja, auch er! Beflügelt tänzelt der Single um die Ecken: links, zweimal rechts, im Halbkreis herum, und dann... ein weiß-rotes Schild mit der Aufschrift „chiuso“. Zu deutsch: geschlossen. Wintersperre. So viel zum Frühling. Enttäuscht steuere ich die nächstbeste Tankstelle an, um Näheres über den Zustand der Strecke zu erfahren. „Libero, libero“, versichert der Mann an der Kasse und fuchtelt mit den Armen Richtung Breno. Der Croce Domini sei frei. „Aperto” – offen, brüllt auch der Dorfkneipenwirt, dessen Stimme sich im Wettstreit mit der kreischenden Espressomaschine zu überschlagen droht. Na gut, dann wird’s versucht.

Oberitalienische Seen (2)

Foto: Eisenschink
Sie stimmt einfach, die oberitalienische Mischung.
Sie stimmt einfach, die oberitalienische Mischung.
Valle del Caffaro: zwanzig, dreißig Kurven weiter. Waldarbeiter zersägen zwei umgestürzte Fichten, die sich über der Fahrbahn lang gemacht haben, am Straßenrand tobt ein Wildbach, eisige Kälte liegt in der Luft. Bei Valle Dorizzo röhrt mir eine Kehrmaschine entgegen, dann ist Ruh’. Verwaiste Skilifte, ein geschlossenes Restaurant, ein geparkter Schneepflug, menschenleere Gehöfte. In der Ferne ragen die schneebedeckten Ausläufer des Adamello-Massivs empor, darüber rabenschwarze Wolken. Ich stelle die Heizgriffe auf Stufe zwei.

Zwischenstopp am zweiten Durchfahrt-Verboten-Schild bei Kilometer 23. Während ich grüble, ob die italienische Vokabel „chiuso“ noch etwas anderes als „geschlossen“ bedeuten kann, bollert eine Horde italienischer Sportmaschinen heran. Der Pass sei – „chiuso“ hin oder her – ohne Probleme zu meistern, ermuntern mich die gut gelaunten Kollegen aus Brescia. Also weiter. Im Slalom an Wurzeln, Geröll und herabgestürzten Ästen vorbei, an Schneezungen, die in dichter werdender Folge auf die kaum noch handtuchbreite Fahrbahn lecken. Im Eiertanz durch den Südzipfel des über 600 Quadratmeter großen Adamello-Brenta-Naturparks, der Gemsen, Adler, ja sogar Braunbären beheimaten soll.

Erspähen lassen sich allerdings nur ein paar Straßenarbeiter, die das vom Winter gezeichnete Asphaltband akribisch von seinen Blessuren befreien. Frühjahrsputz. Es wird gekehrt, geschippt, gewienert und geflickt, bis jedes Loch verschwunden, jede Rille sauber abgedichtet ist. Als ich die BMW vorbeimogeln will – das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun noch immer im Nacken –, begrüßen mich die Herren charmant, halten zuvorkommend Ausschau nach Gegenverkehr, bevor sie mir freie Fahrt signalisieren.
Karte: Maucher
Zeitaufwand drei Tage, Streckenlänge zirka 1200 Kilometer.
Zeitaufwand drei Tage, Streckenlänge zirka 1200 Kilometer.
Neben dem Rifugio auf der 1895 Meter hohen Passhöhe erhebt sich ein stattlicher Schneehaufen, darin steckt eine Eiskarte und ein Schild: „aperto.“ Geöffnet also, das verstehe, wer will. In der Gaststube drängen sich Ausflügler um den knisternden Kamin, auf den Parkplätzen ringsum beachtlich viele Vehikel, angesichts der Tatsache, dass über sämtliche Zufahrtswege bis Anfang Juni eine Wintersperre verhängt ist. Italien eben – und gut so.

Die Abfahrt ins Valcamonica führt in picobello gekehrten Kurven runter nach Breno, in eine andere Welt: brütende Hitze, brandender Verkehr – der Weg zum Iseo-See wirkt wenig verlockend. Ich verstaue das Fleece-Equipement in den Koffern und rufe die Lektion Pässe noch einmal ab: In der Praxis stellt sich hier offenbar niemand die Frage, ob „offen“ oder „geschlossen“, sondern ob es „geht“ oder nicht. Fasziniert von dieser Erkenntnis, durchforste ich die Landkarte nach weiteren Bergstrecken. Der Lago d’Iseo kann warten.

Valle di Scalve, Passo del Vivione: eine Straße, die bis auf 1828 Meter Höhe führt.
Wintersperre von Oktober bis Mai, Durchfahrt verboten. Adrenalinkick, Vorfreude, Neugier – unterbrochen von einer klitzekleinen Regung des Restgewissens, dann geht’s von blumenübersäten Almhängen begleitet den schneebedeckten Gipfeln der Bergamasker Alpen entgegen. Die Fahrbahn verengt sich mit jedem Kilometer, vollführt Dreher und Kapriolen, denen die F 650 lediglich im ersten Gang folgen kann. Nach dem Schild „Attenzione strada interotta“ beruhigt sich die Lage etwas. Schnurstracks passiert die Straße eine geöffnete Schranke und steigt, spektakuläre Ausblicke bietend, ohne jegliche Randsicherung Richtung Baumgrenze.

