Äthiopien Was für ein Land!

Die Reiseplanung sah Äthiopien auf dem Weg von Köln nach Kapstadt nur als Transitland vor. Tatsächlich gerät der Zeitplan zwischen dem abessinischen Hochland und der Danakil-Wüste völlig aus den Fugen.

Foto: Joachim von Loeben
Der Weg nach Gonder entpuppt sich nach den staubigen Wüstenpisten in Ägypten und der Einöde im Sudan als willkommene Abwechslung: Seit dem Grenzübertritt windet sich die Strecke durch eine grandiose Bergwelt. Ungewohnte Perspektiven hinter jeder Kurve, weite, fruchtbare Täler, tief eingeschnittene Schluchten, Gipfel, die in den tief hängenden Wolken verschwinden. Äthiopien, das Dach Afrikas. Der Kontrast zum Sudan oder dem zuvor bereisten Ägypten ist überwältigend.

Neun Stunden später kommt die alte Kaiserstadt Gonder in Sicht, eines der seit dem vierten Jahrhundert bedeutendsten Zentren des Christentums. Unzählige Kirchen und Klöster zeugen im abessinischen Hochland von einer immensen Frömmigkeit. Stolz präsentiert mir ein Mönch bei einem Ausflug auf eine Insel im nahen Tana-See ein rund 800 Jahre altes Buch, das er in einem einfachen Holzschrank aufbewahrt. Die bemalten Seiten aus Ziegenleder stellen das Wirken eines Heiligen nach. Zum Schutz gegen die Sonneneinstrahlung hat der Mönch einen Regenschirm aufgespannt – in Europa würden derartige Kunstwerke klimatisiert hinter dicken Scheiben gesichert.

Zwei Tage später breche ich zum Nationalpark „Simien Mountains“ auf, der wegen seiner einzigartigen Tierwelt unter dem Schutz der UNESCO steht. Eine Wanderung durch das Gebirge ist ab Debark nur mit einem Guide gestattet. Wobei ich mich in dieser zerklüfteten Landschaft rund um den vierthöchsten Berg Afrikas, den 4620 Meter hohen Ras Dashen, ohne ihn kaum zurechtgefunden hätte. Stundenlang geht es durch Vulkanterrain, das an vielen Stellen völlig unzugänglich erscheint. Als das Nachtlager bereits errichtet ist, ertönt plötzlich ein merkwürdiges Grunzen. Kurz darauf taucht eine Horde von Gelada baboons auf, eine Affenart mit einem eindrucksvollen, leuchtend rot gefärbten Brustkorb, die ausschließlich in Äthiopien heimisch ist. Leider dauert dieser Spuk nur wenige Minuten.
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Foto: Joachim von Loeben
Wieder im Sattel der Honda, halte ich mich in nördliche Richtung. Die Strecke bis Axum ist stellenweise in katastrophalem Zustand und von Panzerwracks gesäumt: Mahnmale eines fast dreißigjährigen Bürgerkriegs, der 1993 endete, als Äthiopien das besetzte Eritrea in die Unabhängigkeit entließ. Ein Unruheherd ist die gesamte Grenzregion jedoch nach wie vor.

Mich bremsen allerdings rein praktische Sorgen: Benzin gibt es im Norden des Landes fast nur auf dem Schwarzmarkt, wo der Liter etwa doppelt so viel kostet wie an einer Zapfsäule. Zwischen Axum und Adigrat bleibe ich dann prompt mit leerem Tank liegen. Glück im Unglück: Ein einheimischer Motorradfahrer kann einen Liter entbehren. Damit rette ich mich in die nächste Ortschaft, wo ich weitere fünf Liter in Plastikflaschen ergattern kann. Bis ins 80 Kilometer entfernte Adigrat sollte das reichen. Ein Abstecher etwa auf der Hälfte der Strecke zum Kloster Debre Damos muss trotzdem sein – dem ältesten in Äthiopien, das wie ein Storchennest in etwa 15 Meter Höhe auf einem schmalen Felsenplateau klebt: Besucher werden von Mönchen an einem um die Brust gebundenen Seil nach oben gezogen.

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