Rund um den Ortler

Abwegig

Wer am Ortler unterwegs ist, erlebt nicht nur Strecken und Landschaften der alpinen Highend-Klasse, sondern auch ein Stück der Fortbewegungsgeschichte der Menschheit.

Foto: Eisenschink
Ortler-Tour, MOTORRAD 21/2003
Ortler-Tour, MOTORRAD 21/2003
Füssen, Imst, Landeck, noch 40 Kilometer bis Italien. Der Fernpass liegt hinter mir, nach Süden hin überquert der Reschenpass den Alpenhauptkamm. Als Kind war ich hier mit meinen Eltern unterwegs zur Adria. Und um mich bei Laune zu halten, erzählte mir mein Vater von den Römern, die vor gut 2000 Jahren fast auf derselben Strecke unterwegs waren. Via Claudia Augusta hieß die Straße damals.

Einige Ducati bollern vorbei, schätzungsweise 100 PS bei 200 Kilo Leergewicht. Direkte Nachfahren der Maultierkarren und Pferdegespanne, die auf besagter Via Claudia über die Alpen rumpelten. Die von Kaiser Claudius im Jahr 46/47 nach Christus vollendete Trasse war fünf bis sieben Meter breit, führte von Augsburg nach Venedig und war bis zum Ausbau der Brenner-Route die wichtigste Nord-Süd-Verbindung über die Alpen.
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Foto: Eisenschink
Ortler-Tour, MOTORRAD 21/2003
Ortler-Tour, MOTORRAD 21/2003
Bei Landeck sind die Spuren der 1,30 Meter hohen römischen Wagenräder noch heute sichtbar. Hinter Pfunds wird das Inntal schluchtartig eng, die zackigen Gipfel der Zentralalpen rücken näher. Dürfte eine echte Herausforderung gewesen sein, die sich den römischen Straßenbauern hier stellte. Felsen mussten abgetragen, Erde aufgeschichtet, Dämme errichtet, Tunnels und Brücken gebaut werden. Der Streckenverlauf wurde
so perfekt durchdacht, dass die moderne Bundesstraße auf großen Abschnitten noch immer der römischen Straße folgt.

Rund um den Ortler (2)

Foto: Eisenschink
Ortler-Tour, MOTORRAD 21/2003
Ortler-Tour, MOTORRAD 21/2003
So abenteuerlich die Trassenführung über die Alpen auch gewesen sein mag, die spannende Kurvenfolge am Finstermünz Pass blieb den Reisenden der Antike versagt. Die Via Claudia Augusta folgt bis zur Festung Altfinstermünz dem Inntal, während ich auf der Pass-Straße nach Nauders rausche. Fast in Tuchfühlung mit der Felswand, aus der man die Fahrbahn herausgehobelt hat. Genial. Als bei Nauders der Kurvenspaß hinter mir liegt, durchforste ich die Landkarte nach weiteren Herausforderungen.

Kaum im Engadin, keine zehn Kilometer von Nauders entfernt, stoße ich auf eine Straße, die noch original aus Römerzeiten stammen muss. Zumindest lassen das die mit Holzbalken gestützten Felstunnel vermuten, die aussehen wie altertümliche Bergwerkschächte. Doch Fehlanzeige. Nicht einmal hundert Jahre ist es her, dass die Schweiz diesen verwegenen Verbindungsweg nach Samnaun errichtet hat. Ich taste mich zu Fuß in einen der finsteren Tunnel und gucke durch winzige Felsluken hinunter in die Klüfte. Mit einmal beginnt es zu grollen, als ginge draußen eine Steinlawine zu Tal. Doch es sind nur acht Gold Wing, die unter tagheller Illumination mit jeweils unterschiedlicher Techno-, Rock und Pop-Beschallung vorbeiziehen.
Foto: Eisenschink
Ortler-Tour, MOTORRAD 21/2003
Ortler-Tour, MOTORRAD 21/2003
Am Ende der abenteuerlichen Bergfahrt stoße ich auf das Bergdorf Samnaun. Zollfreier Status hat das dörfliche Idyll zur internationalen Drehscheibe gemacht. „Duty Free Center“, „Zollfrei einkaufen“, „Zigaretten, Spirituosen, Parfüm“ – der Schilderwald nimmt kein Ende. Schnäppchenjäger stürmen durch die Gassen. Ein wenig vom ursprünglichen Charakter ist dennoch geblieben: Zwischen Parfüms von Christian Dior und Emporio Armani findet sich auch Ringelblumenessenz und Murmeltierbalsam.

