Riesengebirge

Kleiner Riese

Das an der polnisch-tschechischen Grenze gelegene Riesengebirge ist zwar nur 40 Kilometer lang und 25 Kilometer breit, doch rundum gibt es mit dem Motorrad riesig viel zu entdecken.

Foto: Eisenschink
Pefekte Altstadt-Restaurierung in Jelenia Góra.
Pefekte Altstadt-Restaurierung in Jelenia Góra.
Die Pass-Straße von Jacuszyce führt durch das reinste Postkartenidyll: strahlende Sonne, blauer Himmel, links das Isergebirge, rechts das Riesengebirge, vor mir ein schmales Asphaltband. Mit einem Mal zieht Nebel auf. Ich parke die Sachs Roadster am Straßenrand und betrachte ein paar seltsam geformte Felsen, die wie Kobolde aus den umliegenden Fichtenwäldern lugen. Hier, so sagen die Einheimischen, beginne das Reich von Rübezahl. Ein launischer Berggeist, der von einer Sekunde zur nächsten eine Nebeldecke über die Landschaft breiten kann, so dass ahnungslose Besucher mitunter die Orientierung verlieren.

Auf dem Weg nach Szklarska Poreba lüftet sich der Dunst wie von Geisterhand, und die Realität brandet mir entgegen. Ein paar Polski-Fiat jagen heran, tiefergelegt, Breitreifen, neongelbe Sportfelgen, blinkende Innenbeleuchtung, Spoiler vom Heck bis zum Dach. Rap-Rhythmen wummern aus Lautsprecherboxen, deren Wattzahl wohl nur mit einer zweiten Lichtmaschine zu erreichen ist. Szklarska Poreba, beliebter Wintersportort mit kaum 10000 Einwohnern, ist auch im Sommer hip. Auf den Straßen wimmelt es von Skateboards, Kickboards und Inlinern. Mountainbiker wuseln aus den Wäldern um den knapp 1400 Meter hohen Berg Szrenica, wo die angeblich längste und kurvenreichste Skipiste Polens liegt: „Lolobrygida“.
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Foto: Eisenschink
Rübezahl ist das Wahrzeichen des Riesegebirges.
Rübezahl ist das Wahrzeichen des Riesegebirges.
Auf der Suche nach meiner vorgebuchten Unterkunft dirigiere ich die Sachs an winzigen Kneipen und Freiluftrestaurants vorbei durch die Straßen. Es dauert, bis ich mich zurechtfinde und Schilder wie „Objazd“ nicht mehr für polnische Nationalgerichte halte, sondern für das, worauf sie hinweisen: „Umleitung“. Ein kurzes Waldstück noch, dann taucht sie auf: die Pension „Lyzyrzepa“ – auf deutsch: Rübezahl. Herzlicher Empfang seitens der Wirtin, die das Abendessen extra für mich warm gehalten hat. Nur einer schaut grimmig: Berggeist Rübezahl, der als meterhohe Holzpuppe auf der Anrichte thront.

Auf dem Weg nach Jelenia Góra säumen weitläufige Getreidefelder die Straße, dahinter erheben sich die sanft geschwungenen Silhouetten der Berge. Nach den Alpen und den Karpaten gehört das Riesengebirge zwar zu den höchsten Erhebungen in Mitteleuropa, doch es ist nicht ganz so groß, wie sein Name vermuten lässt. Gerade mal 40 Kilometer zieht sich der dicht bewaldete Gebirgskamm von Westen nach Osten. Ganz oben thront wie der Höcker auf dem Rücken eines Dromedars der kahle, 1602 Meter hohe Gipfel der Schneekoppe. Ein Blick auf die Karte, und ich schwenke von der Hauptroute auf das kaum fadendünn verzeichnete Sträßchen über Jagniatków. Eine kilometerlange Allee taucht auf, mit wenig Verkehr und vielen Schlaglöchern, die kaum zu umfahren sind. Dahinter ein Gemüsefeld, das gerade mit Pferd und Egge beackert wird, vereinzelte Bauernhöfe, schnatternde Gänse, eine Familie, die am Straßenrand selbst gesammelte Pilze verkauft. Die Idylle des neuen nahen Ostens.

