Apennin (2. Teil) Motocross und Mona Lisa

Von der Olivenöl-Verkostung beim Cross-Profi bis zur Brücke, wo Leonardos Mona Lisa entstand: Im Osten der Toskana fehlt es an nichts – und am wenigsten an berückenden Pass-Straßen.

Foto: Gori

Faul. Einfach faul die Sonne genießen. Immerhin haben Zep und ich schon drei lange Motorradtage hinter uns: Erst zwei erlebnisreiche Touren im nördlichen Apennin (MOTORRAD 20/2005), dann gestern eine kurvige Transferpassage quer über die Höhenzüge des Gebirges in den Osten der Toskana. Genauer gesagt nach Loro Ciuffena, ein lebhaftes Städtchen nördlich des Arno. Wo der Fluss eine deutliche Grenze markiert: An seinem Südufer liegt die Bilderbuch-Toskana mit ihren lieblichen Chianti-Hügeln, perfekt restaurierten Gehöften und malerischen Zypressen-Alleen, Zweitlebensraum von Stars wie Sting und Michael Schumacher, der kürzlich dort sogar ein halbes Dorf gekauft hat. Die Nordseite des Arno wirkt dagegen nicht ganz so geleckt, und kleine Fabriken, Bauernhöfe sowie Handwerksbetriebe prägen das Bild. Und – unsere heiß geliebten Apennin-Pässe! Also genug gefaulenzt und rauf auf die beiden Ducs.

Gleich unser erstes Ziel verkörpert in Fels gehauene Zweiradgeschichte pur: Auf dem 1060 Meter hohen Passo della Consuma fand 1903 Italiens erstes Bergrennen statt, das jahrzehntelang Stoff für Legenden bot. Dramatische Szenen spielten sich dort ab, auf schmalen Reifen und losem Untergrund kämpften die furchtlosen Zweirad-Pioniere Mann gegen Mann. In den Fünfzigern gehörten die Filmdokumentationen über die »Coppa della Consuma” zu den Hits im italienischen Kino; den letzten Cup holte sich 1963 der spätere Rekord-Weltmeister Giacomo Agostini. Heute erinnert jedes Jahr im Juli eine sehenswerte Oldtimertour an die wilden Zeiten, als in den Bergen noch ohne Gnade Gas gegeben wurde.

Hinter der Passhöhe ragen geheimnisvoll die leicht zerzausten Zinnen der Trutzburg Romena in die Lüfte. Ihr betagter Küster Fabrizio erzählt, dass sie bereits um das Jahr 1000 von Raubrittern erbaut und Jahrhunderte im Besitz einer toskanischen Adelsfamilie gehalten wurde. Nachdem sie Ende des Zweiten Weltkriegs den Nazis als Hauptquartier diente, kaufte sie später – ausgerechnet – ein Deutscher. Leider ist sie momentan verschlossen, denn ein Blitzeinschlag sorgt derzeit für rege Renoviertätigkeit.

Ohne auch nur die kürzeste Gerade geht es weiter zum 1296 Meter hohen Calla-Pass, vorbei an zahlreichen Brunnen, die sprudelnd klares Quellwasser bieten, immer steiler hinauf in die undurchdringlichen Wälder des Nationalparks »Casentino-Forst”. Hinter der Passhöhe verengt sich die Abfahrt unversehens, öffnet sich dann wieder zu weit geschwungenen Kurven und wie mit dem Zirkel gezeichneten Kehren. Nach einem kurzen, wilden Tanz auf den Hügeln des Colle di Cento Forche erreichen wir die Staatsstraße SS 67 und damit das Tor zum Muraglione-Pass, auf den es alljährlich im August Tausende von Motorradfahrern zieht. Für den Namen Muraglione (große Mauer) sorgte eine lange, kurios anmutende Ziegelwand zwischen den Fahrspuren mitten auf der Passhöhe. Errichtet im 19. Jahrhundert von Großherzog Leopold, um die wichtige Handelsstrecke zwischen Romagna und Toskana vor heftigen Sommerwinden und winterlichen Schneestürmen zu schützen.

