Andalusien (2)

Foto: Schröder
Die Berge höher und wilder, die Täler unzugänglicher – der nächste Morgen beginnt mit einem Paukenschlag. Dichte Kastanienwälder bis zur Schneegrenze knapp unterhalb des 3482 Meter hohen Mulhacén und zwischen der Schinken-Hochburg Trevélez sowie den drei übereinander geschachtelten, blitzweißen Dörfern Capileira, Bubíón und Pampaneira eine einmalige, in den Fels geklatschte Panorama-Trasse. Noch einen Tick enger die Kehren, und die Harley müsste rangieren. Dagegen entpuppt sich die breite Strecke, die sich auf der anderen Seite des Gebirges von Granada aus hoch in Richtung Mulhacén wälzt, entgegen allen Erwartungen als echter Langeweiler. Am Ende steht die Harley zwar imposante 2700 Meter hoch, aber das war’s dann auch schon. Autobahn fahren kann ich auch woanders, und ohne Schnee sieht’s rund um das Retorten-Skiresort „Solynieve“ ungefähr so einladend aus wie auf dem Mond.

Zurück nach Granada und wieder in Richtung Küste. Ein Abzweig von der Passhöhe Puerto del Suspiro del Moro weckt meine Neugier: Ein auf der Karte weiß verzeichnetes Mini-Sträßchen führt ebenso wie die parallel dazu verlaufende Schnellstraße bis ans Wasser – nur eben auf der linken Seite der Sierra del Chaparral. Prompt landet die Harley im Grenzbereich: zwölf Kilometer grober Schotter. Fünf Ecken weiter der Panorama-Overkill. Ich stehe am oberen Rand einer nahezu senkrecht abfallenden Felswand, an der sich der Weg in einem langen Bogen haarsträubend verlegt über viele hundert Meter nach unten fädelt und man meint, bis Afrika sehen zu können. Zwei Mountainbiker nicken mir kurz zu, stürzen sich im nächsten Moment todesverachtend in die Tiefe. Keine Chance, mit der Harley auch nur auf Sichtweite dranzubleiben. Der Sturzflug endet erst kurz vor Almuñécar.

Málaga, Cártama und Marbella in einem Rutsch zwischen Frühstück und Mittagspause, dann weiter bis Ronda, das vom Meer schon wieder viele golfplatzgrüne Hügelketten entfernt ist. Ausnahmslos weiß getünchte Häuser, die sich auf zwei Felsen verteilen: Alt- und Neustadt sind durch einen bis zu 180 Meter tiefen Spalt getrennt und nur durch zwei spektakuläre Brückenkonstruktionen miteinander verbunden. Hemingway kam regelmäßig hierher, weil diese wunderbare Stadt oberhalb des Rio Guadalevín als der Geburtsort des Stierkampfes gilt, die große Leidenschaft des Schriftstellers.

Spät am Abend in einem Flamenco-Club in der Nähe der Plaza de Toros. Schwaches Licht fällt auf die winzige Bühne zwischen zwei Säulen. Ein Mann an der Gitarre, neben ihm eine Frau, die kerzengerade auf einem Barhocker sitzt. Das Publikum davor dicht gedrängt. Angespannte Stille. Die ersten drei Akkorde, die Sängerin schließt die Augen, holt tief Luft, wirft den Kopf nach hinten und holt aus für den ersten archaischen Ton. Mit zitternden Lippen presst sie die Verse hervor, klatscht dabei in einem komplizierten Rhythmus mit ihren Händen. Einzigartig und unnachahmbar. Es geht um das Leben, um Liebe, um Leid. Tosender Applaus nach jedem Stück. Die Musik der „gitanos“, der Zigeuner Andalusiens, trifft voll ins Mark.
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Foto: Schröder
Die letzte Etappe. Hinunter nach Cádiz, das bereits am Atlantik liegt. Der Weg dorthin – eine Sensation, weil sich die Straße durch eine Art Mini-Ausgabe der Dolomiten zirkelt. In den Falten der Berge oder obendrauf hängen kreideweiße Dörfer, die pueblos blancos. Schlichte, kubisch geformte Häuser im maurischen Stil, die laut einem Gesetz einmal im Jahr weiß gestrichen werden müssen. Selbst der Farbton ist amtlich vorgeschrieben.

Grazalema, Ubrique und Alcalá. Dazwischen krümmen sich Wege in alle Richtungen durch diese Berge, die mancherorts so scharfkantig wie die Zacken einer Säge aufragen. Am Puerto de Galis, einem 411 Meter hohen Pass, versorgt eine kleine, verrauchte Bar ein paar Waldarbeiter mit dem Nötigsten: Wein, Tapas und Zigaretten. Dicke Schinken hängen von der Decke herab, im von zwei Geweihen eingerahmten Fernseher an der Wand flimmert tonlos die Übertagung der Lottozahlen, aus dem Uraltradio hinter der Bar dröhnen andalusische Schlager. Das Gericht des Tages: Jabali al ajillo. Wildschwein in Knoblauchsoße.

Irgendwann verschwinden die Berge in den Rückspiegeln, kommt das Meer in Sicht. Vorbei am Conil de la Frontera mit seinem unendlich weiten Strand, schließlich die schmale Landzunge, die die letzten Kilometer bis ins über 3000 Jahre alte Cádiz markiert – die älteste Stadt Spaniens wird von drei Seiten vom Atlantik umspült.

Für den ersten Moment bin ich sprachlos. Die ewig lange Uferpromenade, die unglaublich engen Sträßchen und Gassen in der Altstadt, der imposante Platz vor der barocken Catedral Nueva – diese einstmals reiche Handelsmetropole scheint komplett von der Moderne und vom Tourismus verschont geblieben, erinnert mit ihrem leicht morbiden Charme auf schmeichelhafte Art und Weise an Kubas Hauptstadt Havanna. An den beiden Stadtstränden Playa Victoria und Playa le Caleta, jeder nur durch die Promenade von den bonbonfarbenen, barocken Häuserzeilen getrennt, warten Surfer auf die perfekte Welle, wird beneidenswert offenherzig flaniert und geflirtet, trifft man sich am frühen Abend, um den Sonnenuntergang zu zelebrieren. Die vielgepriesene Leichtigkeit des Südens – in Cádiz trägt man sie noch einen Tick unbeschwerter zur Schau als anderswo. Eine Hand voll Tage Motorrad fahren, Sonne tanken, spanische Lebensart genießen – der perfekte Plan wurde Realität.

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