West-Australien

Neue Heimat

Kindheitserinnerungen wurden bei Rolf Henniges während seines Australien-Trips wieder wach. Also gibt es doch etwas Vertrautes in all dem roten Nichts im Westen von »down under«, zwischen Outback und Indischem Ozean?

Als Kind hatte ich mir fast alle Western im Fernsehen angeschaut. Immer wenn der coole Held durch die Flügeltür eines Saloons schritt, die Gespräche der anwesenden Gäste abrupt verstummten und sich alle Blicke auf ihn richteten, zog ich mir die Decke bis zur Nase und schaute meinen Vater an. Schade, daß es den Wilden Westen nur noch in Filmen gab.Fast 20 Jahre später scheinen die Legenden des letzten Jahrhunderts wieder lebendig geworden zu sein. Verstaubt steige ich an diesem Sonntag mittag aus dem Sattel meiner Ténéré. Die Cross-Stiefel klacken bei jedem Schritt auf die Dielen der einzigen Bar im Umkreis von 300 Kilometern. Das Gespräch zweier bärtiger Männer im Inneren verstummt, ihre Blicke folgen mir. Es ist dieselbe Szene wie in den Filmen. Doch es 1994, und die Bar befindet sich in Sandstone, einer 56-Seelen-Ortschaft in Westaustralien.Ihre mißtrauische Begrüßung klingt wie das unterdrückte Husten aus einem vollgestopften Mund: »G´day mate, ha´ya goin?«. »Not too bad!« antworte ich mit fröhlichem Unterton, und der Grundstein für einen Small talk ist gelegt. Ben und Tony sind Farmer hier draußen in der Einsamkeit. Mit ein paar Rindern und gelegentlichen Jobs in den 280 Kilometer entfernten Erzminen verdienen sie sich die paar Dollar, die man im Outback zum Überleben benötigt. Nach Gold haben sie auch schon gegraben, aber ohne Erfolg. »Sie brauchen wohl noch ein wenig Glück«, wirft der Wirt ein. »Die Hauptsache ist, daß man das Bier noch bezahlen kann«, unkt Tony, und alle lachen. Das Eis des Mißtrauens ist geschmolzen, und sie wollen wissen, wohin ich fahre und woher ich komme. Vor zwei Monaten war ich in Perth gestartet. Dort riet man mir, in den Süden zu fahren. Das Outback wäre im Januar zu heiß und deswegen zu gefährlich. Ich befolgte die Ratschläge und bummelte über schnurgerade Straßen, die sich am Horizont verloren, gen Südwesten. Unendlich erscheinende Getreidefelder und abgelegene Farmen bestimmten das Bild meiner ersten zwei Wochen auf dem roten Kontinent. Die Zeit schien hier stehengeblieben zu sein. Hinter jeder Kuppe vermutete ich einen Typen wie John-Boy Walton. Ich wurde das Gefühl nicht los, in den 50er Jahren zu reisen. Einsame, riesige, vertrocknete Bäume krallten sich immer wieder wie tote Finger aus dem Farmland. Stumme Zeugen ehemals flächendeckender Wälder. Auf einmal jedoch habe ich ein Blätterdach über mir. Riesige Karribäume, eine fast 60 Meter hohe Eukalyptusart, säumten die Straßen ab Busselton. Es war, als würde man durch einen Tunnel fahren. Inmitten des Paradieses auf dem Höhenzug der »Stirling Range« faßte ich den Entschluß, wieder nach Norden zu fahren, ins Outback. Ich suchte das Abenteuer. Und es war mir ziemlich egal, wie heiß es werden konnte. In der »Pinnacle Desert« in der Nähe von Lancelin, einer bizzaren Landschaft aus tausenden, bis zu vier Meter hohen Kalksandstein-Säulen, wollte ich Dave besuchen. Er hatte einen Goldclaim in der Nähe von Kalgoorlie und mich irgendwann mal auf ein Bier eingeladen, falls ich jemals dort vorbeikommen sollte. Nach einem Besuch beim berühmten »Wave Rock«, einem riesigen, wellenförmigen Steinmonument, landete ich nach 450 staubigen Pistenkilometern wieder auf dem Asphalt nach Coolgardie. Bis Kalgoorlie war es nun nur noch ein Katzensprung. Daves Adresse war einfach zu entziffern, doch schwer zu finden: »Dave Morse, Claim 361«. »Irgendwo da draußen« sei das, antwortete man mir auf Fragen. Es dauerte Stunden, ehe ich am Ziel war. Und ganze drei Wochen, ehe ich den Claim mit einigen Nuggets in den Taschen wieder verließ. 