Äthiopien (2)

Foto: Joachim von Loeben
Hinter den Klostermauern umgibt mich eine vollkommen andere Welt. Mönchsgesang dringt aus der Kirche, der Boden der dunklen Anlage ist strohbedeckt, Regenwasser wird wie vor Jahrhunderten in Zisternen gesammelt, und selbstverständlich dürfen Frauen diesen heiligen Ort nicht betreten.

In Adigrat schlage ich Kurs Süd ein, presche über Mekele bis Kobo. Dort soll, wie mir ein Reisender berichtete, eine Abkürzung nach Lalibela abzweigen. Obwohl ein Bauarbeiter mir entschieden von dieser Strecke abrät, will ich es wagen. Fünf Stunden geht es fast nur in den ersten beiden Gängen voran, mühe ich mich durch Flussbetten oder Tiefsand-Passagen. Ich werde nervös, hoffe inständig, dass die Maschine hält, denn außer
mir ist keine Menschenseele unterwegs.

Die Einsamkeit endet mit einem Schlag – Lalibela gehört zu den wichtigsten Touristenzentren des Landes, besitzt sogar einen Flughafen, um Besuchern die beschwerliche Anreise auf den schlechten Straßen zu ersparen. Entsprechend viele Reisegruppen schlendern durch den Ort, um zu den weltberühmten monolithischen Felsenkirchen zu gelangen: zwölf imposante, wunderschön verzierte Bauwerke, die vor über 800 Jahren von orthodoxen Christen aus dem Fels gehauen wurden. Priester bewachen noch heute diese einmaligen Gebäude, in denen überaus wertvolle religiöse Schriften, Ikonen und Schmuckstücke lagern.
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Foto: Joachim von Loeben
Zwei Fahrtage später kündigen sich die ersten weitläufigen Vororte der Hauptstadt Addis Abeba an. Auf der Suche nach einer Unterkunft drängle ich bis ins chaotische Zentrum der Metropole. Per Zufall checke ich in das gleiche Hotel ein wie drei Israelis, die mit einem betagten Geländewagen unterwegs sind. Ihr Vorhaben: die Danakil-Salzwüste zu durchqueren, eines der extremsten und heißesten Gebiete der Erde mit Temperaturen bis zu 50 Grad. Ich bin sofort Feuer und Flamme für diesen Plan und schließe mich spontan meinen neuen Freunden an. Alleine hätte ich mich auf einem Motorrad kaum in diese ebenso abgelegene wie unzugängliche Region gewagt, in der der afrikanische Grabenbruch zu seiner tiefsten Stelle absinkt: Teile der Danakil liegen bis zu 116 Meter unter dem Meeresspiegel.

Bereits die ersten Kilometer in der Salzwüste bei Serdo liefern einen Vorgeschmack auf das, was unserem kleinen Konvoi noch bevorsteht. Die Piste wird zusehends anspruchsvoller und windet sich alsbald durch Lavagestein und loses Geröll. Schon kurz nach Sonnenaufgang herrscht eine fast unerträgliche Hitze. Als ich wieder einmal auf meine Begleiter warten muss, verkrieche ich mich zum Schutz gegen die Sonne in einem offenen Kanalrohr. Bäume, die Schatten spenden könnten, gibt es in dieser Gegend nicht, alles ist karg und unwirtlich. Kurz darauf erblicken wir von einer Anhöhe den weiß glänzenden Salzsee von Afrera. Jetzt sind wir mitten in der Wüste!

Der Ort Afrera selbst ist kaum der Rede wert. Außer ein paar Touristen verirren sich allenfalls in den „kühleren“ Wintermonaten – selbst dann herrschen Temperaturen von durchschnittlich 40 Grad – Wanderarbeiter hierher auf der Suche nach einem Job im lukrativen Salzabbau. Das gewonnene Salz wird teilweise noch wie seit Generationen auf den Rücken von Kamelen nach Mekele transportiert. Von dort aus gelangt es zu allen Märkten des Landes – und war einst so wertvoll wie Gold.

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