Alpen-Wintertour Holyday on Ice

Wenn im Winter die strahlenden Hochdruckgebiete aufziehen und für ein paar Tage Ausnahmezustand in der trüben Düsternis sorgen, dann zieht es zwei Spezies mit Macht in die Berge: Skifahrer und unerschrockene Biker. Das Porträt eines klassischen Wochenendes.

Als Tom am Donnerstag Abend die Wettervorhersage für Wintersportler anschaut, weiß er, dass sich das perfekte Wochenende ankündigt. So und nicht anders müssen die Bedingungen für eine Motorradtour in den Schnee sein. »Eine stabile Hochdruckzone sorgt in den nächsten Tagen für kaltes, aber sonniges Winterwetter über den Nordalpen. Nach den ausgiebigen Schneefällen der letzten Wochen sind die Pistenverhältnisse ausgezeichnet und Abfahrten bis in die Täler möglich...« Klick! Tom hat genug gehört. Die Informationen versprechen tolle Fernsicht und schneebedeckte Nebenstraßen, bevor der Winterdienst die weiße Pracht wieder vernichtet hat. Genau das Richtige für ihn und das alte Bonneville-Gespann in der Garage. Nachdem Thermoklamotten und Skiausrüstung zusammengesucht sind, checkt Tom die Maschine, hängt die Batterie sicherheitshalber noch mal ans Ladegerät, packt zu den Carvern stabile Seile als Traktionshilfe für die Reifen in den Beiwagen, spendiert allen mechanischen Verbindungen einen Tropfen Öl und nebelt mit Konservierungsspray die empfindlichsten Metalloberflächen ein. Startklar für die Wintertour. Am nächsten Morgen fühlt sich die Kälte beißender an, als in Toms Plan vorgesehen. Als er probeweise den Kopf aus dem Fenster streckt, legt sie sich eisig auf Wangen und Nasenflügel, der Atem kondensiert vor dem Mund. Acht Grad minus. Egal. Das ist der Preis. Tom wartet noch, bis die Sonne über die Hausdächer in München geklettert ist, kippt einen letzten Schluck Kaffee runter, dann muss er endgültig raus. Die Bonni ist guter Dinge, dreimal Kicken, und bollernd geht es vom Hof, zur A 8 Richtung Österreich.Das erste Stück Autobahn ist grässlich. Reglos auf dem Gespann kauernd und nichts als den klirrend kalten Fahrtwind im Gesicht spürend, verflucht Tom heimlich seine Idee. Und den offenen Helm. Aber der muss sein. Alles andere wäre eingesperrt. Doch die Bewegung fehlt, ganz eindeutig. Das Turnen am breiten Lenker, das beim Gespannfahren so prima die Knochen wärmt. Hinter dem Irschenberg ist’s genug. Als die Chiemgauer Alpen rechter Hand ihre weißen Zacken aufrecken, zweigt Tom von der Bahn ab und cruist auf den kleinen Landstraßen südlich der Autobahn Richtung Osten. Direkter Kurs auf die sich immer höher aufbauenden Alpenausläufer. Noch wenige Kilometer, und Tom ist mitten drin. Ab Inzell windet sich die geräumte Straße eng zwischen steil aufsteigenden Felsen, die dunkel aus der Schneedecke hervorschimmern. Die Deutsche Alpenstraße. Jetzt ist Gespannfahren pur geboten, und das kraftintensive Kurvensurfen treibt allmählich wieder Wärme in die ausgekühlten Muskeln. Nach wenigen Kilometern sind links die halbverschneiten Wegweiser zu Gletschergärten und gefrorenen Wasserfällen zu erkennen. In Schneizlreuth zweigt die Straße nach Berchtesgarden und zum Watzmann-Massiv ab, Tom hält jedoch südwestlichen Kurs in Richtung Österreich. Kurz hinter dem Steinpass liegt bereits die Grenze. Eigentlich könnte man auch durch den Tunnel fahren, doch das kleine verschneite Sträßchen durch den Ort Mellek und über den Pass verspricht deutlich mehr Fahrspaß. In der Tat – die festgefahrene Schneedecke bietet guten Grip und die Triumph wühlt sich tapfer in den Grenzort Mellek hinauf. Macht sogar richtig Meter in dem weißen Puder. Hu, jenseits des Ortes geht es in ein paar steilen