20 Tage lang schufteten Dave und ich draußen in den Fields und zogen nach der Arbeit gemeinsam durch die Pub´s der 20000-Einwohner-Stadt Kalgoorlie, einem Schmelztiegel der Glücksritter. Eine Bastion aus Take aways, Bordellen und Bars, in denen die Digger ihre Funde gleich wieder umsetzen konnten. Der Mythos längst verganger Zeiten hatte sich hier mitten im Nichts über 150 Jahre lang bewahrt. Bei 42 Grad im Schatten verließ ich das Outback jedoch wieder in Richtung Küste. »Und so bin ich heute bei euch gelandet«, beende ich meine Geschichte. Mittlerweile ist die Bar gut gefüllt. Viele haben meiner Erzählung gelauscht und wollen mehr über die großen Eukalyptusbäume im Süden wissen. Ich bin erstaunt, aber es ist normal. Die Menschen werden in Kleinstädten wie Sandstone geboren, leben und sterben dort. Ohne den Ort jemals zu verlassen. Zwei Tage lang verbringe ich bei Ben und Tony auf der Farm und repariere mit ihnen Zäune. Dann zieht es mich weiter in Richtung Küste. Bis zum indischen Ozean sind es noch fast 600 Kilometer, für westaustralische Verhältnisse nur »just over the road«.Angelangt am Kalbarri National Park, klettere ich tagelang an der schroffen Felsküste entlang und treibe meine Ténéré auf kleinen Pisten durch üppige Vegetation zu beschaulichen Buchten. Bis auf ein paar Touristen aus Perth ist es ruhig. In der rund 500 Kilometer entfernten Shark Bay bei Monkey Mia sieht es dagegen anders aus. Hier haben Fischer vor 35 Jahren damit begonnen, wilde Delphine zu füttern. Dieses Ereignis hat sich bis zum heutigen Tag bewahrt und avancierte zur Touristenattraktion. Besucher aus Europa und Japan werden in Bussen an die Bucht gekarrt, um jeden Morgen um 9 Uhr die Fütterung live mitzuerleben. Um 11 ist der Spuk dann vorbei, und man verbringt die kommenden 22 Stunden mit Warten auf den nächsten Tag. Ein einheimisches Ehepaar empfielt mir den Ort Coral Bay als die Unterwasserattraktion der Westküste. Das hier vor der Küste liegende Ningaloo-Reef ist ein Paradies für Schnorchler und Taucher. Doch auch für Wasserscheue eröffnen sich bei einer Fahrt in einem Boot mit Glasrumpf atemberaubende Einblicke in die markante Unterwasserwelt des fünften Kontinentes. Das fast 800 Kilometer lange Ningaloo-Reef ist zwar kleiner als sein großer Bruder an der Ostküste, dafür jedoch weniger besucht, preiswerter zu erkunden und nicht weniger spektakulär. Zusammen mit den meist blutroten Sonnenuntergängen fesselt mich diese Bucht geraume Zeit. Meine weitere Fahrtroute bis Exmouth ist vom Gezeitenstand abhängig. Die Piste am Strand entlang, ausgewiesen für »4 wheel drive only«, ist geprägt von Tiefsandpassagen und nur bei Ebbe befahrbar. Bei Flut ragen die Wasserarme des Indischen Ozeans weit in das Landesinnere hinein und machen den Track unpassierbar. Wer jedoch diesen beschwerlichen Weg auf sich nimmt, erreicht die schönsten Strände