Abruzzen Wo der Wolf tanzt

Wer vom Gran Sasso zur Adria hinab blickt, weiß, warum er hier her musste. In diesen anderen Süden Italiens mit seinen Zweieinhalbtausendern, Bären, Wölfen und überirdisch schönen Wegen.

Im Grunde hing alles nur an diesem Bild. Irgendwo mal gesehen und nie mehr vergessen. Ein Schafsgerippe in einer steinernen, grauen Hochebene, karg und dramatisch wie die argentinische Akatama-Wüste. Mittendurch ein Schotterweg, schaurig-schön. Sogar Wölfe und Bären solle es dort geben, stand dabei zu lesen. In einem riesigen Nationalpark, einem Urwald, wild und düster wie der Kongo. Dieses Bild. Jahre hielt es meine Fantasien auf Trab, jedem sang ich ins Ohr, dass man da hin müsse, unbedingt, in den mittleren Süden Italiens, ins untere Wadenbein des Stiefels quasi: in die Abruzzen.Jetzt bin ich da. Und zusammen mit Monika erst mal damit beschäftigt, einen Fluchtweg aus dem neapolitanischen Gassengewirr zu finden. Stinkende Diesel und ausgebeinte Autobianci nehmen die Rolle von Wölfen und Schafsgerippen ein, statt Lianen wehen Unterhemden und Bettwäsche zwischen den Häusern – aber es wird schon werden. Nach einigen vergeblichen Anläufen schaffen wir den Ausstieg nach Norden, geraten auf die schicksalsschwangere Via Appia in Richtung Rom, um dann über Sessa und Venafro die Südausläufer des Gebirges zu erklimmen.Am Colle della Croce hat die Straße bereits weit über 1000 Höhenmeter erreicht und führt bei den Monti della Meta an bis zu 2247 Meter hohen Gipfeln vorbei. Hier ist das Herzstück des insgesamt 440000 Hektar großen Abruzzen-Nationalparks im Südteil des Gebirges. Wie versprochen, überzieht ungezähmter Wald den Fels, Efeu überwuchert die Bäume, zwischendrin undurchdringliches Dickicht. Kleine Stichstraßen tauchen in wilde, grüne Täler ab, die von einem undurchschaubaren Wege-Labyrinth durchsetzt sind. Doch uns fehlen noch genaue Wanderkarten, um die Markierungen nutzen zu können. In der Hauptstadt L’Áquila, heißt es, gäbe es solche zu kaufen. Die liegt aber eine Tagesreise weiter nördlich. Na prima.Also kehren wir um. Umrunden den Park, balancieren am Rand zwischen der glühend heißen Ebene und dem kühlen Apenninausläufer – und landen in Picinisco. Ein paar herrliche Serpentinen führen hinauf, eine davon geradewegs über den Dorfplatz, um die Bar Centrale herum und weiter hoch in die Berge. Die Bar liegt quasi an den Kerbs. Das heißt, die schattigen Einheimischenplätze liegen dort. Touristen müssen im sonnigen Kiesbett sitzen: mitten auf dem von hohen ockerfarbigen Häusern umrahmten Dorfplatz. Eine Sitzordnung, an der sich die nächsten acht Stunden garantiert nichts ändern wird. Dafür haben wir Aussicht fast bis zu den Capri-Fischern. Picinisco klebt in exponierter Lage am Gebirgsrand.Während der Nachmittag im Ort träge dahindümpelt, die Stille nur ab und an von einem kreischenden Lastendreirad durchschnitten, tanzt im benachbarten San Donato – nein, nicht der Wolf, aber der Bär. Ein schier undurchdringliches Dorffest, bei dem Fremde offensichtlich wenig zu suchen haben, gestaltet die Durchreise zu einer größeren Aktion, die uns allerdings in ein Kurvengeschlängel entlässt, das alle Anspannung vergessen macht. Biegung an Biegung, bis zum Schwindlig werden. Monika behauptet, sie habe mitgezählt: Auf einen Kilometer kämen hier locker zehn Gewindegänge.Kurz vorm Lago di Barrea zweigt die schmale SS 479 nach Scanno ab. Weitere 30 Kilometer verwegenste Kehren, während tief unter uns der Lago grün wie die Karibik zwischen den Bergflanken ruht. In Scanno fällt die Straße regelrecht vor die Schuhspitzen der Opas in der Bar »Belvedere«, vollzieht dann vor deren Portierloge einen scharfen Linksknick, um sich anschließend um so dramatischer weiter durch den Ort zu stürzen. Scanno ist eher Klettersteig denn Dorf. Im gegenüberliegenden Frattura ist’s nicht anders, nur hat man hier die Serpentinen der Dorfstraße, vermutlich