Sachsen-Anhalt

Saisonstart in Neufünfland

Die erste Tour im Frühjahr ist immer etwas ganz Besonderes. Frank Klose fuhr seinen Lieblingrunde in den deutschen Osten zum ersten Mal gemeinsam mit seinem Sohn, einem frischgebackenen 125er-Piloten.

Bremsen, kuppeln, runterschalten, satte Schräglage und dann mit Gas hinein in den Frühling. Endlich den Muff des Winters hinter sich lassen und den eisigen Klauen des Frosts entkommen. Wenn die Krokusse nach farblosen Wintertagen ihre hübschen Kelche vorsichtig emporrecken und in den Gärten die Winterheide ihr purpurfarbiges Blütenmeer ausbreitet. Und wenn sich endlich mal wieder Sonnenlicht im Tank spiegelt: Welcome on the road again. Oder vielleicht sollte man das in diesem speziellen Fall lieber auf Russisch sagen. Denn seit der Wende führt mich der erste Turn des Jahres alljährlich Richtung Osten. In eine Gegend, für viele Westdeutsche praktisch gleich um die Ecke, aber vor dem Mauerfall Ewigkeiten entfernt. War schon ein prickelndes Gefühl, damals im Jahr eins nach Erich, als man an der noch vorhandenen, jedoch geöffneten Grenze auf einmal zuvorkommende und freundliche Menschen traf, obwohl sie noch in der Uniform der DDR-Grenztruppe steckten. Das war zu Zeiten des Eisernen Vorhangs aber ganz anders. Das Erste, was wir im ersten Nachwendefrühling machten, war der bis dahin mit Zuchthaus bestrafte Abstecher runter von der Plattenautobahn, gleich hinter Helmstedt. Der uns allerdings auch einen gehörigen Schrecken einjagte. Denn rechts und links der - vom Westen finanzierten -Transitstrecke ging es gleich los mit diesen ultimativen Schlaglöchern, die ganze 16-Zoll-Vorderräder bis hin zu halben Trabbis schlucken konnten. Bis auf nachgemessene 80 (!) Zentimeter Tiefe brachten es diese Dinger mitunter. Und im Gegenzug den Pulsschlag auf lockere 180. Alexander glaubt kein Wort. Aber der war damals, als die DDR ihr Leben aushauchte, gerade mal im Grundschulalter. Und jetzt ist er erstmals auf meiner alljährlichen Neufünflandtour dabei, hat gerade den ersten Motorradwinter hinter sich, die ersten Salzkrusten am Krümmer und die erste beißendkalte Ernüchterung. Freiheit hat ihren Preis. Dankbar saugt er nun jeden Frühlingshauch auf, freut sich auf Touren, die endlich wieder Spaß machen und auf denen es was zu entdecken gibt. Und davon haben die »neuen« Bundesländer und speziell Sachsen-Anhalt reichlich zu bieten. Wer den gelb oder weiß eingezeichneten Sträßchen in der 200 000er-Generalkarte folgt, landet schnell dort, wo die Zeit irgendwann Mitte des letzten Jahrhunderts stehen geblieben scheint. Natürlich gibt es sie immer noch, die hässlichen Plattenbausiedlungen und so zerbröselte Straßen, dass sie die Bezeichnung nicht wirklich verdienen. Aber beides lassen wir erst mal links liegen, da wir geradezu nach Motorrad fahren und genüsslichen Schräglagen lechzen. Und genau dafür ist Sachsen-Anhalt goldrichtig. Denn neben alten Schlaglochpisten trifft man inzwischen zunehmend auf sauber geteerte Strecken, die gottlob ihre kurvigen alten Trassen behalten haben, statt autofreundlich begradigt zu sein. Das verspricht echten Kurenswing. Mal in Vier-Viertel-Takt, mal im Walzerrhythmus, dann wieder harter Kopfsteinpflaster-Hard-Rock. Nachwuchspilot Alexander ist voll bei der Sache und lässt die Fussrasten in unbekümmerter Schraddelei hinwegerodieren. Schrägen gibt es mehr als reichlich auf der Runde gibt, die anders als bei meinem ersten Turn diesmal in Seesen an der Abfahrt der A 7 startet. Damals musste man noch einen der letzten Grenzübergänge nutzen. Heute sind alle einst gekappten Straßen wieder verbunden, die Narben der Teilung verheilt und der Streckenwahl damit keine Grenzen mehr gesetzt. Wir tuckern erst einmal in den Harz hinauf, wollen wissen, ob sich der Winter oben noch irgendwo verbarrikadiert hat. Der ehemals von der Armee besetzte Brocken fristet heute friedlich weiß in Schnee eingehüllt sein Dasein. Doch der eisige Wind treibt uns bald über Herzberg ins weite Land hinab, wo es immerhin ein paar Grad wärmer ist. Wir rollen durch Pöhlde, Brochthausen, und plötzlich spüren wir den Unterschied mit allen Sinnen. Ein Hauch verbrannter Kohle liegt in der Luft, die Straßen werden