Alpen-Spezial (2)

Foto: Monika Schulz
Unterwegs im Piemont.
Unterwegs im Piemont.
Was den Kanuten die Soca, war Geländefahrern der Mangart, bis der Ex-Ostblockstaat bald nach seiner Unabhängigkeit ein flächendeckendes Offroad-Verbot im Triglav-Nationalpark verhängen und die zwölf Kilometer lange Mangart-Piste asphaltieren ließ. Fast lotrecht übereinander an der Wand klebend, klettern die steilen Serpentinen gen 2055 Meter über Null durch eine mystisch wirkende Bergwelt – und eine Reihe stockfinsterer Naturtunnels. Fußballgroße Felsbrocken tauchen darin unvermittelt im zittrigen Scheinwerferkegel auf, während Durchbrüche schon die nächste Alpenkette in gleißendem Sonnenlicht zeigen. Kurz vorm Hochplateau stoppten Schneefelder unseren Sturm auf den wolkenumwehten Gipfel. Am Mangart herrscht Mitte Juni noch Eiszeit.

Das Bella Edolo ist inzwischen rappelvoll, die Espressomaschine steht nicht mehr still, das Thermometer bei 14 Grad. Bei 18 geht’s los. Gefroren haben wir auf dieser Tour schon genug. Am schlimmsten am Passo del Cason di Lanza, den wir direkt im Anschluss an den Monte Paularo nahmen, motiviert durch die engagierten „Paulaner“, deren interessierte Fragen nach dem Woher, Wohin und natürlich nach den Maschinen. Im Friaul, dem hintersten Winkel Italiens, sind Fremde eine spannende Abwechslung.

Präzise beschreibt man uns den Weg nach Pontebba. Eine dieser Straßen, die grußlos zwischen zwei Hofeinfahrten abzweigen. Die Ellbogen gerade so zwischen den Blumenkästen durchzwängend, pöttern wir die enge Gasse empor aus dem Dorf. In der Luft der Duft nach Heuwiesen. Dann Wald. Funkelnde Bäche, gelb glühender Goldregen und stets dieses dünne, rostige Geländer, das die immer schmaler und schlechter werdende Fahrbahn vom Abgrund trennt. Optimales 350er-Terrain.
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Foto: Annette Johann
Auf dem Monte Saccarello in Ligurien.
Auf dem Monte Saccarello in Ligurien.
Es ist spät und saukalt, bis wir die malerische Passhöhe des Cason di Lanza erreichen. Links eine kleine Alm, rechts eine Picknickstelle, vor uns die Passabfahrt: gesperrt. Rot, dick und fett. Eine größere Baustelle, sagt der Bauer, aber, nach kurzem Blick auf unsere Motorräder, wir sollten ruhig fahren. Er sagt nicht, dass es die Straße zum Teil gar nicht mehr gibt, stattdessen deftige Felsstufen, die weder Prozente noch Erbarmen kennen. Als wir schlotternd vor Kälte in der Dorfkneipe von Pontebba die Kaffeetassen umklammern, liegt das Puffi-Dasein endgültig hinter uns. Ein paar Niederländer tauchen unvermittelt an der Bar auf: „Kommt gucken! Im Fernsehen läuft Deutschland-Holland.“ Fußball-EM, komplett vergessen. Wie lange ist das jetzt her? Fünf Tage? Oder sieben? Jedenfalls ist seit dem Lanza einiges passiert: zum Beispiel Südtirol. Nach den wunderbaren Strecken zwischen Pontebba und Sappada, die große Wende am Kreuzbergpass, wo Südtirol die Provinzen Friaul, Belluno und Veneto ablöst. Endurotechnisch ging dort gar nichts mehr. Jeder anfangs reizvolle Stichweg in den Grenzgebirgskamm oder die südlich liegenden Dolomiten geriet zur Sackgasse. Genau wie das gesamte Pustertal mit seiner sorgfältigen Aufgeräumtheit und den Schnitzbalkonen. Irgendwann kannten wir jedes Erker bewehrte Hotel Edelweiß, jeden misstrauischen Wanderer und dann auch die Straße zu den Drei Zinnen: zehn Euro Maut für sechs Kilometer! In Cortina d’Ampezzo war endgültig Schicht: 20 erhobene Zeigefinger wegen 200 Meter unerlaubten Rollens in der verkehrsberuhigten Innenstadt. Ohne uns.

Passo di Pordoij, Cavalese, Trento, von dort ins Brenta-Massiv. Wegen der Bären und Dreitausender und so. Viel versprechend noch die Ouvertüre der südlichen SS 421, die nur knapp den Felsen abgerungen zum Lago di Molveno führt. Molveno selbst dagegen ein herber Rückschlag ins südliche Tirol, das förmlich über die nördlichen Bergkämme quillt.

Die Touring-Bar vermeldet 16 Grad, und oben in Monno dürfte jetzt die Hölle los sein. Es ist 11.45 Uhr, das sind ganze 15 Schläge! Mehr geht nicht. Aber sind wir nicht alle ein bisschen Kirchturmuhr? Immer volles Programm! Zum Beispiel Vollgas Lago di Molveno–Limone sul Garda. 29 PS voll am Anschlag. Jede Kurve voll auskostend. Und ohne Anhalten hoch nach Tignale. Geputscht vom mediterranen Atem aus Pinien und Zypressenduft, die Westklippen des Gardasees hinauf, bis das Blau tief unten zurückbleibt. Danach Gardola–Idrosee und zweimal Idro–Gargnano, allein, um die schönste Verbindung durchs Valvestino zu finden. Das Suchen und Bewältigen minimalster Wegenetze zog uns immer tiefer in die teils tropisch anmutende Hinterwelt des Lago di Garda hinein. Zum krönenden Abschluss ein doppelter Passo di Croce Domini: erst die geteerte, dann die geschotterte Variante.

Das war gestern. Und jetzt hat’s 18 Grad. Also los! Adamello von allen Seiten. Dreimal kommen wir ganz dicht dran, am schönsten durchs Val di Genova, das sich entlang der reißenden Wasserfälle des Sarca bis auf 1641 Meter Höhe schraubt. Schön wie Alaska und Europa zusammen. Abends gibt’s im Bergrifugio Polenta mit Carne, Alpenlehrposter, knarrende Stockbetten und einen neuen Plan: ab hier möglichst asphaltfrei in die Bergamasker Alpen.

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