Kehren mit acht Prozent Gefälle wieder hinab, doch es klappt prima, die Bremsen und Reifen packen einwandfrei. Dann ist auch schon der verwaiste Grenzübergang erreicht, und von dort geht es weiter an der Saalach entlang in Richtung Lofer. Schon seit einigen Kilometern locken zunehmend Hinweisschilder zu Liften und Skigebieten, Tom will aber noch ein wenig Strecke machen. In Lofer zwickt aber die Kälte trotz Bewegung so barbarisch in den Fingern, dass die erste Pause fällig ist. Mit eisigen Händen und Füßen klettert Tom vom Sattel der Triumph, poltert in die kleine Gaststube. Wärme und rauchiger Dunst nimmt ihm im ersten Moment schier den Atem, doch schon bald kribbelt wohliges Auftaugefühl durch die Adern. Den befremdeten Blicken über den winterlichen Motorradfahrer weicht bald freundliches Grinsen, ja, Jagertee hilft nicht nur auf den Brettln. Hier in Lofer teilt sich der Weg zwischen Kaisergebirge und Tauern. Im Westen liegen St. Johann und Kitzbühel am Wilden Kaiser zwar nur noch knapp 40 Kilometer entfernt, die Tauern versprechen jedoch noch ein paar herrliche Anfahrtskilometer mehr. Nach der Wiederbelebung wird die Triumph zur zweiten Etappe angekickt. Schon nach zwei Tritten poltert sie begeistert los - widrige Wetterverhältnisse scheinen Engländerinnen zu liegen. Unter den entgeisterten Blicken ein paar holländischer Urlauber schwenkt Tom gut gelaunt und mit stiebenden Drift wieder auf die Bundesstraße ein. Links baut sich bald mächtig das Steinere Meer auf, rechts sprudelt die Saalach zwischen breiten Eiskrusten neben der Straße dahin. In Saalfelden ist bereits Zell am See ausgeschildert. Dahinter liegt der Großglockner. So weit hinauf geht es heute leider nicht. Im Winter versperren rotweiße Schranken die Weiterfahrt auf die wunderschöne 47 Kilometer lange und bis zu 2575 Meter hohe Großglockner Hochalpenstraßen. Sie wäre jetzt ein Hochgenuss. Doch es gibt genügend Alternativen, Tom und Bonneville ziehen ungezählte Spuren über die kleinen Zufahrtswege zu den umliegenden Almen und Hausberge rund um den Zeller See. Fast jede Kurve gibt immer wieder neue, grandiose Blicke auf das schlafende Tauernmassiv frei. Die Strahlen der zunehmend tiefer sinkenden Sonne brechen sich funkelnd in den Kristallen des pudrigen Schnees, der sich üppig auf Büschen und Bäumen türmt. Winter in seiner schönsten Form. Auf dem Weg zur Schmittenhöhe ist es schließlich mit der Traktion vorbei, die Triumph wühlt nur noch auf der Stelle. Der Einsatz für das Nylonseil ist gekommen. Mühsam zwängt Tom es an dem schmalen Spalt zwischen Reifen, Schwinge und Kette vorbei, um es vorsichtig um das Hinterrad zu wickeln – die Wirkung ist phänomenal - schlupffrei gräbt sich das Gespann den Hügel hinan, erobert immer neue Wege, je unwegsamer, desto besser. Doch irgendwann ist die Sonne hinter den westlichen Bergspitzen versunken, und es wird schlagartig beißend kalt. Höchste Zeit, ein Quartier zu suchen. Kaprun wäre ideal, denn morgen startet der zweite Teil der Reise, xxx Kilometer feinste Skipisten bietet das dortige Revier. Tom findet zwar noch ein nettes Hotel, aber dennoch kaum Schlaf in der Nacht. Stunden sinniert er über dem Pistenplan, der ab morgen die Landkarte ablösen wird. Erinnert sich an all die tollen Hänge, den genialen Sprung hinter der Pistenkneipe, träumt davon, wie es sein wird, endlich wieder zweispurig die Berge runterzufegen, den Schnee prickelnd ins Gesicht stieben zu fühlen und diesen Kick im Bauch, wenn der Hang plötzlich senkrecht unter dir wegkippt. Und Schräglagen – berauschend wie auf dem Motorrad.

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