Alpen-Wintertour (2)

Foto: Seitz
Nachts schlägt das Wetter um. Und die traumhaften Föhntage wechseln ins feuchte Grau. Immerhin steigt die Temperatur über null. Schemenhaft taucht die mächtige Kuppel des Ettaler Klosters über einer Nebelbank auf, und allmählich einsetzender Regen lässt die Garmischer Lüftlmalereien durchs nasse Visier wie Aquarelle schimmern. Der Nebel wird dichter, die Berge sind schon lange verschwunden, und ich suche verzweifelt die Abzweigung nach Leutasch. Die Strecke soll wegen Lawinengefahr zeitweise gesperrt sein, versuchen will ich es trotzdem. Ich habe Glück, die Lawinenschranke ist offen und steinharte, heckenhohe Schneewände geleiten mich nach oben.

Langsam schält sich die Bergwelt aus dem Nebel, und als ich den Motor für kurze Zeit abstelle, ist es mucksmäuschenstill. Plötzlich dröhnt ein Donner durch das Tal, als würde ein Sprengkörper gezündet. Das zumindest ist mein erster Gedanke. Nur scheint das Donnern nicht mehr enden zu wollen. Erst jetzt erkenne ich, wie direkt vor der gegenüberliegenden Bergwand riesige Schneemassen herunterkrachen. Eine Schneelawine schießt über eine Felskante, stürzt im freien Fall fast bis zum Fuß des Bergs. Aus der Ferne sieht es aus, als tose ein Wasserfall zu Tal. Dieses Krachen werde ich heute noch mehrmals zu hören bekommen, denn der Regen hat den Schnee schwer gemacht. In einer Gastwirtschaft in Leutasch höre ich, dass Lawinenwarnstufe vier ausgegeben wurde. Fünf gibt es insgesamt. Und am nächsten Morgen werde ich erfahren, dass hier oben in den Bergen an dieser Straße ein Jäger aus Mieming sein Leben in den Lawinen verloren hat.

Mir bereiten Lawinen offen gestanden weniger Sorgen als vereiste Straßen. Was, wenn es heute Nacht richtig kalt wird? Egal, wohin ich mich von Leutasch aus bewege, es geht stets kräftig den Berg runter. Zu Hause hatte ich eine dünne Kette bereitgelegt, um sie im Notfall um die Reifen wickeln zu können. Vergessen! Nun, ich bleibe trotzdem, das kleine Leutasch gefällt mir. An Zimmern besteht freie Auswahl. Meine Befürchtung, die Skifahrer könnten alles belegen, bestätigt sich in keiner Weise. Im Gegenteil, die Hauswirtin erzählt, dass diese Zeiten längst vorbei seien. Sie bittet mich, Leutasch unbedingt in meinem Reisebericht zu erwähnen. Seit der Eingemeindung zu Seefeld erscheine ihr Dorf nämlich nur noch unter „ferner liefen“.
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Foto: Seitz
Am nächsten Morgen wabert die Nebelsuppe derart dick, dass sich nicht mal ein Ansatz von Bergen abzeichnet. Dafür ist die Straße eisfrei. Ich schleiche im Blindflug hinunter nach Telfs, überquere den Inn und wähle ein kurzes Stück Ötztal bis zum Abzweig Kühtai. Nach dem Motto „die Hoffnung stirbt zuletzt“. Diesmal stirbt sie nicht. Auf etwa 1500 Meter Höhe verdünnisiert sich der Nebel schlagartig, und die Sonne knallt auf ein verschneites Bergpanorama, bei dessen Gestaltung sich der Herrgott besonders angestrengt haben muss. Glasklare Luft und trockene Straße – der Winter präsentiert seine schönste Seite, während ich Kurve um Kurve genieße bis hinauf auf 2017 Meter. Wo ich auf dem Kühtaier Sattel mit mindestens tausend Skifahrern zusammentreffe. Auf der Ostseite wartet der Nebel, das Dörfchen Sellrain, auf halber Passhöhe zwischen den steilen Talflanken klemmend, steckt schon drin.

Innsbruck ist schnell durchquert, am Inntal-Südhang rolle ich östlich weiter ins Zillertal. Eingerahmt von mächtigen Zweieinhalbtausendern hat es einen teils mehrere Kilometer breiten, fast topfebenen Talboden, der erst nach und nach ansteigt. Und eher an das Schwemmland einer gewaltigen Flussmündung erinnert als an ein Alpental. Erst ab Mayerhofen wird es enger und hügeliger. Der Weg zum Schlegeisspeicher steigt hart an der Felswand wenige Meter über der Ziller nach Süden auf, um dann den Fluss auf einer steinernen Bogenbrücke nach Ginzling zu überqueren. Wenige Kilometer später versperrt erneut ein Lawinenwarnschild die Weiterfahrt. Ich überquere die Ziller noch einmal, versuche auf der Westseite des Tals voranzukommen. Umsonst. Der Weg endet ein Stück weiter oben an einem alten Bauernhaus. Vorsichtig wende ich und kann nur mühevoll die Fuhre mit rutschenden Stiefeln auf der Eisdecke in der Spur halten.

Bei Zell erkundige ich mich in der kleinen Schaukäserei hinter Hainzenberg, ob die Strecke zum Gerlospass frei ist. Ja, der Pass sei praktisch immer offen. Sobald ein paar Zentimeter Schnee fallen, rücken die Räum- und Streufahrzeuge aus. Die Skiregionen können sich Ausfälle nicht leisten. Um keine Wintersportler zu vergraulen, sei sogar die Gerlos-Straße im Winter mautfrei, erfahre ich. Soso. Sehr überraschend, wenn man bedenkt, wo im Sommer überall abkassiert wird. Egal, jetzt profitiere ich davon und rolle auf der kurvenreichen Abfahrt von Gerlos in den Nationalpark Hohe Tauern, der hier mit einem seiner spektakulärsten Naturschauspiele aufwartet, den Krimmler Wasserfällen. Aus mehreren Wasserabstürzen übereinander bestehend, bilden sie, sofern man die einzelnen Höhenstufen zusammenzählt, den fünfthöchsten Wasserfall der Erde. Obwohl diese rechnerische Größe nicht direkt zu sehen ist, beeindruckt das ohrenbetäubende Getöse des untersten und größten Falls jährlich bis zu 400000 Besucher. Da hat ein Besuch im Winter seine Vorteile. Während sich im Sommer die Touristen hier gegenseitig auf die Füße treten, gehört mir heute der Wasservorhang ganz allein.

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