Wales

Im grünen Bereich

Für Schräglagensüchtige ist Wales sicher kein Paradies. Aber wer verwinkelte Single Tracks durch grüne Berge mag und hinter fast jeder Ecke monumentale Burgen oder aktive Dampfbahnen entdecken will, der ist hier goldrichtig.

Foto: Deleker
In Wales gibt es angeblich über 400 Burgen oder Ruinen davon - Pause vor Carew Castle.
In Wales gibt es angeblich über 400 Burgen oder Ruinen davon - Pause vor Carew Castle.

Das graue Grauen verschluckt die grüne Welt. Wie ein schwerer nasser Lappen hat sich dichter Nebel über das Land gelegt. Er dämpft die Geräusche und nimmt jede Sicht. Nur das gelegentliche Blöken eines Schafs ist zu hören. Mein Zelt steht auf einer buckeligen Farmweide im Nationalpark Snowdonia, einer der eindrucksvollsten Landschaften von Wales. Aber davon ist gerade nichts zu sehen. Im Gegenteil, ich habe schon leichte Orientierungsprobleme, wenn ich bloß das Toilettenhaus des einfachen Campingplatzes GPS-los finden will. Der Farmer knattert mit seinem Quad vorbei, treibt ein paar Schafe vor sich her. Offenbar kommt er mit dieser Suppe hervorragend zurecht. „Es könnte schlimmer sein“, meint er trocken, „immerhin schneit es nicht!“ Britischer Humor.

Das Wetter –, die Waliser lieben es, darüber zu reden. Es wird maximal von Rugby übertroffen. Denn sobald ein wichtiges Spiel ansteht, diskutiert die Nation tagelang über nichts anderes. Vor allem, wenn es gegen England geht, den ungeliebten Nachbarn. Dann ist sogar das Wetter egal. Mir hingegen ist Rugby egal, und ich interessiere mich ausschließlich fürs Wetter. Vor allem jetzt. Die Vorhersage ist schon fast zu gut, verspricht Sonne und über 30 Grad. Aber wie so oft sieht die Realität anders aus als die Berechnungen der Meteorologen. Immerhin hat sich inzwischen Licht in den Nebel gemischt. Schemenhaft sind die Bergevon Snowdonia zu erkennen. Ihr König, der Mount Snowdon, bringt zwar nur vergleichsweise magere 1085 Meter zusammen, erscheint aber mit seinen steilen Flanken mindestens doppelt so hoch und vergleichbar mit manch 2000er-Alpenriesen.

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Foto: Deleker
Single Tracks sind nichts für Schräglagensüchtige.
Single Tracks sind nichts für Schräglagensüchtige.

Schroff und zerklüftet konturiert, gelten die Felsen von Snowdonia als walisisches Bergsteiger-Dorado. Sogar EdmundHillary trainierte hier, bevor er 1953 als erster Mensch den Mount Everest bezwang. Mir ist allerdings eher nach Fahren zumute als nach Klettern. In Snowdonia ebenfalls kein Problem. Alpine Kurvenorgien kann man indes nicht feiern, klettern die höchsten „Pässe“ doch gerade mal auf 350 Meter hoch. Motorrad-Wandern ist angesagt, sanftes Schwingen zwischen Seen, Bergen und dicken Kiefern. Snowdonia bietet ausgeprägte Genussstrecken.

Die wenigen Orte passen perfekt zum fast schwermütigen Charme der Berge. Schmucklose Häuser aus groben, grauen Steinen, über deren Kaminen weißer Rauch steht, der sich allmählich mit dem Nebel vereint und die Luft mit dem würzigen Aroma der Torffeuer schwängert. Melancholie wie im November. Hektik verbreiten nur die vielen Touristen, die jetzt im August den Nationalpark überschwemmen. Jedoch hier in den Bergen mit deutlich weniger Wucht als in den Seebädern am Atlantik und an der Irischen See. Wer im August Ruhe sucht, findet sie allenfalls in den Cambrian Mountains, weitab von allen Stränden.