aus Entnervung, mit einer breiten Treppe abgekürzt. Eine mittelschwere Passwanderung, nur um Waschpulver im Alimentari zu kaufen, ist einfach unzumutbar.Hinter Frattura beginnt der Schotter. Die Entscheidung, nur mit minimalem Gepäck zu reisen, erweist sich jetzt als ideal. Rucksack und je ein kleiner Packsack mit dem Nötigsten behindern auf den leichten Enduros kaum. Unbeschwert geht’s über den Geröllweg nach oben. Gelegentlich rumpelt noch ein Geländewagen entgegen, ansonsten sind wir allein. Es wird kühler, die Baumgrenze bleibt hinter uns zurück, nur noch Wiesen, Steine – weltferne Einsamkeit. Dann, unvermittelt, katapultiert uns der Steig auf eine Hochebene, und wir stehen Auge in Auge den 2200 Meter hohen Gipfeln der Montagne Grande gegenüber. Ein Gänsehaut-Bild, fast schon sakral. Stunde um Stunde verläuft nun der Pfad durchs völlige Nichts dieser kargen Landschaft, im Osten quellen wattige Wolken über die Zacken der benachbarten Gipfel. Es ist zwar noch nicht die besagte Akatama, aber doch schon ziemlich verwegen und verheißungsvoll.Mist. Irgendwann musste ja eine Gabelung kommen. Wie befürchtet, ist die Karte zu grob und an Wegweiser irgendwelcher Art nicht zu denken. Links? Nein rechts. Nein, links. Hoffend, einen passablen Abstieg zu finden. Noch um einen Bergrücken herum, dann zwirbelt sich die Strecke weithin sichtbar ins Tal, befahrbar sieht sie auch aus. Erleichtert seilen wir uns ab, folgen den Spuren und dem Pinienduft, passieren abermals die Baumgrenze. Erste kleine Gehöfte zeugen von Zivilisation, und bei Rocca Pia beginnt sogar wieder der Teer. Verstaubt, aber erfüllt drehen wir auf Nordkurs. Sulmona – sieht auf der Karte nach mindestens drei, vier Quartieren aus. Doch die Abruzzen offenbaren in dieser Disziplin dunkelste touristische Kapitel. In Sachen übernachtungstechnische Infrastruktur stehen sie Kongo und Akatama kaum nach. Es gibt nichts.Erst kurz vor den Mauern der mittelalterlichen Provinzhauptstadt L’Áquila zeigen ein paar Hotelhinweise Richtung Norden. Wir nähern uns dem Fuß des Gran Sasso d’Italia. Mit 2914 Metern höchstes außeralpines Gebirgsmassiv Italiens und wichtiges Wander- und Wintersportgebiet der Süditaliener. Kurz vor der Liftstation werden wir denn auch fündig. Ein kleines Gasthaus in Assergi nimmt uns für die nächsten Tage auf. Am Straßenrand auf einer Leitplanke sitzend, mustern ein paar alte Frauen die Neuankömmlinge. In der Hotelkneipe brummt behaglich die Espresso-Maschine, ab acht Uhr guckt das ganze Kaff Fußball und kurvt anschließend mit kreischenden Malagutti-Rollern durch die Gassen. Und über all dem reckt kühn der Gran Sasso sein cooles Felsmassiv in den Himmel. So muss es sein. Wir sind im Herzen der Abruzzen angelangt.Schon von unten sind ein paar Schotterwege an den Flanken des mächtigen Gebirges erkennbar, auf weiten Strecken jedoch immer wieder von winterlichen Sturzbächen weggerissen. Eine Herde Pferde stiebt donnernd ins Tal, Schimmel, Rappen, Füchse, bunt gemischt, setzet vor uns über die Straße und verschwindet. Kein Zaun hält sie auf, sie scheinen völlig frei zu leben.Wir umrunden das Gran Sasso Massiv südwestlich, vorbei am tiefblau funkelnden Lago di Campotosto, um dann im Norden bei Prati di Tivo ins Bergmassiv einzusteigen. Prati di Tivo markiert den höchsten anfahrbaren Punkt des Gebiets. Loch an Frostbeule führt die marode Straße zwischen Schlüsselblumen, Ginster und leuchtendem Mohn nach oben, und senkrecht über uns baut sich der kleine Ort Pietracamela auf, die Häuser steil übereinander, wie festgekrallt in den Felsen des Corno Grande, der steil in den Himmel ragt. Kein Gipfel ohne uns, scheint der Ort zu schreien.Im Dorf stoppen wir vor einem kleinen Alimentari, poltern vorsichtig mit den schweren Stiefeln auf die gebohnerten Dielen des halbdunklen Raums. Ein junger Mann grinst verschmitzt hinter einer altehrwürdigen Verkaufstheke hervor, die