Süditalien

Vom Sporn zur Spitze

Traumhafte Strände, brodelnde Städte und verwinkelte Bergstrecken – viele behaupten, dass die schönsten Gegenden Italiens erst südlich von Rom beginnen. Ein Trip bis zur Stiefelspitze entpuppt sich auf jeden Fall als spannende Entdeckungsreise.

Foto: Golletz
Einsam: Bergstrecke durch den Pollino-Nationalpark bei Rotonda.
Einsam: Bergstrecke durch den Pollino-Nationalpark bei Rotonda.

La profumo del mare.“ Costantino singt aus vollem Hals. Gerade so, als wolle er eine Prise Salzluft in das südöstlich von Rom in den malerischen Monti Ernici gelegene Fiuggi locken. Quasi nebenbei führt er Corina und mich in einem betagten Fiat Topolino durch seinen Heimatort. Heute scheint er besonders gut gelaunt, grüßt und winkt an jeder Ecke aus dem stockenden Verkehr der pulsierenden Stadt zu. Für Beobachtende mag es erscheinen, als seien wir alte Bekannte von Costantino. Dabei haben wir ihn gerade erst kennen gelernt – zusammen mit seiner Frau betreibt er ein kleines Hotel, in dem wir am Abend zuvor zufällig gelandet sind. Mit einer so herzlichen Gastfreundschaft in der kleinen Herberge hatten wir allerdings nicht gerechnet. Vielleicht hat es Costantino unser Reisevorhaben angetan. Per Motorrad durch die Abruzzen, weiter nach Apulien, Kalabrien und bis Sizilien. Also einmal durch den Süden Italiens. Bevor er eine weitere Strophe von „La profumo del mare“ anstimmt, empfiehlt unser Gastgeber unbedingt eine Fahrt über die Via Appia Antica hinein in das Herz von Rom. Entgegen unseres ursprünglichen Plans, einen weiten Bogen um die Metropole zu machen, gefällt uns diese Idee nun doch.


Da bekanntlich alle Wege in die italienische Hauptstadt führen, wechseln wir von der Via Caselina auf die Via Appia Nuova. Im ersten Abschnitt präsentiert sich das älteste Gewerbe der Welt in starker Damenauswahl, dann wird es seriöser, und Tempel, Grabstätten sowie ummauerte Villen dominieren das Bild, bevor wir schließlich ins Zentrum der Metropole eindringen, die glorreiche Vergangenheit des Römischen Reichs stets vor Augen: Die Appia war einst eine Prachtstraße und die Hauptroute nach Griechenland.

Kurz darauf taucht das Kolosseum auf. Das Verkehrschaos und die Menschenmassen sind, wie befürchtet, schier unerträglich, der Schweiß rinnt quasi in die Stiefel. Erst auf dem Gianocolo, dem höchsten der sieben Hügel Roms, vertreibt etwas Wind die Hitze. Diese Stadt ist im Sommer definitiv kein Ziel für Motorradtouristen. Über die Albaner Berge und Castelgandolfo, dem Sommerwohnsitz des Papstes, fahren wir zurück in Costantinos Hotel. Eine weitere Nacht verstreicht zusammen mit Freunden des Hauses. Meine Landkarten werden um zahlreiche wichtige Anmerkungen ergänzt, mit der Folge, dass sich die daheim geplante Route um einiges verlängert.

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Foto: Golletz
Wer sich die Anreise erleichtern will, sollte über den Autozug nachdenken.
Wer sich die Anreise erleichtern will, sollte über den Autozug nachdenken.

Von Fiuggi ist es laut Karte nur ein Katzensprung über die Monti Simbruini bis in die Abruzzen. Und ab Filettino entpuppt sich die Strecke als überaus spaßig. Vorbei an goldgelben Feldern und alten Bauernhäusern geht’s nach einem mit duftendem Ginster bestandenen Steilstück durch das schöne Pacentro bei Sulmona. Allerdings haben wir uns bei diesem Gekurve mächtig in der Zeit verschätzt. Das Soll für heute lässt sich nur dadurch erreichen, dass wir nach Einbruch der Dunkelheit weiter auf dem Bock hängen und von der imposanten Scanno-Schlucht nur die felsigen Umrisse im Nachthimmel ausmachen.