Riesengebirge (2)

Foto: Eisenschink
Auch im Wald ist Rübezahl allgegenwärtig.
Auch im Wald ist Rübezahl allgegenwärtig.
Wie aus einer anderen Welt wirken da die Super- und Baumarkthallen am Stadtrand von Jelenia Góra: Real, Obi, Intermarché. Doch neben den Mitbringseln der neuen EU-Mitgliedschaft bröckelt der Putz von grauen Häuserfassaden. Unsanft holpert die Sachs über Kopfsteinpflaster, in den Augenwinkeln ziehen blumenbeladene Balkone und Fenstersimse vorbei. So viel ist klar: Noch ein Geranienkübel mehr, und die ganze Pracht bricht zu Boden. Richtung Zentrum erscheint die Bausubstanz stabiler, die Häuser bunter, an allen Ecken wird gehämmert, gebohrt, restauriert. Schließlich taucht der farbenfrohe Altstadtkern auf, der die Wellnesskur bereits hinter sich hat. Ich parke das Motorrad am Marktplatz. Jetzt ist flanieren angesagt, zwischen prächtigen Bürgerhäusern aus Barock und Rokoko, schicken Boutiquen, malerischen Laubengängen und Straßencafés.

Auf dem Weg aus der Stadt wird mein Motorrad von einer vierköpfigen Moped-Gang entdeckt. Anerkennende Blicke, ein schwieriger Dialog: „Deutsches Motorrad? Ja. PS? 58. Zentimeter? Wie bitte?“ Nach einer Weile sind alle Fragen geklärt, und ich tuckere mit meiner 800-Zentimeter-hoch-drei-Maschine auf menschenleeren Chausseen in Richtung Riesengebirge.
Karte: Renate Maucher
Zirka 550 Kilometer in zwei bis drei Tagen.
Zirka 550 Kilometer in zwei bis drei Tagen.
Erst in Karpacz wird ersichtlich, wo all die Sonntagsausflügler geblieben sind. Sämtliche Parkplätze des 6000-Seelen-Dorfes sind belegt, Wandergruppen streifen durch die Straßen und hinauf zur Schneekoppe. Ich werfe einen Blick auf den Sessellift, entscheide mich aber lieber für die serpentinenreiche Pass-Straße mitten durchs Dorf hinauf nach Górny. Von der Passhöhe gelange ich über eine Stichstraße zum höchsten Punkt von Karpacz und der Kirche Wang.

Rübezahl ist auch schon da. An den Souvenirständen vor der mittelalterlichen Stabkirche, die bis ins 19. Jahrhundert an einem idyllischen See in Südnorwegen stand und dann umplatziert wurde, sitzt er in allen Varianten: aus Plüsch, Keramik oder Holz, wahlweise ausgestattet mit Wikingerkeule oder Morgenstern. Dazwischen ein junger Mann mit Maske und zottigem Rübezahlkostüm: Für drei polnische Zloty gibt’s einen Schnappschuss fürs Fotoalbum – Arm in Arm mit dem Berggeist. Ich kehre um, rausche über die Pass-Straße hinunter nach Kowary und verdrücke mich über die Landstraße 368 in die Einsamkeit der Wälder.

Riesengebirge (Infos)

Durch die EU-Mitgliedschaft sind Reisen nach Osteuropa nun erheblich einfacher geworden. Gleichzeitig sorgen ursprüngliche Landschaften, stille Straßen und noch niedrige Euro-freie Preise für echte Entdeckerfreuden.
Anreise
Von Berlin sind es etwa 300, von Dresden etwa 200 Kilometer ins Riesengebirge. Von Nordwesten gelangt man über die A 15 nach Cottbus und den Grenzübergang bei Forst, dann geht es weiter Richtung Jelenia Góra. Wer über Dresden anreist, nimmt den deutsch-polnischen Grenzübergang bei Görlitz oder Zittau. Von Südwesten fährt man am besten über Prag, dann weiter auf der E 65 Richtung Turnov und Hacharow.

