Sahara

Von Kamelen und Baghiras

Kamele sind die Könige der Wüste – ohne sie hätten Menschen niemals diesen extremen Lebensraum queren können. Nur dass man mit Enduros einfach besser über Dünen surfen kann.

Mit hässlichem Krachen schlägt der Geländewagen wieder und wieder auf. Blauer Himmel und gelber Sand erscheinen abwechselnd vor meinen Augen, und mein Gleichgewichtsgefühl meldet SOS. Ich habe die Orientierung verloren, weiß nicht mehr, wo oben und wo unten ist. Nach mehreren Überschlägen ist plötzlich Totenstille, der Suzuki kommt auf den Rädern zum Stehen. Ich zwänge mich mühsam aus dem Fenster. Es scheint, als ob ich mit ein paar blauen Flecken davongekommen bin.Doch das Auto, nur noch ein Wrack! Es ist quasi unsere Lebensversicherung in einem Land, das zu über 90 Prozent aus Wüste besteht und in dem nahezu alle Bewohner auf einem nur rund 100 Kilometer breiten Streifen entlang der Mittelmeerküste leben. Mit fremder Hilfe ist hier kaum zu rechnen. Nur einmal stießen wir in den letzten Tagen auf eine Kamelkarawane der Tuareg. Auch in den Weiten der Wüste ein inzwischen sehr seltener Anblick, denn immer häufiger benutzen auch die Nomaden japanische Geländewagen. Geblieben ist aber die traditionelle Kleidung. Die Männer trugen lange Gewänder, und die Gesichter waren bis auf einen schmalen Spalt für die Augen hinter einem Schleier, den Tugulmust, versteckt – das Volk der Tuareg bezeichnet sich selbst als »Kel Tugulmust«, die Leute mit dem Gesichtsschleier. Mit gemischten Gefühlen begutachten wir den Schaden an unserem Fahrzeug. Das Verdeck ist eingedrückt, drei Reifen platt, die Scheiben in Millionen von Scherben zersprungen, allein die Heckklappe ist heil geblieben. Unsere Position: 200 Kilometer nordwestlich von Murzuq, libysche Sahara. Unsere Vorräte: 400 Liter Benzin, 100 Liter Wasser und jede Menge Verpflegung. Die Zivilisation liegt weit hinter uns, wir stehen inmitten einer schier unbegreiflichen Wüstenlandschaft. Wir, das sind Martin, Peter und ich, zwei MuZ Baghira und der Suzuki-Geländewagen. Wir hatten Ghat besucht, die einzige größere Oase im äußersten Südwesten des Landes, in der die meisten der libyschen Tuareg leben. Danach waren wir in das Akakus-Gebirge aufgebrochen und staunten dort über die zahlreichen Felsmalereien oder im Wadi Matendous über die steinzeitlichen Felsgravuren von Elefanten, Giraffen, Krokodilen und Flusspferden. Doch trotz der fantastischen Eindrücke in dieser Felsenwelt zog es uns wieder in den Sand. Schon von fern waren die mächtigen Dünengipfel des Erg Murzuq auszumachen. Dahinter, rund 300 Kilometer Luftlinie entfernt, liegt Al Katrun, unser nächstes Etappenziel. Dazwischen nichts als Dünen. Nur mit Hilfe von Satellitennavigation konnten wir unsere jeweiligen Positionen bestimmen und auf unsere Karte vom Erg Murzug übertragen. Aber so genau unsere russischen Generalstabskarten auch sind, Auskünfte über die Dünenstrukturen lassen sich darauf nicht erkennen. Eigentlich logisch, denn der Wind treibt die Sandkörner unablässig weiter, formt ständig neue Gebirge – dieser Teil des Landes ist immer in Bewegung. Damit auch wir auf unseren Enduros in Bewegung bleiben, haben wir auf den Hinterrädern spezielle Sandreifen aus den USA, sogenannte »paddle tires«, montiert. Auf diese Reifen, die aus profillosen Mänteln bestehen, sind acht Schaufeln aus Hartgummi vulkanisiert. Sie sollen die Baghiras auch im tiefsten Weichsand vorantreiben.Behutsam näherten wir uns schließlich den Sandriesen. Im Erg Murzuq ragen die Gipfel deutlich höher in den Himmel als in den bereits