Ältere Motorradfahrerinnen Jetzt Gerade!

Bikerinnen über 40 - sie drehen der Welt eine lange Nase und schlagen den guten Sitten ein Schnippchen. Zu alt zum Motorradfahren? Von wegen.

Pötternd springt irgendwo im Dunkeln eine alte BMW an. Auf einem Zylinder zunächst nur, bis sich spuckend der zweite dazugesellt. Krachend fliegt der erste Gang rein, und der bleibt drin, bis das Vehikel nach rund 500 Metern und dem Schnelldurchlauf aller Drehzahlebenen wieder schüttelnd verstummt. »Das ist Ellen«, vermutet das Grüppchen Frauen sachkundig und ein wenig ehrfürchtig, das bei einem Motorradtreffen beisammensteht und einen letzten Schwatz vorm Schlafengehen hält. »Bei Kurzstrecken macht die nicht viel rum. Die gibt einfach Gas. Was geht. Gut.« Tatsächlich kommt wenig später die rundliche Endsechzigerin mit vorsichtigem und etwas gebücktem Gang vorbei und wünscht freundlich gute Nacht. Ellen Pfeiffer, 68 Jahre, Eigenerin einer 20 Jahre alten R 100 S und vermutlich das, was man getrost als Urmutter aller deutschen Motorradlerinnen bezeichnen könnte. Die nach dem Krieg als eine der ersten am Lenker saß und die heute zeigt, wie man als Bikerin in Würde altert. Seit sie 1952 Motorrad zu fahren begann, bereitete Ellen der Motorradfahrerinnen-Gilde den Boden. 1958 gründete sie zusammen mit der Holländerin Jopy Deijs van Dinter in Zandvoort die europäische WIMA (Womens International Motorcycle Association). Jopy hatte diesen weltweit ersten Motorradfahrerinnenverband kurz zuvor in den USA kennengelernt, wo er bereits seit 1937 exisitierte, und trachtete nun danach, ihn auf dem alten Kontinent zu etablieren. »Das MOTORRAD« veröffentlichte damals das Mitgliedergesuch von Jopy, allerdings nicht ohne sich den herablassenden Unterton verkneifen zu können. »Bitte nicht lachen«, leitete man ihren Brief ein, »das gibt’s, fein ordentlich, ist sogar FIM-Mitglied (Internationaler Motorsportverband, Anm. d. Red.) und könnte sich ernstfalls bei den Sechs Tagen melden... . Ist das nicht reizend? Schreibt doch einfach mal hin, damit Jopy ein paar Mitglieder bekommt und etwas unternehmen kann. Ist doch egal was, es gibt doch immer einen Spaß.« Ellen schrieb Jopy sofort, und beide verbreiteten die WIMA in den folgenden Jahren in halb Europa. Beim ersten Treffen 1959 kamen zwar gerade neun Fahrerinnen zusammen, nach und nach schlossen sich aber immer mehr Frauen der WIMA an, auch aus Schweden, Frankreich, England, Österreich, der Schweiz und der Tschechoslowakei. Heute sind es allein hierzulande xxx Häupter. In den 50er und 60er Jahren waren Motorradfahrerinnen noch Exotinnen. In diesen Jahren galt das Zweirad ohnehin lediglich als billiger Notbehelf, und jeder war froh, wenn endlich der Sprung in den wohlstandverheißenden Loyd oder Volkswagen geschafft war und die gräßlichen Klepperregenmäntel in die Mottenkiste wandern konnten. Das Motorrad als Faszinationsobjekt, pah, damit gaben sich nur die sogenannten Halbstarken ab. Wer Zweirad fuhr, war entweder arm oder kriminell, basta. »1955 war eine Frau auf einem Motorrad etwas Unerhörtes«, beschreibt Ernst Leverkus in seinem Buch »50er Jahre« die Nichtakzeptanz der Bikerinnen. »Ein Mädchen auf dem Motorrad, na, die kann doch nicht richtig ticken! Die soll lieber ein Rennen um den Küchentisch fahren«, interpretiert er drastisch