Über England nach Skandinavien

Schiffsmeldungen

„Newcastle–Norwegen, 26 Stunden.“ Eine Meldung – vor Jahren aufgeschnappt. Knapp, sehr knapp. Und doch eindringlich genug, am äußersten Pionierposten aller Nordatlantik-Fantasien zu verankern. Fixe Idee oder ganz normales Fernweh? Jedenfalls musste die Route eines Tages fallen.

Foto: Johann
Nordlandtourer dürfen nicht wasserscheu sein.
Nordlandtourer dürfen nicht wasserscheu sein.
Zur Bordwand abspannen oder zum Boden? An Rahmen, Rasten, Gabelbrücke oder Gepäckträger? Mist, es ist immer das Gleiche. Unschlüssig verknoten wir im von Lkw-Abgasschwaden durchzogenen Laderaum ein paar ölige Taue an den Motorrädern. Wie ging noch mal dieser geniale Knoten vom letzten Jahr? Verstrickungen unter Deck. In unmittelbarer Nachbarschaft entsteht eine abenteuerliche Christo-Verschnürung zwischen drei Supersportlern, die vermutlich an der ersten schweren Welle scheitern würde. Aber irgendwie geht’s ja immer gut. Ermutigend knallen wir ZRX und Fazer zum Abschied aufs Heck und schwanken rußverschmiert an Deck.

Cuxhaven–Harwich, 18 Stunden Überfahrt. Erste Etappe einer kombinierten Motorrad-Kreuzfahrt, deren Anfang eine Schiffsmeldung in MOTORRAD/2001 markiert: „Newcastle–Norwegen, 26 Stunden.“ Drei Worte, eine Zahl, sonst nichts. Eigentlich. Und dennoch Auslöser für abwegigste Fantasien: über England Kurs auf Norwegen nehmen, die ultimative Nordatlantikrunde. Zu Wasser, zu Lande, in der frischen Luft – na ja, bis auf die Sache mit den Laderäumen eben.

Tutend dampfen wir in Harwich ein. Ein Stakkato von „Drive Left!“-Schildern lotst hilfsbedürftige Neuankömmlinge in den britischen Straßenverkehr. Leicht verhaltensgestört folgen wir so links wie nur möglich der anfangs kryptischen, weil numerischen Ausschilderung, versuchen, die Ortsnamen mit den dürren Hinweisen übereinzubringen: „A 12“ heißt Richtung London. Dann auf der M 25 um die Hauptstadt herum. Dort orientiert sich die Wegweisung zur Abwechslung an den Flughäfen: Gattwick, Heathrow – wo zum Teufel liegen die? Wir wollen westwärts. Southhampton, Dorcester. Der Hinweis M 3 würde ja schon genügen. Oder ein bisschen Sonne, um die Himmelsrichtung zu peilen. Doch mit schönem Wetter ist’s erst mal Essig. Laut Vorhersage liegt das Königreich unter einem mächtigen Tiefausläufer.
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Foto: Schulz
Auf der Suche nach einem guten Bead & Breakfeast
Auf der Suche nach einem guten Bead & Breakfeast
Tankstelle, prima. Neu orientieren, bessere Landkarten kaufen. Ein Pfund sind doch irgendwelche 1,50 Euro. Ein Euro 67 Pence. Oder war’s umgekehrt? Früher jedenfalls wog das Pfund mal drei Mark. Kein Plan mehr. Vielleicht auch besser bei den Preisen. Sparen müssen wir woanders. Frisch ins vierspurige Verkehrsleben eingefädelt, das auf wundersame Weise völlig gelassen abläuft. Der gelernte Brite drängelt nicht, fügt sich in sein Schicksal hinterm Lenkrad, macht Platz, wenn einer blinkt. Absolut entspannt segeln wir auf West-Südwest-Kurs gen Cornwall, tauchen auf immer schmaler werdenden Landstraßen ins dauergrüne Idyll Südenglands ein. Dorset, Devon, Somerset – die Schrebergärten Londons quasi, wo es sich gestresste Hauptstädter zwischen weitläufigen Hügeln, Jahrhunderte alten Landsitzen, reetgedeckten Bauernhäusern und überbordenden Blumenkästen gemütlich machen. Briefkästen, schmiedeeiserne Wegweiser, Gartentore, alles sieht nach Antiquitäten aus. Und käme Königin Victoria per Kutsche ums Eck, würde das wenig erstaunen.