durchquerten Dünengebieten. Alles ist größer, höher und steiler, und wir fühlten uns wie Zwerge in den Dünentälern. Doch wir kamen gut voran, die Reifen paddelten uns tatsächlich durch den Sand in den Tälern, Mulden und Senken sowie über die steilsten Anstiege mit ihren messerscharf geschnittenen Graten. Dabei gilt es, die tragfähigste Sandoberfläche zu erkennen, die flachsten Steigungen aufzuspüren, tückische Trichter und Sackgassen zu meiden und gleichzeitig dabei die Orientierung zu behalten. Erst oben auf den Dünenkämmen ist ein übergeordneter Zusammenhang im Labyrinth erkennbar. Meereswogen gleich reihen sich Dünenberge und -täler in ständigen Wiederholungen aneinander, und nie gleichen sich die Formen. Der unablässige Nordost-Passat gibt die Richtung der Höhenzüge vor.Aus dem Wagen heraus beobachtete ich Peter, wie er seine Baghira mit Vollgas den nächsten Dünenkamm hinauf trieb. Ich konnte hören, wie er Gang für Gang bis in den zweiten herunterschalten musste, doch die paddle tires wühlten wie Schiffsschrauben, trieben die Fuhre immer weiter nach oben und schleuderten den Sand meterweit davon. Der schmale Gipfelgrat zeichnete sich vor ihm als scharfe Linie gegen das tiefe Blau des Himmels ab, kam rasend schnell näher, als der Untergrund plötzlich fester wurde. Einen Tick zu früh ging Peter vom Gas, das Motorrad blieb blitzartig stehen. Leider nicht wie geplant genau auf der Kante, sondern knapp davor. Doch besser so, als mit zuviel Speed über den Dünenkamm hinauszuschießen. Peter packte die Baghira am Vorderrad und drehte sie für den zweiten Anlauf talwärts. Mancher Hard-Endurist mag über den E-Starter die Nase rümpfen. Martin und Peter waren nach diesen schweißtreibenden Aktionen einfach dankbar für das kleine Knöpfchen.Bei der letzten Düne hatte auch mir im Geländewagen ein Quentchen Schwung gefehlt. Die beiden Vorderräder ragten in die Luft, während das Bodenblech auf der Kante festsaß. Diesmal griffen wir zur Schaufel, trugen schwitzend den ganzen Grat ab. Allmählich neigte sich das Auto in Fahrtrichtung. Das letzte Stück schoben Martin und Peter, während ich mit Gas die Untersetzung einlegte. Langsam kam der Suzuki in Fahrt, und ich nahm Anlauf für die nächste Düne. Es reichte wieder nicht, der Weichsand in der Mulde hatte der Wagen zu stark abgebremst. Noch einmal von vorn. Und da passierte es: Beim Schwungholen am Gegenhang verlor ich zuviel Geschwindigkeit, das Heck drehte sich zur Seite, der Suzuki geriet quer und überschlug sich mehrfach in Richtung Tal.Nachdem der erste Schreck überwunden und das ganze Ausmaß des Schadens begutacht ist, steht fest: Wir müssen das Auto wieder flott bekommen. Denn zu dritt auf zwei Motorrädern samt erforderlicher Ausrüstung, Benzin- und Wasserreserven haben wir kaum eine Chance.Ausgerechnet jetzt kommt auch noch ein Sandsturm auf. Minute um Minute wird das Heulen stärker, wir setzen die Motorradbrillen auf, um die Augen zu schützen. Mit einem Lappen im Auspuff und geschlossenem Benzinhahn überlassen wir die Baghiras ihrem Schicksal. Hinter einem niedrigen Gestrüpp gehen wir in Deckung. Der Schlafsack wird bis auf den letzten Millimeter zugeschnürt. Trotzdem ist der Sand bald überall. Peter, der am Rand unserer Deckung liegt, ist den Sandverwehungen am stärksten ausgesetzt. Bald ist er bis über die Schlafsackoberkante eingesandet und muss sich wieder nach oben wühlen. An Schlaf ist kaum zu denken. Und machtlos müssen wir mitansehen, wie der Suzuki von den heftigen Böen gepackt und förmlich den Hang runter geschoben wird. Wir können nur abwarten. Endlich