Afrika Transafrika

Es sollte nur sechs Monate dauern und sich zwischen Kenia nach Kapstadt abspielen. Und dann wurde fast ein Jahr daraus. Und eine Reise durch fast ganz Afrika. Auszüge aus dem Tagebuch von Robert Froitzik.

Kenia, August 1996:Plötzlich hört der Asphalt auf, polternd kracht die BMW in die ersten Schlaglöcher, kommt wieder hoch, wie ein Schiff in rauher See, um gleich darauf schlingernd durch ein langes Sandbett zu pflügen. Tief hängen die Wolken über der Ebene, im Niemandsland des Tsavo National Park, zwischen Kenia und Tansania. Die Piste zieht sich bis zum Horizont, mein Schnitt ist auf unter 20 Kilometer pro Stunde gefallen. Die Grenze ist noch über 100 Kilometer entfernt. Und in vier Stunden ist es dunkel. Unmöglich.Mein erster Fahr-Tag in Afrika, meine erste Etappe überhaupt. Vielleicht habe ich mich doch übernommen, vielleicht hätte ich auf der asphaltierten Strecke bleiben sollen. Die anderen liegen jetzt bestimmt noch am Strand, lassen ihre Blicke über den Indischen Ozean schweifen. Ab und zu wird einer aufspringen, um die neugierigen, frechen Meerkatzen zu verscheuchen, die alles Eßbare klauen, was unbewacht irgendwo herumliegt.Ja, in Tiwi Beach, zehn Kilometer südlich von Mombasa, da traf ich sie alle. Alle auf einmal: Die Backpacker, die vom Norden kamen, seit Monaten unterwegs, die Overlander mit ihren Bedford Trucks, am Ende ihres 22 Wochen Trips von London nach Nairobi – braungebrannt, abgeklärt, erfahren von zig tausend Pistenkilometern. Sie erzählten, was ich nach und nach selbst erfahren sollte: daß kein Tag wie der andere verläuft, daß du nie weißt, wo die Piste endet, ob du dort ankommst, wo du hin wolltest. Aber kommt es darauf überhaupt an?Und natürlich ist die Grenze zu Tansania noch offen. Mit dem letzten Dämmerlicht rolle ich in Moshi auf den Campingplatz, die Stiefel voller Sand. Und bin glücklich.Uganda, Tansania; August bis Oktober 1996:Auf der Fahrt nach Sippi Falls – es regnet schon den ganzen Tag. Eigentlich regnet es in Uganda ständig. Der Weg rauf in die Berge: verschmiert, brauner Lehm, glitschig, aussichtslos. Keine Traktion, rechts der Abgrund, und das Vorderrad, völlig eingeschlammt, droht ständig zu blockieren. Doch dann sind da plötzlich zwanzig Hände, die mich anschieben, ausgelassenes Lachen, und irgendwie komme ich oben an, am kleinen Guesthouse, gegenüber der Wasserfälle. Und falle vor Erschöpfung um.Wie oft schon ist knapp geworden, wie oft habe ich mich verkalkuliert, wie oft. Doch mit der Zeit lernst du, daß dein europäisches Denken hier nicht funktioniert: African time is not going – African time is coming. Hakuna matata sagen sie dazu in Kenia.Uganda, das sind immergrüne Regenwälder, grüne Wiesen, grüne Hügel. Wenn die Kinder im Virunga-Gebirge, die mir winkend hinterherliefen, auf meinem Weg hoch zu Diane Fosseys Berggorillas, wenn sie Stifte und Papier hätten – ich weiß, wie sie ihr Land zeichnen würden.Wieder in Tansania, von Grzimek zurecht als Weltwunder bezeichnet: diese Natur – der atemberaubende Ngorongoro-Krater, das mächtige Great Rift Valley, natürlich der Kilimanjaro, schneebedeckt, majestätisch. Und immer wieder die Tiere, Elefanten, Löwen, Nashörner, Leoparden, an denen du dich nicht satt sehen kannst. Weil sie wild sind. Weil sie frei sind. Und die anderen – Marcus, der Schweizer, Installateur: »Ich habe mir meine TT zum Kaputtfahren gekauft.« So sieht sie auch aus. Olivier aus Frankreich, Lehrer für Englisch und Sport, auf einer XTZ 660 einmal rund um Afrika. Andere Traveller zu treffen ist wie daheim sein. Ein kühles Bier, abends an der Bar, scherzen, Erfahrungen austauschen, Routenpläne vergleichen. Man geht getrennte Wege und gehört doch zusammen. Und jeder kennt jemanden, dem man auch schon mal begegnet ist. Und Afrika ist plötzlich klein.Dare Essalaam – es wird immer heißer. Und gefährlicher. Abends geht man als Weißer nicht mehr spazieren, das Mißtrauen wird zur zweiten Natur. Weiter nach Zanzibar, der Insel aus Tausendundeiner Nacht, zum Hafen, zu den alten Dhaus mit ihren Dreieckssegeln, und nach der Hektik des Festlandes bei einem Sun-Downer zur Ruhe kommen.Malawi, Simbabwe, Botswana; Oktober und November 1996:Eigentlich