Australiens. Schneeweiß, endlos und eingebettet von türkisfarbenem, klarem Wasser. Ich bunkere ordentlich Trinkwasser zum Campen, denn bei den hohen Außentemperaturen verlangt der Körper viel Flüssigkeit.Das tut er auch 800 Kilometer später, als ich bei 40°Grad im Schatten versuche, die Schluchten der Hammersley Ranges zu erkunden. Hier, in der Nähe der Minenstadt Tom Price, sind vor Jahrmillionen durch Erosion gigantische Risse entstanden. Felsschluchten, überwuchert mit Spinnifex-Grass und Süßwasserreservoires (Gorges) machen diesen Nationalpark zum lohnenden Abstecher.Aber nicht nur die Distanzen sind hier im Westen riesig. In der »Cadillac-Bar« in Pt. Hedland bekomme ich für nur fünf Dollar den gigantischsten Steakburger, den ich je gesehen habe.«We call him Big Mac«, lächelt mir der Wirt zu und verschwindet wieder in seiner Küche. Der verstaubte Digger, der mir gegenüber sitzt, nickt mir aufmunternd zu und gibt mir wertvolle Tips für die Weiterreise. »Vergiß den Touristenkram hier«, sagt er mir gelassen. »Du willst Australien kennenlernen. Also fahr an den Eighty Miles Beach. Dort kann man die Fische fast mit der Hand fangen. Und wenn du Abenteuer willst, dann fahre über den alten Gunbarrel Highway von Alice nach Perth.«Seine Worte lassen mich nicht mehr los. Tatsächlich reicht eine einfache Leine mit einem Köder an besagtem Strand aus, um die Fische bei Flut aus dem offenem Meer zu fangen.Während ich im warmen Wasser stehe, flitzen oft kleine Haie zwischen meinen Beine hindurch und versuchen, mir meine Beute abzujagen. Vier Tage lang teile ich mir mit anderen »Handrod-fishern« den endlosen Strand und philosophiere mit ihnen übers Fischen. Nach ungezwungener Freiheit schockt mich die Touristenmetropole Broome mit all ihrem Business gewaltig.Nach einem kurzen Stopp bei den Perlenfarmen in der Roebuck Bay rütteln die Räder meiner Yamaha über das Wellblech der Gibb River Road. Das riesige Kimberley-Plateau ist eine der unberührtesten Gegenden Australiens. Wild, zerklüftet und jetzt in der Regenzeit durchzogen mit einer Vielzahl von »Creeks«. Mein Herz klopft mir jedesmal bis zum Hals, wenn ich diese kleinen Bäche durchquere. Hier oben gilt das Gesetz der Krokodile, und ohne eine großkalibrige Waffe traut sich kein Farmer hinaus in die Wildnis. Unbeschadet erreiche ich nach 750 Kilometern »Dirtroad« wieder das Asphaltband. An der Tankstelle Turkey Creek warten zwei australische »Stockman« (Cowboys) auf den Hubschrauberpiloten, um über die Bungle-Bungle-Ranges zu fliegen. Kurze Zeit später sitze ich mit ihnen im Helicopter und bin sprachlos. Erst 1983 hat man diese einzigartige Landschaft, die aus der Luft riesigen Bienenwaben gleicht, entdeckt und zum Nationalpark erklärt.Nach der Landung beginnt es zu regnen, und ich muß an die Worte des Diggers aus Pt. Hedland denken: »Das Abenteuer liegt in der Wüste.« In Halls Creek checke ich ein letztes Mal mein Motorrad durch, bunkere Trinkwasser und erreiche nach 1300 Pistenkilometern auf dem Tanami-Desert-Track Alice Springs. Mein Abstecher zu Ayers Rock ist nur kurz, denn ich will zurück in den Westen. Nach 1300 versandeten Kilometern auf dem Gunbarrel Highway stehe ich staubverkrustet drei Monate später wieder am »Claim 361« und klopfe an die provisorische Tür von Daves Barracke. Es gibt ihn doch noch, den Wilden Westen, und ich bin mittendrin.