In Dorset beginnen die Hecken. Wie haushohe Mauern ziehen sich die gewaltigen Grünstreifen an den schmalen, oft haarig kurvigen Straßen entlang. Die Übersicht sinkt rapide, von der umliegenden Landschaft ist nichts mehr zu sehen, und bei Gegenverkehr wird’s sogar auf dem Moped eng. Zum Glück fährt hier keiner schnell. Irgendwo zwischen Piddlehinton, Piddletrenthide, Affpuddle und Tolpuddle – Ortsnamen und Puppenstuben-Atmo werden immer kurioser – flutet ein Bach ungehindert die Straße. Völlig normal, wie wir erfahren. Berührungsängste mit Wasser könne man sich in England nicht erlauben. Also gut: Visier zu, Gas. Bis zum Fünf-Uhr-Tee sind die Klamotten wieder trocken. Durch lebhafte Ortschaften, wo Trödel- neben Immobilienläden residieren, Fish & Chips-Buden zwischen Tea Rooms mit Wedgewood-Porzellan, geht’s nach Hooke. Insider-Tipp, heißt es, da darf man gespannt sein...

Über England nach Skandinavien (2)

Foto: Schulz
Wasser in seiner norwegischsten Form: der Sognefjord
Wasser in seiner norwegischsten Form: der Sognefjord
Doch welcher Empfang! Ein steinaltes Herrenhaus in einem prächtigen Park, mit Teichen, exotischen Pflanzen und Bäumen, so mächtig wie Westminster Abbey. Vom Golfstrom umspült, badet Südengland in geradezu privilegierter Wärme, bietet zusammen mit britischer Perma-Feuchtigkeit der Vegetation paradiesische Urständ, die hier so lustvoll-üppig gedeiht wie in einem Genforschungslabor. Wir bleiben. Finden freundliche Aufnahme im Gästehaus Hooke, wandern durch stilvoll möblierte Räume, intonieren die „Britannia“ auf dem alten Klavier, blicken durch große Fenster in den Garten – betrachten den eben einsetzenden Landregen. Noch wissen wir nicht, was das heißt.

Als der Regen nachlässt, sind drei Tage rum. Und wir haben verstanden. Verstanden, warum Engländer so gerne lesen, warum sie so viel Tee trinken, so gemütliche Zimmer und keine künstlich durch die Sommerzeit verlängerten Tage haben. Trotz anhaltenden Nieselwetters schnüren wir unser Bündel. Urlaub auf der Insel – es hat uns keiner gezwungen. Ab zur Küste. Über eher unspektakuläres Hügel- und Weideland an jenen markanten Punkt, wo das Meer unmittelbar an die Straße stoßen müsste. Zumindest laut Landkarte. Zu sehen ist davon allerdings nichts. Dichter Nebel macht die Orientierung nicht leichter. Okay: zu Fuß. Auf schmalen Ziegenpfaden und Geröll immer steiler abwärts. Harter Wind treibt Wolkenbänke, zerrt heulend an sich festkrallenden Büschen. Finstere Endzeitstimmung. Dann passiert, was man nur aus Filmen kennt: Ein gewaltiger Sturmstoß reißt den bleiernen Vorhang auf, gibt den Blick auf den Ärmelkanal tief unter uns frei. Als hätte sie diesen Auftritt seit Tagen geprobt, sticht die Sonne in See, den Atlantik in schier unwirklichem Blau erleuchtend. Mit weißen Schaumkronen rollen die Wellen über Felsen auf die lang gezogenen Sandstrände. Direkt vor uns das Naturtor Durdle Door. Hier trennt sich Großbritannien vom übrigen Europa.

Trockene Straßen, zum ersten Mal seit Tagen. Kurs Nordwest und wunderbare Kurven auf dem Weg zum Exmoor Nationalpark. Gluckernde Bäche in urwaldähnlichen Tälern, weidende Schafe auf den Hügeln, Wildpferde mit Fohlen zwischen Ginsterbüschen. Pures Idyll in der Grafschaft Somerset. Bis es wieder zu kübeln beginnt. Nach zwei Stunden hocken wir im ersten Pub, nach vier an der Tankstelle, nach fünf im Bushäuschen des Nationalparks. Als um 16 Uhr auch noch das Zigarettenpapier durchweicht ist, geben wir auf und werden in Porlock nahe der Bridgwater Bay bei einem Bed & Breakfast vorstellig. Der Hausherr, sich sofort an seine Bultaco-Zeiten und Deutschkenntnisse erinnerd, führt uns in Nummer fünf. Direkt neben dem Flurbadezimmer mit Wanne. 25 Pfund für Kamin, Wolldecken, Mustertapete sowie Bücher und Zeitschriften für drei Wochen schlecht Wetter. Fast hätten wir das Pub verpennt. Stürmen eine halbe Stunde vor „Last Call“ in die verrauchte, brechend volle Gaststube. Prächtige Stimmung, 70er-Jahre-Musik. Zwei „Stella Lager“ sind bis 23 Uhr noch drin.

