Äthiopien (3)

Foto: Joachim von Loeben
Für einen Moment scheint unsere Weiterfahrt gefährdet. Die Trasse Richtung Norden ist angeblich wegen einer Überschwemmung gesperrt. Klingt in der Wüste merkwürdig. Doch erst mit einem Dorfbewohner als Guide an Bord des Toyota erhalten wir die vorgeschriebene Genehmigung vom Polizeichef. Kurze Zeit später ist tatsächlich Schluss – Wasser, so weit das Auge reicht. Eine direkte Durchfahrt ist definitiv unmöglich. Wir beschließen, diesen „See“ zu umfahren und wagen uns querfeldein über ein angrenzendes Lavafeld. Auf dem wild gefalteten Grund hat stellenweise selbst der höhergelegte Toyota arge Schwierigkeiten, überhaupt noch voranzukommen. Dass uns das scharfe Gestein nicht die Reifen in Stücke fetzt, grenzt an ein Wunder. Und dass wir vor Hitze dabei nicht kollabieren, ebenfalls: 51,9 Grad zeigt das Thermometer! Unendliche Erleichterung, als sämtliche Räder wieder über eine sandige Piste rollen und es endlich schneller als mit Schrittgeschwindigkeit vorangeht. Kurz darauf steht das erste Lager in der Danakil. In der Ferne wacht der Vulkan Erta Ale. Vor Sonnenaufgang sind wir schon wieder unterwegs. Gelegentlich begegnen uns Nomaden vom Volk der Afar, die mit ihren Kühen und Ziegen in dieser trostlosen Ebene umherziehen. Sie tragen bunte Gewänder, haben Schmucknarben im Gesicht, und wenn sie lachen, fallen leicht angeschliffene Schneidezähne auf – ein Schönheitsideal. Obwohl sie selbst kaum genug zum Leben haben, servieren sie unserer kleinen Gruppe bei jeder Begegnung zur Begrüßung frische Milch, die einen leicht rauchigen Geschmack hat. Dieser, erklärt unser Guide, stamme von den Holzgefäßen, die durch den Rauch eines Lagerfeuers desinfiziert würden. Wasser sei in der Danakil viel zu wertvoll, um es zum Waschen zu benutzen.

Dichtes Buschwerk erschwert eine Weile später die Navigation, und unser Begleiter gesteht, dass selbst er sich in diesem unzugänglichen Terrain kaum noch auskenne. Es bleibt keine andere Wahl, als einen Nomaden als zusätzlichen Führer anzuheuern. Der entpuppt sich als echter Glückgriff: Geschickt manövriert er uns viele Kilometer durch dichtes, wegeloses Strauchwerk. Bis wieder die endlos erscheinende Ebene auftaucht, von wo ab der weitere Weg bis Hermet Ela leicht zu finden ist.
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Karte: Renate Maucher
Tags darauf steht der tiefste Punkt der Danakil auf der Wunschliste, irgendwo in der Salzpfanne. Das Fahren gestaltet sich zunehmend schwieriger, da der Untergrund mit jedem Kilometer weicher wird. Prompt sackt die Honda derart tief ein, dass es selbst zu viert kaum möglich ist, das Bike zu befreien. Weil auch der Toyota nicht mehr durchkommen würde, geht’s zu Fuß weiter. Den tiefsten Punkt wollen wir noch sehen. Dabei fällt uns ein schier unglaubliches Phänomen auf: Trotz steigender Temperatur bildet sich auf dem Salz eine Wasserschicht, kurz vor Mittag waten wir bereits durch knöcheltiefes Wasser. Vermutlich ist die tiefste Stelle erreicht. 116 Meter unter dem Meeresspiegel. Rückzug, bevor es endgültig zu heiß wird.

Und weiter westwärts, nach Mekele, das in den sich allmählich am Horizont abzeichnenden Bergen liegt. Dort angelangt, verabschiede ich mich von meinen israelischen Freunden und schlage wieder Südkurs ein. Ein kurzer Zwischenstopp in Addis Abeba, dann peile ich endgültig Kenia an. Bei Shashemene verlasse ich allerdings die Hauptroute, passiere Sodox und den Abaya-See, um über Konso und Woito in den äußersten Südwesten Äthiopiens zu gelangen. Das Gebiet des Omo-Flusses ist Heimat für eine Vielzahl von unterschiedlichen Völkern. Das klingt spannend. Und tatsächlich kommt es zu einer Begegnung der ganz besonderen Art. Wie aus dem Nichts tauchen am Pistenrand etwa 50 nur mit einem Lendenschurz bekleidete Männer vom Volk der Hamar auf. Ich bremse abrupt ab, steige langsam vom Motorrad. Ruhe. Nichts geschieht. Beide Parteien können nur staunen. Per Zeichensprache versucht man mir nach einer Weile zu erklären, dass sie auf dem Weg zum Markt im nahem Turmi seien. Dort will ich auch hin.

Auf den staubigen Straßen der Stadt herrscht ein schier unglaubliches Treiben und Drängen. Handeln und Verkaufen ist Sache der Frauen, von denen die meisten rötlich gefärbte Haare haben und Locken ähnlich den Rastas – ein Zeichen des Wohlstandes. Die Männer hingegen verbringen die meiste Zeit damit, Tej zu trinken, ein lokales Honigbier. Es fällt mir schwer, mich loszureißen. Aber das übrige Afrika kann nicht länger warten, wenn ich je in Kapstadt ankommen will.

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