Apulien Bastion der Stille

Tief im Süden Italiens liegt das als rückständig geltende Apulien - doch der sonnenverwöhnte Stiefelsporn lockt mit tollen Strecken, auf denen es im Herbst besonders ruhig zugeht.

Schritt für Schritt verliere ich die Orientierung. Keines der weißgetünchten Häuser in den engen, verwinkelten Gassen der Altstadt von Minervino gleicht dem anderen - so, als ob Stein für Stein je nach Tageslaune des Bauherrn gesetzt worden wäre. Aber alle Wege führen schließlich doch ins Zentrum. Der große Platz vor der Kirche ist voller Menschen. Ausnahmslos Männer, die mit ausladenden Gesten und ernsthaften Mienen bei einem Espresso laut über Politik und Sport diskutieren oder Karten spielen. Frauen sind, bis auf ein paar junge Mädchen, die über den Platz toben, nicht zu sehen. Tief im Süden Italiens, fast schon im Abbsatz des Stiefels, scheinen die traditionellen Werte noch nichts von ihrer Gültigkeit verloren zu haben.Ich spüre deutlich, daß ich im Vorbeigehen von vielen Augen gemustert werde. Aber sobald ich aufschaue, verlieren sich die Blicke, wandern über den Boden. Touristen sind selten in Minervino, und in einer Bar werde ich freundlich, aber dennoch zurückhaltend gefragt, woher ich komme und wie und warum ich eigentlich hier bin. In Gedanken gebe ich zu, daß ich gestern abend nur aufgrund eines heftigen Gewitters im Ort nach einem Zimmer gesucht habe. Das ich heute noch hier bin, liegt daran, daß mir Minervino sehr gut gefällt - trotz des Hinweises des Carabiniere am frühen Morgen, daß ich mein Motorrad lieber nicht an der Straße, sondern in der Vorhalle des Hotel parken solle, womit sich der Wirt auch sofort einverstanden erklärte. Mit seiner Hand hatte der Beamte eine einkassierende Bewegung gemacht: das Zeichen für »Klauen«.Am frühen Nachmittag entschließe ich mich doch noch zu einem kleinen Ausflug im Sattel der Honda. Auf einem Hügel wenige Kilometer außerhalb der Stadt steht auf einem kreisrunden Hügel das gewaltige Castel di Monte, das einstige Jagdschloß von Friedrich II. von Hohenstaufen, dem letzten großen deutschen Kaiser aus dem Mittelalter, der im 13. Jahrhundert gleich für mehrere Jahrzehnte Südostitalien regierte - und sich selbst den Beinamen »Junge aus Apulien« gegeben haben soll. Doch was sich hinter der restaurierten, achteckigen Außenfassade verbirgt, entpuppt sich eher als der Inhalt einer Mogelpackung: Für vier Mark Eintritt darf man nur über kahle Steinwände staunen, obwohl die Burg damals in Sachen Ausstattung alle anderen Bauwerke überragt hatte. Es gab luxeriöse Bäder und Toiletten sowie eine ausgeklügelte Zisternenanlage. Friedrich II. hätte bestimmt Gefallen an dieser Trutzburg gefunden - er verstarb jedoch vor deren Vollendung.Wie mit dem Lineal gezogen schneidet sich die Straße durch das Land hinunter nach Gravina. Auch die Fahrt bis nach Matera, meinem nächsten Ziel, bietet laut Karte keine Abwechslung. Ich entscheide mich an einem Abzweig für einen vielversprechenden Umweg, der sich tatsächlich als ein wahres Kurvengewimmel entpuppt. In stetigem Auf und Ab mit vielen Serpentinen gespickt führt die Strecke zu den Dörfern Irsina, Grassano und Gróttole, die wie Adlerhorste auf Hügeln thronen. Jetzt im Herbst, wo die Felder längst abgeerntet sind und die Bauern die letzten Furchen in die Äcker pflügen, gleicht das Land einer dunkelbraunen Sandwüste. Unwirklich wie ein Gemälde. Ebenso