England und seine unerschütterliche Gastfreundschaft nehmen uns immer gefangener. Warum nicht einfach bleiben? „Newcastle-Norwegen“ sausen lassen. Obwohl – nach all den Jahren? Die Neugier siegt. Entlang des behäbig dahinwallenden Severn geht’s dem Fährhafen entgegen. Bristol, Birmingham, die Midlands. Mit verrußten Industrierevieren, roten Backsteinhäusern, Weideland und Rindern bis zum Horizont. Auf den Landstraßen Traktoren der Größe mittlerer Einfamilienhäuser. Kurz vor Manchester wird definitiv klar, dass die Puppenstuben-Phase rum ist. Mächtige Türsteher vorm Pub „Red Cow“, drinnen Typen Marke Osttribüne Manchester United. Nicht ganz unser Fall. Ein Bier, dann hauen wir ab. Könnten jetzt noch in den „Weißen Bären“ oder den „Schwarzen Löwen“ gehen. Besser jedoch ins Bett.
Foto: Johann
Praktisch und weit verbreitet: norwegische Campinghütte
Praktisch und weit verbreitet: norwegische Campinghütte
Eine gute Entscheidung, denn auch so hätten wir die „Princess of Scandinavia“ fast verpasst. Der morgendliche Berufsverkehr um Manchester kostet uns mindestens eineinhalb Stunden. Als Newcastle in Sicht kommt, steht die Prinzessin schon unter Dampf. Einschiffungskai suchen. „Ja, wir wollen wirklich nach Kristiansand. Nein, nicht nach Holland“ – keine typische Reiseroute für Deutsche, wir sind die Einzigen. Ein Gefühl, wie auf einem anderen Kontinent. Fremd. Und viel, viel besser als erwartet. Auf dem Boden der Tatsachen landen wir nach Eroberung zweier Leder-Fauteuils im Admiralsclub. Genauer, nach Erhalt der Rechnung für zwei 0,2er-Bier: 3 Pfund! Kein Wunder, dass an den unzähligen Spielautomaten gezockt wird, was das Zeug hält. Alle spielen: Männer, Kinder, sogar Greisinnen in Hut und Dirndl. Romantisch versinkt die Sonne hinter den Bullaugen, begleitet vom Scheppern eines einarmigen Banditen. Vor uns stimmt die Bordkapelle ihre Instrumente: „Seemannsbraut ist die See...“

Als wir anderntags in Kristiansand an Land poltern – eine Pionierstimmung, als hätten wir die alte Welt neu entdeckt – wird in den Straßencafés der sonnigsten Stadt Norwegens gerade der Sommer in seiner strahlendsten Form genossen. 22 Grad im Schatten, Spitzenwert seit Cuxhaven. Trotzdem wirkt hier alles eine Spur kühler als drüben auf der Insel. Kühler – nicht unfreundlicher oder gar verschlossener. Weniger verspielt und dennoch fröhlicher, weniger gemütlich, aber irgendwie vertrauter. Freier. Eine Mischung aus Amerika und „old Europe“.

Keine zehn Kilometer auf der E 9, dann hat uns dieses Land in all seiner Intensität erreicht. Wilde, unverbrauchte, große Natur, auf Anhieb präsent, während England eher im Detail zu finden ist. Das Küstengebirge steigt zunehmend an, moos- und flechtenüberzogene Felsen, reißende, Gischt speiende Flüsse. Keine Herrenhäuser, keine Parks, kein Cream-Tea. Stattdessen Holzhütten, Wälder und Seen wie in Alaska, warme Würstchen mit Senf und Pappbecherkaffee. Gegessen wird an Holztischen, möglichst im Freien. Der kurze Sommer muss jede Sekunde gelebt werden.

Über England nach Skandinavien (Infos)

