Südamerika

Pampa, Regenwald und Oldtimer

Die Weite Argentiniens, der Urwald Brasiliens und das nostalgische Ambiente in Uruguay - bei einer Tour in diesem Dreiländereck spürt man viel vom Zauber Südamerikas.

Träge wälzen sich die schlammigbraunen Wassermassen des Rio Paraná kilometerbreit dem Atlantik entgegen. Amazonas-Feeling kommt auf. Dann spannt sich eine weite Brücke über den Strom, der immerhin der zweitlängste Südamerikas ist. Von oben können Andreas, Birgit und ich fast hinter den Horizont sehen, so flach erstreckt sich die Pampa Argentiniens in alle Richtungen. Ausnahmslos grünes Weideland, durch das sich nordwärts die schnurgerade Ruta 14 zieht. Unmittelbar daneben verläuft die Grenze zu Uruguay. Kaum etwas, was den Blick ablenkt - und das schon, seitdem wir die hektische Millionenstadt Buenos Aires verlassen haben. Trotzdem sind wir fasziniert von diesem grenzenlosen Nichts, in dem wir selten auf Gegenverkehr stoßen. Lastwagenfahrer grüßen uns bereits vom weiten, anscheinend froh über etwas Abwechslung. Und nur ab und zu unterbrechen Polizeikontrollen unseren Fahrrhythmus. Aber die Beamten sind in erster Linie neugierig - Europäer sind hier selten, und sie wollen alles über unsere Motorräder erfahren. Die Kontrolle der Papiere gerät zur Nebensache.Zwei Fahrtage später. Erst weit hinter Uruguaiana bekommt der Horizont Beulen. Zuerst ein paar kleine Hügel, schließlich bewaldete Höhenzüge, die die Provinz Misiones ankündigen. Hierhin locken uns die mächtigsten Wasserfälle der Erde, die Cataratas del Iguazú im Dreiländereck von Argentinien, Paraguay und Brasilien. Wie hypnotisiert stehen wir schließlich vor dem tosenden Inferno aus braunen Wassermassen und himmelhoch stiebender Gischt. Unterhaltung zwecklos, nicht einmal Brüllen hilft. Ist aber auch egal, weil jeder von uns genug damit zu tun hat, diesen Gigantismus zu begreifen. Wasser von allen Seiten, gewaltige Ströme, die sich aus dem Regenwald heraus über Felsenkannten und unzählige Terrassen in die Tiefe stürzen. Schon die nackten Zahlen haben es in sich: 275 einzelne Wasserfälle auf einer Länge von drei Kilometern, die meisten von ihnen bis zu 70 Meter hoch. In der Regel. Denn wochenlanger Regen hat den Río Iguazú auf die vierfache Wassermenge anschwellen lassen. Aus den vielen »kleineren« Einzelfällen sind einige wenige Riesenfälle geworden - ein atemberaubendes Schauspiel, daß wir erst von der argentinischen, dann von der brasilianischen Seite gleich vier Tage lang auf uns wirken lassen. Das Ausmaß der Cataratas verdeutlicht eine lakonische Bermerkung von Eleanor Roosevelt, die Frau des früheren Präsidenten der USA, bei einem Besuch. In Anspielung auf die Niagara-Fälle fielen ihr angesichts von Iguazú nur zwei Worte ein: »Poor Niagra«.Nur ein paar Kilometer weiter windet sich eine schmale Piste entlang der argentinisch-brasilianischen Grenze durch den Regenwald bis nach Bernardo de Irigoyen. Die rote Lehmspur kurvt als Berg-und-Tal-Bahn durch den dichten Urwald. Riesenschmetterlinge tanzen in der schwülheißen Luft, ein Tukan flattert laut schimpfend über uns hinweg. Im zweiten Gang tuckern wir gemütlich durch das grüne Paradies. Plötzlich ein greller Blitz, und fast im gleichen Moment öffnet der Himmel seine Schleusen. Ein kurzes, aber heftiges Tropengewitter. Kaum zehn Minuten später bohrt sich die Sonne wieder durch die Wolken und läßt die Baumkronen dampfen. Aber aus der Piste ist in Minuten eine Rutschbahn geworden, kaum griffiger als Schmierseife. Das Vorderrad der Ténéré von Andreas blockiert sofort, weil sich zuviel zäher Lehm zwischen Schutzblech und Reifen gesammelt hat. Mann und Maschine genießen das unvermeidliche Bad im Matsch. Birgit feixt über die Fehlkonstruktion von tiefgelegten Schutzblechen, doch an der nächsten Steigung erwischt es auch sie auf ihrer BMW - und irgendwann bin ich ebenfalls an der Reihe. Schließlich weicht der rote Lehm groben Schotter. Zwar fallen uns fast die Plomben aus den Zähnen, aber wir erreichen zumindest ohne weitere Stürze den kleinen Grenzort nach Brasilien. Der Zollchef kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als ihm drei über und über mit Lehm verschmierte Gestalten die Pässe übergeben.Zwei Tage treiben wir die Enduros auf diesem Weg in Richtung Uruguay. Auf der Urwaldpiste fühlen wir uns mitten ins Herz von Amazonien versetzt, bis wir nach einer