er vermutlich beim Räumungsverkauf des letzten Medici-Kontors ergattert hat. Dahinter bauen schwarze Holzregale mit Rasierschaum, Seife und Büchsenwurst bis zur Decke, Käseräder lagern links auf dem Tisch, Wasser- und Limonadenflaschen neben der Eingangstür. Eine leicht überforderte Glühbirne müht sich zusammen mit den dünnen Sonnenstrahlen um nortdürftige Beleuchtung.Da der Laden gleichzeitig das Dorfcafé ist, wird bei den Gästen freundlich Anteil an unserem Proviant-Einkauf genommen. Ob wir von Deutschland mit den kleinen Dingern gekommen seien? Nein, mit dem Zug. Aha, gute Idee. Die Motorräder gefallen ihnen, und Touristen sind selten. Hier wird spürbar, was sich bereits zu Hause abgezeichnet hatte, als außer einem leicht übermotorisierten Kunst- und einem verstaubten Wanderführer absolut nichts über die Region zu kriegen war. Toskana, Gargano und Amalfiküste hätten wir dagegen bis Julius Cäsar zurückverfolgen können.Die Straße wird immer steiler, rührende, wadenhohe Mauern sollen vor dem freien Fall bewahren. In einem stockfinsteren Tunnel kommt es beinahe zu einer Kollision mit einem Hütehund und drei ausgebüchsten Schafen. Dann taucht eine kleine Skistation auf, vor der eine Schulklasse beim Wandertag singend auf den Bus wartet. Schließlich verendet der bröcklige Asphalt. Auf Schotter stiebend geht’s um die letzten paar Kurven, dann treten Bäume und Felsen plötzlich zurück und geben eine atemberaubende Aussicht frei: unter uns dehnen sich die langsam flacher werdenden Bergketten und Felder aus, bis am westlichen Horizont schimmernd die Adria tiefblau die Grenze setzt. Wir sind am Corno Grande, der höchsten Erhebung des Grand Sasso.Ein paar Wanderpfade verschwinden zwischen den Felsen, und unmittelbar vor uns windet sich ein Fahrweg talwärts. Laut einer uralten italienischen Wanderkarte, die wir inzwischen aufgetrieben haben und die ebenso prachtvoll wie untauglich ist, müsste er in Isola de Gran Sasso herauskommen. Und dort wollen wir hin. Doch die dünne Grasnarbe auf dem hellen Geröll zeigt keinerlei Reifenspuren. Der Weg wird offenbar schon lange nicht mehr benutzt. Ein paar hundert Meter tiefer wird klar, warum: Regen und Schmelzwasser haben viele Abschnitte unterspült oder gar weggerissen, andere schlängeln sich dagegen verlockend wie eine alte Dolomitenpiste kilometerweit sichtbar dahin. Zu schade, aber eine Kletterpartie mit offenem Ausgang ist in dieser völlig verlassenen Gegend zu riskant. Die Wanderkarte landet im Rucksack. Vermutlich war Kaiser Nero der Letzte, der sich damit ernsthaft orientieren konnte.Bleibt nur der Weg außen herum nach Osten. Über Móntorio und Colledara. Stunden später erreichen wir Isola, bleiben auf Ostkurs, fahren noch ein Stück talwärts nach Farindola. Von dort führt eine kleine Straße zu dem, was ich inzwischen als Brutstätte all meiner Abruzzenfantasien vermute: zum Campo Imperatore. Benannt nach einem Großherzog, der dort vor hunderten von Jahren zur Jagd ritt. Hinter Vado di Sole liegt der Abzweig. Wir erklimmen den letzten Pass, stürzen über seine Kante in das riesige Hochtal des Campo Imperatore hinein. Und tatsächlich erstreckt sich da eine weite, fast vegetationslose Hochfläche, aus der mächtige Zweieinhalbtausender emporragen. Genau wie auf dem Bild mit dem Schafsgerippe. Entfernt weidet eine Herde Wildpferde auf dem kargen Gras, ein ausgetrocknetes Bachbett, eine kleine Schutzhütte, Wege, von denen weiße Staubwolken neben den Reifen aufsteigen. Italien mit seinen duftenden Kiefern und lebhaften Dörfern scheint Lichtjahre entfernt.Und ich weiß schon, dass ich wieder allen ins Ohr singen werde, sie müssten unbedingt hierher. In diese Abruzzen und in dieses Land, das so schön sei, dass sie es gar nicht aushalten würden. Und dass es da eine Stelle gäbe, die sähe aus wie die Akatama-Wüste. Mit Schafsgerippe und allem.

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