ist Malawi gar kein Land, sondern ein riesiger See mit etwas Ufer drumherum. Und dort, am Lake Malawi, gibt es denn auch den einzigen Unterwasser-Nationalpark Afrikas. Dagegen Simbabwe – wo anfangen in diesem freundlichen Land? Im Mana Pools-Nationalpark, wo abends die Elefanten seelenruhig am Zelt vorbeimarschieren, oder im Chimanimani, wo einen nur noch die Berge von Mocambique trennen, oder bei den Victoria-Wasserfällen? Dort jedenfalls verabschiede ich mich von Simbabwe, fahre nach Botswana, wo es drei Tage lang im Einbaum durchs Okavango-Delta geht.Namibia, Südafrika; Dezember 1996 bis April 1997:Namibia ist onkelig – kauzig, mit seinen deutschen Straßennamen, deutschen Geschäften, deutschen Schlagern. Und grandios, mit seiner Namib-Wüste und dem Etosha-Nationalpark, der fast so groß ist wie die Schweiz. Namibia ist viel. Doch Südafrika – das ist die ganze Welt in einem Land. So zumindest sagen die Werbestrategen. Und du weißt, daß sie recht haben, wenn du die Weinberge in der Kapregion gesehen hast, durch die Einsamkeit der Karoo gefahren bist und die majestätische Schönheit der Drakensberge erlebt hast. Wenn du in Kapstadt warst, Simonis Town kennst, mit den Pinguinen geschwommen bist und vom Tafelberg aus das Ende der Welt und in der Nacht das Kreuz des Südens gesehen hast.Es ist das Dorf an Kapstadt, was einem so gefällt. Es ist das, und es ist viel mehr. Es ist der verrückte Berg, der alles überragt und beschützt, es ist der wilde Atlantik und der warme Indische Ozean, es sind die Menschen, Weiße, Schwarze und Farbige, die hier neben- und miteinander leben.Die Stadt am Ende der Welt ließ mich vergessen, daß ich nur ein Traveller war. Ich bleibe hängen. Woche für Woche. Zum ersten Mal wollte ich nicht weiter, war die Neugier auf das Unbekannte klein. Zum ersten Mal sehnte ich mich zurück: noch einmal in die Namib-Wüste fahren, jetzt, wo es geregnet hat und alles grün geworden ist. Noch einmal nach Simbabwe.Aber ich muß zurück. Zumindest denke ich das. Und steige nach vier Monaten ins Flugzeug. Zielort Akkra/Ghana. Von dort aus trete ich meinen Heimweg an, da es durch Angola kein Durchkommen gibt und die Straßenverhältnisse in Zaire aufgrund der Regenzeit katastrophal sind. Und während Cape Town immer kleiner wird, denke ich noch einmal an die beiden wunderschönen Oryx-Antilopen, die in der tiefstehenden Sonne Namibias vor mir hergaloppierten, als der Himmel diese unwirklichen Farben annahm. Immer wieder drehten sie sich nach mir um, und als sie endlich diese Lücke im Zaun fanden, da verschwanden sie mit langen Sätzen im Busch.Ghana, Elfenbeinküste, Mali; Mai und Juni 1997:Schon hinter der Grenze ändert sich alles: Die Straßen sind breit, der Asphalt ist perfekt. Und alle zehn Kilometer warten sie auf dich, in Uniform, mit MPs, aber immer höflich. Meistens lassen sie dich auch gleich weiterfahren. Aber nicht immer, und dann wollen sie Geld. Weil du keine gültige Versicherung hast. Oder keine Erlaubnis für deine Sonnenbrille. Sie nennen es das New York Westafrikas, Abidjan, mit seinen Hochhäusern und Avenuen, mit seinen Einkaufszentren und Hotels. Es hat was, aber es wirkt fehl am Platz, genauso wie der Nachbau des Petersdoms von Rom in Yamoussoukro, mitten im Regenwald.Der Vorderreifen weist die ersten leichten Brüche auf, es ist einfach zu heiß. Der Mechaniker arbeitet den Reifen mit den nackten Füßen von der Felge. Unglaublich. Ich kann kaum noch einen klaren Gedanken fassen, hier, in Malis Hauptstadt Bamako. Ständig naßgeschwitzt in den verdreckten Klamotten. Wo die Mineralien hernehmen, die man täglich verliert? Äpfel sind zu teuer. In Südafrika würde ich mir jetzt Kiwis kaufen. Aber hier gibt es noch nicht mal gutes Mineralwasser.Guinea, Sénégal, Juni 1997Irgendwann mußte es passieren, bin selbst schuld. Wellblech im Kurveninneren – wie immer, also nehme ich die Außenbahn, und plötzlich kommt mir der Toyota HiLux entgegen. Im Dschungel wirst du sorglos, weil dir maximal alle halbe Stunde ein Fahrzeug begegnet. Die BMW geht mit mir zu Boden, der schwarze Fahrer schimpft mich aus. Und wieder ist der Gepäckträger gebrochen.Dann die Piste nach Senegal. 