Schnäppchentour Schwarzwald

Wir können auch billig

Maximal 15 Euro für Übernachtung und Frühstück zahlen, und das zur Hochsaison in einer Top-Ferienregion? In den Boomzeiten von Aldi, Lidl, Penny & Co. liegen Schnäppchentouren voll im Trend – und bieten maximalen Erlebniswert.

Foto: Eisenschink
Schnell zum nächsten Billig-Quatier im Schwarzwald!
Schnell zum nächsten Billig-Quatier im Schwarzwald!
Achern, Schwarzwald-Hochstraße, Parkplatz Mummelsee. Ich parke meine Honda NX 650 neben einem Sonderposten "Original Black Forest Cuckoo Clocks“ vor Dieterle’s Schwarzwaldladen, studiere den Zimmernachweis auf der Infotafel der Touristeninformation: „Berghotel Mummelsee – direkt am See, mit Holzofenbäckerei, Schaubrotbacken und Schwarzwälder-Kirschtorten-Vorführung, Ü/F im gemütl., komfort. DZ ab 38,50 Euro p. P.“ und gehe meinen Plan noch einmal durch. Ohne sperriges Gepäck wie Zelt, Schlafsack, Campingkocher sechs Tage durch den Schwarzwald touren und dabei geizen ohne Gnade. Ich bin doch nicht blöd und zahle für das Dach überm Kopf einschließlich Frühstück mehr als 15 Euro die Nacht.

Preishämmer, Top-Angebote – billig ist in. Der Tretbootverleih am Mummelsee, „30 Minuten 3,90 Euro“, hat die Zeichen der Zeit erkannt und versucht, die Passanten der Schwarzwald-Hochstraße mit einem Super-Schnäppchen zu ködern: „Täglich ab 18 Uhr kostenlos Tretbootfahren“. Doch ich muss weiter, Kurven und Schnäppchenquartiere jagen zwischen Oppenau und Freudenstadt. Noch drei Stunden bis zur Abenddämmerung.
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Foto: Eisenschink
So nicht: Mitten auf dem Marktplatz gibt's nur Nobelherbergen.
So nicht: Mitten auf dem Marktplatz gibt's nur Nobelherbergen.
In fliegender Fahrt geht’s über Schwarzwald-Hochstraße und Schwarzwald-Bäderstraße, durch Murg- und Lierbachtal. Die Kurvenbeute wächst ins Unendliche, aber Billig-Unterkünfte kommen keine in Sicht. Also weiter, über Bad Rippoldsau-Schapbach durchs Wolfachtal und über Hausach nach Hornberg. 19.30 Uhr, die Touristeninformation hat schon geschlossen, doch ein Passant weiß Rat: „Heu-Hotel Hildbrand. Am Ortsende rechts, an der Ketterer-Brauerei vorbei ins Frombacher Tal.“ Kurze Zeit später bollert der Einzylinder über ein Sträßchen, das auf meiner Karte im Maßstab 1 zu 200000 nicht einmal ansatzweise verzeichnet ist. Das Nadelkleid der Fichten rückt näher an den Fahrbahnrand, ein Bussard segelt über die steilen Schwarzwaldhänge, ganz in der Nähe gluckert ein Bach. Keine Kuckucksuhren, keine Touristen – etwa auch kein Quartier für die Nacht?

Schnäppchentour Schwarzwald (Infos)

Wer mit dem Geld für die Übernachtung geizt, macht jede Menge netter Bekanntschaften und erfährt mehr über Land und Leute als im besten Fünf-Sterne-Hotel.
Preiswert übernachten
Im Schwarzwald gibt es zwar Unterkünfte in Massen, doch Quartiere, die man mit maximal 15 Euro pro Nacht ansteuern kann, sind rar. Die regionalen und örtlichen Touristen-Informationen (Adressen siehe unten) sind bei der Suche vorab und vor Ort gerne behilflich. Genügt einem ein mehr oder weniger schlichtes »Dach überm Kopf« mit reichhaltigem Frühstück, schneiden Privatvermieter und Bauernhöfe im Preisvergleich in der Regel am besten ab. Bei einem Mindestaufenthalt von drei Tagen bieten auch Jugendherbergen für Mitglieder unter 26 Jahren eine preisgünstige Alternative (www.djh-bad-wuertt.de). Achtung: Die Kurtaxe wird bei der Preisanfrage oft unter den Tisch gekehrt, also extra nachfragen! Wer jede Nacht ein neues Quartier beziehen will, muss mit Preisaufschlägen zwischen ein und sieben Euro rechnen, also ebenfalls erkundigen. Folgende empfehlenswerten Schwarzwaldquartiere verlangen für die Einmal-Übernachtung mit Frühstück (Einzelzimmer, Mehrbettzimmer, Doppelzimmer oder »Heubox«) zwischen zehn und 15 Euro pro Nase:

Bauernhof Vetter, Stockäckerweg 1, 79843 Göschweiler, Telefon 07654/571, E-Mail: infovetter@loeffingen.de
Heu-Hotel Hasenbauernhof, Familie Hildbrand, Frombach 144, 78132 Hornberg, Telefon 07833/7104, Fax 959289, E-Mail: jhildbrand@t-online.de, Internet: www.hasenhof-hornberg.de
Trosthof, Familien Neugebauer/Wehrle, Mäderstal 2, 78120 Furtwangen, Telefon 07723/1377
Familie Wilhelm Schuler (Bauernhof), Haurihäusle 1, 79256 Buchenbach-Wagensteig, Telefon 07661/1261, Fax 627963
Monika Held (Privatvermieterin), Bergstraße 25, 79674 Todtnau, Telefon 07671/8686, Fax 962442, E-Mail: arnold.held@t-online.de
Öko-Gasthof Forsthof, Familie Beutler, 79685 Forsthof-Happach, Telefon/ Fax 07674/335, Internet: www.gasthof-forsthof.de

