Südamerika

Nach Feuerland

Patagonien - eine Reise bis zur äußersten Spitze des südamerikanischen Kontinents bietet unvergleichliche Naturschauspiele: dichter Regenwald, die endlose Weite der Pampa, spektakuläre Gletscher und wildgezackte Bergmasive.

Die Bewohner Patagoniens reisen nicht - sie warten, bis der Wind den Rest der Welt vorbeigeblasen hat.« Ich hatte diesen Satz vor vielen Jahren in einem Buch über Patagonien gelesen und schließlich während meiner ersten Motorradreise in den äußersten Süden von Chile und Argentinien festgestellt, daß die Aussage keineswegs übertrieben ist: An wohl keinem anderen Ort der Welt bläßt der Wind so stark und so kontinuierlich, ist das Wetter so unberechenbar wie an der Südspitze Südamerikas. Doch trotz aller Unbill hat dieses unendlich weite Land etwas Magisches, was sich mit Worten längst nicht mehr beschreiben läßt. Ich wußte nur, daß ich noch einmal bis an dieses Ende der Welt fahren wollte - durch Patagonien und bis nach Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt auf der sturmgepeitschten Insel Feuerland.Zehn Jahr später. Inzwischen liegt der Dunstkessel über der chilenischen Hauptstadt Santiago weit hinter uns. Auf der schnurrgeraden Panamericana, die sich zwischen Alaska und Feuerland durch alle Länder des amerikanischen Doppelkontinents windet, rauschen Skip, Frank und ich zügig nach Süden, ab jetzt immer in Richtung des Südpols, vorbei an den schneebedeckten Andengipfeln, an rauchenden Vulkanen. Noch herrscht eine Bullenhitze, es ist Ende Januar, und das bedeutet Hochsommer auf dieser Hälfte der Erde - der einzige Zeitpunkt, an dem eine Fahrt durch die Gebirge, Regenwälder und Steppen von Chile und Argentinien möglich ist. Frühling, Sommer und Herbst herrschen in den Monaten zwischen November und Februar, bereits ab März können Stürme, Schnee oder bitterkalte Temperaturen - oft alles auf einmal und ohne jede Vorwarnung - jedes Vorwärtskommen verhindern.In der Hafenstadt Puerto Mont ist Schluß mit Asphalt. Grober Schotter knirscht unter unseren stollenbereiften Rädern. Der Tagesschnitt sinkt rapide, ab jetzt gilt Tempo 50, wenn wir nicht im Schrittempo bombentrichter große Löcher umfahren müssen. Über 1000 Kilometer weit führt die Carretera Austral - das letzte große Werk des Diktators Pinochet - in den Süden von Chile. Erst seit Ende der achtziger Jahre durchgehend befahrbar, verbindet diese Urwaldpiste eine Handvoll Dörfer in dieser extrem zerrissenen Fjord-, Gletscher-, Berg- und Urwaldregion, die vorher nur per Flugzeug zu erreichen waren. Gnadenlos wurde der Bau vorangetrieben, um diesen Teil des Landes zu bevölkern. Doch das harsche Klima und die ständigen heftigen Regenfälle auf dieser Seite der Anden schreckten auch die hartgesottesten Siedler ab. Die Region, so scheint es, gehört nur uns.Vier Tage lang kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der ganze Einfalltsreichtum der Natur scheint hier vereint, die Geographie spielt schlichtweg verrückt. Wie eine dichte Mauer steht der Regenwald rechts und links der Piste. Überall sattes Grün, und alle Pflanzen scheinen um ein Vielfaches größer als uns bisher bekannt. Ab und an entdecken wir ebenmäßige Vulkankegel, staunen über Seen und Flüße, die fast schon unheimlich klar sind. Wie aus dem Nichts schiebt sich auf einmal der riesige Gletscher Ventisquero Colgante über eine steile Bergkante, tonnenschwere Eisbrocken brechen ab, stürzen weithin hörbar zu Tal, verschwinden und tauchen wieder auf in der schäumenden Strömung des Schmelzwasser, das