Rhein

Rheines Vergnügen

Während man sich überall auf den Winterschlaf vorbereitet, verwöhnt das Rheintal noch mal mit warmer Herbstsonne und kunterbunten Weinbergen. Ein perfektes Revier für eine letzte Runde.

Es ist nicht mehr weit bis Asien. Am anderen Ufer des breiten Flusses lockt das fremde Land. Eine kühne Hängebrücke spannt sich über die Fluten. Ich reihe mich mit der Enduro in die Autokolonne ein, die sich über die Brücke ans andere Ufer schiebt. Aber so ungewöhnlich, wie ich den fremden Erdteil erwarte, sieht er gar nicht aus. Auch das gelbe Ortsschild verrät nichts Neues: Köln-Deutz. Wie groß müssen die Unterschiede zwischen den beiden Rheinseiten einmal gewesen sein, als der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer seinen Ausspruch wagte: »Rechts des Rheins beginnt Asien.« Heute jedenfalls entbehrt das Rechtsrheinische jedweder Exotik, obwohl es die linksrheinischen Kölner immer noch etwas abwertend als die »Schäl Sick« bezeichnen, was so viel wie »schräge« oder »weniger angesehene Seite« bedeutet.Auf der Schäl Sick finde ich ein Café direkt am Ufer mit dem besten Blick hinüber auf das Altstadtpanorama. So schön die restaurierten, spitzgiebeligen Häuser auch sein mögen, der gewaltige Dom mit den beiden 157 Meter hohen Türmen stellt alles in seinen Schatten. Und obwohl der düstere Riese zumindest optisch sehr streng über die Stadt wacht, sieht der Kölner das Leben an sich eher von der lockeren Seite, lebt im Viereck von Karneval, Kölsch, Klüngel und Kirche, wobei diese Reihenfolge nicht ganz zufällig entstanden ist...Es wird Zeit, die Millionenstadt zu verlassen, den Lenker der Honda nach Süden zu drehen. Auf den ersten Kilometern dominieren stinkende Chemieanlagen und Raffinerien die Szenerie. Hier lohnt kein Stopp. Auch die Ex-Hauptstadt Bonn ist schnell durchquert, locken doch am Horizont die ersten Berge südlich der Nordsee; die uralten Vulkane des Siebengebirges. Berge bedeuten Kurven, also lasse ich den Rhein in Königswinter hinter mir und klettere in der frostigen Morgenluft hoch ins Siebengebirge. Dumm nur, dass die kleinen Straßen in schattigen Abschnitten mit einer fein glitzernden Raureifschicht überzogen sind. Auf dieses Vabanquespiel habe ich wenig Lust und steuere lieber das Wiedtal an. Trockener Teer, Kurven, kaum Verkehr. Zudem lässt die Novembersonne das Thermometer ein paar Grad steigen. Gemütlich bollert der Einzylinder unter mir durchs Tal, nimmt Kurve für Kurve. Meine Stimmung steigt mit jedem Kilometer. Viel zu schnell mündet die spaßige Landstraße bei Neuwied ins Rheintal. Dort hat ein mutiger Italiener ein paar Stühle vor sein Café gestellt. Bei einem Cappuccino, dem wolkenlosen Himmel und dem wohligen Gefühl der warmen Sonne auf der Haut werden Erinnerungen an die letzte Tour nach Italien wach. Nur dass es hier in diesem Moment sehr viel ruhiger ist. Verkehr ist nur auf dem Fluss auszumachen. Alten Binnenschiffe aus Belgien, riesige Schubeinheiten aus Frankreich, dann und wann weiße Ausflugsboote, von denen weinselige Gesänge bis zu mir ans Ufer schallen. Fantasievolle Namen wie Orinoko oder Indus zeugen vom Fernweh der Binnenschiffer. Ein schrottiger Frachter trägt stolz den Schriftzug Magellan. Ob der Käpt´n wirklich mal mit seinem Pott bis an die sturmumtoste Spitze Südamerikas aufbrechen würde?Genug der Träumerei, der Stadtverkehr von Koblenz verlangt volle Aufmerksamkeit. Danach wird es spannend. Das schönste Stück des Rheins, der Durchbruch durchs Schiefergebirge, liegt vor mir. Es sind zwar nur 60 Kilometer bis Bingen, aber die haben es in jeder Hinsicht in sich. Nirgendwo sonst auf der Erde ist die Burgendichte größer. 