Am nächsten Tag dringen wir dann doch ans feine Südufer des Arno vor, um in Levane einen Freund von Zep zu besuchen: Corrado Maddii, italienischer Ex-Cross-Meister und heute Teamchef. Wie vor ihm schon Vater und Großvater betreibt Corrado in dem Ort eine Ölmühle und bietet zudem auf dem großen Hof seinen jeweiligen Cross-Teams eine Heimat. Auch Pit Beirer zählte vor seinem schweren Unfall zu den Trainingsgästen. Fachmännisch begutachtet Corrado unsere beiden Ducati und erkundigt sich ausführlich nach dem Fahrverhalten von Multistrada und ST3. Bald wechseln wir jedoch vom Benzin- zum Ölgespräch. »Rein toskanisches Olivenöl gibt es praktisch nicht, denn pur wäre es viel zu mild”, erklärt der Mann mit dem Adlerprofil. Also besteht die Kunst darin, gute Zulieferer für die Verschnittöle zu finden. Corrados Zusammenarbeit mit Ölbauern aus Süditalien klappt so gut, dass sogar die Einheimischen bei ihm kaufen, was angesichts toskanischen Misstrauens gegenüber dem Süden viel heißen will. Bruchsicher verpackt uns Corrados Frau Anna einen Liter des edlen Tropfens für die heimische Küche.

Nun ist Kultur angesagt, denn wenige Kilometer nordwestlich von Arezzo spannt sich bei Quarata eine Brücke von Weltruf über den Arno. Hier, auf der Ponte Burriano, bannte Leonardo da Vinci einst die Mona Lisa auf Leinwand. Und tatsächlich, sogar wir Kunstbanausen erkennen das weltberühmte Hintergrundszenario sofort. Für Zeps Kamera setze ich mich auf der steinernen Brücke in Positur, Lederrücken durchgedrückt, Arme verschränkt, ganz wie »La Giaconda”. Nur ihr geheimnisvolles Lächeln, Thema unzähliger Spekulationen, will mir nicht recht gelingen und verrutscht eher zu einem verlegenen Grinsen. Egal, einmal Mona Lisa sein! Ganz im Kulturfieber folgen wir hinter Talla einem Wegweiser zur »Ponte di Annibale”, Hannibals Brücke. Der Karthager hatte mit seinen Elefanten nicht nur die Alpen, sondern bei seinem Zug gegen die Römer zwangsläufig auch den Apennin überquert. Doch trotz allen Suchens bleibt die Brücke unauffindbar. Umdrehen? Ach was! Immer der Nase nach folgen wir dem holperigen Pfad, dessen löchriger Asphalt schließlich endgültig in Schotter übergeht.

Unsere Geröll-Tour im nördlichen Apennin noch motivierend in den Knochen, gebe ich der Multistrada ordentlich die Sporen. Natürlich zieht Offroad-Crack Zep auch hier mit der schwereren ST3 augenblicklich davon. Zum Glück lässt die Atem beraubende Landschaft solche Peinlichkeiten schnell vergessen. Auf der Passhöhe umgibt uns wunderbare Stille, rundherum nur tiefblauer Himmel, dichte, dunkle Wälder und schroffe, graubraune Felsen – im stark zersiedelten Italien eine wahre Seltenheit. Allerdings währt die Einsamkeit nicht lange, schon bald schaukeln die örtlichen Forsthüter im weißen Dienst-Allradler die schmale Fahrrinne hinauf. »Passo dell’ uomo morto” heiße die Verbindung im Volksmund, erklären sie uns, »der Pass des toten Mannes”. Ganz schön schaurig. Woher der Name stammt, wissen sie nicht; angeblich mieden die Einheimischen den Weg jedoch nach Einbruch der Dunkelheit. Was meiner Meinung nach weniger an umherziehenden Untoten, sondern am dicken Schotter liegen dürfte.

Es ist spät geworden – Kultur- und Offroad-Passagen kosten eben Zeit. Aber uns erwartet auf luftigen 1172 Metern noch der Passo dei Mandrioli – und mich eine handfeste Überraschung. Ihn hatte ich bei bisherigen Apennin-Trips immer vernachlässigt. Völlig zu Unrecht, wie ich feststelle. Kurven schneiden sollte man zwar unterlassen, weil manch fetter Lkw den Mandrioli als Abkürzung zur Schnellstraße an die Adria nutzt, doch bei dem jetzt am späten Nachmittag nur noch tröpfelnden Verkehr finde ich auf der gut ausgebauten Bergstrecke den perfekten Rhythmus mit der Multistrada. Nie waren wir so flott wie heute! Nur gelegentliche Fotostopps und die berauschenden, immer wieder überraschenden Ausblicke von den steil abfallenden Felsvorsprüngen entlang der Strecke bremsen uns vorübergehend. Trunken vor Kurvenglück setzen wir beide erst am Fuß des Passes in Bagno di Romagna wieder zur Landung an. Zep und ich ertappen uns gegenseitig beim sehnsüchtigen Blick zurück. Warum eigentlich nicht? Die unbestritten reizvollen Pässe Carnaio, Incisa, Spino, Verghereto und Viamaggio können bis morgen warten. Wir gönnen uns im warmen Abendlicht lieber noch einen letzten swingenden Turn auf dem Mandrioli – mindestens.

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