längst einen reißenden Fluß gebildet hat. Vieles mag an die Alpen erinnern, doch nur wenig später entdecken wir Fjorde, die denen in Norwegen in nichts nachstehen - nur daß es in Chile viel mehr davon gibt.In Coihaique, der einzigen größeren Stadt in diesem Teil des Landes, holen wir Entbehrtes nach. Es gibt prima Hotelbetten, kühles Bier und guten Wein, frische Meeresfrüchte, hupende Autos, rote Ampeln und ein ungewohnt reichhaltiges Angebot in den Supermärkten. Doch wir bleiben nicht lange, denn wir sind viel zu aufgeregt: Unsere nächste Etappe wird uns entlang des wild zerklüffteten Nordufers des Lago General Carrera, des zweitgrößten Sees Südamerikas, endlich in das argentinische Patagonien, der Pampa, führen.Auf einmal spüren wir den Wind. Heftig pfeift er um unsere Helme, schüttelt und zerrt an den Motorrädern. Der Blick reicht ununterbrochen bis zum Horizont, kein Berg und kein Baum versperrt mehr die Sicht. Wir rauschen auf der Ruta 40 schnurstracks in diese großartige und endlose Weite Patagoniens, die sich unter einem tiefblauen Himmel erstreckt. Ab und zu kreuzen Nandus, die patagonischen Strauße, und die Lama-ähnlichen Guanakos die Piste, rennen eine Weile neben uns her, bevor sie in der weiten Grassteppe verschwinden. Sonst nichts, überhaupt nichts - und trotzdem ist es wunderschön. Ein unglaubliches Freiheitsgefühl macht sich in unseren Köpfen breit. Dieses Land muß man sehen und vor allen Dingen spüren, weil man es einfach nicht beschreiben kann.Nach fast 800 Kilometern kommen wir aus dem Staunen überhaupt nicht mehr heraus: Wir stehen vor dem wohl spektakulärsten Gletscher der Welt. Über sieben Kilometer breit, schiebt der Perito Moreno seine fast 70 Meter hohe Eisfront täglich einen Meter voran - Alpengletscher brauchen für diese Distanz fast ein ganzes Jahr. Hochhaushohe Eiswände brechen bei diesem Vorwärtsdrang ständig ab und klatschen auf die tiefgrüne Wasseroberfläche des Lago Argentino. Eine ununterbrochenes Knallen und Donnern, das von den umliegenden Berghängen vielfach zurückgeworfen wird. Hinter dem Gletscher erstreckt sich das patagonische Inlandeis, die nach Nord- und Südpol drittgrößte zusammenhängende Eisfläche der Welt. Trotz vieler Versuche hat es bisher noch niemand geschafft, dieses ewige Eisfeld der Länge nach zu überqueren. Wir überlegen eine Weile - und müssen über unsere Gedanken lachen. Nein, uns reicht schon der Ausblick auf diesen Eiskoloß vor uns. Die Kälte, die von dem Gletscher ausgeht, das laute Brechen der Eismassen und die schiere Größe der weißen, senkrecht aufragen Wand sind ein Naturschauspiel ohne Vergleich.Wir rauschen weiter auf der Ruta 40 in den Süden. Jetzt ist es nicht mehr weit bis Feuerland. Die Nächte werden empfindlich kalt, und das kurze Gras ist stellenweise schon herbstlich verfärbt. Der Winter scheint in diesem Jahr früher zu kommen als erwartet. Laut und heftig tobt der Wind über das Land und treibt auf einmal dunkle Regenwolken wie rasende Ungeheuer über unsere Köpfe. Wir geben Gas und kämpfen uns gerade noch rechtzeitig bis nach Puerto Natales, einem Nest, das aus wenigen, einfachen Holzhütten besteht. Dann öffnet der Himmel seine Schleusen, die ganze Nacht tobt und gießt es, als käme die nächste Sinntflut.Am nächsten Morgen herrscht wieder Ruhe. Unerwartet blau ist der Himmel, dafür ist die Piste in den nahegelegenen National Torres del Paine vollständig aufgeweicht. Meter für Meter wühlen wir uns durch den Dreck, es dauert Stunden, bis wir endlich vor dem gezackten Gebirge und den spektakulären