Riskant wird’s wohl erst, wenn der schmale Pass geöffnet und mit Gegenverkehr zu rechnen ist – denke ich und werde prompt eines Besseren belehrt: quer stehender Bagger hinter einer Kuppe, dahinter eine längs liegende Kluft. Gut fünf Meter Fahrbahn einfach weg. Lektion Nummer zwei: „Strada interotta“ heißt unterbrochene Straße. Ein Hinweis, den man durchaus ernst nehmen kann. Kaum ist die Maschine zwischen Abgrund und Felswand gewendet, rollt ein sandbeladener Lkw rückwärts auf mich zu und drückt sich millimetergenau am hastig eingeklappten Spiegel der BMW vorbei. Der Fahrer grüßt, die Kippe im Mundwinkel, mit unbewegtem Gesicht.

Oberitalienische Seen (Infos)

Oberitalien ist als Genussrevier für Zweiradfahrer aller Arten kein Geheimnis. Doch wer den Reisezeitpunkt klug wählt, erlebt die Schönheit der alpinen Seen und ihrer umliegenden Berge noch ungeschmälert.
Anreise
Die schnellste Anreise führt über Innsbruck und die Brenner-Autobahn (A 13, A 22, mehrfache Mautgebühren). Ausfahrt Lago Garda di Nord. Wer später im Jahr unterwegs ist, kann die interessante Hochgebirgsroute über das Timmelsjoch (nur von Juni bis Oktober geöffnet) überlegen und dann per Passeier Tal nach Meran fahren und über Gampenjoch, Lago di S. Giustina, Lago di Molveno und Arco (SS 45) nach Riva del Garda hinabrollen.

Reisezeit
An den größeren Seen zieht der Frühling mitunter schon Ende Februar ein und im Oktober ist es noch mild und warm. Alpenübergänge wie Passo di Croce Domini, Passo del Vivione oder Passo di San Marco, die allesamt bis auf rund 2000 Meter Höhe führen, sind allerdings von Oktober beziehungsweise November bis Mai geschlossen. In den Hochsommer-Monaten bersten die Uferstraßen der Seen mitunter vor Touristen. Achtung, Wintersperren! Wer die beschriebene Tour Anfang Mai nachfahren will, verstößt an manchen Pässen gegen die offizielle Wintersperre und handelt auf eigenes Risiko. Meist wird die Durchfahrt mit einem Augenzwinkern geduldet.

Übernachten
Hausgemachte Pasta, familiäre Atmosphäre und einen grandiosen Blick auf den Lago d’Iseo genießt man im Hotel Panoramico, Via Palazzine 30, 24060 Fonteno, Telefon 0039/035/969027, Fax -969048, E-Mail: info@panoramico.it, Internet: www.panoramico.it. Für die Übernachtung mit Frühstücksbuffet im DZ zahlt man pro Person ab 28,50 Euro. Idyllisch am Westufer des Gardasees gelegen ist das Hotel Meandro, Via Repubblica 40, 25084 Gargnano, Telefon 0039/0365/71128, Fax -72012, E-Mail: info@hotelmeandro.it, Internet: www.hotelmeandro.it. Die Übernachtung mit Frühstücksbuffet im DZ kostet pro Person ab 39 Euro. Einfach, aber urgemütlich ist das Rifugio Alpe Lago an der Nordrampe des Passo di San Marco (Kilometer 27), Telefon (mobil) 0039/333/3837326 oder 0039/338/5699172, Internet: www.waltellina.com/orobie/alpelago/index.htm. Die Übernachtung mit Halbpension schlägt mit 26 Euro pro Nase zu Buche. Nobel, mit Blick auf den Lago di Como, residiert man im Hotel Metropole & Suisse, Piazza Cavour 19, 22100 Como, Telefon 0039/031/269444, Fax -300808, E-Mail: info@hotelmetropolesuisse.com, Internet: ww.hotelmetropolesuisse.com. Eine Übernachtung mit Frühstück im DZ kostet pro Person ab 67 Euro. Zu Füßen des Presolana-Passes nächtigt man im Hotel Aurora, Via S. Antonio 19, 24020 Castione de la Presolana, Telefon 0039/0346/60004, Fax -60246, E-Mail: info@auroraalbergo.it, Internet: www.auroraalbergo.it. Die Übernachtung mit Frühstücksbuffet kostet pro Person ab 22,50 Euro.

Sehenswert
Einen Zwischenstopp wert ist die Wallfahrtskirche Madonna del Ghisallo bei Magreglio (Lago die Como), die zu Ehren der »Schutzpatronin der Radrennfahrer« von Betroffenen mit Rennrädern, Radtrikots und Siegertrophäen ausgestattet wurde. Für Freunde mittelalterlicher Festungen empfiehlt sich ein Besuch des Skaliger-Kastells in Sirmione (Lago di Garda), das mit seinen zinnenbewehrten Mauern, Türmen und Zugbrücken zu den interessantesten Wasserburgen des Mittelalters zählt. Ein Muss für Freunde historischer Motorräder ist das Moto-Guzzi-Museum in Mandello del Lario am Comer See. Infos unter Telefon 0039/0341/709111, Internet: www.larioonline.it/deutsch/lecco/motoguzzi.html.

Literatur
Gut ausgerüstet ist man mit dem Band »Oberitalienische Seen« aus dem Michael Müller Verlag für 15,90 Euro. Weitere Streckenvorschläge der Autoren für die benachbarten Regionen sind im brandneuen Band »Italiens Alpen« in der Edition MOTORRAD Unterwegs nachzulesen. ISBN 3-613-02502-7, für 16 Euro. Beste Orientierungsgrundlage bieten die Generalkarten Italien, Blatt 1, »Oberitalienische Seen, Mailand, Turin« und Blatt 2, »Brenner, Verona, Parma« in 1:200000 für je 6,50 Euro.

Informationen
Auskünfte erteilt das Italienische Fremdenverkehrsamt in München, Telefon 089/531317, Internet: www.enit.it. Weitere Büros in Frankfurt/M. und Berlin.

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