Rollertour Westalpen

Der Härtetest

Was ist anstrengend: Vier Tage Vespa fahren? Mit Gepäck und Zelt und über die höchsten Pässe der Alpen? Inklusive Schotter? Oder 700 Kilometer Autobahn am Stück? Vielleicht alles zusammen? Zwei Jungs und zwei Vespa PX 200 im Härtetest.

»Die ersten hundert Kilometer sind die schlimmsten, die zweiten hundert sind auch die schlimmsten, danach wird es nicht besser, und irgendwann ist man dann doch da.« Jörg bringt es auf den Punkt. 700 Kilometer Anreise von Stuttgart bis ins Herz der französischen Alpen sind schon auf normalen Motorrädern weit. Auf zwei Vespas mit zehn und zwölf PS und maximal 90 km/h Spitze ist es dagegen eine Gewalttat. In einer Mega-Etappe packten wir es zwischen Morgengrauen und Mitternacht mit ungezählten Tankstopps – viel mehr als 100 Kilometer-Intervalle sind auf der Autobahn nicht drin – bis zu einem kleinen Zeltplatz in Orelle. Einem Nest irgendwo auf der Achse Mont Blanc - La Bonette, dem höchsten Berg und dem höchsten Pass der Alpen. Drunter tun wir’s nicht. Denn wir haben nur vier Tage. Als wir in Orelle am nächsten Morgen aus den Zelten kriechen, tut noch immer der Hintern weh. Doch die Pässe warten. Wir lassen unser Gepäck im »Basis-Quartier« zurück und machen uns auf den Weg. Galibier, Lautaret, Briancon, Sommeiller, Mt. Cenis – unser Roadbook liest sich wie die Königetappe der Tour de France. Gerade recht für die kleinen Wespen, die bereits blauqualmend dem Start entgegenfiebern.In Maurienne zweigt der Col du Télégraphe ab: runde 800 Höhenmeter per Serpentinen durch den Wald gen Himmel, die Vorgruppe des Galibier quasi. Der Télégraphe ist im geographischen Sinne eigentlich kein Pass, sondern der Aufstieg in ein Hoch- beziehungsweise Hängetal. Erst an dessen Ende geht es über mehrere Geländestufen nochmals 1000 Meter hinan zum 2642 Meter hohen Col du Galibier. Die Vespas kreischen im zweiten Gang mit Vollgas hinan, zusehends von der dünner werdenden Luft ihrer Leistung beraubt. Doch sie schaffen es, auf sensationellen 2642 Metern feiern wir den ersten großen Gipfelsieg der Tour, berauscht vom Panorama über die umliegenden Eisriesen. Wir lassen die Mühlen abkühlen, bevor wir im Sturzflug über den Lautaret nach Briancon hinabfegen, der höchst gelegenen Stadt Europas. Dort fällt die Entscheidung: Sommeiller oder nicht? Grober Schotter bis zu einem der höchsten anfahrbaren Punkte der Alpen. Sollen wir es wirklich tun? Wir tun’s. Einmal voll tanken bis zur Halskrause und sicherheitshalber noch den Reservekanister gefüllt, dann eiern wir los. Am Col de l«Échelle überqueren wir die italienische Grenze und zweigen bei Bardonécchia ins Rochemollestal ab. Hier beginnt der Aufstieg zum Sommeiller. Zunächst geht es in engen Kurven durch Kiefern- und Arvenwald in die Höhe. Bis Rochemolles. Hinter der Ortschaft beginnt die einstige Auffahrt zu einem Sommerskigebiet, das irgendwann einer Lawine zum Ofer fiel. Seitdem verfällt auch der Fahrweg zusehends.Grober Schotter, Spurrillen, Stufen in der Fahrbahn, knappe Kehren und die teilweise extreme Steigung verlangen den kleinen Rollern alles ab. In einer mächtigen Staubfahne – die Gebläsekühlung pustet direkt auf den Boden! – rütteln wir hinan. Keine Ahnung, wie lang die Dinger dieses mörderische Gerumpel aushalten, doch wir wollen fahren, soweit es irgend geht. Eine entgegenkommende Militärkolonne verordnet nach einer Weile eine längere Zwangspause, und wir versuchen währenddessen eine Übersicht über den weiteren Verlauf des Wegs zu kriegen. Hinter dem Rifugio Scarfiotti geht es offenbar richtig los. Die Piste windet sich rechterhand die Bergflanke empor und verschwindet hinter einer Geländestufe in einem Hochtal. Die Kolonne ist durch, ein kleiner Transporter kommt noch hinterhergeschaukelt, setzt krachend in einem Bachbett auf – wenn der das schafft, dann packen wir es auch! Die Auffahrt vom Rifugio Scarfiotti dauert über eine Stunde. Geländestufen und Serpentinen wechseln sich mit flachen Abschnitten in Hochtälern ab. Am Ende geht es noch mal satte 1000 Höhenmeter bergauf, Schotter unterschiedlicher Größe und teilweise herausstehende Felsbrocken erschweren das Fahren zusehens. Mit jedem Höhenmeter atmen die Vespen flacher, doch wir ackern weiter. Dann ein Hügel mit ein paar Fahnen, direkt über uns – der Gipfel. Die letzten 50 Höhenmeter, megasteil, wir schaffen den Rest nur noch schiebend – und stehen irgendwann tatsächlich oben, auf 3100 Metern! Ein paar Endurofahrer brausen vorbei, so locker, als seien sie auf Asphalt unterwegs. Egal – wir kramen glücklich unsere mitgebrachten Würstchen hervor, grillen sie auf dem ausgeliehenen Kocher eines Jeepfahrers - »Würstchen à la Sommeiller«. Bergab