31 mittelalterliche Gemäuer zeugen von einem regelrechten Burgen-Bauboom. Die meisten Burgherren hatten nur eins im Kopf: Steuern eintreiben. Jedermann, der auf der Straße oder auf dem Fluss eine der Festungen passieren wollte, musste tief in die Tasche greifen. Ein lukratives Geschäft. Kein Wunder, dass es oft Streit um die besten Plätze gab. Man steckte sich gegenseitig die Gemäuer in Brand oder sprengte gleich die ganze Anlage in die Luft. Es gab Belagerungen, hinterhältige Morde und zwischendurch auch den einen oder anderen Krieg. Fast jede Burg wurde mindestens einmal erobert, zerstört und wieder aufgebaut. Nicht so die Marksburg bei Braubach. Das riesige Bauwerk thront auf einem Schieferkegel 150 Meter über dem Rhein. Sieben Meter dicke Mauern sollten offensichtlich jeden Gedanken an einen Angriff schon im Keim ersticken. Doch die Bauherren hätten sich die Mühe sparen können – bei einer Führung erfahre ich, dass die Marksburg keinen strategischen Nutzen hatte und aus diesem Grund auch niemand den Versuch unternahm, sie zu erobern.Dermaßen aufgeklärt, starte ich die Dominator, rolle wieder ins Rheintal, umkurve den Ort Spay und greife vor Staunen in die Bremsen. Wie eine riesige bunte Wand breiten sich vor mir kilometerlange Weinberge aus. Das gelbe Laub leuchtet mit dem tiefblauen Himmel um die Wette. Was für ein Kontrast. Ich suche mir einen schmalen Weg, der sich zwischen den Weinstöcken bergwärts hangelt und schleiche im zweiten Gang durch diese gelbe Welt. Die Weinlese ist längst gelaufen, nur an einigen Stöcken hängen noch pralle Trauben, warten auf den ersten strengen Frost, um dann zum berühmten Eiswein verarbeitet zu werden. Eine klapprige Holzbank lädt zur Pause. Sommerliche Gefühle kommen auf, der nahende Winter scheint Lichtjahre entfernt. Nur hin und wieder höre ich einen alten Schiffsdiesel stampfen oder einen Intercity vorbeizischen. Sonst umgibt mich eine fast schon paradiesische Ruhe.Damit ist es schlagartig vorbei, als ich Boppard erreiche. Die Stadt lebt eindeutig vom Tourismus. Seit die Rheinromantik Anfang des letzten Jahrhunderts mehr erfunden als gefunden wurde, lockt sie Reisende aus aller Welt. Heute erstickt die Romantik allerdings zu oft in Lärm, Trubel und Kommerz. Nichts für mich auf meiner letzten Runde.Nach der großen Rheinschleife bei Boppard geht´s jetzt geradewegs nach Süden, vorbei an den Burgen der feindlichen Brüder, Sterrenberg und Liebenstein. Während der Fahrt muss ich schmunzeln. Mir fällt die tragisch-komische Geschichte dieser beiden Brüder ein, die vor etwa 750 Jahren lebten und – so heißt es zumindest – fürchterlich zerstritten waren. Doch eines Tages schlossen sie wieder Frieden miteinander und verabredeten sich zu einem Jagdausflug, der in aller Frühe des nächsten Tages stattfinden sollte. Derjenige, der als erstes wach werden würde, sollte den anderen durch einen Pfeilschuss in die hölzernen Fensterläden wecken. Dumm nur, dass beide fast gleichzeitig aufwachten. Gerade in dem Moment, als der eine sein Fenster öffnete, um seinen Pfeil zum Nachbarn zu schießen, kam dessen Pfeil schon angeflogen, verfehlte prompt den Fensterladen und erlegte den Bruder. Eine Geschichte aus dem Mittelalter, wie man sie sich in Hollywood kaum besser ausdenken könnte.Mir ist jetzt wieder nach Schräglagen zumute. Die allerdings lassen sich auf den Bundesstraßen im Rheintal kaum realisieren. Also suche ich mir eines der kleinen gewundenen Asphaltbänder aus, die das Tal verlassen. Blitzartig bleibt die Geschäftigkeit des Rheins zurück, umweht mich der modrige Geruch von feuchtem Laub und die Ruhe eines alten Buchenwalds. Eine Handvoll Serpentinen und doppelt so viele Kurven, schon habe ich die Hochfläche des Hunsrück erreicht. Und weil´s so schön war, biege ich bei der nächsten Gelegenheit wieder ab und kurve zurück ins Rheintal nach Sankt Goar.Ich erreiche gerade noch die Fähre, die mich hinüber nach Sankt Goarshausen bringt. Noch ein paar Kehren und Kurven, und schon parke ich die Dominator am wohl berühmtesten Felsen des Rheins, der Loreley. Millionenfach besucht, fotografiert, gehuldigt und das Symbol am Rhein schlechthin. Die Lore, die einst auf dem Felsen Ley saß, soll mit ihrem Gesang – jeder kennt vermutlich diese Geschichte – die Schiffe auf dem Rhein auf den Felsen und damit ins Verderben gelockt haben. Inzwischen hat sich die Femme fatale aus dem Staub gemacht, aber die Legende lebt. Und was war