Roadbook-Tour

Auf die harte Tour

Wales ist hier zu Lande eher für seine Schafe denn für seine abenteuerlichen Offroad-Trails bekannt. Das will das MOTORRAD ACTION TEAM mit seiner neuen Roadbook-Tour ändern.

Foto: Zdrahal
Erkundungstour in Wales: So entsteht ein Roadbook
Erkundungstour in Wales: So entsteht ein Roadbook
Wenn es darum geht, in der Redaktion jemanden für irgendeine Offroad-Aktion zu finden, zähle ich zu den Ersten, die »hier« rufen – normalerweise. Doch Ende April nach Wales? Puh, das klingt nicht gerade verlockend. Vor meinem geistigen Auge prasselt ein erbarmungsloser Dauerregen über grüne Hügel nieder, und suizidgefährdete Schafe glotzen mich mit trüben Augen an, als ob sie fragen wollten: »Warum das alles?« Kurz, der Vorschlag, eine neue Roadbook-Tour für das MOTORRAD ACTION TEAM auszukundschaften, löst keine Begeis-terungsstürme aus. Doch Tourguide Rolf ist beharrlich. Schließ-lich geht er schon seit Jahren mit der Idee schwanger, eine fahrtechnisch anspruchsvolle Tour durch seine Wahlheimat Wales auf die Beine zu stellen. Okay, Wahlheimat ist etwas übertrieben, aber wer zweimal im Jahr auf die Insel übersetzt, um dort offroad unterwegs zu sein, ist zumindest hochgradig vom Wales-Virus infiziert. Oder weiß ganz einfach um die Möglichkeiten, die diese Region abenteuerlustigen Enduristen bietet. Und so bin ich letztlich doch mit Rolf und den Enduros im Anhänger vom Fährhafen Dover in Richtung Wales unterwegs.Wie aus dem Nichts taucht sie plötzlich auf – die emsig herumwuselnde Detektivin Miss Marple aus den herrlich altmodischen Schwarzweiß-Krimis. Zerknautschter Trenchcoat, ein karierter Hut hält mühsam die schlohweiße Mähne zusammen, die einen skurrilen Kontrast zu den pechschwarzen Gummistiefeln bildet. »Hello, welcome to Rhayader«, lächelt uns die alte Lady entgegen, die zu meinem Erstaunen nicht Marple, sondern Lewis heißt. Sie vermietet uns ein stilechtes altenglisches Bauernhaus, in dem wir für die nächste Woche Quartier beziehen – very british. Für mehr als einen kurzen Smalltalk bleibt im Moment leider keine Zeit. Gleich am Ankunftstag – quasi noch mit dem Geruch der Seeluft der Fährfahrt in der Nase – soll es auf die erste Check-Runde gehen. Das Roadbook »around the houses« hat Rolf schon vor einiger Zeit erstellt. Nun gilt es, dessen Aktualität zu überprüfen und mögliche Fehler auszumerzen. Zunächst müssen allerdings die bedruckten Einzelblätter, auf denen jeder relevante Abzweig und jede Kreuzung stilisiert abgebildet sind und zusätzlich der Kilometerstand ab Tourstart vermerkt ist, penibel mit Tesafilm verbunden werden – nur so lassen sie sich im Roadbookhalter am Lenker aufrollen. Kaum sind die Motoren während der kurzen Schnuppertour rund ums Dorf richtig warm, da ist klar: Hier erwartet den entdeckungsfreudigen Endurowanderer ein ganz eigenständiges Offroad-Abenteuer. Harmonisch fügen sich die Trails in die wilde Landschaft ein. Diese mutet teilweise wie ein in Falten geworfener, sattgrüner Teppich an, auf dem Schieferfelsen und Schafe ein unregelmäßiges Muster zeichnen. Bereits die erste Stippvisite hält jene