dreht Jörg die Stereoanlage im Handschuhfach auf und mit Surfin« Safari von den Beach Boys rattern wir talwärts. Nach über zwei Stunden klettern wir die letzten Geländestufen zum Refugio hinab, während die Sonne gerade hinter den Bergen abtaucht. Jetzt nichts wie zurück ins Basisqartier. Spätestens am 1500 Meter steilen Aufstieg zum Col du Mt. Cenis wird klar, was die Westalpen sind: riesige Höhenunterschiede auf engstem Raum. Während uns in dem gerade mal 500 Meter hoch liegenden Susa Weinstöcke und mediterrane Wärme empfangen, türmt sich direkt über der Stadt der Rocciamelone mit seinem 3500 Meter hohen Gletschergipfel. Mit wenigen Kilometern durchqueren wir fast alle Vegetationszonen Europas.Auf halber Strecke bricht die Dunkelheit herein, und es zieht auch noch Nebel auf. Alte Festungen und verwaiste Zollhäuschen zeichnen sich am Mt. Cenis ab und erinnern an die schwierige Vergangenheit von Franzosen und Italienern. Ausgerechnet jetzt streiken die Vespas. Luftfilter verstopft. Der Staub des Sommeiller sitzt überall. Lanslebourg, Modane - der Rückweg wird lang. Endlich Orelle. Endlich Motor aus. Endlich Stille. Nach zwölf Stunden Fahrt. Am nächsten Morgen sind wir schon früh aus den Federn. Heute liegt zwar nur Asphalt vor uns, doch hochkarätiger. Zum Col de la Bonette soll es gehen, dem mit 2802 Metern höchsten Straßenpass der Alpen. Zum Aufwärmen kommen Télégraphe und Galibier gerade recht und wir zügig voran. Auf dem Galibier wird wieder Pause gemacht, und einige Motorrad-«Freunde« aus Deutschland können es nicht lassen, gutgemeinte Kommentare über die Vespas loszulassen: »Find ich gut, was ihr da macht, ist wirklich okay...« Danke auch. Da stürzen wir uns lieber hinab nach Briançon und zum Abzweig des Col d’Izoard. Während dessen Nordrampe ein nettes, romantisches Sträßchen birgt, präsentiert sich die Südseite als wüste Geröllfläche mit hohen, schroffen Felswänden und spitzen Felsnadeln: die »Casse déserte«. Mittendrin die Straße, herrlich gezwirbelt zu einer regelrechten Serpentinenorgie, die weiter unten in die wilde Schlucht des Flusses Guil mündet. Es wird steitg flacher und im Tal weht bereits mediterrane Luft ins Visier. Der Col de Vars mit sprudelnden Bächen und kleinen Wasserfällen noch - dann liegt der vor uns, der Bonette. Was für ein Ziel für die Vespas! Doch kurz vor dem Aufstieg ist plötzlich Schluss. Eine Baustellenampel lässt den Verkehr nur noch in Halbstundenintervallen fahren. Verdammt! In Anbetracht des weiten Heimwegs können wir den Aufstieg nicht mehr riskieren. Enttäuscht kehren wir um. Doch die wunderschöne Abendstimmung am Galibier entschädigt für alles, am Zeltplatz knacken wir unsere Sixpacks, schütten alle Tütensuppen zusammen und feiern unseren letzten Abend. Morgen müssen wir zurück. Auf dem Heimweg wollen aber noch ein paar ganz große Nummern mitnehmen. Col de l’Iseran, die zwei St. Bernards und dann am Genfer See vorbei nach Hause. Früh am Morgen packen wir zusammen und starten die Wespen zum letzten Angriff. Der Aufstieg zum l’Iseran hat es in sich. Nicht viele Serpentinen prägen ihn, sondern relativ lange Rampen, die lediglich von einer handvoll Kehren aneinander gefügt werden. Das Vanoise-Massiv und die vergletscherten Gipfel im Süden und Osten glitzern verheißungsvoll, während wir an der Bergflanke vom Arc-Tal hochklettern. Dann folgt die Straße einem wildromantischen Hochtal, das sich bald zu einer felsigen Schlucht verengt. Das Teerband ist haarscharf in die Felswände eingepasst, die gegenüberliegende Talseite greifbar nahe. Ein paar Kehren noch, und wir haben auch diesen Pass geschafft. Hohlen noch mal tief Luft, bevor wir uns ins Val d«Isère und in die abtörnenden Ski-Retortenstädte hinabstürzen. Die Talfahrt nimmt kein Ende, erst Seez am Fuße des kleinen St. Bernhard-Pass stoppt den freien Fall. Jetzt noch über diesen klettern, ein Stück durch Italien und das sommerlich heiße Aosta-Tal, dann erreichen wir am Großen St. Bernard wieder die Schweiz. Während uns manchmal das Gefühl beschleicht, eigentlich keine Kehren mehr sehen zu können, ackern die kleinen Wespen unermüdlich, lassen sich mit kleinen schrauberischen Hilfsmitteln zu höchsten Höhenflügen bewegen, ötteln mit ihren kleinen Rädern unverdrossen bergauf, bergab. Hinter dem Genfer See kommt noch mal die Beach-Boy-Kassette in den Rekorder, und wir machen uns an die Autobahnetappe nach Hause. Und die letzten Kilometer sind tatsächlich genauso schlimm wie die ersten. Aber auch diesmal kommen wir irgendwann doch an. Nach 16 Stunden on the road. Zündschlüssel gedreht und aus. Ruhe, Stille, Bewegungslosigkeit. Endlich.
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Reisen mit Rollern