Früh am nächsten Morgen ist Aufbruch angesagt. Allmählich schwinden die Abruzzen, die Ebene von Foggia breitet sich aus. Wir peilen Lucera an, das mit seinen dicken Mauern weithin sichtbar auf einem Plateau thront. Das Zentrum wirkt jedoch wie ausgestorben. Na klar, Mittagspause, zwischen zwölf und 16 Uhr geht im Süden Italiens nichts. Nur ein paar Kinder spielen Fußball, bis unsere KTM ihr Interesse weckt. Tausend Fragen müssen beantwortet werden, notfalls mit Händen und Füßen.

Der Weg zum Gargano, dem Sporn Italiens, führt durch eine endlos scheinende Agrarlandschaft. Irgendwann erhebt sich ein weißer Tafelberg am Horizont. Eine wunderbare Serpentinenstraße schlängelt sich den klippenartigen Hang hinauf, führt zu einer kleinen Kirche bei Rignano Garganico, wo wir im letzten Tageslicht einen fantastischen Rastplatz finden. Die Menge an Heiligenbildern des Padre Pio, der legendäre Wunderheiler vom Gargano, die heute die Strecke säumt, scheint inzwischen unzählbar. Seit seiner Heiligsprechung vor drei Jahren macht er Franz von Assisi in Sachen Popularität mächtig Konkurrenz. In diesem Teil Italiens findet sich kein Dorf ohne Padre-Pio-Statue, kein Souvenirladen ohne Schlüsselanhänger und kein Ape-Dreirad ohne Abziehbild mit dem Konterfei des heiligen Padre, und Pilger strömen seinetwegen in Scharen hierher. Uns locken dagegen vielmehr die zahlreichen Buchten der Gargano-Halbinsel. Endlich mal einen Tag Sand statt Sattel.

Süditalien (2)

Foto: Golletz
Bella Italia: nach der Fahrt ab ins Meer - genial, oder?
Bella Italia: nach der Fahrt ab ins Meer - genial, oder?
Von Manfredonia führt die Straße an einer ausgedehnten Saline vorbei, wir passieren Zapponeta, halten eine Weile Kurs Süd, bis es bei Barletta wieder ins Landesinnere geht. Prompt stecken wir am Abend im Verkehrsgewühl von Andria fest. Wobei es zugleich höchst amüsant ist, sich von Ampel zu Ampel mit einheimischen Rollerfahrern zu messen. Ein Spaß, bei dem eine voll beladene, mit zwei Personen besetzte KTM leider jedoch meist den Kürzeren zieht.

Obwohl schon nach 22 Uhr, brechen wir in die Berge auf, gelangen gegen Mitternacht zum mysteriösen Castel del Monte, einem mächtigen achteckigen Bauwerk, das Friedrich II. vor rund 700 Jahren errichten ließ. Noch heute wird über Sinn und Zweck dieses Gebäudes gerätselt, das umringt von Pinien weithin sichtbar einen nahezu perfekt geformten Hügel krönt. Wir sind überrascht, zu dieser Zeit noch eine Familie mit Kindern zu treffen, die vor den hell erleuchteten Mauern ein Picknick veranstaltet, zu dem wir spontan eingeladen werden.