die öffentliche Meinung. »Motorradfahrerinnen hatten in jenen Jahren einfach keinen Status«, resümiert Janet Anschütz 1994 in einer wissenschaftlichen Untersuchung über das Motorradleben der 50er Jahre. Die damals 29jährige BMW R 69-Fahrerin Anke Eve-Goldmann überlegte bereits 1959 in »Das MOTORRAD«, woher das negative Image kommen könnte. Ihrer Meinung nach war hauptsächlich das äußere Erscheinungsbild dafür verantwortlich. »Ein dreckverkrustetes Mannsbild auf einem Motorrad kann eine Wucht sein, eine schmutzige oder schlecht angezogene Motorradfahrerin aber ist eine Katastrophe....Man darf nicht zufrieden sein mit rissigen Lederjacken, verkratzten Helmen und formlosen Lederbreeches...Die Motorradfahrerin hat die Öffentlichkeit auf ihre Weise zu berücksichtigen, indem sie in der Sache zwar keinen Fußbreit nachgibt, sich aber in dem ‘Wie’ den gleichen fraulichen Einsatz abverlangt wie auf einem Theaterabend oder Sommerball.« Mit etwas Phantasie und Stilempfinden gehe alles, meinte sie, und auch einem Lederanzug sei ein »ein frauliches Fluidum« einzuhauchen. »Also fort mit der Anspruchslosigkeit und Fort mit dem Mißverständnis, eine Motorradkluft könne nicht elegant sein. Es liegt nur an uns!« So, jetzt wußten´s die Damen aber.Doch vor jeglicher Kleiderordnung mußten die Mädels erstmal an eine Maschine rankommen. Einer großen MOTORRAD-Umfrage zufolge (vielen Dank fürs Mitmachen!) wurde in jenen Jahren manches Familienmotorrad heimlich von den Töchtern aus der Scheune stibizt. So machte Ute Fuhrmann, die mit sieben Geschwistern bei ihrer alleinerziehenden Mutter aufwuchs, regelmässig mit der Horex eines Bruders die Waldwege im Ostharz unsicher. »Mutter hatte da gottlob keine Übersicht.« Renate Wiesinger übte mit Vaters 175er Zündapp mit Schwungsattel im Garten, und Bauerntochter Hilde Arndt trieb als 16jährige heimlich mit der alten Familien-NSU die Kühe von der Weide. »Und Vater dachte immer, wir führen mit dem Fahrrad.« Ellen Pfeiffer machte indessen ganz offiziell mit ihrer Schwester zusammen den Führerschein, und dann wurde gemeinsam eine Horex Regina angeschafft. »Die war damals jedermannns Traum.« Schon im Folgejahr tauschten sie sie gegen eine Resident ein, mit der Ellen dann jedes Wochenende Geländewettbewerbe fuhr. Anke-Eve Goldmann hätte es vermutlich den Magen umgedreht, hätte sie davon gewußt. Die nicht fuhren, die träumten. »Immer schaute ich den Motorradfahrern zu und dachte, wie schön es sein müßte, wenn...«, erinnert sich Veronica Y. Mariani aus Muri in der Schweiz. Von ihrem ersten Gehalt leistete die damals 22jährige 1948 die Anzahlung für ein Fahrrad, drei Jahre später reichte es für eine Lambretta. Bis nach England ist sie damit getuckert. »Mein Gepäck hättet ihr sehen sollen. Koffer, Rucksack und was nicht alles.« Die junge Lohnbuchhalterin Rita Lang schwatzte ihren Kollegen immer wieder mal eine Maschine für eine Spritztour ab. »Manchmal machte ich es auch später nach der Heirat noch. Aber nur heimlich, wenn mein Mann auf Geschäftsreise war.