Weile nur noch durch Weide- und Farmland fahren. In Aceguá, dem Grenzort nach Uruguay, spricht uns am Abend im Hotel ein Brasilianer auf Deutsch an. Villie wohnt nur ein paar Kilometer entfernt in der deutschen Siedlung Colonia Nova, und er lädt uns spontan ein, ihn und seine Familie dort zu besuchen. Ihre Vorfahren, erzählt Villie, seien im letzten Jahrhundert von Deutschland nach Sibirien ausgewandert und hätten nach der Vertreibung während der russischen Revolution erst in Brasilien eine neue Heimat gefunden. Villie, seine Frau Edith und die drei Kinder wohnen wie viele der rund 750 Menschen im Ort in einem hellblauen, typisch sibirischen Holzhaus. Einfach, aber urgemütlich. Es macht ihnen Spaß, Gäste aus Deutschland zu bewirten. Und weil auch wir uns wohlfühlen, bleiben wir länger als geplant.Doch schließlich zieht es uns weiter, nach Uruguay. Die Formalitäten an der Grenze halten uns kaum 30 Minuten auf, dann verschwinden wir in der Weite des Landes. Pampa. Nichts Spektakuläres, nichts Großartiges, einfach nur fahren und den heißen Fahrtwind durchs offene Visier im Gesicht spüren. Hügel für Hügel, Kilometer für Kilometer. Hin und wieder kommen uns Autos entgegen. Aber was für welche! Uralte amerikanische Straßenkreuzer, zumeist aus den 50er Jahren, aber auch viele Vorkriegsmodelle, die in den kleinen Werkstätten am Straßenrand mit unglaublichen Improvisationstalent am Leben erhalten werden, da neue Fahrzeuge gerade in Uruguay sehr teuer sind. Einmal überholen wir sogar das legendäre T-Model von Ford aus den 20er Jahren - das erste Fahrzeug der Welt, das an einem Fließband produziert wurde und das bei uns zu Hause allerhöchstens in einem Museum zu sehen wäre. In Sachen Verkehr ist die Zeit in Uruguay stehengeblieben.Schnell nähern wir uns auf einer fein geschotterten Piste dem Atlantik. Kurz vor Barra del Chuy vertreibt der frische Ostwind die lähmende Hitze der Pampa, dann führt der Weg bis direkt an die Küste. Unruhig schiebt der Ozean meterhohe Wellen in Richtung Land, und wir gönnen uns den Spaß, einige Kilometer weit über den breiten, menschenleeren Sandstrand zu fahren. Nur ab und zu passieren wir später kleine Dörfer, in denen zumeist Fischer leben, die tagsüber ihre Netze zwischen den vielen bunten Holzbooten trocknen.Dann säumen auf einmal sündhaft teure Landhäuser und prächtige Villen die Straße in Richtung Süden, kurz darauf erreichen wir Punta del Este, eines der berühmtesten High Society-Seebäder des südamerikanischen Kontinents. Anstelle der Oldtimer nun fast ausnahmslos neue Nobelkarossen, die meisten mit argentinischen Kennzeichen - unter den reichen Porteños, den Bewohnern aus Buenos Aires, gilt es als schick, ein Sommerhaus in Punta zu besitzen. Uns dagegen vermag diese fast schon sterile Atmosphäre nicht zu begeistern - schnell lassen wir die Hochhäuser und Hotelburgen im Zentrum von Punta in unseren Rückspiegel verschwinden.Schattige Palmenalleen begleiten uns nach Montevideo. Es ist Samstag, und auf den vielspurigen Boulevards der Hauptstadt ist kaum etwas los. Die Hitze hat die Menschen an die Strände getrieben. Ein paar alte amerikanische Straßenkreuzer ziehen ihre Runden in den engen Gassen der Innenstadt, vorbei an den großzügigen Plazas und an den vielen Straßencafés im Schatten der kolonialen Gebäude, die ihre besten Zeiten offenbar längst hinter sich haben. Überall blättern Putz und Farbe ab, zerbröckeln die einst mit viel Stuck verzierten Fassaden. Dennoch kann die Stadt ihre einstige Pracht nicht verleugnen, und das leicht verstaubte, nostalgische Flair läßt Montevideo viel charmanter wirken, als wir es von einer südamerikanischen Metropole erwartet hätten - wir fühlen uns wie in eine andere Epoche zurückversetzt.Im Schatten unzähliger Palmen und Eukalyptusbäume rauschen wir nach Colonia del Sacramento, der wohl schönsten Kolonialstadt des Landes. Herausgeputzte, bunte Häuser, enge, mit dicken Steinen gepflasterte Wege, hochgewachsene Platanen, die gegen die Hitze der grellen Sonne abschirmen. Ruhig und gelassen geht´s hier zu - der nahe Rio de la Plata scheint den Lebensrhythmus zu diktieren, dessen träges, braunes Wasser unweit von hier in den blauen Atlantik mündet. Morgen werden wir mit einer Fähre ins gegenüberliegende Buenos Aires übersetzten. Vielleicht auch erst übermorgen.
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Infos