Tags darauf peilen wir Alberobello an, und bereits weit vor dem Ort tauchen in der prärieartigen, sonnendurchglühten Landschaft die ersten Trullihäuser auf. Mit ihren runden, aus Steinen geschichteten Dächern erinnern diese Gebäude ein wenig an die Mützen der Schlümpfe. Ihre einstigen Bewohner wählten diese Bauform dagegen aus rein finanziellen Erwägungen: Sobald ein Steuereintreiber auftauchte, genügte es, den Firststein zu ziehen, um das ohne Mörtel errichtete Gebilde mit wenigen Handgriffen zum Einsturz zu bringen – kein Haus, keine Abgaben an den Staat. Klar, dass die Hütten nach Abzug der Staatsdiener sofort wieder aufgebaut wurden. Das Ganze erinnert heute allerdings an ein Museumsdorf, und für eine längere Tour zu Fuß in für italienische Verhältnisse ohnehin absurder Motorradbekleidung ist es – wieder einmal – zu heiß. Die Crux des südlichen Sommers.
Foto: Golletz
Und Kulturfreaks werden auch bedient.
Und Kulturfreaks werden auch bedient.
In den ersten Hügeln der Region Basilicata kühlt zumindest der Fahrtwind ein wenig. Wir lassen es rollen, vorbei an Matera und in einem Rutsch bis Rotonda, das fast schon am Thyrrenischen Meer, der Westküste des Stiefelabsatzes liegt. „Wenn ihr wissen wollt, warum ich zurückgekehrt bin, geht einfach hinaus auf die Piazza, dann merkt ihr schnell, was mir in Deutschland so gefehlt hat.“ Oracio hatte uns in einem Supermarkt angesprochen, und sein Mainzer Dialekt lässt auf ein halbes Leben in Deutschland schließen. Nur zu gerne folgen wir seinem Rat, schlendern nach Sonnenuntergang über den Hauptplatz Rotondas. Das ganze Dorf scheint zu flanieren, die Alten spielen Karten, und eine Gruppe Teenager erstürmt plötzlich auf Rollern und Achtzigern lautstark die Piazza, lässt die Motoren aufheulen, was niemanden zu stören scheint. Obwohl mitten in der Woche, hält das Treiben bis nach Mitternacht an.

Wenige Gasstöße, dann ist das Meer erreicht. Der Küstenabschnitt Basilicatas ist gerade einmal 30 Kilometer lang, doch um diese hervorragende Panoramastrecke wird diese Provinz von den angrenzenden garantiert beneidet. Steilküste und traumhafte Badebuchten mit dunklem Sand wechseln einander ab. Die Straße führt zumeist 100 Meter über dem Meer entlang, zirkelt kühn um bizarre Felsvorsprünge, und die Ausblicke auf das tiefblaue Wasser rauben einem schier den Atem. Der kalabresischen Küstenstraße folgend, touren wir inzwischen schon der Stiefelspitze entgegen. Abkühlung, dringend! Im tiefsten Süden herrschen inzwischen über 40 Grad, der Ventilator der KTM läuft permanent, und die glühende Abwärme röstet mir das rechte Bein. Wir flüchten vor der Mittagshitze in ein schattiges Café am Stadtrand von Reggio di Calabria. Ein alter Mann bewacht die alte, herrlich verzierte Kasse, und die Espressomaschine verbreitet einen extrem leckeren Duft, der gleich noch Lust auf das verlockend ausgebreitete Gebäck macht. Die Gedanken schweifen ab, lassen die vergangenen fünf Tage auf Sizilien noch einmal äußerst lebendig erscheinen.

Für acht Euro hatte uns die Fähre nach Messina gebracht. Über die wunderschön angelegte SS 113 ging’s durch Pinienwälder und vorbei an blühenden Ginsterbüschen in Richtung des Ätna. Traumhafte Aussichten auf Messina und die gegenüberliegende Stiefelspitze taten sich auf. Die Strecke hinauf zum Ätna, den Mongibello, wie die Einheimischen diesen noch immer äußerst aktiven Vulkan nennen, setzte noch einen drauf. Nach dem letzten Ausbruch vor drei Jahren wurde sie neu durch die erstarrten Lavafelder trassiert, wobei ein fantastischer Serpentinenkurs mit äußerst griffigem Asphalt entstanden ist, der bis auf eine Höhe von 1800 Meter führt. Das alte Siracusa unten im Süden der Insel hatte es uns komplett angetan und Noto, Ragusa... Der Barkeeper reißt mich jäh aus dem Tagtraum: Ob wir noch etwas trinken möchten? Si, einen letzten Cappuccino, denn heute soll es noch durch den Aspromonte gehen.

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