kommt der Morgen. Immer noch tobt der Wind, doch er scheint nicht mehr so stark zu sein. Sand, Sand, überall Sand! In den Augen, in den Ohren, in den Haaren, und wenn man die Zähne zusammenbeißt, knirscht es hart. Unsere Spuren vom Vortag sind komplett ausgelöscht. So, als ob nichts geschehen wäre. Der Geländewagen steht allerdings an anderer Stelle, und von den Baghiras ist nur noch eine liegende Silhouette zu sehen.Bis zum Abend haben wir den Suzuki wieder weitgehend hergestellt. Der Motor läuft, die gröbsten Dellen sind ausgebeult und im Fahrgastraum ist sogar Platz zum Sitzen. Auch die Reifen sind wieder im Felgenbett und mit Luft gefüllt, wenn auch nicht ganz dicht. Sand klebt zwischen Mantel und Felge und lässt die Luft wieder langsam entweichen. Doch wir können immerhin fahren.Nach einer weiteren Nacht brechen wir auf und folgen einem Dünental in südöstlicher Richtung. In der Ebene kommen wir gut vorwärts. Die Sonne scheint wieder, und die sanften Dünen bilden plastische Kompositionen aus Licht und Schatten. Der Unfall verblasst in der Erinnerung wie ein böser Traum.Dann stellen sich uns wieder mächtige Sandriesen in den Weg. In ständig neuen Routen versuchen wir, Meter um Meter an Höhe zu gewinnen. Einmal oben, gibt der Blick in die nächste Ebene Hoffnung, ein Stück voranzukommen. Aber im nächsten Tal beginnt alles wieder von vorn. Plötzlich entdecken wir jenseits der Kämme Palmen und tiefblaues Wasser. Wir haben die Mandara Seen erreicht. Seit Tagen visieren wir sie an, und wie eine Fata Morgana liegen sie nun inmitten der Dünen des Erg Awbari vor uns. Mehrere Seen, malerisch von sattem Grün umgeben und von wolkenlosem Himmel überspannt. An Faszination kaum zu überbieten. Es ist der 24. Dezember, Weihnachten. Beim abendlichen Lagerfeuer weht festliche Musik von einem der Seen herüber - wir scheinen nicht ganz allein zu sein in dieser Heiligen Nacht.Nach Awbari ist es nicht mehr weit, und am nächsten Tag kündigen die ersten Felsen in der Ferne das Ende des Ergs und den Beginn der Zivilisation an. Auf dem Weg dorthin betrachten wir zunächst die faszinierenden Formenspiele der Dünen von sicherer Straße aus. Doch es dauert nicht lange, dann steht der Entschluss fest: Wir wollen noch einmal hinein in den Erg. Wir lassen den Ort hinter uns und schlagen unser Nachtlager am Rand der Sandberge auf, entfachen ein Lagerfeuer. Über uns die Sternbilder am unglaublich klaren Nachthimmel. Ein paar Sternschnuppen sausen über das Firmament.Am nächsten Tag packt uns die Weite der Sandflächen, wir verfallen dem Rausch der Geschwindigkeit. Mit bis zu 120 Sachen fliegen die Baghiras scheinbar mühelos über die Ebene dahin. Als der Sand sich wieder zu Gebirgen türmt, werden wir automatisch langsamer. Bald sind wir wieder drin, in den riesigen Wogen des Dünenmeers. Das Gleiten über den Sand wird zur Sucht, wie Skifahren im unberührten Tiefschnee. Ungestüm driften wir über die Hänge, die sich in scheinbar endloser Folge aneinander reihen, und der Suzuki folgt unseren Spuren. 150 Kilometer schaffen wir bis zum Abend. Am nächsten Tag kündigen die Felsen am Horizont das Ende unserer Ergdurchquerung an. Die letzten Kilometer im Sand liegen vor uns. Was kein Grund zur Freude ist – die Droge Sand hat von uns völlig Besitz ergriffen.
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Infos -

Sahara-Fans kommen heute fast nur noch in Libyen auf ihre Kosten. Wer allerdings die großen Ergs erleben möchte, sollte sich auf extrem lange versorgungslose Etappen einstellen, die ohne Begleitfahrzeug nur schwer zu meistern sind.