abwechslungsreiche Mischung parat, die sich im Nachhinein als typisch für dieses Endurorevier herausstellen sollte: flott befahrbare Schotterstraßen, kurze Abschnitte auf einspurigen Asphaltsträßchen und schmale, fahrttechnisch oft anspruchsvolle Enduropfade. Und immer wieder sind Bachläufe zu queren, oder die ausgefahrene Strecke geht nahtlos in eine gerade mal reifenbreite Spur im weichen Gelände über. Als die Enduros schließlich abends mit noch vor Hitze knackenden Auspufftöpfen in der Scheune stehen, lassen wir noch in den Fahrklamotten den Tag bei einem Feierabendbierchen in der urgemütlichen Wohnküche ausklingen. Und sind uns einig: Mehr offroad geht kaum. Die Kehrseite dieser scheinbar perfekten Idylle: Am nächsten Morgen reißt mich ohrenbetäubendes, hartnäckiges Vogelgezwitscher aus dem Schlaf. »Der frühe Vogel fängt den Wurm«, lacht Rolf in der Küche beim Frühstück, wohl wissend, dass ein langer Tag im Sattel vor uns liegt. Ein von ihm bisher wenig befahrenes Gebiet sollen wir heute erkunden. Und ein Roadbook zu erstellen bedeutet erheblich mehr Aufwand, als nur an jeder Weggabelung den Tachostand zu notieren und mit klammen Händen ein so genanntes Bild der Abzweigung aufs Papier zu bringen. Es heißt vor allem, immer wieder neue Pfade zu suchen, abzufahren und abzu-wägen, ob sie sich tatsächlich für die Tour eignen. Denn die Route soll einerseits möglichst viel Abwechslung bieten, an-dererseits aber nicht allzu extrem sein. Der Vorteil für die Teilnehmer: »Mit dem Roadbook kann jeder sein Reisetempo wählen und allein oder mit Freunden im Team dieses Revier für sich entdecken«, erklärt Rolf. Dabei ist die Orientierung mit dem Roadbook nach kurzer Einweisung recht einfach, da neben der stilisierten Weggabelung ja der aktuelle Kilometerstand sowie die Entfernung zwischen den einzelnen Bildern vermerkt ist. »Ein Fotostopp hier, ein Zigaretten-päuschen dort, frei von jedem Gruppenzwang kann man so diese herrliche Landschaft und die Trails genießen.«Während des Roadbook-Schreibens bleibt es dagegen nicht aus, immer und immer wieder in Sackgassen zu fahren, weil ein Erdrutsch den Weg unpassierbar gemacht hat, oder umzukehren, weil die Detailtreue der Karte mehr verspricht, als der Weg in freier Wildbahn zu halten vermag. Um so die angestrebte Tagesetappe von etwa 120 Gelände-Kilometern auszuarbeiten, legen wir oftmals die dreifache Distanz kreuz und quer durch Wales zurück.Entsprechend heftig nagt ein solcher Tag an der Kondition. Doch der heutige sollte noch lange nicht zu Ende sein, wir sind im Triangle-Inn – einer uralten, typisch walisischen Kneipe – mit dem Farmer Stuart Richards verabredet. Rolf ist ihm vor einigen Monaten irgendwo auf einem der gottverlassenen Trails begegnet. Eine Zufallsbekanntschaft inmitten der Einsamkeit dieser rauen Natur. Damals trennte man sich mit dem Versprechen auf ein Wiedersehen im Pub, und nun sitzt der stämmige, etwas untersetzte Farmer grinsend mit einem Pint Guinness in der Hand neben uns. Von der Idee, gemeinsam ein neues Roadbook zu erarbeiten, ist Stuart begeistert. Und so schmieden wir im Verlauf des