25 Länder, 23547 Kilometer, 66 Tage, 2 Männer, 2 Motorräder Eine Küste - ein Europa

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Am 17. Mai 2007 fahren Stephan Schacher und Chris Schweizer in Istanbul über die Bosporus-Brücke, Stephan auf seiner Starrrahmen-Shovelhead, Chris auf seiner E-Glide. In neun Wochen werden sie das Nordkap erreichen. Auf einem Umweg. An einem verregneten Abend im November des Vorjahres hatten sie in einer Kneipe im Züricher Rotlichtbezirk gesessen und, gebeugt über eine große Straßenkarte, nach einigen Bieren beschlossen, was sie tun wollten: auf ihren Harleys die gesamte europäische Küste abfahren. Unterwegs zum nördlichsten Punkt des Kontinents, hat der Profifotograf Stephan Schacher (www.shocker.ch) über 6000 Bilder gemacht. Und zwar nicht mit Mittelformat oder Spiegelreflex, sondern ausschließlich mit der 5-Megapixel-Kamera seines Mobiltelefons. Es sind nicht die Bilder klassischer Sehenswürdigkeiten. Es sind vielmehr Bilder von Kleinigkeiten, Beiläu-figkeiten, Zufälligkeiten, Unglaublichkeiten. Und Bilder von dem, was allzu oft über-sehen wird. Dass es diese unzähligen Ansichten von diesem einen Europa gibt.


Immer an der Küste würden sie sich halten, und es würde immer Sommer bleiben. Dachten sie anfangs. Aber dann hat der Regen sie begleitet, sie zogen ihn wie einen schweren Schleier mit sich. Und der Küste zu folgen ist nicht so einfach, wie es sich vielleicht anhört. »Du fährst«, sagt Chris, »und immer wieder stehst du plötzlich in irgendeinem verdammten Hafen in einer Sackgasse.«

Doch das war nicht wichtig. »Ich weiß noch«, erzählt Stephan, »dass ich früher oft mit meinen Eltern im Auto unterwegs war. Endlose Fahrten auf dem Weg zu Verwandten oder in den Urlaub. Meine Flucht bestand stets darin, dass ich hinten das Fenster herunterkurbelte und Kopf und Hand aus dem Fenster in eine andere Welt steckte. Eine magische Welt aus Turbulenzen und Luftströmen, aus Auf- und Abwinden. Mein Arm aus dem Fenster gestreckt, der Fahrtwind, der mir über die Hand glitt wie über eine Tragfläche oder zwischen meinen Fingern wirbelte. Über Stunden konnte das so gehen. Und in meinem Gesicht der Wind, so warm wie ein Fön, schneidend kalt, nass, weich, holzig, erdig, salzig ...

Mittlerweile bin ich 41. Doch dieser kleine Junge, der ich einmal war, er hat mich den ganzen Weg über begleitet, von Istanbul bis zum Nordkap.«

Ein Känguru hockt bei Amsterdam neben der Autobahn. In Kroatien fahren sie einem Unterseeboot hinterher, in Griechenland sehen sie an einem Tag zwei dreibeinige Hunde, in Spanien Störche auf einem Schild über der Autobahn brüten.

Sie erfahren, dass, der Statistik nach, in Kaliningrad auf zwei Männer fünf Frauen kommen. An einer italienischen Tankstelle stellen sie fest, dass dort neben Salamibrötchen unterm Tresen Baseballschläger verkauft werden. In einem Park in Riga schließen Verliebte zwei Vorhängeschlösser zusammen an ein Brückengeländer und schmeißen die Schlüssel auf immer ins Wasser. Über den Großen Belt fahren sie in voller Schräglage geradeaus – gegen einen Seitenwind von 18 Metern die Sekunde gelehnt. In Sarande, Albanien, begegnen sie einer Kuh, die, halb in einem umge-stürzten Müllcontainer stehend, ihr Mittagessen zu sich nimmt.

Hunderte Male tanken sie, waschen sich auf heruntergekommenen Rastplätzen, schlafen bei Vollmond neben einem Friedhof und in sternenklarer Nacht an Bahngleisen. In Gibraltar bewerfen Kinder sie mit Steinen, weil die sie für Engländer halten, und an der russischen Grenze unterschreiben sie, um einreisen zu dürfen, zwölf Formulare, von denen sie nicht ein einziges lesen können.

«Alles um uns herum war im Fluss, wobei doch manche Dinge stets dieselben blieben. Wenn nach einer Weile das Meer in der Ferne wieder auftauchte, kam in uns eine Freude auf, als hätten wir es noch nie zuvor gesehen. Es hatte etwas Tröstliches, dass es immer da sein würde, immer zur Linken, das Meer. Wie der gute Freund, der immer für einen da ist, auch wenn man sich lange nicht gesehen oder gesprochen hat.«


Unerfahren war sie vielleicht noch. Oder unsicher, weil ihr so etwas noch nicht untergekommen war. Auf jeden Fall vertieft sich die Uniformierte an der griechischen Grenze in die Zulassungspapiere, als wolle sie sie auswendig lernen. Ihr albanischer Kollege gibt sich lockerer. Einreisebedingung: mal auf der Harley sitzen dürfen. In Albanien begegnen sie auch dem alten Mann am Straßenrand, der spontan auf sie zukommt, sie auf die Wangen küsst und ihnen alles Gute für die Weiterfahrt wünscht.

Mit dem Holländer Harry legen sie ein Stück Weg in Portugal zurück, mit den Jungs vom Anvil Arctic Circle MC im Norden Norwegens. In Zelenogradsk sind sie Gäste eines russischen Barbecues, in Bari organisiert man für Chris und Stephan eine Willkommensparty, John begleitet sie mit seinem Sohn ein Stück durch Schweden, Peter durch Spanien.

«Die Menschen, denen wir unterwegs begegnet sind, ob geplant oder zufällig, haben uns über vieles hinweggeholfen. Die Begeisterung, auf die wir überall gestoßen sind, hat uns weitergetragen. Diese Begeisterung, sie machte den wahren Spirit dieser Reise aus.«


Stephan Schacher hat die Reise in einem fotografischen Tagebuch festgehalten. »Europa Road« ist erschienen im Verlag C.F. Portmann und bietet für 28,90 Euro 663 Fotos auf 336 Seiten.
Bilderblog unter www.true-spirit.com

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