unwirklich: Sassi, die Höhlenstadt von Matera, die sich, flankiert von einer grauen Mauer, über dem Rand einer breiten Schlucht entlangzieht. Über 3000 »Wohnungen«, die zumeist nur aus einem Raum für die Familien und das Vieh bestanden, wurden in das Tuffgestein gehauen - und weil es hier weder fließend Wasser noch eine Kanalisation gab, wurden die letzten bewohnten Höhlen von Matera aufgrund der katastrophalen Verhältnisse in den sechsiger Jahren zwangsgeräumt. Die Eingänge, die offen stehen, wirken wie dunkle Augen in der grauen Felswand. Ein faszinierender wie beklemmender Anblick. Inzwischen haben sich Denkmalschützer an die Arbeit gemacht und renovieren bereits einen großen Teil der Höhlenstadt, in der heute ein paar Alternative und Künstler wohnen.Weit hinter der ruppigen Landschaft zwischen Matera und Castellaneta schimmert der Golf von Táranto wie ein Silberteppich über dem dunklen Grün der Orangen- und Olivenplantagen. Überall sind Traktoren unterwegs, deren Hänger auf abenteuerliche Weise mit gefüllten Obstkisten beladen sind. Während der Erntezeit gibt es für die Obstbauern keinen Ruhetag, und so herrscht auch heute am Sonntag vor der kleinen Ölmühle in Massafra Hochbetrieb. Nicht weniger lebhaft geht es im Zentrum der kleinen Stadt zu, wenn auch nicht wegen der Ernte. Nach vielen verregneten Tagen scheint die wärmende Sonne alles auf die Straße zu locken, was Beine oder Räder hat. Es dauert, bis ich die Honda über die Piazzia wieder auf den Weg ins Landesinnere manövriert habe.In weiten Bögen führt die Straße über die sanft gewellte Landschaft, die hier nur noch aus stein- und gestrüppübersätem Boden besteht. Auf halber Strecke nach Martina Franca steigt das Land fast unmerklich an, bis ich an einer Kreuzung kurz vor der Stadt nach links in Richtung Locorotondo abzweige. Auf einmal befinde ich mich in einer der vielleicht skurrilsten Regionen Italiens: Wie Zipfelmützen ragen erst vereinzelt, dann immer öfter die Dächer der Trullis hervor, dieser Rundhäuser mit ihrer eigenwilligen Konstruktion aus flachen Felsplatten und Ackersteinen: Die oft strahlendweiß getünchten und völlig ohne Mörtel errichteten Trullis stehen in der Landschaft, als kämen sie aus einer anderen Welt. Dabei sind die ehemaligen Wohn- und Lagerräume nur das Produkt äußerst ökonomisch denkender Bauern. Sobald der jährliche Steuereintreiber in Sichtweite kam, wurden die Häuser flugs zu Steinhaufen zerlegt - Abgaben an den Fiskus waren nämlich nur dann fällig, wenn sich ein gemauertes Haus auf den Grundstücken befand.Ein paar Kilometer weiter, in Alberobello, befinden sich mehr als tausend dieser merkwürdigen Häuser. Es gibt sogar eine Trulli-Kirche und Trulli-Hotels. So ruhig wie es bislang war, so hektisch geht es in diesem Ort zu. Die Bauern, die einst diese Häuser gebaut hatten, verdienen längst mehr am Tourismus als an der Landwirtschaft und bieten sogar Trullis im Westentaschenformat an. Auf dem Weg in Richtung Oria und weiter hinunter zum Meer passiere ich einige zum Teil verfallene Gutshöfe inmitten von Olivenhainen. Von ihren fruchtbaren Böden haben die Apulier im Lauf der Jahrhunderte selbst am wenigsten profitiert. Immer waren es fremde Herrscher, die dieses Land aussaugten, die es sich wegen der strategisch wichtigen Postion zu eigen machten: Der Stiefel Italiens beherrscht das Mittelmeer, doch die Wegezölle kassierten andere ab.Bald darauf erreiche