Abends – während ein Pint das andere ablöst – Pläne für den nächsten Tag. Der Farmer will uns einige seiner Lieblingsstrecken zeigen und rollt bei seinen Schilderungen vielsagend mit den Augen. Pünktlich auf die Minute, in einen klassisch schwarzen Fahranzug gekleidet und mit weißem Jet-Helm, treffen wir Stuart tags darauf mit seiner quietschgrünen Kawa-saki am vereinbarten Punkt. Bereits nach wenigen Asphaltkilometern führt er uns über eine typisch walisische Hochebene, wo einige nicht zu unterschätzende Moorlöcher – so genannte Bogs – auf unbe-darfte Enduristen lauern. Das bedeutet, genügend Speed zu behalten, um wieder festen Boden zu erreichen, und gleichzeitig im hohen Gras die bestmögliche Spur abzuwägen. Nur gut, dass wir die Enduros vorsorglich auf ordentliche Reifen gestellt haben. Mit Softenduro-Pneus gibt es hier kein Durchkommen mehr. Na ja, aber selbst mit den gröbsten aller Stollenreifen schnellt bei der Durchquerung des Sumpfes der Puls kräftig nach oben. Wobei an diesem recht frischen Morgen nichts dagegen einzuwenden ist, dass es einem in den kniffligen Passagen manchmal ganz schön heiß wird. Die Sonne schafft es leider nicht, die dichte Wolkendecke zu zerteilen. Als es schließlich leicht zu nieseln beginnt, meine ich zu Stuart: »Echt britisches Wetter.« Er lacht nur: »Passt dir in Wales das Wetter nicht, dann warte einfach eine Viertelstunde, und es wird sich ändern.« Und tatsächlich: Das Einzige, worauf man sich hier in puncto Wetter verlassen kann, ist der unablässige Wechsel. Kaum haben wir uns auf einen Schauer eingestellt, blinzelt im nächsten Moment schon wieder die Sonne samt blauem Himmel hinter den Wolken hervor. Zugegeben, diese teilweise abrupten Übergänge haben durchaus ihren Reiz, wobei Funktionsbekleidung enorm hilft, dieses Wechselspiel auf der Enduro wirklich genießen zu können. Stuarts guter Laune tut das Wetter jedenfalls keinen Abbruch, und in unseren Gore-Tex-Anzügen lassen wir uns davon gerne anstecken. Auf kleinsten Wegen erobern wir so sein persönliches Offroad-Revier, erklimmen einsame Gebirgszüge und finden immer neue Furten durch namenlose Bäche. Am Abend ist eine weitere Tagesetappe komplett. Dass dieses Roadbook Stuarts Namen tragen wird, versteht sich von selbst. Und längst ist meine ursprüngliche Skepsis gegenüber dieser Tour echter Begeisterung gewichen. Die bei der Erkundung mindestens eines weiteren Dutzend Trails in den wenigen noch verbleibenden Tagen anhält. Die eigenständigen Charaktere der Enduro-pfade spiegeln sich in Roadbooks mit Titeln wie »Water splashes«, »Strata Florida« oder »Forest Trails« wider. Als ich mich schließlich bei dem Gedanken ertappe, ob für die ACTON-TEAM-Tour im nächsten Jahr eventuell noch ein Tourguide benötigt wird, frage ich mich, ob es möglich ist, schon nach einer Woche mit dem Wales-Virus infiziert zu sein.
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Die wichtigsten Tipps für das Fahren im Gelände

Wie bei jeder Endurotour
lassen sich auch die einsamen Trails in Wales nicht ohne Vorbereitung bewältigen. Hier
die wichtigsten Tipps für das Fahren im Gelände.