Felsennadeln des Paine-Massivs stehen, das fast 2000 Meter hoch senkrecht aus dem flachen Land herausragt - ein Kletter- und Trecking-Paradies, das, würde es nicht an diesem unzugänglichen Ende der Welt liegen, längst überlaufen wäre. Drumherum gewaltige Gletscher, türkisfarbene Schmelzwasserseen und steile Grasflächen, auf denen Hunderte von Guanakos grasen. Die Tiere zeigen vor uns und den Motorrädern kaum Furcht. Bis auf zehn Meter können wir uns den Herden nähern, bevor sie die Flucht ergreifen. Drei Tage später stehen wir in Punta Arenas am Ufer der Magellan-Straße, gegenüber liegt das Ziel unserer Reise: die Insel Feuerland. Auf einem alten Kahn überqueren wir den Kanal, dann sind es nur noch 460 Kilometer bis nach Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt. Doch für diese Strecke brauchen wir volle zwei Tage. Tiefer Schotter macht uns das Leben schwer, dazu der heftige Wind, der ununterbrochen von vorne bläst. Selbst die Pausen werden zur Strapaze, und nur im spärlichen Windschatten der Motorräder können wir uns unterhalten, ohne uns gegen diesen Sturm anschreien zu müssen.Frierend und völlig eingestaubt erreichen wir das Ende des Kontinents. Ein tolles Gefühl, obwohl das stürmische Feuerland eigentlich recht unspektakulär ist. Trotzdem, wir freuen uns wie die Kinder, kaufen in Ushuaia T-Shirts und Aufkleber, feiern mit Champagner und gönnen uns trotz horrender Preise ein großzügiges Abendessen. Südlich vom Ende der Piste liegt nur noch das legendäre Kap Horn, gleichermaßen Wunschziel und Alptraum aller Segler, und von dort ist es nur noch ein Katzensprung in die Antarktis.Wieder auf dem Festland, fahren wir entlang der argentinischen Ostküste zurück in Richtung Norden. In den vielen Buchten entdecken wir Tausende von Pinguinen, beobachten sonnenbadende Seelefanten und finden riesige Gerippe aus Holz oder Stahl - Segelschiffe und Dampfer, die vor vielen Jahren von der unberechenbaren Strömung in diesen Gewässern an Land getrieben wurden. Nur selten passieren wir eine Ortschaft oder eine der ehemals prächtigen Schaf-Farmen. Einst gehörte Argentinien zu den reichsten Ländern der Welt, und die Schafbarone waren die mächtigsten Männer im Land. Doch das ist längst Vergangenheit, Gauchos - die argentinischen Cowboys - reiten zwar immer noch stolz auf ihren Pferden über die unendlichen Weiden neben der Straße, doch aus den Helden von damals sind längst Lohnarbeiter der untersten Kategorie geworden.In Comodoro Rivadavia geht´s wieder landeinwärts, quer durch die argentinische Pampa, bis auf einmal die ersten Ausläufer der Andenkette vor uns am Horizont erscheinen. Dann beginnen wieder die dichten, immergrünen Wälder, schließlich führt der Weg durch die zauberhaften Nationalparks bei Esquel und Bariloche, der sogenanten »Schweiz Südamerikas«. Doch die undurchdringlichen Wälder und vielen glasklaren Seen erinnern eher an Alaska - und die vielen aktiven Vulkane, die ihre verschneiten und ebenmäßigen Gipfel in den tiefblauen Himmel ragen, passen ganz und gar nicht in das Bild, das ich von dem Alpenland habe.Bei Mendoza überqueren wir den Andenkamm auf dem einzigen asphaltierten Paß des Kontinents, dem Paso Bermejo, rauschen vorbei am Anconcagua, mit fast 7000 Metern der höchste Berg Südamerikas, und passieren die Grenze nach Chile. Aussichtsreicher und spektakulärer hätte diese Reise nicht enden können - über 30 enge und steile Serpentienen sind ein wunderbarer und dramatischer Ausklang nach all den staubigen und oft schnurrgeraden Pisten, die nach Feuerland führen.