Pampa, tropischer Regenwald und die Cataratas del Iguazú - wer zum Beispiel längere Zeit durch Südamerika reisen möchte, bekommt im Dreiländereck von Argentinien, Brasilien und Uruguay einen ersten Eindruck von der Vielfalt des Kontinents.
Anreise: Flugtickets von Frankfurt nach Buenos Aires gibt es bereits ab 1200 Mark. Der Reisepaß reicht für alle Länder Südamerikas. Da es weder in Argentinien noch in Uruguay Mietmotorräder gibt, muß das eigene Bike entweder per Schiff oder als Luftfracht dorthin transportiert werden. Bei Luftfracht gilt: Selbst organisieren spart Geld, kostet aber Zeit. Für den einfachen Transport nach Südamerika müssen ab etwa 1400 Mark gerechnet werden. Der Rücktransport ist, wenn vor Ort organisiert, wegen niedrigerer Frachttarife billiger und schlägt mit rund 1000 Mark zu Buche. Am besten Infos von mehreren Luftfracht-Speditionen einholen oder dirket mit den Frachtabteilungen der entsprechenden Fluggesellschaften verhandeln, die über die Zentrale des Frankfurter Flughafens (Telefon 069/6901) zu erreichen sind. Wer wenig Zeit hat, überläßt die Transport-Organisation besser Spezialisten. GS-Sportreisen aus München berechnet für den Transport (hin und zurück) einer 650er Enduro 3451 Mark. Bei zwei 650ern kostet es nur noch 2478 Mark pro Bike. Infos unter Telefon 089/27818484, Fax 089/27818481. Über den Seetransport informieren Speditionen, die sich auf Seefracht spezialisiert haben. Für das Motorrad wird offiziell kein Carnet de Passage mehr verlangt. Trotzdem bestehen die Zöllner am Hafen und Flugplatz von Buenos Aires oft auf der Vorlage des Carnet, das es gegen eine Kaution von 4000 Mark beim ADAC gibt.Reisezeit: Die Jahreszeiten auf der Südhalbkugel sind konträr zu unseren. Im Hochsommer (Dezember bis März) ist mit schwüler Hitze zu rechnen. Angenehmer sind Frühjahr und Herbst. Die Atlantikstrände Uruguays sind im Januar und Februar zum Teil überlaufen, außerhalb der Saison aber fast menschenleer.Übernachten: Hotels und Hosterias in allen Orten, teilweise schon ab 16 Mark pro Person. Campingplätze sind - außer an der Küste - eher selten, Preise ab sechs Mark pro Nacht.Literatur: Das beste Werk ist für Südamerika-Fahrer nach wie vor das englische »South American Handbook« vom Footprint Verlag, das 74,80 Mark kostet und jedes Jahr aktualisiert wird. Ebenfalls eine gute Wahl: »Argentinien, Uruguay und Paraguay« von Reise Know-How für 44,80 Mark. Der argentinische Automobilclub ACA gibt Detailkarten für das ganze Land heraus, auf denen auch die Nachbarländer berücksichtigt werden. Die Karten erhält man im Land an jeder ACA-Tankstelle. Als Übersichtskarte eignet sich die R+V-Karte Südamerika im Maßstab von 1:4000000 für 19,90 Mark.Zeitaufwand drei WochenGefahrene Strecke 4000 Kilometer

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