schmaler, die Leitplanken seltener - wir sind in Neufünfland. Endlich wird die Reise für Alexander etwas fairer, denn auf den kleinen Straßen reichen seine zehn PS locker aus, um an meiner Bandit dranzubleiben. Kurz hinter Bockelnhagen, einem lange Zeit vergessenen Dorf im ehemaligen Sperrgebiet, entdecken wir auf einer sanften Anhöhe noch einen der alten Wachttürme, wie ein Denkmal übrig geblieben. Bei Bartolfelde und Osterhagen geht’s noch mal ein kleines Stück durch den ehemaligen Westen, dann tauchen wir zwischen Walkenried und Ellrich endgültig in den Osten ab in Richtung Ilfeld. Mal fliegen schicke neue Häuser vorbei, dann wieder prächtig renovierte Altbauten und gelegentlich noch baufällige Gebäude aus der Vorwendezeit. Stolberg, die »Perle im Südharz«, rägt ihren Namen völlig zu Recht. Alexander fragt beim Anblick des schmucken Fachwerkstädtchens, ob wir irgendwo wieder die ehemalige Grenze passiert haben. Haben wir nicht. Der Ort war schon zu DDR-Zeiten ganz schön herausgeputzt. Der sozialistische Hochadel dankte es dem Ort, dass vor etwas mehr als 500 Jahren Thomas Müntzer hier das Licht der Welt erblickte. Der Mann rückte schon 1525 mit einem Bauernheer gegen Feudaldiktatur, Ungerechtigkeit und Unterdrückung an und passte perfekt in die Ideologie.Alexander hat derweil genug von Geschichte, und so pfeilen wir durch den Ostharz und entdecken prompt zwischen Stolberg und Sangershausen eine Traumstrecke mit perfekten Kurvenschwüngen. Leider lässt nach anfänglich piekfeiner Piste dann irgendwann doch die Teerqualität zu wünschen übrig und wir machen und zwischen Lutherstadt Eisleben und Halle auf die Suche nach dem Süßen See. Mangels Alternativen einst die Costa del Sol des Ostens, ist er heute zumindest im Frühjahr ein fast vergessenes Fleckchen. Über Super-Serpentinen cruisen wir Richtung Schwittersdorf weiter. Spätestens jetzt registriert Alexander, dass Vattern recht hatte. Denn hier gibt es sie noch, Straßen fast wie Anno 1989, auf denen gerade mal die allertiefsten Schlaglöcher etwas entschärft wurden. Dazu passende Häuser reihen sich längs der Straße auf. Grau, bröckelig und echtes DDR-Reality-TV. Alexander staunt nicht schlecht. Auch ein paar Kilometer weiter, als sich in der Nähe von Mansfeld eine Gruppe sondernbar karge Hügel neben der Landstraße auftürmen, manche gar mit Gipfelkreuz versehen. Berge als Zeitzeugen. Es sind die Halden des Mansfelder Kupferschieferbergbaus, der vor der Wende noch intensiv betrieben wurde. War zwar horrend defizitär, aber Kupfer ließ sich prächtig in Westmark tauschen. Ab Ballenstedt tauchen wir noch weiter in die Geschichte ein und folgen streckenweise der Romanischen Strasse, entdecken wunderschöne Schlösser. Und in Quedlinburg vermutlich eine der hübschesten Fachwerkstädte Deutschlands, wenn erst mal alles restauriert ist. Wir lassen uns Zeit bei diesem Abstecher durchs tiefe Mittelalter, zählte doch das nördliche Harzvorland einst zu den wichtigsten Regionen des deutschen Kaiserreichs und ist entsprechend prächtig ausgestattet. Doch dann wird es mit einem Mal noch etwas finsterer, denn wir sind an der berühmten Teufelsmauer angelangt. Einer Sage nach einer Wette zwischen Gott und dem Satan entsprungen, bei der letzterer behauptet habe, er könne in einer Nacht ein Mauer rund um den Harz ziehen. Bei Erfolg gewönne er die Herrschaft über das Himmelreich. Was gottlob wegen eines verfrühten Hahnenschreis nicht klappte, aber das geologische Mysterium eines langgezogenen Felsrückens aus Quadersandsteinen ist noch immer über viele Kilometer zwischen Blankenburg und dem südlich Weddersleben zu erkennen. Unsere Reise nähert sich dem Ende, Blankenburg und Wernigerode tauchen auf, herrliche mittelalterliche Städte, doch Alexander ist mit Erinnerungen an einstige Wochenendresidenzen Braunschweiger Fürsten nicht mehr wirklich zu gewinnen. Er will einfach nur die ersten warmen Sonnenstrahlen genießen. Ehrlich gesagt, ich auch. Endlich wieder am Griff drehen und beschleunigen, bremsen, kuppeln, schalten. Rein in die Kurve, umlegen und mit Gas wieder raus - und weiter in Richtung Frühling. Bis heute abend - und morgen gerade noch mal.
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Infos

