Saisonstart auf Elba

Kurven, Berge, Dolce Vita

Es wird schwierig, auf der Welt noch einmal ein so kleines Stück Land zu finden, das mit Geschichte, geologischen Besonderheiten, landschaftlicher Vielfalt und krassen Kurven derart fasziniert wie die italienische Insel Elba.

Foto: Biebricher
Betörend: Wenn eine Insel Sinne verwirrt und Sehnsucht weckt, dann diese.
Betörend: Wenn eine Insel Sinne verwirrt und Sehnsucht weckt, dann diese.
Wild windet sich die Straße von Lacona nach Marina di Campo. Kurz und unkeusch ziehst du das Gas auf, die Kurve fliegt heran. Anbremsen, runterschalten und in verwegener Schräglage die nächste Kehre anvisieren. Schon ist sie da – und mitten im Scheitelpunkt ein roter Fiat 500. Kommt dir auf deiner Spur entgegen. Rostig und alt, mit einem ebenso angejahrten Elbaner am Steuer. Gemüsekiste auf dem Beifahrersitz. Haarscharf witscht die GS außen vorbei. Ein italienischer Moment, keine Zeit für Aufregung oder Ärger, neue Reize nehmen dich gefangen. Die nächste Kurve ist da, zieht sich zu, verdammt, du bist zu schnell, musst am Lenker zaubern. Dann trifft dich keulenartig ein Schwall von Rosmarin-Duft, der dir den Atem raubt. Überhaupt, diese Gerüche auf Elba. Schon vom Meer aus ist die Insel zu riechen. Vor zwei Tagen hattest du noch beobachtet, wie die elbanischen Hügel aus dem azurblauen Wasser wuchsen. Dann glitt das von gierigen Möwen eskortierte Schiff an der malerischen Ostküste entlang. Wildes Grün überdeckte die zerfurchten Hangflanken, keine Straße, kein Haus war zu sehen, nur die rüde Wildnis. Und der eindringliche Geruch würziger Vegetation drang bis aufs Deck. Gespannt hast du die immer neu auftauchenden Formen und Felsverwerfungen beobachtet, wie sie aus dem dichten Buschwerk hinaus ins Meer stürzen. Es ist Glück, dass die Annäherung an die Insel so verlief. Auf Elba-Überfahrten kann es auch weniger romantisch zugehen, da fliegt die Gischt an den Luken vorbei, das Schiff schlägt krachend in Wellentäler, die Luft im Salon ist schlecht. Wimperntusche verläuft dunkel auf Damenwangen, das Gesicht des Kawasaki-Fahrers gegenüber wird so grün wie seine Lederkombi. Neben dir übergibt sich eine Signora in ihre Handtasche, die Stewards waren mit dem Verteilen der Tüten nicht schnell genug.

Du kannst froh sein, wenn dich endlich die Insel umarmt, das Schiff in den geschützten Hafen von Portoferraio einläuft, sich langsam um die eigene Achse dreht. Wie das Wetter auch immer war, der schwere Kahn wird ächzend und quietschend an der Mole vertäut. Arrivate, Zeit zum Ausfahren. Wer ankommt in Portoferraio, dem „Eisenhafen“, mit seinen 15000 Einwohnern der größte Ort der Insel, spürt die geschichtliche Dichte: die befestigte Hafenanlage, das eng gedrängte „centro storico“, die großen Festungen über der Stadt, die Villa Napoleons dazwischen oder die pisanische Festung Volterraio auf dem Felssporn gegenüber. Weit über tausend Kilometer hast du abgespult, um auf dieser Insel Motorrad zu fahren. Hast tapfer über dem Tankrucksack gekauert, dich durch die Po-Ebene gequält, Kilometer um Kilometer zerreibend, wie ein Stück jenes harten Käses, der aus eben dieser Gegend kommt.

Jetzt bist du hier zwischen all den hupenden Autos, den gestikulierenden Passanten und fühlst die letzte Stufe italienischer Kulturentwicklung repräsentiert: das echte Chaos, das dich mit seiner Liebenswürdigkeit und Irrationalität immer wieder in seinen Bann schlägt. Du wuchtest das Motorrad aus dem Hafen mit den bunten Fischerbooten, den Yachten betuchter Sonnenbrillen- und Goldkettenträger, verlässt die quirlige Hauptstadt, von der Napoleon während seines Exils über die Insel geherrscht hat. Heute beherrschen rote Ducatis mit phongewaltigen Auspuffrohren die Straßen der Vororte. Du aber bleibst ruhig, lässt deinen dicken Boxer an zahlreichen Keramik-Händlern vorbeiflanieren, driftest durch Pinienhaine, Tomatenfelder, weinbewachsene Hügel und jagst mit wachsendem Mut die Kehren nach Capoliveri hoch.