Also auf in die Berge. Am besten über kleinste Nebenstraßen, in Wales meist einspurige, löchrige, von dichten Hecken eingerahmte Wege, den berühmten Single-Track-Roads – dem Markenzeichenganz Großbritanniens. Mein Favorit ist die Straße durchs Cwm Cynllwyd zum Bwlchy Groes. Was für Namen! Unmöglich, sie auch nur halbwegs unfallfrei auszusprechen. Zum Glück entpuppen sich einige der vielen Konsonanten als verkappte Vokale. Aus w wird beispielsweise u, und schon lässt sich Cwm wie Kumm aussprechen. Der Bwlch y Groes ist mit 550 Metern der höchste Pass in Wales. Er verbindet zwei wunderschöne und perfekt dem Wales-Klischee entsprechende Täler. Tief eingeschnitten, von eiszeitlichen Gletschern zu einer sauberen U-Form geschabt, ausgelegt mit den grünsten aller Wiesen und eingerahmt von genauso grünen Hügeln. Zwischendrin weiße Tupfer – die wenigen großen sind Häuser, die vielen kleinen Schafe. Auf der Passhöhe wirkt die Landschaft extremer und erinnert an das schottische Hochland: große runde Berge, braungrünes Gras, Moor, Weite und Einsamkeit. Die überfüllten Strände in lediglich 40 Kilometer Entfernung scheinen aus einer anderen Welt.

Wales (2)

Foto: Deleker
Vom Aussterben bedrohte rote Zellenart.
Vom Aussterben bedrohte rote Zellenart.
Ich halte Kurs und folge den fast verkehrsfreien Single Tracks südwärts. Obwohl die Sonne den Nebel längst verdampfen ließ, fällt die Orientierung nicht immer leicht. Manche der skurrilen Ortsnamen auf den Schildern sind in der 1:250000-Karte nicht verzeichnet. Immerhin bekomme ich bei der Sucherei langsamein Gefühl für die Sprache, da sich viele Namensteile wiederholen. Wie cwm, was Tal bedeutet, oder lyn fürSee und bwlch für Pass.

Mit fortschreitendem Südkurs nehmen die spannenden kleinen Bergstraßen leider ab. Rolling hills bis zum Horizont, Wiesen, Felder und Äcker. Kulturlandschaft. Einfach nur fahren im gleißenden Licht des viel zu heißen Nachmittags. Das Wetter erfüllt doch noch alle Prognosen, und ein Hoch über der Nordsee schaufelt emsig feuchtwarme Mittelmeerluft nach Wales. Es sorgt nun für extrem dunstige Schwüle mit über 30 Grad. Die Luft ist dick zum Schneiden und in den Motorradklamotten kaum mehrerträglich. Entsprechend früh breche ich anderntags auf, um das ehemalige Kohle- und Eisenhüttenrevier in den Tälern nördlich von Cardiff zu erkunden. Die Wiege des Maschinenzeitalters – heute eine traurige Gegend. Im 19. und 20. Jahrhundert förderten dort über 200 Bergwerke den schwarzen Brennstoff, und Cardiff galt als größter Kohlehafen der Welt. Die Männer schufteten für den Reichtum Englands, lebten selbst in Armut und der bedrückenden Enge ihrer Arbeitersiedlungen. Zurückgeblieben vom verklungen Kohle- und Eisenboom sind verwüstete Landstriche, riesige Abraumhalden, uniforme, graue Reihenhaussiedlungen und die höchste Arbeitslosenquote des Landes. Inzwischen wurden einige der Kohlezechen zu Museen umfunktioniert und die Schlackenhalden begrünt, aber eine rosige Zukunft sieht anders aus.
Karte: Maucher
Reisedauer: zehn Tage; gefahrene Strecke: 1500 Kilometer.
Reisedauer: zehn Tage; gefahrene Strecke: 1500 Kilometer.
Ich flüchte vor dieser deprimierenden Stimmung, treibe die Dominator westwärts zu den Stränden der Gower Halbinsel und stelle den Einzylinder erst ab, als die Straße hoch über der Bucht von Rhossili endet. Der Kontrast zum Kohlerevier könnte nicht extremer sein. In weitem Halbrund schimmert die traumhafte Bucht im warmen Abendlicht, gerade mal eine Hand voll Menschen verliert sich auf dem breiten Sandstrand. Ein einzelnes weißes Haus schmiegt sich zwischen Meer und die grünenBerge, frischer Wind weht über die senkrecht aus dem Ozean aufsteigenden Klippen und lässt die Hitze des Tages vergessen.

