Unterwegs in Osteuropa

Einmal Ostsee–Ägäis

Abenteuer gibt’s nur in Afrika oder Asien? Von wegen! Ein Trip von Polen via Tschechien, Ungarn, Rumänien und Bulgarien bis nach Griechenland ist nicht weniger spannend.

Foto: Wolf
Osteuropa-Tour, MOTORRAD 22/2003
Osteuropa-Tour, MOTORRAD 22/2003
Patrick und ich haben die polnische Ostseeküste im Visier, halten stur Kurs Nord, seit wir vor einigen Tagen unsere Heimatstadt Innsbruck verlassen haben. Trotz guter Straßen entpuppt sich der letzte Teil unserer Anreise im Westen von Polen als äußerst zähe Angelegenheit: Ständig müssen wir die Triebwerke unserer Enduros bis zum Anschlag quälen, um an den unzähligen stinkenden Lkw vorbeizukommen. Schon klar, dass sich unsere Suzuki DR 650 und DR 500 kaum zum Kilometerfressen eignen, aber deshalb sind wir auch nicht hier. Unser Plan: auf Landstraßen von der Ostsee durch Polen, die Slowakei, Rumänien und Bulgarien bis hinunter an die griechischen Mittelmeerstrände zuckeln.

Endlich blitzt zum ersten Mal das Meer durch die Bäume hindurch. Doch wenig später wird unsere Lust auf Sonne, Sand und Wellen praktisch im Keim erstickt: Die Strände von Sopot oder Kolobrzeg stehen in der Badetuchdichte den Mittelmeerstränden von Rimini oder Lorett um nichts nach. Nachts lassen uns die Bässe, die aus den vielen Discos schallen, kaum schlafen.
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Foto: Wolf
Osteuropa-Tour, MOTORRAD 22/2003
Osteuropa-Tour, MOTORRAD 22/2003
Wir flüchten auf die schmale Halbinsel Hel, entdecken ein kleines Paradies. Direkt am Meer schlagen wir unser Zelt in den Sanddünen auf. Kein Mensch weit und breit, und während sich unsere Füße im Sand vergraben, taucht die Sonne gerade in die Ostsee ein und zaubert ein orangenrotes Farbspiel an den Horizont. An diesem Abend schmeckt sogar das polnische Dosenbier ausgesprochen gut.

Rundum zufrieden legen wir uns schlafen – was sich als ein sehr kurzes Vergnügen erweist. Mitten in der Nacht werden wir unsanft von zwei schwer bewaffneten Soldaten der polnischen Marine geweckt. Wir hätten sofort zu verschwinden, das sei militärisches Sperrgebiet. So schnell haben wir noch nie die Motorräder beladen.

Etwas übermüdet landen wir am nächsten Tag in Danzig, nehmen uns Zeit für einen Bummel durch die schmalen Gassen der mittelalterlichen Altstadt, bestaunen die vielen prachtvoll renovierten gotischen Kirchen und Gebäude. Den berühmten Danziger Bernstein gibt es an jeder Ecke in allen erdenklichen Variationen zu kaufen: als Feuerzeug, Briefbeschwerer, Ohrring oder Schlüsselanhänger. Ob es auch einen bernsteinbesetzten Tankdeckel gibt?

Unterwegs in Osteuropa (Infos)

Frankreich, Italien oder Spanien stehen hoch im Kurs, wenn’s in den Urlaub geht. Aus gutem Grund. Man weiß eben, was einen erwartet – im Positiven wie im Negativen. Osteuropa ist dagegen die große Unbekannte. Und Geschichten mafiöser Zustände am Straßenrand halten sich hartnäckig. Dabei ist der Osten besser als sein Ruf. Viel besser, wenn man bereit ist, ein wenig zu improvisieren. Wer jetzt dorthin reist, wird einen ungemein interessanten Teil Europas entdecken.
Unterkünfte
Reiseinfos über Osteuropa lassen sich nur schwer verallgemeinern, da sich die einzelnen Länder nicht nur landschaftlich, sondern besonders in Sachen Infrastruktur stark unterscheiden. Grundsätzlich verfügen Polen, die Tschechische und Slowakische Republik sowie Ungarn über einen annähernd »westlichen« Standard. Allenfalls in sehr abgelegenen Regionen kann die Versorgungslage – wie in Südeuropa – ein wenig dürftiger sein. Wer dagegen nach Rumänien oder Bulgarien reist, sollte sich darauf einstellen, dass trotz einer immer besser werdenden Infrastruktur die Suche nach einer Unterkunft schon mal etwas länger dauern kann. In einem einfachen Zimmer in einer Privatpension, die sich fast überall finden lässt, schläft man ab zehn Euro. Für eine Hotelübernachtung in einer Großstadt oder an touristisch interessanten Orten muss ab 35 Euro gerechnet werden. Zelt und Schlafsack sorgen für mehr Unabhängigkeit – Campingplätze werden besonders in den Karpaten immer zahlreicher.