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Foto: Biebricher
Der Magie des Meeres kann man sich nicht entziehen: weder an der Küstenstraße noch beim Sonnenuntergang.
Der Magie des Meeres kann man sich nicht entziehen: weder an der Küstenstraße noch beim Sonnenuntergang.
In Marina di Campo, einem Ort, der ursprünglich um seinen Wachturm gebaut wurde, lockt der größte Sandstrand und fantastisch schmeckendes Eis, fünf Kilometer weiter halten viele die Bucht von Fetovaia für die schönste der ganzen Insel. Wieder steigt das Aroma dieser Kräuterlandschaft in die Nase, diesmal im Zeichen der nahen Eukalyptusbäume und ganz so, als wäre das Helmfutter mit Hustensirup getränkt. Im Westen von Elba schwingt sich die Straße in schwindel-erregende Höhen über das Meer. Sie kriecht in jede Windung des Berges hinein und gibt stets aufs Neue atemberaubende Ausblicke aufs Meer frei. Wer hier gegen die alte Laverda eines plötzlich im Rückspiegel auftauchenden Insulaners bestehen will, muss heftig am Kabel ziehen. Keine Chance, wenn man die Kurven nicht kennt. Lange tanzt die Straße in großer Höhe, dann taucht sie steil ab zu schmalen Buchten, in denen jeweils ein kleines Dorf nistet. Chiessi ist so eines, hier wartet gnädig der Laverda-Pilot. Der Ort besitzt einen Granitstrand, an dem sich die Steine wie urtümliche Saurier ins glasklare Wasser wälzen. Patresi dagegen hat eine wunderbar geschützte Badebucht, die fast wie ein privater Pool wirkt. In der Strandbar gibt es vorzügliche Cioccolata Calda.

Der ganze Inselwesten besteht aus Granit und gipfelt im 1018 Meter hohen Monte Capanne, dem höchsten Berg Elbas. Er lässt sich am besten von Poggio aus besteigen, einem der malerischsten Bergdörfer Elbas. Drei bis vier Stunden dauert die Wanderung zum Gipfel. Nur eine halbe Stunde braucht die offene Seilbahn von Marciana aus, wie Poggio ein eng an den Hang geschmiegtes Bergdörfchen. Die Sicht auf dem Gipfel ist phänomenal, außer wenn gerade der Scirocco weht, der Sahara-Wüstenwind, der die Luft dunstig und die Menschen träge macht. Erlebt man den Mistral, den Nordwind, zeigt sich, das Elba nicht alleine ist. Der gesamte toskanische Archipel und Korsika sind zu sehen. Eine andere Welt hier oben. Zurück auf der Erde, gewinnt die Straße über den Monte Perone ständig an Höhe und Reiz, während sich die Landschaft dramatisch ändert. Im Schutz der Nordhänge breiten sich Kastanienwälder aus, es ist feuchter, ruhiger, weicher als auf der Südseite. Lorbeerbüsche und üppiges Grün erinnern an einen Urwald, tief darin entspringt Elbas eigene Mineralquelle, die Fonte Napoleone.

Du hast noch lange nicht alles gesehen, wenn du dich hinunter nach Marciana Marina schwingst mit seinen kugelrunden Granitriesen am Wasser. Oder wenn du die alten Etrusker-Siedlungen besuchst und eine Ahnung von elbanischer Geschichte bekommst. Eine Ahnung der ungeheuren Vorkommen an Eisen, Erzen und Mineralien, die über tausend Jahre lang abgebaut wurden und in Waffenform den Expansionsdrang von Etruskern, Griechen und Römern unterstützten. Auf der Halbinsel Calamita kannst du dich verirren oder von Schotterpisten zu gewaltigen Wunden in den Inselflanken führen lassen, die der Abbau gerissen hat. Ähnlich wie im Nordosten der Insel, wo bei Rio Marina riesige Förderanlagen der Ewigkeit entgegenrosten. Vieles hast du noch nicht gesehen. Du hast nicht gesehen, wie der Fischverkäufer mit seiner Ape donnerstagmorgens auf den Marktplatz gefahren kommt und die Katzen schon warten, du hast nicht gesehen, wie abends die Fledermäuse tanzen oder die goldenen Pyrite glänzen am Schwefelsee bei Porto Azzurro. Aber es sind ja die kleinen Geheimnisse, die dich wiederkommen lassen. Wenn du ihr gewogen bleibst, wird dir die Insel stückchenweise mehr verraten. Gänzlich aber wird sie ihre wahren Reize niemals preisgeben. Dazu ist dieses Eiland viel zu alt und viel zu erfahren.