Wie man sieht, sind nicht immer ausgewachsene Motorräder für knackige Zweiradtrips nötig. Mit etwas Abenteuergeist kann auch ein 50er- oder 200er-Roller im grenzüberschreitenden Reisedienst tätig werden. Zumal der Zubehörmarkt rege werkelt und für fast alle Modelle Gepäckträger anbietet. Egal, ob Front- oder Heckvariante sollten diese allerdings, um das von Haus aus etwas kippelige Fahrvehrhalten nicht völlig aus dem Gleichgewicht zu bringen, nur mäßig beladen werden. Auch ein Topcase ist durch die ohnehin hecklastige Schwerpunktlage kritisch. Schwere Sachen gehören ins Helmfach oder in den Fußraum. (Aprilia bietet dafür eine spezielle Fußraumtasche an.) Der Soziussitz ist nur bedingt als Ladezone geeignet, da bei den meisten Modellen darunter der Tankstutzen sitzt. Ideal ist ein großer Rucksack, der locker auf der Bank aufsitzt. Echte Vorteile bietet der rollertypische Wetterschutz, wodurch nicht viel Regenzeug mitgeschleppt werden muss – dichte Jacke und leichte Regenhose reichen meist. Und im Pannenfall helfen schon Tape, Draht und Kabelbinder für die gröbsten Schnitzer weiter. Wer dann noch etwas Werkzeug samt Ersatzkerze plus Stecker einpackt, nach dem Öl guckt und je nach Modell die Variomatik-Rollen oder die diversen Seilzüge auf Verschleiß geprüft hat, sollte eigentlich gut gerüstet sein. Gleichgesinnte finden sich übrigens beim MOTORRAD-Tochtermagazin ROLLER Spezial, die organisierte Touren unternehmen. Unter anderem in die Alpen.... Infos unter Telefon 07181/2556 39 oder e-mail nb.kappes@t-online.de.

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