Andalusien Ohne Kompromisse

Lediglich zwei Stunden im Flieger, ruck, zuck das Miet-Motorrad in Empfang nehmen, Packrolle drauf und ab die Post. Einfach nur fahren, bis der Arzt kommt – und zwar dort, wo Europas Süden zu Höchstform aufläuft: In Andalusien.

Foto: Schröder

Der Plan schien perfekt: Eine Hand voll Tage Motorrad fahren, Sonne tanken, spanische Lebensart genießen – ein Kurzurlaub mit hundertprozentiger Wohlfühlgarantie ohne Wenn und Aber. Und nun droht dieser Traum genauso zu zerplatzen wie die fetten Regentropfen, die an die Scheibe der Road King klatschen: Über Europas einziger Wüste geht in diesem Moment die Welt unter, und draußen vor der Küste haben sich Mittelmeer und Himmel inzwischen untrennbar zu einer grauen Suppe vermengt. Nordseestimmung am Cabo de Gata – wo statistisch gesehen 342 Tage im Jahr die Sonne scheint. Wer hierher kommt, braucht keine Regenkombi. Dachte ich zumindest. Im nächsten Moment verschlucken dicke Wolken die Turmspitze der alten Kirche, die einsam am Strand auf halber Strecke zwischen dem Dorf Cabo de Gata und dem gleichnamigen Kap steht. Der Tag endet so düster wie bereits der gestrige.

Da war Kilometerfressen angesagt. Vom Malaga stur nach Osten, um irgendwie doch noch dieser Schlechtwetterfront zu entfliehen, die wie festgenagelt über den Sierras hängt, in die ich eigentlich sofort nach der Übernahme der Harley abbiegen wollte. Stattdessen die leidige Küstenautobahn, die gleich einer Schneise durch einen vollkommen aus den Fugen geratenen Siedlungsbrei führt. Der blanke Horror! Gebaut wird längst auch in allen unmöglichen Lagen. Ein Appartement zehn Meter neben der vierspurigen Trasse? „Se vende!“ Zu verkaufen. Die Telefonnummern der Immobilienmakler in übergroßen Ziffern auf riesigen Schilderwänden.

Hier und da ein blauer Fleck am Himmel. Tag drei beginnt immerhin hoffnungsvoll. Also schnell Helm auf und rauf auf den Bock. Das Frühstück war eh nicht so doll. Lauwarmer Milchkaffee und ein knochentrockener Toast mit Marmelade. Spanisch eben. Dafür präsentiert sich dieser wüstenhafte Zipfel auf einmal mit einer gänzlich anderen Dramaturgie als gestern: Die letzten drei Kilometer des einspurigen Sträßchens bis zum eigentlichen Kap spielen ganz klar in der ersten Liga der Aussichtsstraßen. Kaum mehr als ein schmaler Grat im Fels. Links nackter Stein, rechts ganz weit unten die azurblaue See, die sich irgendwo am Horizont mit dem inzwischen ebenso blauem Himmel vereinigt. Na bitte, genau wie auf den Postkarten. Kaum zu glauben, was ein bisschen Licht ausmacht.

Am Ende fällt der Blick von hoch oben auf drei helle Strände, wie sie in Spanien längst Seltenheitswert haben. Weite, sandige Buchten ohne jegliche Infrastruktur und das Land dahinter irgendwie eine Mischung aus Mexiko und Marokko: nur braune, zernarbte Wüste. Allenfalls ein paar Kakteen, Palmen und Agaven gedeihen rechts und links der breiten Piste, die vom gegenüberliegenden San Jose durch diesen Naturpark führt und über die die Harley gegen Mittag tapfer rumpelt. Die Sonne brennt wie irre auf die Lederjacke, die staubige Luft scheint zu glühen. Geschätzte 30 Grad an meinem erklärten Traumstrand, der Playa Genovese.

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Foto: Schröder

Mitten durch den Moloch Almeria und weiter in Richtung Tabernas. Die heiße Luft lastet noch einen Tick schwerer über dem kargen, ockerfarbenen Land im Schatten der Sierra Alhamilla, das von unzähligen Canyons und ausgetrockneten Flussbetten, den Ramblas, durchzogen ist. Diesen Landstrich kennt man aus dem Kino. Unzählige Italo-Western und sogar ein paar Szenen aus „Indiana Jones“ oder „Lawrence von Arabien“ wurden hier gedreht. Die Straße etwa zehn Meter breiter und schwere Pickups anstelle europäischer Kompaktwagen – das Bild von der amerikanischen Prärie wäre perfekt.

Hinter Tabernas links ab. In Richtung Castro de los Filabres. Das Asphaltband noch einen Tick schmaler, die Einsamkeit umso intensiver. Außer einem Ausflug ins nahe „Mini-Hollywood“, eine für Touristen herausgeputzte Wildwest-Stadt, gibt es für die meisten offensichtlich keinen Grund, durch diesen Teil Andalusiens zu ziehen. Doch der Streifen, der ab hier läuft, ist ganz großes Kino und der saubequeme Sessel der Harley der perfekte Logenplatz. Weil diese Fuhre nicht einmal im Ansatz so etwas wie Hektik aufkommen lässt und sich die Welt dank des megabreiten Lenkers im XXL-Panorama-Format präsentiert. Der Blick hinter der engen Kehre nach rechts unten in die tiefe Schlucht, der verwilderte Kakteen-Garten vor dem verlassenen Bauernhaus, die alte Windmühle – alles wäre einem bei schneller Kurvenhatz entgangen. Dabei gibt die Strecke alles, windet sich wie ein Aal hoch durch die zerklüftette Sierra de los Filabres, deren höchster Gipfel, der 2168 Meter hohe Calar Alto, von den weißen Kuppeln einer Sternwarte gekrönt wird. Gleich darauf wuchtet sich die schwere Harley durch diese großartige Szenerie über enge Kehren wieder hinunter bis ins staubige Gérgal. Noch mal Glück gehabt, denn der Twin braucht dringend Brennstoff. Während der letzten beiden Stunden kam mir nur einmal ein Fahrzeug entgegen.

Gut 40 Kilometer weiter südlich. Bei Illar biege ich auf die 348 ein, die an der Südflanke der Sierra Nevada, Spaniens höchstem Festlandgebirge, entlang nach Westen führt. Noch zwei, drei Stunden Licht, das könnte gerade noch so reichen, um möglichst hoch in die Berge zu kommen. Die winzige A 7208 tut mir schließlich ab Ugijar diesen Gefallen, entpuppt sich als Geniestreich, weil sie ohne einen einzigen geraden Meter auskommt, sich quasi wie eine Girlande aufwärts schraubt. Fette Ginsterbüsche flankieren den Weg, der von nun an durch die Alpujarras führt, ein lang gestrecktes Bergtal zwischen der imposanten Sierra Nevada und den niedrigeren Küstengebirgen. Keine Spur mehr vom wilden Westen, sondern hundert Prozent Alpen-Feeling. Im aussichtsreich gelegenen Bérchules fällt schließlich der Hammer.

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