wirklich los? Nun, der Rhein erweist sich an dieser Stelle als schwieriger Parcours für die Binnenschiffer: Auf Grund enger Kurven und spitzer Felsen gab es zahlreiche Havarien – und es war natürlich viel leichter, der betörenden Lore die Schuld in die Schuhe zu schieben, als die eigenen Steuerkünste in Frage zu stellen.Unterhalb der Loreley entdecke ich einen aussichtsreichen Campingplatz. Eine gute Gelegenheit, die Nacht im Schatten des legendären Felsens zu verbringen. Schade nur, dass es schon so früh dunkel wird. Aber mit der Nacht kommt der Verkehr im Tal zum Erliegen. Die Frachtschiffe haben längst Feierabend gemacht, auch Autos sind kaum noch unterwegs. Der Rhein strömt ganz still dahin, keine Welle kräuselt die Oberfläche. Nur die Lichter von Goarshausen erinnern daran, dass ich nicht irgendwo weit draußen an einem einsamen Fluss bin. Trotzdem kommt fast so was wie Yukon-Feeling auf. Die Illusion ist nahezu perfekt.Am Morgen hat die Honda noch lange keine Betriebstemperatur erreicht, als ich sie in Oberwesel schon wieder abstelle. Doch dieser Ort zählt zusammen mit Bacharach zu den schönsten am Rhein. Zur Zeit der Weinfeste im September schieben sich weinselige Menschenmassen durch die mittelalterlichen Gassen, aber jetzt im Herbst ist Ruhe eingekehrt. Wunderschöne, uralte und windschiefe Fachwerkhäuser schmiegen sich eng aneinander, lassen kaum Platz für Schiene und Straße. Hoch über Oberwesel thront die mächtige Schönburg, die erste nach unglaublichen acht burgfreien Kilometern. Dafür gibt es ein paar Minuten später bei Kaub gleich zwei der alten Gemäuer, darunter die vielleicht schönste aller Rheinburgen. Pfalzgrafenstein, genannt »die Pfalz im Rhein«, thront mitten im Fluss auf einer kleinen, schmalen Insel. Bei Hochwasser, wenn die Insel auf Tauchstation geht, wirkt die Pfalz wie der Prototyp eines märchenhaften mittelalterlichen Schlachtschiffs. Keine Frage, auch die Pfalz diente in erster Linie der Wegelagerei.Es wird mal wieder Zeit für einen netten Abstecher ins Hinterland. Mit einer fast 20 prozentigen Steigung stürmt die Straße aus dem Rheintal aufwärts. Zwischen den kleinen Dörfern im Vorland des Taunus ist so gut wie nichts los. Gut zum Kurven räubern. Bei Geroldstein winde ich mich hinab ins Wispertal, eine der berühmt-berüchtigten Motorradstrecken der Gegend, auf der nicht wenig Unfälle passiert sind. Ein Geschwindigkeitsbeschränkung sorgt inzwischen zwar für Ruhe, aber angesichts der vielen perfekten Schwünge fällt es selbst im Sattel einer Enduro schwer, sich nicht dem Rausch hinzugeben.Die rot braunen Blätter von Buche, Kastanie und Ahorn werden wieder vom Gelb der Weinberge abgelöst, je näher ich dem Rhein komme. Die letzten Kilometer bis Bingen heben den Burgenschnitt noch mal mächtig an. Über Trechtingshausen liegt das riesige und einst gefürchtete Raubritternest Reichenstein. Kurz vor Bingen grüßt der Mäuseturm von seiner bewaldeten Insel, und am anderen Ufer gibt sich Ruine Ehrenfels keine Mühe, von den Weinbergen versteckt zu werden. Die letzte weite Flusskurve, dann wird der Blick nach Osten von keinen Bergen mehr aufgehalten. Der schönste Teil des Rheins liegt hinter mir, ab hier gibt es nur noch flaches Land bis zum Bodensee.Bevor ich mich auf den Rückweg nach Köln mache, will der knurrende Magen beruhigt werden. Da kommt Rüdesheim gerade recht. Selbst jetzt im November herrscht noch rege Betriebsamkiet in dem Weinort Touristengruppen drängen sich durch die berühmte Drosselgasse, bestaunen die alten Fachwerkwerkhäuser und lauschen andächtig Heinrich Heines Loreleyhit »Ich weiß nicht was soll es bedeuten....«, der ständig aus irgendwelchen Lautsprechern plärrt. Für eine japanische Reisegruppe ist das Exotik pur. Jeder möchte ein Foto von sich mit der Drosselgasse als Hintergrund. Ob die eifrig knipsenden Reisenden aus dem Land der aufgehenden Sonne wohl wissen, dass Rüdesheim schon zu ihrem Heimatkontinent gehört? Zu gerne würde ich ihnen von den Erdkundekenntnissen eines deutschen Bundeskanzlers namens Adenauer erzählen...