Problemlose Einreise
Ein mindestens noch sechs Monate gültiger Reisepass, der Kfz-Schein und eine grüne Versicherungskarte für das Fahrzeug genügen für die im Text erwähnten Länder. An den Grenzen muss mit Wartezeiten gerechnet werden; Motorradfahrer werden aber sehr zuvorkommend behandelt. Für Russland oder die Ukraine benötigt man ein Visum, das mehrere Wochen vorher beantragt werden muss: Konsularabteilung der ukrainischen Botschaft, Telefon 030/288870, www.botschaft-ukraine.de; Russische Botschaft, Telefon 030/2291129, www.russische-botschaft.de. Inzwischen lässt es sich mit einigen Einschränkungen nach Mazedonien (siehe www.auswaertigesamt.de) sowie Albanien reisen. Eine An- oder Rückreise über den Balkan via Kroatien ist also nicht mehr ausgeschlossen.

Keine Angst!
Hartnäckig halten sich Vorurteile – vom Fahrzeugklau über organisierte Räuberbanden bis zum gemeinen Trickbetrüger. Fakt ist: Wer seine Wertsachen nicht offen liegen lässt und sein Fahrzeug stets auf einem bewachten Parkplatz oder in der Hotelgarage abstellt, wird ziemlich sicher keine Probleme haben. Zudem gelten Motorräder nicht als bevorzugtes Diebesgut. Eine größere Vorsicht gilt – wie überall – in Großstädten und auf den stark befahrenen Transitstrecken. Nachts sollte man wegen unbeleuchteter Baustellen oder Fuhrwerke nicht unterwegs sein. Generell können alle Länder mit jedem Straßenmotorrad bereist werden. Eine Reichweite von etwa 200 Kilometern genügt. Bleifreies Benzin gibt es an allen größeren Tankstellen. Das komplette Bordwerkzeug, Reifenflickzeug, Bowdenzüge, Kettenspray sowie Kupplungs- und Bremshebel mitnehmen.

Keine Euroländer
Der größte Nerv bei Reisen durch Osteuropa ist die Geldwechselei. Generell gilt: Niemals schwarz tauschen, sondern die amtlichen Wechselstuben an den jeweiligen Grenzen anpeilen. Weiter tauschen Hotels und Banken Euros um. Mit der EC-Karte kann an in jeder Stadt Geld an Automaten abgehoben werden. Kreditkarten werden von größeren Hotels und Geschäften akzeptiert. Tipp: Alles Geld aus Land A ausgeben, bevor man in Land B einreist, weil man es entweder nicht ausführen darf (Polen, Bulgarien) oder es sich nicht tauschen lässt (Bulgarien akzeptiert keine rumänischen Leu). Über aktuelle Wechselkurse informieren größere Tageszeitungen, die meisten Banken oder unter www.waehrungsrechner.de schauen.

In Gruppen reisen
»Roberts Motorradreisen« (Telefon 0511/876050; www.roberts-motorradreisen.de) bietet geführte Touren durch viele Teile Polens, durch das Baltikum und nach Rumänien an. »Hit-Motorradreisen« (Telefon 0911/2878505; www.hit-mr.de) hat sich auf Tschechien und die Slowakei spezialisiert. Offroad-Fans wenden sich an den ehemaligen Dakar-Piloten Michael Griep, der durch Ungarn führt (Telefon 0711/6209493; www.roadbooktouren.de). Ebenfalls ein Tipp für Geländefreaks: die Enduromania, eine Offroad-Sternfahrt durch die rumänischen Karpaten. Infos unter Telefon 069/6702652; www.enduromania.de.