Anreise: Da es derzeit keine Fährverbindung nach Libyen gibt, kommt nur eine Anreise über Tunesien in Frage. Die Fährpassage ab Genua oder Marseille bis Tunis dauert rund 24 Stunden, und für eine einfache Überfahrt sind pro Person und Motorrad ab zirka 350 Mark zu zahlen. Infos bei SNCM in Eschborn, Telefon 06196/42911, beim ADAC oder in jedem größeren Reisebüro. Motorradfahrer können ihr Ticket aber auch direkt im Hafen von Genua oder Marseille kaufen. Nur bei einem Begleitfahrzeug ist es ratsam, im Voraus zu buchen.Reisezeit: Ideal sind die Monate Oktober, November, Februar und März. Die Temperaturen steigen dann tagsüber selten auf über 30 Grad und liegen nachts bei 5 bis 10 Grad. Wichtiger Nebeneffekt im Winter: Bei den niedrigeren Temperaturen trägt der Sand besser.Dokumente: Eine Reise nach Libyen erfordert einige Vorbereitung. Einen Antrag für das erforderliche Visum gibt es gegen einen frankierten Rückumschlag (DIN A 5) bei der Libyschen Botschaft in Bonn, Beethovenallee 12 a, 53173 Bonn, Telefon 0228/820090 (eventuell mehrere Wochen Wartezeit). Die Anträge dürfen nicht geknickt werden (!), müssen mit dem Pass, zwei weiteren Passfotos und den erforderlichen Gebühren (nur in bar) als Einschreiben mit frankierten Rückumschlag an die Botschaft geschickt werden. Für den Antrag ist eine arabische Übersetzung des Passes erforderlich (Übersetzngsbüros, finden sich in den Gelben Seiten), der zuerst noch mit einem arabischen Übersetzungsstempel versehen werden muss (nur erhältlich bei größeren Einwohnermeldestellen). Weiter ist ein internationaler Führerschein erforderlich. Bei der Einreise müssen vor Ort eine Kfz-Versicherung abgeschlossen und arabische Kennzeichen montiert werden.Strecke: Wer die großen Dünengebiete (Erg Awbari, Erg Murzuq) durchqueren will, ist in der Regel abseits markierter Pisten und Spuren unterwegs. Für einige der Strecken im Süden des Landes sind spezielle Genehmigungen oder sogar teure Führer vorgeschrieben. Beides ist vor Ort in jeder Stadt/Oase zu bekommen. Sichere Fahrtechnik im Sand, perfekte Navigationskenntnis und einwandfreier Zustand der Fahrzeuge sind absolute Voraussetzung. Es gilt, bis zu 1000 Kilometer und ungefähr zehn Tage ohne Versorgungsmöglichkeit zu überwinden. Eine detaillierte Landkarte und ein GPS-Gerät sind dabei unerlässlich. Für den Pannenfall sollte ein Ersatzgerät immer dabei sein. Aus Sicherheitsgründen sollte man außerdem in der Lage sein, sich anhand von Karte und Kompass zu orientieren. Das Motorrad: Die MuZ Baghira wurden ohne technische Veränderungen gefahren. Wer allerdings eine entsprechende Tour ohne Begleitfahrzeug unternehmen will, kommt um bestimmte Modifikationen nicht herum. Die Firma Touratech bietet inzwischen auch für die Baghira einen 31 Liter fassenden Tank, einen robusten Motorschutz, einen Gepäckträger mit Alu-Koffersystem sowie weiteres Zubehör an. Infos unter Telefon 07728/97920 oder im Internet unter http://www.touratech.de. Für gute Laufleistung sorgte vorn der Metzeler Unicross und hinten der Metzeler MCE-Karoo. Auf reinen Sandetappen kamen auf den Hinterrädern spezielle paddle-tires aus den USA zum Einsatz. Die profillosen Mäntel mit aufvulkanisierten Hartgummischaufeln sorgen auch im tiefsten Weichsand für Traktion (leider nur in den USA erhältlich, Infos beim Autor unter Telefon 089/66002923).Literatur: Sehr empfehlenswert ist » Libyen - Von Leptis Magna zum Wau an Namus« von Reise Know-How für 39,80 Mark (ISBN 3-89662-005-3). Das Werk lässt für Selbstfahrer kaum noch Fragen offen. Als Landkarten kommen sowohl die Michelin-Übersichtskarte 953 »Afrique du Nord« im Maßstab von 1:4 Millionen als auch russische Generalstabskarten mit kyrillischer Beschriftung in Frage. Letztere gibt es in den Maßstäben von 1:1 Million oder 1:500000, kosten 24 Mark Mark pro Stück und lassen sich anhand der mitgelieferten Übersetzung des kyrillischen Alphabets lesen. Die sowjetischen Generalstabskarten sind beim Därr Expeditionsservice, Theresienstraße. 66, 80333 München, Telefon 089/282032 erhältlich.Gefahrene Strecke: 4000 KilometerZeitaufwand: vier Wochen

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