Literatur
Hintergrundinfos und praktische Tipps zum Thema Schwarzwald sowie Übernachtungsempfehlungen aller Kategorien bieten die Bände »Schwarzwald – Der Süden« und »Schwarzwald – Der Norden« aus der Reihe Reise Know-How für jeweils 10,50 Euro.Besondere Empfehlungen für motorradfreundliche »Schnäppchen-Hotels« finden sich auch in dem 204 Seiten starken Motorrad-Hotelführer »Angenehme Ruhe«, Edition Unterwegs, Motorbuch Verlag, 16 Euro. Auszüge aus dem Buch präsentiert das nächste MOTORRAD als Gratis-Booklet. Jetzt schon vormerken! Generalkarte »Baden-Württemberg«, 1:200000 oder Falk Regionalkarte »Schwarzwald« in 1:150000.

Informationen
Auskünfte über preiswerte Unterkünfte erteilt Tourismus Südlicher Schwarzwald, Stadtstraße 2, 79104 Freiburg, Telefon 0761/2187304, Fax 2187534, E-Mail: tss@breisgau-hochschwarzwald.de, Internet: www.schwarzwald-sued.de. Jede Menge Schnäppchen-Unterkünfte lassen sich über die lokalen Tourismusbüros entdecken. Einen tollen Service bietet beispielsweise die Tourist-Information Todtnau (Kurhausstraße 18): Nach Geschäftsschluss steht dem Quartiersuchenden ein Computerterminal zur Verfügung sowie ein Telefon, mit dem man die ausgewählten Unterkünfte kostenlos anrufen kann (Telefon 07671/969690, Internet: www.todtnauer-ferienland.de).

Lesererfahrungen
Wer hat unterwegs Erfahrungen mit Schnäppchen-Quartieren gemacht, spannende Geschichten erlebt, interessante Leute kennen gelernt und vielleicht noch dabei historische Motorradsammlungen im Schuppen entdeckt? Der melde sich doch bitte im Online-Forum oder per Brief unter dem Stichwort »Angenehme Ruhe« bei der Redaktion MOTORRAD, 70162 Stuttgart.

Schnäppchentour Schwarzwald (2)

Foto: Eisenschink
Irgendwo muss man hier doch günstig übernachten können ...
Irgendwo muss man hier doch günstig übernachten können ...
20 Uhr. Linker Hand taucht eine Pferdekoppel mit Reitstall auf; rechts ein Misthaufen, dahinter der Hildbrand’sche Hof mit dem Heu-Hotel. Eine Rezeption gibt es nicht. Wer die Hausherren finden will, schaut in der Forellenräucherei, der Schnapsbrennerei, dem Schuppen mit den Traktoren oder dem Pferde-, Hasen- oder Kuhstall vorbei. „Früher gab es hier auch noch einen Stall für 70 Schweine“, erklärt mir Johannes Hildbrand, doch den habe er vor zwei Jahren samt Getreidesilo zum Heu-Hotel umgebaut. Er führt mich zu vier durch Spanholzplatten abgetrennte Heukammern – „Bettle für etwa 16 Personen“ – jeweils mit Wandlampe und Kleiderhaken sowie einem winzigen, mit klassisch rot-weiß karierten Vorhängen versehenen Fenster, durch das der Feriengast auf die steilen Schwarzwaldhänge schauen kann. Im Parterre: Küche, Esszimmer, sanitäre Anlagen und – mit separatem Eingang – der Pferdestall. Die beiden Haflinger und noch ein Brauner haben etwas größere Boxen als die Touristen, dafür aber keine rot-weiß karierten Vorhänge.
Foto: Eisenschink
Ungewöhnlich, aber urig und günstig.
Ungewöhnlich, aber urig und günstig.
Ich schiebe die Honda in den Schuppen neben dem Hasenstall, genehmige
mir einen hausgemachten Heu-Likör, bevor ich im Heubelag meiner Zwei-mal-zwei-Meter-Box – zwölf Euro inklusive Frühstück – eine ergonomisch geformte Kuhle für die Nacht grabe. In der größeren Kammer vis-à-vis beziehen Mutter, Vater, vier Kinder und acht Stofftiere Quartier, es ertönt zufriedenes Schnarchen; die Heuhalme kitzeln an der Nase, pieken trotz untergelegter Gepäck-Rolle und Motorrad-Klamotten durch das Nachthemd; es raschelt in den Ecken, knarzt und knackt im Dachgebälk. Gegen zwei Uhr kündigt das Niesen und Schneuzen in der Nachbarzelle einen beginnenden Heuschnupfen an, die Pferde einen Stock tiefer scharren unruhig mit den Hufen, und ich sehne mich nach einem weiteren Heu-Likör.

7.15 Uhr, die Sonne dringt durch die rot-weißen Vorhänge, ein Tannenhäher kreischt aus den umliegenden Wäldern, ein Milchtanker rumpelt aus der Hofeinfahrt. Die Hildbrands sind mit dem Melken fertig – Zeit fürs Frühstück.

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