ich Porto Cesáreo am Golf von Táranto. In den Gewässern vor der apulischen Westküste soll angeblich der beste Fisch ganz Italiens gefangen werden. Doch auch im Hafen ändert sich nichts am verschlafenen Charakter des Dorfes. Nur einige Männer sind, obwohl es erst später Vormittag ist, vor einer Bar in ihr Kartenspiel vertieft. Die Bar gehört Raffaele, der 29 Jahre lang in Deutschland gearbeitet hat. Bis es ihm dort zu streßig wurde. Hier sei es im August zwar noch schlimmer sei, weil dann bis zu zweihunderttausend italienische Touristen den Ort überfallen, aber dafür herrsche außerhalb der Saison Ruhe. »In dieser Zeit muß ich nur meine Spesen verdienen«, umschreibt er die Arbeitspause. Der gesamte Küstenstrich bis hinunter nach Leuca, dem südlichsten Ort Apuliens, scheint sich bereits auf die winterliche Ruhe eingestellt zu haben. Einzig in Gallipolli, der Küstenhauptstadt, deren Altstadt malerisch auf einer Halbinsel liegt, herrscht etwas mehr Leben. Abgesehen von einigen streunenden Hunden wirken die anderen Touristenorte vollkommen leblos, ja fast schon beängstigend einsam. In Leuca bäumt sich das flache Land noch einmal zu einer Felsklippe auf, auf der ein schlanker Leuchtturm in den Abendhimmel ragt. Dann folgt eine karge, felsige Steilküste, die den Straßenbauern so manche Kurve abgerungen hat. Durch mein offenes Visier dringt der unverwechselbare Geruch des Meeres: Salzwasser und Seetang. Wie im Rausch vergeht die aussichtsreiche Fahrt bis zu den drei vom Meer geschaffenen Grotten in der Nähe von Castro. Für eine Besichtung ist es heute allerdings zu spät. Trotzdem spaziere ich ein kurzes Stück über den schmalen, ein paar Meter oberhalb der Wellen in den Fels gehauenen Weg zur Zinzulusa-Grotte. Dieser Küstenabschnitt mit seinen Klippen und dem schroffen Kalkgestein, das von dem türkis schimmernden Wasser umspült wird, gehört zu den schönsten Apuliens.Am nächsten Morgen traue ich meinen Augen kaum. Schneeflocken fallen vom Himmel, und ein eiskalter Wind fegt über das Land. Dick vermummt fahre ich die rauhe und felsige Ostküste entlang. Rechts von mir aufgewühlte Wellen, ein paar Sandstrände. Ab und an entdecke ich einen zerfallenen Wachturm, der an weniger friedfertige Zeiten in diesem Landstrich erinnert. Apulien war stets ein idealer Ausgangsort für kriegerische Abenteuer - die Region galt als Brücke zwischen Europa und dem Orient.Bei San Cataldo verlasse ich die Küste und fahre bis zur der Barock-Stadt Lecce, deren Dom und Kirchen an den Fassaden und im Inneren überreich mit Figuren und religiösen Motiven verziert sind. Doch bis auf die klerikale Pracht macht der Ort einen eher tristen Eindruck. Arbeitslosigkeit und Korruption bestimmten hier wie auch anderswo in Apulien das Leben, erfahre ich von einem Mitarbeiter der Touristen-Info, die erstaunlicherweise noch geöffnet ist. Man hoffe zumindest im Sommer auf Gäste in den eilig gebauten, luxuriösen Ferienanlagen in der Nähe der Stadt. Aber das weit entfernte Apulien läge eben im Schatten der klassischen italienischen Reiseziele weiter im Norden. Dafür gefalle es mir hier unten gerade wegen der Ruhe, erkläre ich ihm, und hierher könne man auch noch im Winter fahren, während es oben in der Toskana für Motorradfahrer dann viel zu ungemütlich ist. Er nickt. Schon deshalb würde er das Land am Ende Italiens nicht verlassen wollen.

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