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Infos

Der Verlauf des Rheins zwischen Köln und Bingen zählt zu den landschaftlichen Höhepunkten Deutschlands. Wer hier im Spätherbst fährt, hat fast alle Burgen und Strecken für sich allein.
ANREISE: Verkehrstechnisch ist eine Reise zum und am Rhein entlang kein Problem. Zwei Bundesstraßen folgen dem Fluss, auf den Höhen von Hunsrück und Eifel verläuft die A61, parallel dazu auf der rechten Rheinseite die A3. Zahlreiche Stichstraßen verbinden die Autobahnen mit dem Rheintal, so dass der Ein- oder Ausstieg praktisch überall nach Lust und Laune möglich ist.UNTERKUNFT:Vom Campingplatz für elf Mark pro Nacht bis zum Fünf-Sterne-Hotel oder einer zünftigen Übernachtung in einer Burg für 400 Mark ist am Rhein alles zu haben. In den meisten Orten gibt es zahlreiche Privatpensionen. Lediglich zur Hauptreisezeit im Sommer kann die Zimmersuche etwas länger dauern. Im Herbst dagegen findet man problemlos ein Zimmer für die Nacht. Fast jeder Ort hat ein Fremdenverkehrsbüro, bei dem auch Zimmernachweise erhältlich sind. Weitere Infos: Rhein Touristik, Heerstraße 86, 56329 St. Goar, Telefon 06741/1300; Landesverkehrsverband Rheinland, Rheinallee 69, 53173 Bonn, Telefon 0228/36221; Fremdenverkehrsverband Rheinland-Pfalz, Löhrstraße 103, 56068 Koblenz, Telefon 0261/915200; Köln-Tourismus, Unter Fettenhennen 19, 50667 Köln, Telefon 0221/2213345. Oder im Internet unter www.Rheinland-Pfalz-info.de sowie unter www.TalderLoreley.deSEHENSWERT:Neben der eindrucksvollen Landschaft des Rheintals, die sich am schönsten zwischen Koblenz und Bingen präsentiert, locken vor allem die Weinorte und Burgen zur Erkundung. Zum Aufwärmen in Köln empfiehlt sich die Besteigung des 157 Meter hohen Doms. Der Rundblick von der Aussichtsplattform ist gewaltig. Vom östlichen Ufer in Köln-Deutz hat man die schönste Aussicht auf das Kölner Stadtpanorama.Die weltberühmten Rhein-Wein-Orte lohnen allemal einen Besuch. Besonders schön sind Linz, Boppard, Oberwesel und Bacharach. Bei schönem Wetter lohnt sich in Boppard die Fahrt mit der Sesselbahn zum »Vierseenblick«. Die vier vermeintlichen Seen entpuppen sich vom Aussichtspunkt als vier Abschnitte der weiten Rheinschleifen. Von St.Goarshausen geht es hinauf zur Loreley. Zwischen Koblenz und Bingen kann man 31 mittelalterliche Burgen zählen, von denen sich viele besichtigt lassen; einige bieten sogar Übernachtungen an, und hin und wieder werden Burgfestspiele veranstaltet. Infos dazu bei den Fremdenverkehrsämtern.LITERATUR: Zu kaum einem anderen Reiseziel in Deutschland findet man so viele Bücher wie über den Rhein. Zur Einstimmung empfiehlt sich der APA-Guide Rhein, 44,80 Mark. Für unterwegs bietet sich »Der Rhein von Mainz bis Koblenz« aus dem Artemis-Verlag an. Der HB-Bildatlas »Rhein und Ruhr« für 16,80 Mark informiert recht ausführlich über diese Region. Burgenfans sollten zudem einen Blick in den HB-Bildatlas »Burgen am Rhein« werfen, ebenfalls für 16,80 Mark.Großblatt Nr. 4 von der Marco Polo Generalkarte im Maßstab von 1:200000 ist für eine Tour entlang am Rhein eine sehr gute Wahl.Fahrstrecke etwa 500 Kilometer, Zeitaufwand zwei bis drei Tage

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