Die schweizerisch-österreichische Grenze taucht auf, ein scharfer Blick durchdringt den Tankrucksack, keine zollpflichtige Ware, danke, weiterfahren. Die Zöllner sind auf Zack. Schließlich weiß jeder, dass im Dreiländereck Schweiz-Österreich-Italien ein Netz uralter Schmugglerpfade existiert. Am Abend – ich bin zurück in Nauders – erzählt mir der Wirt vom Nauderer Hof nach dem zweiten Glas Südtiroler Cabernet, wie er in der kargen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg Rinderfelle, Autoreifen, Säcke voller Kugellager, ja sogar Kuhherden über die Grenze geschmuggelt habe. Drüben in Italien gab’s halt schon damals vorzüglichen Wein – wir stoßen an – und bei den Schweizern Tabak und Saccharin. Lukrative Sache, an der nahezu jeder Nauderer inklusive Bürgermeister ein Zubrot verdiente.

Rund um den Ortler (Infos)

Am Ortler lohnen nicht nur die Kurven, sondern auch die historischen Spuren. Hier ein paar Anregungen.
Reisezeit
Nur von Juni bis Oktober sind die höchsten Alpenübergänge wie Stilfser Joch und Timmelsjoch schneefrei. Im Frühling und Herbst muss dort mit Wettereinbrüchen gerechnet werden.

Tipps für Historik-Freaks
Vom Leben der Ureinwohner erfährt man im archäologischen Freilichtpark »Ötzidorf« in Umhausen, Telefon 0043/5255/50022, www.oetzi-dorf.com, wo eine Alpin-Schule auch Schnupperkurse im Bogenbauen, Feuermachen und Spurenlesen anbietet, Telefon 0043/5264/20113. Mittelalterfeeling gibt’s auf der Burg Landeck aus dem 13. Jahrhundert, Telefon 0043/5442/63202, von der ein Fußweg zur Fließer Platte und zu einem original erhaltenen Abschnitt der Via Claudia Augusta führt. Malerischer Zwischenstopp ist die ehemalige Zollstation Altfinstermünz bei Vinadi in der Inn-Schlucht, die bis ins 19. Jahrhundert den gesamten Reiseverkehr abwickelte. Kriegsgerät zeigt die Feste Nauders, die zwischen 1836 und 1840 als Straßensperre an der Reschenstraße erbaut wurde. Telefon 0043/5473/87242. Himalaya-Feeling bietet Reinhold Messners Restaurant »Yak und Yeti« in Sulden, Telefon 0039/0473/613266, Adrenalin-Kicks eine Rafting-Tour in den Schluchten des Gebirgsstocks. Infos beispielsweise bei Tommy Schranz in Pfunds, Telefon 0043/5474/5788, www.interraft.at.

Übernachten
Chic und urgemütlich: Nauderer Hof in Nauders am Reschenpass, Telefon 0043/5473/87704, Fax -87777, www.naudererhof.at. DZ mit Frühstück kostet 45 Euro pro Person, der Wirt gibt Tourentipps und bietet geführte Touren an, www.alpen-rider.com. Direkt an der Stilfser-Joch-Straße: Hotel Tannenheim in Trafoi, Telefon 0039/0473/611704, Fax -611803, www.hotel-tannenheim.com. DZ plus Frühstück: 28 Euro pro Nase. Auch hier sind Tourensets sowie geführte Touren im Programm, www.motorradsuedtirol.com. Familiär geht’s im Hotel Silence in Livo-Scanna zu, Telefon 0039/0463/533153, Fax -533084, www.hotelsilence.it. DZ mit Frühstück für 28,50 Euro pro Person.

Literatur
»Nordtirol« aus dem Reise Know-How-Verlag, 19,90 Euro, und »Südtirol« von DuMont, 12 Euro. Zur Orientierung: Generalkarte Österreich, Blatt 3, »Vorarlberg, Tirol, Oberbayern, Südtirol«, Maßstab 1:200000, für 7,50 Euro.

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