Infos zu Elba

Elba ist geprägt vom sommerlichen Tourismus. Im Juli und August erlebt die Insel jedes Jahr ihre eigene Eroberung. Ihren wahren Charme erfährt man im Frühling und Herbst.
Allgemeines
Elba ist nach Sardinien und Sizilien mit einer Küstenlänge von 147 Kilometern und einer Oberfläche von 224 Quadratkilometern die drittgrößte Insel Italiens. Sie liegt zwischen der toskanischen Küste und Korsika und überrascht mit einer unglaublichen landschaftlichen Vielfalt. Ihre rund 150 Buchten variieren zwischen feinsten Sandstränden mit türkisblauem Wasser samt Südsee-Flair und dramatischen Steilküsten mit Steinufern. Dazwischen ein Mix aus löchrigem Vulkangestein, Schwefel-Seen, hohen Bergen mit fast alpinem Charakter (höchster Berg Monte Capanne, 1018 Meter) und lieblichen Toskana-Landschaften. Grundlage dafür ist ein komplizierter geologischer Aufbau, dem wuchtige Granitkuppen, wild verformte Schieferschichten und vor allem die schon von den Etruskern genutzten Erzlagerstätten zu verdanken sind. Während im Westen Elbas unzählige zu bizarren Steinmonstern verwitterte Tafonifelsen zu bewundern sind, staunt man im Osten über die bunte Vielfalt des Gesteins, einen schwarz glitzernden Sandstrand mit giftgrüner Lagune, im Süden über organisch geformten Granit oder den Magnetit der Halbinsel Calamita, der Kompassnadeln verrückt spielen lässt (Informationen zur Geologie Elbas: www.1clickelba.it/geologia-de/).

Bereits um 750 v. Chr. bauten die Etrusker auf Elba Eisenerz ab, daher nannten die um 450 v. Chr. einfallenden Griechen die Insel auch „Aithalia“ (die Rau-chende, Rußige), während die Römer das Eiland „Ilva“ tauften. Aus Elbas wechselvoller, langer Geschichte leuchtet im frühen 19. Jahrhundert das Exil Napoleon Bonapartes heraus, der in nur zehnmonatiger Herrschaft über die Insel bis heute wirksame Reformen auf den Weg brachte und anschließend nach Frankreich und zur Weltgeschichte zurückkehrte. Im Wiener Kongress wurde Elba, das wechselweise zu Griechenland, Rom, Pisa, Genua, zu Großbritannien und Frankreich gehört hatte, dem Herzogtum Toskana zugeschlagen, mit dem es 1860 an das vereinte Königreich Italien gelangte. 1982 wurde auf Elba die letzte Eisenmine geschlossen, nachdem sich als schnell wachsende Einnahmequelle bereits seit 1960 der Tourismus etabliert hatte.

Reisezeit
Die durchschnittliche Jahrestemperatur auf Elba beträgt knapp 16 Grad, die Monate Juni, Juli und August können extrem heiß sein. Weil die Insel in den großen Ferien auch für Italiener begehrtes Reiseziel ist, empfehlen sich April, Mai oder September, Oktober für eine entspannte Motorrad-Tour. Ab November muss mit Stürmen und Regen gerechnet werden. Grundsätzlich gilt, dass das Wetter auf der Insel besser ist als auf dem nahen Festland.

Anreise
Die meisten Elba-Besucher werden wohl per Achse anreisen. Wer etwas Zeit mitbringt, kann gehobenen Fahrspaß schon auf diversen Alpenpässen erfahren. Wer direkt fahren möchte, nutzt je nach Heimatort und Route durch Deutschland am besten den Gotthard, den Sankt Bernardino oder den Brenner. Anschließend bietet sich der Apennin als landschaftlich reizvolle und kurvenintensive Vorbereitung auf das Kehrengeschlängel von Elba an. Außer-dem locken Attraktionen an der Küste wie die Dörfer des Cinque-Terre, die Marmorsteinbrüche von Carrara, der Schiefe Turm von Pisa oder, wenn man schon mal da ist, die reizvollen Weinorte in der Toskana, die Städte Florenz und Siena sowie die raue Schönheit der Maremma. Für Elba-Reisen bietet sich auch der Autoreisezug an, den man am günstigsten bis Alessandria nutzt (www.dbautozug.de). Im April kostet die Hinfahrt pro Person und Motorrad im Liege-wagen 236,50 Euro, die Rückfahrt eine Woche später ist mit 149 Euro gelistet. Reisende, die auf der Insel einen Roller oder ein Motorrad mieten möchten und Zeitnot haben können von Bern, Friedrichshafen, München, Mailand oder Pisa mit kleineren Propellermaschinen fliegen. Informationen bei Air Alps (Telefon 0043/29272999) oder Inter Sky (Telefon 0043/557443526). Kosten ab Friedrichshafen im April hin und zurück 150 bis 300 Euro, im Sommer bis 500 Euro.

