Alpen-Spezial Drei Wochen ganz oben

Entweder über 1800 Meter hoch oder unter drei Meter breit – dazwischen bitte nichts. Ein Trip auf Extrem-Strecken von Slowenien in die Seealpen, lustvoll und tollkühn dem Hochgebirgsbogen folgend.

Foto: Annette Johann
Schotter bis zum Abwinken auf der großen Alpentour.
Schotter bis zum Abwinken auf der großen Alpentour.
Es ist 23.30 Uhr. Die Kirchturmglocke von Monno lässt keinen Zweifel. Schlägt alle 15 Minuten die Viertelstunde inklusive der tonangebenden vollen. Vermutlich die einzige Abwechslung in diesem gottverlassen wirkenden Dorf. Jesus kam garantiert nur bis Edolo, etwa zehn Kilometer südlich. Der Mond hängt schief über dem 3500 Meter hohen Adamello-Massiv, wir über den 1:50000er-Wanderkarten in dieser unsäglichen Albergo. An Schlaf nicht zu denken. Erstens die Kirchturmuhr, zweitens der Stragula-Geruch, drittens unser Plan: Der Adamello muss fallen.

Droge Berg. Seit einer Woche sind wir drauf. Oder sind es fünf? Zeit spielt keine Rolle mehr, nur noch die fieberhafte Suche nach immer alpineren Wegen zwischen Slowenien und Südfrankreich. Strecke machen wir schon lange nicht mehr. Seit der ersten ernsthaften Schotterpassage drüben im Friaul am Monte Paularo. Wir quälten uns da herum wie Franzi van Almsick auf ihrer letzten 200-Meter-Freistil-Bahn. Echt nicht zum Ansehen. Und es gab keine Ausreden. Sowohl die wochenlang präventiv beschraubte Suzuki DR 350 als auch die nagelneue Beta Alp 4.0 gaben ihr Bestes. Es lag an uns. Schlechtes Schottergefühl hieße es wohl bei Olympia. Locker werden, Mädels.

Als der Knoten endlich geplatzt war, riss es uns förmlich nach oben. Jede Bodenwelle, jeder Drift, jedes Steilstück schieres Glück. Und ein tiefes Gefühl von Freiheit. Keine Wohnmobile, keine Souvenirläden, keine Geranienkübel – nur Berge, Wind und das entfernte Klimpern einiger Ziegenglöckchen. Genau was wir erhofft hatten, als unser Plan, die Alpen auf kleinsten Wegen zu durchqueren, reifte.
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Foto: Annette Johann
Bachdurchfahrt zwischen Garda- und Idrosee.
Bachdurchfahrt zwischen Garda- und Idrosee.
Und fast ein bisschen makaber. Denn zum Vergnügen wurde die Piste am Paularo nicht gebaut, sondern, wie die meisten Militärstraßen der Alpen, um den Ersten Weltkrieg auch noch in eisigsten Höhen auszufechten. Mit schweren Felskalibern befestigt, trugen sie Kanonen, Munition und Truppen in entfernteste Gipfelregionen. Wege, die mit Tausenden von Toten bezahlt worden sind, die nie den Krieg entscheiden halfen und deren Opfer gegen die mörderischen Schlachten an West- und Ostfront nahezu in Vergessenheit gerieten. Heute erschließen sie einen wunderschönen Teil höchster Gebirgsregionen.

Die Kirchturmuhr in Monno schlägt halb acht, das Thermometer zeigt sieben Grad, der Adamello ist weg. Dicke Wolken über der Lombardei, leichter Regen und keine anständige Kneipe, die Sache auszusitzen. Runter nach Edolo, wo alle Hauptverkehrsstraßen zusammen kommen und sich ein Café ans andere reiht. Wir wählen das „Bella Edolo“, parken im Schatten einer Duisburger BMW K 1200 LT. Sitzheizung, Stereoanlage, Louis-XIV-Verkleidung. Der Mann am Lenker packt die Europa-Karte aus – 1:1 Mio. Er will nach Rom. Aha. Fuhr gestern früh in Nordrhein-Westfalen los. Oha. Motorrad fahren kann so unterschiedlich sein.

Unser Startschuss fiel Luftlinie vielleicht 300 Kilometer von hier: Kranjska Gora. Wintersportzentrum des frisch gebackenen EU-Mitglieds Slowenien. Und Kranjska Gora wirkte wie frisch gestrichen. Touristisch hoch motiviert. Auffällig viele Busreisende: alternde, riesige Hamburger essende Engländer in brandneuen „Bistro-Snacks“, deutschsprachige Kegelclubs in lautstarkem Wortgefecht über die verdorbenen Preise. Wir flüchteten über den teilweise gepflasterten Vršic-Sattel Richtung Mangart. Flankiert von den eindrucksvoll aufragenden Felswänden des Triglav, in Atem gehalten durch vollendete Hochgebirgsszenen, gestoppt vom stechendsten Grün der nördlichen Hemisphäre: die Soca! Hochkarätiges Wildwasser, strahlend schön, Mekka aller Kajakfahrer.

Mindestens ebenso strahlend die Zeltplatzverwalterin vom „Ufer-Camp Klin“. Wie einst Lilo Pulver als Piroschka im unvergesslichen Hódmezövásárhelykutasipuszta erklärt sie uns in feierlichem Bemühen um Deutsch die komplizierte Zeltplatzordnung und endet mit dem bewegenden Satz: „Sie mussen sich das gesamt nicht behalten, bitte.“ Irgendwie kennzeichnend für den teils liebenswert improvisierten Fremdenverkehr Sloweniens.

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