Ich bleibe in Meeresnähe, hangele mich entlang der Küste von Bucht zu Bucht. Und erreiche schließlich das alte, geradezu mediterran anmutende Seebad Tenby. Eine Postkartenschönheit: Mehrstöckige pastellfarbene Häuser flankieren das Hafenbecken, bunte Fischerboote dümpeln im Wasser, und eine markante Burgruine thront über allem. Tenby hat Charme und Atmosphäre, versucht die stilistische Kombination eines italienischen Cinque-Terre-Dorfes mit britischer Westküste. Doch Tenby ist im August genauso hoffnungsvoll überlaufen wie Vernazza an besagter Mittelmeerküste.

Westlich von Tenby entlang der Pembrokeshire Coast wird es ruhiger. Winzige Stichstraßen enden in kleinen Buchten weitab vom Sommertourismus. Über den Klippen segeln Möwen, vereinzelte Sturmtaucher und sogar Basstölpel, irgendwo wacht ein einsamer Papageientaucher reglos vor seiner Bruthöhle. Wer spektakuläre Szenen sucht, ist in dieser Ecke des Landes am falschen Platz. Die hügelige Landschaft bezaubert eher durch Ruhe, zerklüftete Küstenformen und winzige Straßen, die sich kreuz und quer um die grünen Hügel winden. Auf diesen oft unübersichtlichen Single Tracks würde auch ein Moped mit 17 PS reichen, denn mehr Leistung bedeutet hier keineswegs mehr Fahrspaß.

Ich versuche, die langweiligen A-Straßen zu meiden, mich stattdessen auf Nebenstraßen der Kategorien B und C Richtung Nordosten zurück nach Snowdonia zu schlagen. Und bleibe alle naselang vor gewaltigen Burgen und Ruinen stehen. Mit mehr als 400 Exemplaren rühmt sich Wales der größten Burgendichte Europas. Viele Festungen lassen auf viele Kriege schließen. Und tatsächlich, vor allem im 12. und 13. Jahrhundert prügelten sich die Waliser ausgiebig, bekamen aber auch ordentlich was auf die Mütze. Meistens von den Engländern. Die waren es dann auch, die ihre Vormacht durch riesige Festungen im Land manifestierten. Während die größten Burgen wie Conwy, Caernafon, Caerphilly oder Harlech die Touristen magisch anziehen, interessiert sich für die vielen kleinen, oft nirgends verzeichneten Ruinen kaum jemand. Vermutlich bräuchte man Jahre, um alle historischen Gemäuer des Landes aufzuspüren.

Wales (Infos)