Fähren
Die für die Elba-Passage relevanten Fährgesellschaften heißen Moby Lines und Toremar. Beide legen in Piombino ab, einer von Schwerindustrie geprägten Hafenstadt, etwa eine Motorradstunde südlich von Livorno. Die Überfahrt vom Festland nach Elba dauert rund eine Stunde. Moby Lines läuft ausschließlich die Inselhauptstadt Portoferraio an, während einige Toremar-Fähren auch andere Häfen wie Porto Azzurro oder Rio Marina bedienen. Im April/Mai 2009 kostet der Personentransfer mit Moby Lines 14,20 Euro, der Motorrad-Transport liegt bei 7,50 Euro. Toremar-Passagiere zahlen für das Motorrad 14,90 Euro, für die Personenbeförderung 9,30 Euro. Die Preise sind tagesabhängig und können erfahrungsgemäß leicht schwanken. Selbst in der Hauptsaison ist auf den dann überfüllten Schiffen für Motorräder meistens noch ein Plätzchen frei. Wer trotzdem reservieren möchte: www.mobilines.de oder www.toremar.it sowie www.navitirreno.it

Unterkunft
Die Insel verfügt über mehr als 8000 Betten in Hotels jeglicher Kategorie, über 10000 Übernachtungsmöglichkeiten auf Campingplätzen und in Feriendörfern und 2500 Betten in Appartementanlagen, da sollte für jeden etwas dabei sein. Reservierungen empfehlen sich auch außerhalb der Hauptsaison. Folgende Adressen sind bei der Hotelsuche hilfreich: www.AlberghiElba.net, www.hotelio.com, www.hoteleselba.com, www.siglinde.fischer.de, www.expedia.de/hotel_elba. Für Preis-Leistungs-Bewusste empfiehlt sich das Hotel Anna in Fetovaia (www.hotelannaisolaelba.it). Eine Übersicht über die schön gelegenen, oft sehr gut ausgestatteten, aber nicht ganz preiswerten Camping-plätze findet man unter www.eurocamp.de/Elba, www.camping.info oder www.elbalink.it. Für vergleichsweise günstige 28 Euro pro Person und Zelt kann man auf dem Platz Valle San Maria bei Lacona übernachten (www.vsmaria.it).

Mietmotorräder
TWN Rent, Viale Elba, 32, 57037 Portoferraio, Telefon 0039/0565/914666, www.twn-rent.it; Rent Mondo, Via R. Fucini 6, 57037 Portoferraio, Telefon 0039/0565/917276; Rent Chiappi, Calata Italia, 57037 Portoferraio, Telefon 0039/0565/914366, www.rentchiappi.it. Mit KTM-Adventuretours kann man auch ein Enduro-Training auf Elba absolvieren oder für 130 Euro pro Tag eine neue KTM mieten (www.ktmadventuretours.com).

Karten/Literatur
Als brauchbare Karten haben sich die Allianz Freizeitkarte „Elba“ im Maßstab 1:30000 aus dem Mairdumont Verlag für 6,95 Euro erwiesen sowie die im gleichen Maßstab gehaltene und gleich teure Kompass-Touristenkarte „Isola d’Elba“. Der handliche Merian Live!-Reiseführer von Eleonore Tomek für 9,50 Euro bietet schnelle, brauchbare Basisinformationen zu allen relevanten Elba-Themen, einen Tourenplaner, Karten sowie eine Top-Ten-Liste. Der im Michael Müller Verlag erschienene Reiseführer „Elba und der toskanische Archipel“ für 15,90 Euro beinhaltet deutlich detailliertere Tipps und behandelt ferner die wie Elba zum toskanischen Archipel gehörenden Inseln Capraia, Gorgona, Pianosa, Giglio, Giannutri und Montecristo. Für Wanderer, Mountainbiker und Enduristen besonders geeignet sind der Rother Wanderführer „Elba“ von Wolfgang Heitzmann mit 40 Touren inklusive der Granda Traversata Elbana (11,90 Euro) und der DuMont Aktiv-Führer mit 30 Touren, exakten Karten und Höhenprofilen von Horst Dieter Landeck für 12 Euro. Einen breiteren Ansatz bieten der Baedecker Allianz Reiseführer „Elba“ für 15,95 Euro und hinsichtlich kultu-reller Information besonders das gleichnamige DuMont Reise-Taschenbuch von Eva Gründel und Heinz Tomek für 12 Euro. Alle Informationen zu Elba auch unter www.infoelba.net.

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