DMOTORRADLeicht und leise – das sind die beiden Hauptkriterien bei der Wahl der Enduro. Leicht bedeutet immer einfach zu fahren. Und da im Gelände Leistung nichts und Kontrolle alles zählt, ist man auf dieser Tour etwa mit einer Suzuki DR 350 wesentlich besser bedient als mit einer BMW R 1150 GS. Letztere kann nach einem Ausrutscher im feuchten Gelände niemand mehr alleine aufrichten. Ein einwandfreier technischer Zustand (Unempfindlichkeit gegen Nässe!) versteht sich abseits aller Hauptrouten von selbst. Eine entscheidende Rolle kommt in Wales den Reifen zu, da der Boden sehr oft matschig-weich bis moorig ist. Um dennoch stets Vorschub zu haben und das Bike sicher dirigieren zu können, sind so genannte FIM-Enduro-Profile (zum Beispiel Pirelli MT 83, Michelin Enduro Competition III oder Bridgestone ED 660, im Bild oben rechts) ideal. Diese sind für den Geländeeinsatz konzipiert, aber noch für die Straße zugelassen. Reinrassige Cross-Profile haben nichts auf den nahezu unberührten Trails zu suchen. Gleiches gilt für Krawall-Schalldämpfer. In Wales wird oft Privatgelände befahren oder ein Hof durchquert. Eine entsprechend rücksichtsvolle Fahrweise sollte deshalb selbstverständlich sein.DORIENTIERUNGElektrisch angetriebene, per Lenkerarmatur bedienbare Roadbooks sind optimal, aber auch einfachere Varianten genügen völlig. Wichtig ist die gute Ablesbarkeit während der Fahrt und die pistentaugliche Montage am Lenker. Außerdem wird ein Tripmaster benötigt. Diese Art Kilometerzähler lässt sich vor- und zurückspulen, so dass an Abzweigungen mögliche Abweichungen zwischen gefahrener und vorgegebener Entfernung korrigiert werden können. Zur Not reicht auch ein digitaler Fahrradtacho, den man an jeder Abzweigung auf Null setzt. Ein Kompass gehört mit ins Gepäck, um sich in den Sumpfgebieten orientieren zu können.DBEKLEIDUNGAufgrund des wechselhaften Wetters sind wasserdichte und atmungsaktive Fahranzüge die beste Wahl. Sehr gute Erfahrungen machten wir mit der ungefütterten Gore-Tex-Kombi »Roof of Africa« von Stadler. Sie hielt dicht, war ausgesprochen atmungsaktiv und verfügte über eine große, verschließbare Belüftung am Rücken. Als Unterbekleidung empfiehlt sich Funktionswäsche aus Synthetikmaterial (im Outdoor-Fachhandel). Einmal nassgeschwitzt, trocknet sie ruck, zuck auch unter einer Gore-Tex-Kombi, da die Fasern selbst keine Feuchtigkeit aufnehmen. Ein echtes Problem in Wales sind die permanent nassen Füße infolge der häufigen Bachdurchquerungen. Damit man wenigstens morgens trockenen Fußes losfahren kann, ist ein zweites Paar Stiefel kein Luxus. Wir testeten zwar auch wasserdichte, atmungsaktive Socken, doch waren diese nur knöchellang und damit zu kurz – das Wasser drang von oben ein. DBORDWERKZEUGIm Gelände sollte man immer mit dem Schlimmsten rechnen und sich freuen, wenn es ausbleibt. Deshalb sind nicht nur Kenntnisse über die Technik der eigenen Maschine wichtig, sondern man muss auch für mögliche Pannen (Plattfuß, abgebrochene Handhebel, defekte Zündkerze, gerissene Kette) mit entsprechendem Werkzeug und Ersatzteilen gerüstet sein (siehe Foto oben). Bei einem Plattfuß unterwegs kann man entweder an Ort und Stelle das Loch flicken (bei Regen schwierig!) oder einen 19-Zoll-Schlauch verwenden. Der passt behelfsmäßig vorne wie hinten und findet neben der Mini-Luftpumpe oder den CO2-Patronen zum Aufpumpen sicher noch einen Platz im Rucksack. Für den Fall, dass ein Schlammloch tiefer als erwartet ist oder die Technik total ausfällt, gehören zwei etwa drei Meter lange Gurte zum Bergen oder Abschleppen ins Gepäck. Profis haben außerdem Reservehandschuhe sowie eine Ersatzbrille dabei.

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