« Ihren eigenen 200er Dürrkopp Diana-Roller büßte sie nämlich durch rigide Familienplanung bald nach der Hochzeit ein. Ein fast zwangsläufiger Domestizierungsprozeß dieser jungen Wilden, wenn Vernunft, Familie und Finanzen erste Tribute forderten. Denn trotz Wirtschaftswunder hatte es die deutsche Durchschnittsfamilie immer noch nicht gerade dicke. Manche gaben das Fahren ganz auf, andere pausierten mitunter über Jahrzehnte. Seit sie Witwe ist, fährt auch Rita wieder. Eine Ducati Superlight. Manche hatten aber auch ganz einfach Glück, wie Margrit Blum, deren Mann praktischerweise ein bekannter BMW-Tuner ist und so ihre 500er von 1953 wohlbehalten über die Jahre rettete. »Als ich merkte, wie gut Paul schrauben konnte, wußte ich, der ist der Richtige«, koketiert sie heute lachend. Ihre Freundinnen behaupten, das sei kein Spaß. Den 500er Boxer-Motor ihrer ersten Maschine liebt sie so, daß Paul ihn in jedes neue Motorrad einbauen mußte, und das jetzige Fahrwerk ist das, das der Gatte als Rennmechaniker für Otto Butenuths 1975er TT-Einsatz auf der Isle of Man gezimmert hat, wie Margrit nicht unerwähnt läßt. Wer hat, der hat.Margrit und Ellen sind zwei der wenigen aktiven Motorsportlerinnen, die zwischen den 60er bis 80er Jahren bei den sogenannten »Zuvi«-Rennen und Orientierungsfahrten mitmischten. Mehr ging nicht, da die FIM Frauen erst seit 1980 den Zutritt ins normale Rennklassement gewährt. Nichtsdestotrotz sind die Wohnzimmer-Vitirinen mit Pokalen prall gefüllt. Während Margrit in der 500er Klasse abstaubte -»oft als einzige BMW und meistens unter den ersten zehn« -, kämpfte Ellen bei den 1000ern. Auf einer 750er Honda und auf den großen BMW, R 75 und R 100 S. »Die Ellen war immer verdammt schnell«, erinnert sich noch heute ein älterer Stuttgarter Zuvi-Fahrer respektvoll an die einstige Konkurrentin. Als einziger Frau verlieh ihr schließlich der ADAC das Motorsportabzeichen mit Brillanten. »Eigentlich schad`«, meint die Frankfurterin heute bescheiden, »ich hätt´ lieber mehr Frauen auf die Rennstreck` gebracht.« Doch die hatten in den Zeiten meist andere Sorgen. So exhuminierte Ute Fuhrmann in den 70er Jahren Leichen auf dem Essener Friedhof, um ihre BMW zu finanzieren. »120 Mark gab´s pro Grab, und 10 000 Mark kostet damals die R 90 S. Ihr könnt`s euch ja ausrechen.« Aber mit Atemschutz und dem kostenlos ausgeschenkten Fusel sei´s zu ertragen gewesen. Ute war ohnehin recht einfallsreich. Als später einmal wieder die Kohle für ein Motorrad nicht reichte, setzte sie kurzerhand das Geld für eine Waschmaschine um, das ihr Gatte ihr gegeben hatte. »Jahrelang hab` ich mich daraufhin mit einem hölzernen Waschbrett abgequält.« Aber das sei es wehrt gewesen.Doch allmählich wurde alles etwas leichter. In den 70er Jahren begann der Motorradboom, das Biken wurde mehr und mehr salonfähig. Und eine neue, frauenbewegte Generation kippte ein Männerprivileg nach dem anderen. 1978 verzeichnet die Statistik bereits 31 903 an Frauen ausgegebene Führerscheine Klasse eins. Ein Jahr später entstand das Netzwerk Hexenring, und kurz darauf gründete Promi-Bikerin Ria Hinzmann mit »Visier« die erste vornehmlich an Frauen adressierte Motorradzeitung. Auch wenn Robert M. Pirsig noch 1976 im Kultbuch »Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten« die »dreckige Arbeit« der Wartung als »Männersache, an die Frauen sich nie heranwagen würden«, abzugrenzen sucht, war die Bastion bereits gefallen.Jetzt wurden immer mehr Frauen von der Begeisterung fürs Motorrad angesteckt, auch wenn sie mitunter noch viele Jahre warten mußten, bis Mut