Wer den Westen Großbritanniens bereist, trifft auf ein liebenswertes Land, nette Menschen und herrlich verwinkelte Single-Track-Roads. Die Kosten sind allerdings nicht zu unterschätzen.
Anreise
Die bequemste Art, Wales zu erreichen, ist die P&O-Nachtfähre von Rotterdam (Abfahrt 21 Uhr) oder Zeebrügge (Abfahrt 19 Uhr) nach Hull. Von dort erreicht man in etwa drei Stunden den Norden von Wales. Die einfache Überfahrt kostet für eine Person mit Motorrad in der Hauptsaison ab 110 Euro, als 5-Tage-Angebot für Hin- und Rückfahrt ab 132 Euro. Weitere Anreisemöglichkeiten bieten die zahlreichen Kanalfähren, beispielsweise Calais–Dover, Zeebrugge–Dover oder Hoek van Holland–Harwich. In diesen Fällen ist zwar die Seefahrt kürzer (wenn auch nicht unbedingt billiger), dafür die Strecke durch England nach Südwales deutlich weiter. Infos bei P&O Ferries, Luxemburgweg 2, 3180 AC Rozenburg/Holland, Telefon 0180/5009437 oder unter www.poferries.com. Sämtliche Infos zu weiteren Fähren gibt es im Internet beispielsweise unter www.faehre-vff.de.

Reisezeit
Beste Bedingungen bieten die Monate Mai bis September. Während der Hauptferienzeit im Juli und August kann es allerdings vor allem entlang der Küste erstaunlich voll werden. Bisweilen zeigen da sogar die Campingplätze die rote Karte. Wechselhaftes Wetter ist generell typisch für Wales. Häufige Schauer werden jedoch auch von sonnigen Perioden abgelöst, und lange Schlechtwetterphasen machen sich zum Glück seltener breit als tagelanger Sonnenschein. Die trockensten Monate sind laut Statistik Mai und Juni, die höchsten Temperaturen im Sommer zwischen 15 und 25 Grad anzusiedeln.

Übernachten
Wales verfügt über ein dichtes Netz von Campingplätzen. Oft in schöner Lage, manchmal aber auch in Form hässlicher Wohnwagen-Siedlungen. Pro Zelt und Person kostet eine Übernachtung zwischen fünf und zehn Euro. Die meisten Reisenden wählen eines der zahlreichen Bed & Breakfast-Angebote. Die B&B-Kategorien variieren von einfach bis luxuriös. Dem entspricht auch die Preisspanne, die bei etwa 30 Euro beginnt und in dreistelligen Höhen endet. Zusätzlich bieten Hotels und Gasthäuser Übernachtungsmöglichkeiten. Auch hier gilt die Überfüllungswarnung für die begehrten Sommermonate Juli und August.

Finanzen
Landeswährung ist das Britische Pfund (£), und der Kurs liegt derzeit bei rund 0,70 Pfund pro Euro. Am einfachsten funktioniert der Geldnachschub über Kreditkarte und Geldautomaten, die überall im Land zu finden sind. Leider zählt Großbritannien zu den teuersten Ländern Europas. Wer nur in Hotels übernachtet und in Restaurants essen geht, wird wohl schnell pleite sein. Camper und Selbstversorger kommen dagegen halbwegs preisgünstig über die Runden.

Literatur
Reiseführer über Wales gibt es nur wenige. Meist wird es in Großbritannien-Führern mitbeschrieben. Als allwissender Reisebegleiter empfiehlt sich »Wales« aus der Reihe Reise Know-How für 19,90 Euro. Ebenfalls gut ist der Wales-Führer vom Velbinger-Verlag für 21,50 Euro, wenn auch bereits 1997 erschienen. Im Kompaktformat lohnt das Reisetaschenbuch »Wales« von DuMont für zwölf Euro. Der gleichnamige HB-Bildatlas »Wales« für 8,50 Euro eignet sich optimal zur Einstimmung. Gute Landkarten im Maßstab 1:250000 für 9,90 Euro gibt der Verlag Ordnance Survey heraus (Wales Blatt 6).

Information
Zahlreiche Broschüren und Internetseiten geben Auskünfte über das Land. Erste Info-Adresse sind die Internetseiten www.visitwales.de, www.godowales.com und www.visitbritain.de. Auf diesen Seiten können auch Broschüren bestellt werden. Weitere Kontaktadresse: British Tourist Authority, Westendstraße 16–22, 60325 Frankfurt, Telefon 069/971123.

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