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Infos - West-Australien

West-Australien umfaßt ein Drittel des Kontinentes. Im Gegensatz zum vielseitigen Osten besteht der große Bundesstaat im Landesinneren weitgehend aus Wüste. Rund zwei Drittel der Bevölkerung lebt in der Region Perth.
Motorradtransport: Die Kosten für einen Schiffstransport nach Perth betragen inklusive Hafen- und Quarantänegebühren auf australischer Seite zirka 900 Mark. Das Motorrad sollte zirka fünf Wochen vor Reisebeginn aufgegeben werden. Der Transport per Flugzeug ist etwa doppelt so teuer. Genauere Informationen geben alle Speditionen und die Cargo-Abteilungen der Airlines.Reisezeit: Die Jahreszeiten verlaufen entgegengesetzt denen auf der Nordhalbkugel. Im Hochsommer, von Dezember bis März, ist im Norden Regenzeit. Es kann zu plötzlichen Überschwemmungen kommen, die den gesamten Verkehr lahmlegen. Für den Norden und das Zentrum sind die Monate Mai bis Oktober die beste Reisezeit, für den Süden und Südwesten Dezember bis März.Dokumente: Das bei der Australischen Botschaft, Godesberger Allee 105, 53175 Bonn, erhältliche Visum gilt sechs Monate und kann in Einzelfällen in Australien auf ein Jahr verlängert werden. Um eine Versicherung (etwa 200 Mark im Jahr) für das eigene Motorrad zu erhalten (die deutsche gilt nicht), benötigt man ein von der Polizei ausgestelltes »Roadworth«-Dokument (zirka 120 Mark) als Grundlage. Für die Einfuhr des Motorrads nach Australien ist ein beim ADAC erhältliches Carnet de passage vorgeschrieben (210 Mark für Mitglieder).Tanken: Das Versogungsnetz an der Küste ist relativ dicht, 400 Kilometer Reichweite sollten aber drin sein. Wenige Tracks im Landesinnern (Canning Stock Route, Gunbarrel Highway, Tanami Desert Track) erfordern eine Tankkapazität von 900 Kilometern. Die Benzinpreise liegen zwischen rund 85 Pfennig (Küste) und 1,30 Mark (Landesinnere).Übernachten: An den meisten Road-Häusern besteht die Möglichkeit zu campieren oder ein Zimmer zu mieten (zirka 40 Mark). Manche National-Parks bieten kostenlose Campingplätze mit sanitären Anlagen, oder es wird ein freiwilliger Obolus verlangt. Campingplätze sind in fast allen Orten vorhanden, wildes Zelten wird aber ebenfalls geduldet.Die Strecke: Die meisten noch benutzten Tracks sind in einem verhältnismäßig guten Zustand, bestehen aber fast ausschließlich aus »Wellblech«. Viele Outback-Bewohner überschätzen die Fahrkünste der motorradfahrenden Touristen und attestieren selbst bei schwierigen Pisten ein »no problem mate«. Bei Extrempassagen auf dem Original Gunbarrel Highway oder der Canning Stock Route ist es ratsam, jemanden von seiner Fahrt zu informieren, damit man nach einem Sturz gefunden wird. Das Motorrad: Die meisten bei uns bekannten Enduros gibt es auch in Australien. Ausnahmen: Honda Africa-Twin und Yamaha XTZ 660, für die es entsprechend auch keine Teile gibt. Für alle anderen Modelle sind Ersatzteile nur in der Hauptstadt Perth erhältlich. Nicht typenspezifische Produkte wie Reifen und Ketten bekommt man fast in jedem Ort. Neue Motorräder kosten zirka 25 Prozent weniger als in Deutschland. Literatur: Edgar P. Hoff: Australien für Globetrotter, Hoff Verlag; M. Fülles/Dieter Walter: Australien - unbekannter Westen, Renate Schenk Verlag; Christion Pehlemann, Outback Manual. Sehr gutes Kartenmaterial ist bei fast allen Vertragspartnern des RAC, Automobilclub in W.A. erhältlich. Zeitaufwand: sechs MonateGefahrene Kilometer: 20.000

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