35 Grad im Schatten. Links und rechts Sumpf und vor mir riesige, braune, tiefe Pfützen. So weit das Auge reicht. Die Maschine gräbt sich ein, Gepäck abladen, Motorrad aus dem Schlamm ziehen, Gepäck aufladen, weiter. Die Palmenzweige, die ich mit Schwung überfahren will, blockieren schlagartig das Vorderrad. Und wieder gehe ich zu Boden. Wieder und wieder. Fünf Kilometer in einer Stunde. Nur noch ein Liter Trinkwasser. Der geht bei einem neuerlichen Sturz für die Versorgung einer Unterarmverletzung drauf. Mir zittern die Knie, die Maschine ist arg ramponiert. Und plötzlich hört der Matsch auf: Ich bin im Sénégal. Noch 600 Kilometer bis Dakar.Mauretanien, Marokko, Europa; Juni und Juli 1997:Die Unruhe treibt mich weiter. Niemand weiß, wie man nach Marokko kommt, auch die freundliche marokkanische Botschaft nicht. Bei der mauretanischen Botschaft frage ich erst gar nicht, zu unsicher bin ich mir, ob der Grenzübertritt auf dem Landweg überhaupt erlaubt ist. Ich höre Götz, der von Norden kam und mit seiner XT 500 in Kapstadt festhing, noch sagen: »Klar gibt’s Verkehr in beide Richtungen!« Dann haben wir uns wieder über die Karte gebeugt, die auf dem Fußboden von unserem Appartement ausgebreitet war, und damit war das Thema erledigt. Planung in Afrika.Keiner ist hier, auf dem einzigen Campingplatz am Strand von Nouakchott. Keine anderen Traveller, und vielleicht ist es tatsächlich schon zu spät im Jahr, um nach Norden zu fahren. Vielleicht geht es nun doch nicht mehr weiter. Mauretanien ist nur Wüste, ist nur heiß, und mein Visum gilt nur für ein paar Wochen.Ich erfahre von einem Anlaufpunkt für Reisende, die aus Marokko kommen. Ein Privatgrundstück, gegenüber vom Sabena Office. Und da treffe ich sie: Schweizer, Deutsche – sie haben es geschafft. Und am Abend stehen zwei Honda XR 600 aus Lausanne auf dem Campingplatz. Bertrand und sein Bruder wollen wieder Richtung Norden, waren nur kurz mal im Sénégal gewesen. Und sie sprechen fließend Französisch. Es geht also doch weiter. Wieder. Wie immer. Im Konvoi durch die Sahara. Ein Truck vorneweg. Mauretanien ist doch noch Afrika – alles ist möglich. Irgendwie.Kommt man aus dem Süden, braucht man einen Guide, denn im Grenzgebiet liegen überall Minen. Offiziell kann man überhaupt nicht durchfahren. Unser Guide sitzt bei Gerhard im Truck. Woher er den Weg weiß, wissen wir nicht. Es wird heiß, die trockene Luft verbrennt die Lippen. Wo kriegt der Motor jetzt bloß noch Kühlung her? Egal – das muß er einfach aushalten, ich kann bei dem Wind kein Öl nachfüllen. Da das Gepäck bei Gerhard im Truck ist, wird die BMW nachgerade zur Gemse und das Fahren im Tiefsand zum Erlebnis. Dünen fahren kann süchtig machen. So langsam verstehe ich, was Thomas Troßmann meint.An der marokkanischen Grenze müssen wir zwei Tage warten, auf dem Parkplatz, in der Sonne, ohne Schatten. Am Abend laufen die ganzen Autoschieber aus Frankreich am Grenzposten auf – BMW, Mercedes, Peugeot. Alle auf dem Weg nach Nouakchott, quer durch die Wüste, einfache Fahrt. Jeder verdient daran, es ist ein gutes Geschäft. Dann dürfen wir mit einem Offizier weiter nach Dahkla fahren. Unsere Pässe gibt es noch am gleichen Abend zurück. Willkommen in Marokko.Komisch – auf Marokko habe ich mich gefreut, damals, als noch zig Grenzen dazwischen lagen, als ich nicht wußte, ob ich es schaffen werde, ob die BMW es schafft. Die Zweifel lassen dich nie los. Nicht, wenn du allein bist. Und jetzt sind es nur noch ein paar Tage, das Fährticket nach Séte habe ich auch schon. Und ich weiß nicht mehr, warum ich so ungeduldig war. Wo will ich denn jetzt noch hin?Marrakesch und die märchenhafte Stimmung auf dem Place Djemaa el-Fna mit Gauklern, Geschichtenerzählern und Zauberern versöhnt und gibt noch etwas Aufschub.Die Fähre verläßt Tanger erst am Abend. Afrika bleibt zurück, da drüben ist Europa – und Deutschland mit seiner Enge, seiner Ordnung und seinen grauen Menschen. Ob sie mich dort noch kennen? Kenne ich mich überhaupt noch? Wie war´s, werden sie fragen, und ich werde ihnen nicht antworten können. Wie geht es jetzt weiter, werden sie fragen, und auch darauf weiß ich keine Antwort. Aber irgendwie geht es doch immer weiter. Irgendwie.

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