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Infos

Eine Reise durch den Süden von Chile und Argentinien führt durch eine der vielfältigsten Regionen der Welt: aktive Vulkane, dichter Regenwald, gigantische Gletscher und die Anden, schließlich das weite Patagonien - ein einzigartiges Reise-Abenteuer.
Anreise: Wer nicht auf das nebenstehende Angebot des MOTORRAD ACTION TEAM zurückgreifen will, kann sein eigenes Motorrad folgendermaßen nach Santiago in Chile oder nach Buenos Aires in Argentinien transportieren lassen: Die Firma GS-Sportreisen aus München hat je nach Größe und Gewicht des Bikes günstige Angebote per Luftfracht. Bis 220 Kilogramm kostet der Tranport in eine der beiden Städte ab 3121 Mark hin und zurück. Bei mehreren Motorrädern gibt es günstigere Tarife, bei Motorrädern mit einem Gewicht bis 165 Kilogramm fliegen zwei Bikes zum Preis von einem (ab 2200 Mark hin und zurück). Zusätzlich fallen noch die Kosten für das Flugticket des Fahrers an. Infos und Katalog bei GS-Sportreisen, Nordenstraße 55, 80801 München, Telefon 089/27818484, Fax 27818481. Des weiteren transportieren entsprechende Airlines Motorräder nach Südamerika. Ein einfacher Transfer für ein 220 Kilogramm schweres Motorrad bis nach Santiago kostet zum Beispiel bei der Fluggesellschaft Lan Chile zirka 1718 Mark. Infos bei Aerotrans unter Telefon 069/69589013. Lufttransporte und Verzollung im jeweiligen Reiseland verlaufen in der Regel relativ problemlos. Bei Bedarf lohnt sich auch ein Blick in die gelben Seiten: Viele internationale Speditionen bieten Seetransporte ab Bremerhaven oder Hamburg an.Dokumente: Ein Carnet de Passage für das Motorrad ist für Argentinien und Chile offiziell nicht mehr erforderlich, wird aber dennoch an den Grenzen und mit Nachdruck bei der Einreise am Flughafen verlangt. Das Dokument wird gegen eine Kaution von 4000 Mark beim ADAC ausgestellt. Für die Einreise reicht ein Reisepaß. Ein internationaler Führer- und Kfz-Schein sollte mitgenommen werden. Eine Versicherung für das Motorrad gibt es nicht.Reisezeit: Für einen Trip nach Patagonien und Feuerland eignen sich nur die (Sommer-)Monate November bis März. Trotzdem muß immer mit Regen, Schnee und Stürmen gerechnet werden. Gute wind- und wetterfeste Kleidung ist ein Muß, bei der übrigen Ausrüstung wie Zelt und Schlafsack dürfen ebenfalls keine Kompromisse gemacht werden.Übernachten: Selbst im schwach besiedelten Süden der beiden Länder können die Tagesetappen so gelegt werden, daß jeden Abend ein Hotel oder eine einfache Pension erreicht wird. Allerdings hat Argentinien inzwischen fast Schweizer Preisniveau erreicht. Wildes Zelten ist in beiden Ländern kein Problem - und ein Lagerfeuerabend ist in der phantastischen Natur ein einmaliges Erlebnis.Literatur: Ein unverzichtbarer Reiseführer ist das englischsprachige South American Handbook aus der Reihe Trade & Travel Handbooks für 84,80 Mark. Die Fülle an Infos über Land und Leute ist konkurrenzlos. Hervorragende Fotos und spannende Reportagen gibt es in der Merian-Ausgabe Chile und Patagonien für 14,80 Mark. Zusätzlich steht im ausführlichen Info-Teil eine Vielzahl von Reisetips, Unterkünften und Streckenbeschreibungen. Das GEO Special über Argentinien für 14,80 Mark bietet nicht minder spannende Themen und Infos in der bekannt guten Qualität. Für Chile lohnt sich die Karte Gran Mapa Camino de Chile im Maßstab 1:2000000 für 16,80 Mark, für Argentinien kommt die Rutas de la Argentina im Maßstab 1:2,500000 für 19,80 Mark in Frage. Weitere gute Straßenkarten gibt es an Tankstellen in den beiden Ländern.Zweitaufwand sechs WochenGefahrene Strecke8500 Kilometer

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