Diese Tour kann bedenkenlos Menschen empfohlen werden, die gleichermaßen gern zu Lande wie zu Wasser unterwegs sind. Für sie bietet diese Route absolute Erfüllung. Und da die Fährpassagen Übernachtungskosten sparen, ist’s gar nicht mal so teuer.
Anreise + Seewege
Nach England und Norwegen führen eine Vielzahl von Wasserwegen, wie die Fährenübersicht ab Seite 122 zeigt. Wir haben besonders lange und schöne Überfahrten gewählt. So ist Cuxhaven–Harwich mit der 18-stündigen Übernacht-Fähre von DFDS Seaways die ausführlichste Möglichkeit, nach England zu gelangen. Unser Hintergedanke: das Schiff als mobiles Hotel nutzen. Per Schnellfähre Calais–Dover könnte man die Überfahrt in einer Stunde abwickeln. Doch wohnt man nicht gerade im äußersten Westen Deutschlands, setzt die Anreise zu den Kanal-Fährhäfen meist ohnehin eine Übernachtung vor oder nach der Überfahrt voraus. Außerdem sind lange Überfahrten oft nicht viel teurer als die begehrteren kurzen. Der Tipp: Außenkabine buchen – der Meeresblick ist den Aufpreis zur fensterlosen Innenzelle unbedingt wert. Zumal einfache Viererkabinen mit Stockbetten meist erschwinglich sind. Rechtzeitig reservieren! Im Gegensatz zu vielen Mittelmeerfähren wird die coole Übernachtung auf Deck mit Isomatte und Schlafsack auf den Nordrouten in der Regel nicht erlaubt. Hier ist die billigste Möglichkeit der Pullmannsitz. Leider hat DFDS Seaways dieses Jahr den Rundkurs von Cuxhaven–England–Skandinavien von Kristiansand ins dänische Esbjerg verlegt. Dafür ist nun wieder Newcastle–Bergen möglich. Allerdings mit Fjordline. Alle Details – auch für die Rückreisemöglichkeiten nach Deutschland – ab Seite 122.

Die Strecke
Wir haben bei der Tour Wert auf größtmögliche Vielfalt und Kontraste gelegt: vom fast tropisch-mediterranen Südengland bis zum vergletscherten Hochgebirge in Südnorwegen, wo bereits Breitengrade von Alaska und Yukon erreicht werden. Wer mehr Zeit hat, kann sich außer Cornwall an der Südwestspitze noch den Lake District in Nordengland ansehen (Reisebericht in MOTORRAD 16/2002) oder schließt eine knackige Schottlandrunde an. Besonders reizvoll: die Küstenroute im Westen und Norden (Heft 7/2001). In Südnorwegen ist man bereits im optimalen Terrain unterwegs, da dort die landschaftlichen Highlights des Landes liegen (Heft 17/2003). Hier lohnt eher die Intensivierung als Erweiterung des Aktionsraums. Echte Abenteurer und Kilometerfresser können aber auch die Route über den Polarkreis bis nach Schweden und Finnland erweitern (Heft 10/2001). Bis Russland ist es dann ebenfalls nicht mehr weit.

Reisezeit
Die Hochsommermonate Juli und August eigenen sich am besten, da bei Motorradreisen im Norden die Priorität auf maximaler Wärme und Trockenheit (na ja!) liegen muss. Unbedingt regensichere und warme Kleidung sowie Mückenschutzmittel mitnehmen.

Übernachten
Wie die Länder, so die Quartiere. England ist das Land der kontaktfreudigen Menschen und damit der privaten Bed&Breakfast-Quartiere, die es ab 20 Pfund (29,50 Euro) pro Nase und mit meist üppigem Frühstück gibt. In Norwegen wird dagegen eher auf Natur und Selbstversorgung gesetzt und in rustikalen Hütten genächtigt. Beide Formen sind jeweils ausgesprochen landestypisch, daher am weitesten verbreitet und am preiswertesten. Die an den Straßen ausgeschilderten (sowie auf den genannten Karten verzeichneten) Hütten liegen häufig an Seen, Flüssen oder auf Campingplätzen. Einfache Modelle beginnen ab 30 Euro pro Nacht und sind in der Regel mit vier Stockbetten für Schlafsackübernachtung, Heizung, einer Kochgelegenheit mit Geschirr und Sitzecke ausgestattet. Sanitäranlagen sind meist separat und liegen auf (gutem) Campingplatzniveau.

Literatur
Über Südengland informiert sehr gut das DuMont-Reisetaschenbuch »Cornwall, Somerset, Devon, Dorset« für zwölf Euro. »Südnorwegen« wird in derselben Reihe ebenfalls gut beschrieben. Wer es ausführlicher mag, greift zu »Südnorwegen« von Reise Know-How für 19 Euro. Karten: In England hat sich neben einer Michelin-Übersichtskarte in 1:1 Million die vierblättrige Regionalserie desselben Verlags in 1:400000 bewährt, die genügend Details bei ausreichender Übersicht bietet. Für die Tour: Blatt 503, England Süd-West, Wales, Midlands. Kartenliebhaber finden beim britischen Ordnance Survey Verlag (www.ordnancesurvey.co.uk) topografische Serien in mehreren Maßstäben. Sie reichen von der Wanderkarte bis zur höhenprofilierten Straßenkarte im Maßstab 1:250000. Problem: in Deutschland schwierig zu kriegen. In Norwegen kommt Kümmerly & Frey mit den Blättern Süd- und Mittelnorwegen I in 1:325000 zum Einsatz sowie die Skandinavien-Übersichtskarte von Mairs in 1:800000.

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