und Gelegenheit ihnen tatsächlich aufs Bike verhalfen: die sogenannten Späteinsteigerinnen. Mütter, die ihre Töchter neidvoll vorbeiziehen sahen und jetzt nicht mehr zurückstehen wollten. »Schon als Kind habe ich in der Scheune auf Vaters verstaubtem Motorrad gespielt und später bei ‘Easy Rider’ mitgeträumt. Aber dann kamen Beruf, Familie und Hausbau, aber einfach nie die Möglichkeit, den Motorradführerschein zu machen. Irgendwie habe ich mich auch nie getraut, diesen Wunsch zu äußern, vor lauter Angst, belächelt zu werden«, erinnert sich Getraude, 44. Als die Tochter dann mit 18 den Einser in der Tasche hatte, hielt Muttern nichts mehr. Fast heimlich habe sie sich mit Motorradkleidung aus dem Hause geschlichen, erzählt sie, zur Fahrstunde. Die Nachbarn sollten nichts merken. Getraude spricht für viele. Fast schamvoll wird der Wunsch nach Abenteuer eingestanden. Jetzt, wo die Kinder groß sind und es an Geld nicht fehlt. Jetzt aber, oh Ironie des Schicksals, jetzt sollten sie zu alt sein. Waltrauds Bekanntenkreis spaltete sich nach ihrem Entschluß, mit knapp 40 Jahren noch den Motorradführerschein zu machen, in zwei Lager: »Die Jüngeren fanden es toll, daß ich es mir noch zutraue, die Älteren völlig daneben und unschicklich dazu.« Mitunter ist´s sogar der Fahrlehrer, der hier noch den vernichtenden Deckel draufsetzt, indem er seine pädagogische Unfähigkeit mit dem Altersargument abtut. »Ich habe immer nur an das Lied von Juliane Werding gedacht ‘Augen zu und durch, du schaffst es’ « erinnert sich Gisela, 49, an die vielen qualvollen Stunden beim Achterfahren und Bremsen üben. Fast allen Späteinsteigerinnen ging es so, wie die gute halbe Hunderschaft Briefe offenbarte, die in die Redaktion flatterten. »Mein Fahrerlehrer und Gott allein wissen, wie viele Stunden ich gebraucht habe«, gibt Renate, 45, freimütig zu. Doch irgendwann ist es gepackt, und bewegt wird die erste eigene Maschine angeschafft. Kleine und leichte meist, hier herrscht kein Prestigedenken mehr. »Ich habe gelacht und geweint und nächtelang kein Auge zu getan, als mein Mann mir sagte, daß die kleine Kawasaki EL 250 im Hof für mich sei«, erinnert sich Gisela. Nicht nur in ihrem Fall war das Motorrad ein Geschenk des mitfühlenden Ehemannes. Vorsichtig wird begonnen, die Welt selbständig auf zwei Rädern zu erkunden. Mit Todesangst vor jeder Kurve anfangs und Schiß vor jedem Stopp - aber stolz wie die Spanierinnen. Der Triumph, Harold and Maude gleich der Welt eine lange Nase gedreht zu haben, scheint kaum zu ermessen sein. Wie andere Biker auch erleben sie Entspannung, Freiheit und Verbundenheit mit der Maschine als glückliches Gefühl. »Irgendwie ist es, wie ich mir erträumt habe«, notiert Getraude nach dem Ende aller Ausbildungstortouren und ihrem Hader mit den Nachbarn, die alles mitgekriegt und doch gar nicht so blöde reagiert haben. Die 50jährige Irm aus Lorsch trat gleich einem Motorradclub bei und findet es nun »geil dabeizusein, und ich bin stolz auf meinen Stammtisch, mein Motorrad und meine Lederkluft. Was die Leute über mich denken ist mir egal«. Richtig! Immerhin gilt es einen Nachholbedarf von einem halben Jahrhundert zu stillen. Und, meine Damen, 500 Volle-Kanne-Meter im ersten Gang müssen`s gar nicht immer sein.

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