Gut informiert
Handlich und zudem recht informativ sind die jeweiligen etwa 130 Seiten starken Marco-Polo-Führer für je 7,95 Euro (www.marcopolo.de). Deutlich mehr Infos liefern die entsprechenden »dicken« Ausgaben von Reise-Know-How (www.reise-know-how.de). Der Osteuropa-Band aus der Edition Unterwegs macht, obwohl nicht mehr ganz aktuell (Stand 2000), mit sieben Motorrad-Reisegeschichten viel Lust auf diese Region; 16 Euro (www.motorbuch-versand.de). Beim Auswärtigen Amt erfährt man unter www.auswaertigesamt.de alles über Einreisebstimmungen sowie eventuelle Reisewarnungen. Wer von Griechenland per Fähre zurückreisen möchte, muss für eine Person plus Motorrad für eine einfache Passage bis Venedig ab etwa 160 Euro rechnen. Buchungen sind in jedem Reisebüro oder beispielweise bei DERTRAFFIC unter Telefon 069/95885800 möglich. Im Internet informieren www.ocean24.de oder www.ferriesonline.com über nahezu jede europäische Fährverbindung. Die Shell Eurokarten aus dem Hause Marco Polo decken die Länder Osteuropas im Maßstab 1:750000 ab. Für je 7,50 Euro. Von Freytag & Berndt kommt »Balkan/Südosteuropa« im Maßstab von 1:2000000 für 9,80 Euro. Für eine Reise durch Rumänien und Bulgarien empfiehlt sich die gleichnamige Travelmag-Karte im Maßstab von 1:800000 für 7,50 Euro.

Unterwegs in Osteuropa (2)

Foto: Wolf
Osteuropa-Tour, MOTORRAD 22/2003
Osteuropa-Tour, MOTORRAD 22/2003
So attraktiv diese Hansestadt ist – der Gedanke an die Strecke, die noch vor uns liegt, treibt uns weiter. Endlos scheinende Alleen führen durch die Masuren, die Seenplatte im Nordosten des Landes. Wir rauschen durch uralte Buchenwälder und passieren hübsche kleine Dörfer. Dieser Teil Polens gefällt uns so gut, dass wir uns spontan für eine mehrtägige Kanutour entscheiden.

Die Suche nach zwei geeigneten Booten entpuppt sich jedoch als beinahe detektivisches Unterfangen. Erst nach drei Tagen finden wir in Suwalki einen Verleih, der uns zwei uralte und nicht sehr Vertrauen erweckende Kanus überlässt, mit denen wir fast 100 Kilometer weit die Elk erkunden wollen. Im oberen Flusslauf schlängelt sich das schmale Gewässer, von vielen idyllischen Seen unterbrochen, durch unberührte, wildromantische Landschaften. Alaska-Feeling kommt auf. Wir zelten in kleinen Buchten und verpflegen uns mit selbst gefangenem Fisch. Bis auf den Muskelkater von der ungewohnten Paddelei fühlen wir uns einfach nur gut. Einzig Moskitos stören dieses Idyll.
Foto: Wolf
Osteuropa-Tour, MOTORRAD 22/2003
Osteuropa-Tour, MOTORRAD 22/2003
Das Bild ändert sich drastisch, nachdem die Elk das gleichnamige Städtchen durchflossen hat. Zwei Tage lang rudern wir durch eine dreckige Brühe. Der Eindruck von der berühmten Seenlandschaft der Masuren ist äußerst zwiespaltig. Uns zieht es zurück zu den Motorrädern.

Wieder im Sattel der Enduros, schlagen wir nun Südkurs ein. Auf den Transitrouten ist die Verkehrsdichte allerdings enorm und der Straßenzustand teilweise miserabel, weil die schweren Lkw tiefe Spurrinnen in den ohnehin schlechten Belag gegraben haben. Und bei Regen verwandeln sich die schmutzigen Straßen schnell in gefährliche Rutschbahnen. Die Nebenstraßen erweisen sich dagegen als positive Überraschung: kaum Verkehr und ein erstaunlich guter Belag. Selbst für Straßenmotorräder wären diese Strecken problemlos machbar. Wir passieren Warschau und gelangen relativ entspannt in das am Nordrand der Hohen Tatra gelegene Zakopane.

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