Formalitäten
Da Polen seit dem 1. Mai 2004 EU-Mitgliedsstaat ist, haben sich die Einreiseformalitäten erheblich vereinfacht. Inzwischen genügen Personalausweis und nationaler Führerschein sowie die Grüne Versicherungskarte für den Grenzübertritt. Kinder unter 16 Jahren benötigen allerdings einen Kinderausweis. Zollkontrollen finden nicht mehr statt, für die Warenein- und -ausfuhr gelten ebenfalls die EU-Bestimmungen, und auch die Temporegelungen sind ähnlich wie hier zu Lande. Einziger markanter Unterschied: Die Promillegrenze liegt bei 0,2! Nähere Infos beim Polnischen Fremdenverkehrsamt (siehe unten).

Reisezeit
Riesen- und Isergebirge sind bekannt für ein raues Klima. Der Winter beginnt in der Regel schon im November und dauert bis in den April – was die Skifahrer freut. Für Motorradfahrer eignen sich daher die Monate Mai bis Oktober. Besonders schön ist es von September bis Mitte Oktober, wenn die Wälder in herbstlichen Farben leuchten.

Übernachten
Urgemütlich fanden wir die familiär geführte Pension Liczyrzepa (Pension Rübezahl), ul. Slowackiego 8 in 58580 Szklarska Poreba, Telefon und Fax 0048-75/7173400. Für die Übernachtung mit Frühstück zahlt eine Person 55 Zloty (rund 15 Euro), für Halbpension 70 Zloty (zirka 19 Euro). Etwa doppelt so teuer, dafür aber todschick ist das Hotel Rezydencja, ul. Parkowa 6, 58540 Karpacz, Telefon 0048-75/7618020, Fax 7619513, Internet: www.hotelrezydencja.pl. Übernachtung mit Frühstück kostet pro Nase ab 110 Zloty (rund 30 Euro), Halbpension ab 148 Zloty (rund 40 Euro). Der bewachte Parkplatz wird mit 10 Zloty (rund 2,70 Euro) extra berechnet.

Literatur
Gut ausgerüstet ist man mit dem 272 Seiten starken Reiseband »Das Riesengebirge entdecken« von Franz Schüttig. Erschienen im Trescher Verlag für 13,95 Euro. Viele interessante Hintergrundinfos liefert auch der DuMont Kunst-Reiseführer »Schlesien«, 288 Seiten, Preis: 25,90 Euro. Gute Orientierung bietet die Generalkarte Tschechien, Blatt 2 »Ostböhmen, Westmähren«, in 1:200000, die auch den polnischen Teil des Riesengebirges verzeichnet. Ebenfalls brauchbar ist die im Lande erhältliche Freizeitkarte »mapa wakacyjna Sudety« im Maßstab 1:250000. Auf der Kartenrückseite findet sich eine Auflistung der wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu den jeweiligen Orten (polnisch und deutsch). Erhältlich an Tankstellen und in Buchhandlungen für 5,80 Zloty (rund 1,60 Euro).

Informationen
Allgemeine Auskünfte, Zimmernachweis sowie ein Verzeichnis der wichtigsten kulturellen Ereignisse und Sehenswürdigkeiten gibt es beim Polnischen Fremdenverkehrsamt, Marburger Straße 1, 10789 Berlin, Telefon 030/2100920, Fax 21009214, E-Mail: info@polen-info.de, Internet: www.polen-info.de. Infos zum tschechischen Teil des Riesengebirges erteilt die Tschechische Zentrale für Tourismus in Berlin, Telefon 030/2044770, Internet: www.czech-tourist.de. Den aktuellen Tageskurs des Zloty fragt man im Internet unter www.bankier.pl oder www.portfel.pl ab. Ein Euro entspricht grob 3,6 Zloty.

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