Sachsen-Anhalt ist nicht nur im Frühjahr ein ideales Reiseziel. Auch im Sommer, vielleicht kombiniert mit einem Abstecher zur Kultrennstrecke Oschersleben oder in den hochattraktiven Harz, lohnt eine Tour.
AllgemeinesInteressant ist die Region vor allem für Piloten, die engagiertes Kurvenschwingen den Highspeed-Thrills von Oschersleben vorziehen oder damit ergänzen wollen. Denn meist kleine Sträßchen schlängeln sich über sanfte Höhen, durch dunkle Wälder oder typische Dörfer, die häufig noch aussehen, als wären die Uhren stehen geblieben. Auch die gut ausgeschilderte Alleenstraße verlockt für gelegentliche Etappen, ist aber – da meistens schnurgerade - eher optisch als fahrtechnisch reizvoll. Mittelalterfreunde können auf der Strasse der Romanik die Zeitreise noch ein paar Jahrhunderte weiter zurückschrauben. Anreise/Reisezeit Am Schnellsten über die A7 Göttingen-Hannover und an der Ausfahrt Seesen die Tour starten, die je nach Großwetterlage von Frühjahr bis Herbst gefahren werden kann. Übernachten Das Angebot ist ziemlich groß, so dass wir uns auf ein paar motorradfreundliche Hotels beschränken: Hotel »Zur goldenen Sonne«, Steinweg 11, 06484 Quedlinburg, Telefon 03946/96250, Fax 03946/962530 oder www.hotel-qlb.de; Altstadt-Hotel Ilsenburg, Wernigeröder Straße 1, 38871 Ilsenburg, Telefon 039452/9690, Fax 0039452/96999, Altstadt-Hotel Wernigerode, Unterengengasse 14, 38855 Wernigerode, Telefon 03943/69660, Fax 03943/696620. Zimmerverzeichnisse gibt auch bei den Tourismusverbänden (siehe Information). Organisierte TourenNeu am Markt ist Sachsenbike-Tours aus Dresden, die gerade vierschiedene Touren in der Region vorbereiten. Näheres unter Telefon 0351/8031017 oder www.sachsenbike-tours.de. Literatur Beim Fremdenverkehrsamt (siehe Informationen) bekommt man eine umfangreiche Liste jeglicher Spezialliteratur über Sachsen-Anhalt. Außerdem decken einige Harzreiseführer das vorgestellte Tourengebiet mit ab, wie beispielsweise der HB-Bildatlas Harz oder der gleichnamige Baedeker-Führer. Beste Orientierung bietet die Marco Polo-Generalkarte Blatt Nummer zehn.Informationen TASA, Tourismus Agentur Sachsen-Anhalt GmbH, Große Diesdorfer Str. 12, 39108 Magdeburg, Telefon 0391/7384333, Fax: 0391/7384310 oder www.tasa.de. Vor allem mit Hotels, die auch auf der webside abgefragt werden können, hilft der Harzer Verkehrsverband weiter, Marktstraße 45, 38640 Goslar, Telefon 05321/34040, Fax 05321/34066 und www.harzinfo.de.Zeitaufwand: 1 bis 2 TageGefahrene Strecke: zirka 350 Kilometer.

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