Aragón (2)

Foto: Engelke
Noch im Dunkeln brodelt am nächsten Morgen das Kaffeewasser auf dem Gaskocher, während wir Zelt und Schlafsäcke einrollen. Im Morgennebel düsen wir entlang des Rio Ebro nach Westen. Wir sehen kaum die Hand vor Augen, doch ein alter klappriger Laster überholt uns unbeirrt scheppernd und hupend. Schemenhaft gleitet die schöne Kulisse von Escatrón vorbei, und in wilden Kurven stürzt sich die Straße quasi über die Kante des Hochlandes in den Ebro-Canyon. Auf den Bergen und Hügeln ringsherum stehen Türme, teils ganze Festungen. Etwas tiefer funkeln zwischen Grasbüscheln und kleinen Ästen Tausende von Spinnennetzen im morgendlichen Tau. An einer Olivenplantage mache ich zu Fuß einen kleinen Ausflug zwischen die Bäume, um eines der glitzernden Gebilde zu fotografieren. Plötzlich ertönt hinter mir eine Sirene, markerschütternd, und mir fliegt vor Schreck fast der Fotoapparat aus der Hand. Ich wirbele herum – ein Polizeiwagen, der uns unbemerkt gefolgt war, hält wenige Meter hinter mir. Skeptisch schauen mich die beiden Guardia Civil-Männer an. Ich winke mit der Kamera, und die beiden können sich ein Grinsen nicht verkneifen, grüßen lässig und stieben davon.

Bei Cinco Olivas folgen wir der Beschilderung zur Ebro-Fähre, die dicke Staub- und Schmutzschicht auf der Rampe verkündet allerdings, dass das Boot nur im Sommer unterwegs ist. Also geht es bei Escatron wieder über die Brücke und zwischen verdorrten Hecken und Büschen, ebenso trockenen Stoppelfeldern und meterhohen Disteln in Richtung Belchite. Auf dem schnurgeraden Highway 1307 fühlen wir uns wie im Hollywood-Kultstreifen „Easy Rider“. Älter und unvergleichlich dramatischer ist das Geschehen, das sich in Belchite offenbart. Belchite steht für Zerstörung, für sinnlose kriegerische Gewalt. Als wir durch den Ort oder besser gesagt durch seine Ruinen rollen, wirkt es, als sei dort gestern noch gebombt und geschossen worden. Bröckelnde Fassaden, leere Fensterhöhlen mit zersplitterten Rahmen, Mauern, die mit dicken Balken gestützt werden müssen. Mehrfach zog in der Vergangenheit der spanische Bürgerkrieg durch die kleine Stadt. Im Juli 1936 putschte General Franco gegen die damals demokratisch gewählte Regierung Spaniens. Belchite wurde nationalistisch, der republikanische Teil der Anwohner verhaftet, erschossen, vertrieben. Einen Monat später schlugen republikanische Soldaten zurück. Wilde Gemetzel, Kämpfe um jedes Haus, nach zwölf Tagen Gewalt war Belchite erobert. Nun rächten sich die Besatzer an den Nationalisten. Den wenigen verbliebenen Bewohnern stand das Schlimmste indes noch bevor. Am 9. März 1938 schlug Franco in Aragón zurück. Unterstützt von 400 Bombern der deutschen Legion Condor legten seine Truppen alles in Schutt und Asche. Das historische Belchite wurde nie wieder aufgebaut. Franco selber befahl, dass die Ruinen als Mahnmal an die Gräueltaten der Republikaner unangetastet bleiben sollen. Bei der Unesco läuft derzeit ein Antrag, die Ruinen als Kulturgut der Menschheit anzuerkennen. Als Mahnmal für den Frieden.
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Karte: Maucher
Mit Gänsehaut verlassen wir den apokalyptischen Ort und fliegen auf unserer GS weiter nach Westen, Richtung Fuendetodos. Wir genießen die warme Luft während der Fahrt, stellen uns vor, wie es zu Hause regnet oder schneit. Riesige Felder, abgeerntet und braun, steinige Äcker und flache Hügel liegen unter einem blauen, mit weißen Federwölkchen veredelten Himmel. Ab und an gilt es einem dicken Schlagloch auszuweichen. Da es auf der A 220 so gut wie keinen Gegenverkehr gibt, wird mancher Slalombogen lustvoll weiter ausgedehnt, als es eigentlich sein müsste. Bereits von weitem zeichnen sich die Kirchtürme von Fuendetodos am Horizont ab. Dort wurde am 30. März 1746 der spanische Maler und Künstler Francisco José de Goya geboren. Der spätere Akademieprofessor schuf erst Teppichentwürfe, später Fresken, Altare und Porträts. Bekannt und gefürchtet waren Goyas schonungslose, gesellschaftskritische Radierungen, in denen er häufig die menschlichen Bosheiten und die Schrecken des Krieges darstellte. Wir besuchen sein Geburtshaus im Ort und lassen uns ein wenig inspirieren von Goyas Gedanken und Intentionen. Schwerer Stoff. Anschließend brauchen wir einen Café con leche, den richtigen, den „torrefacto“ mit kurz und heiß aufgeschäumter Milch und in Zucker gerösteten Bohnen. Kinder toben vor dem Café über den Platz, schwarz gekleidete, alte Frauen sitzen im Schatten, zehn Meter weiter die Männer. Über allem zwei Greifvögel majestätisch im Aufwind kreisend, eingerahmt von den maroden Dachrinnen und -ziegeln der betagten Häuser vor strahlendem Blau. Das ist Spanien!

Am nächsten Morgen der krasse Gegensatz, hektischer Verkehr, Gehupe, Stau. Wir versuchen wenig erfolgreich, uns durch den morgendlichen Verkehr nach Zaragoza zu quetschen. In die fünftgrößte Stadt Spaniens, rund 650000 Einwohner stark. Ohne Pendler. Mit ihrer iberischen, römischen, mohammedanischen und christlichen Geschichte, einem vielfältigen Kulturangebot, ausgedehnten Parks und modernen Einkaufszentren ist es die Metropole eines riesigen Umlands. Und für uns definitiv zu viel. Den Ebro als Orientierung nutzend fädeln wir uns aus dem hektischen Gewusel wieder raus und düsen nordwestlich in Richtung Tauste. Nach dreißig hurtigen Kilometern verlassen wir den Fluss gen Norden. Verschwinden auf schmalen, gewundenen Straßen zwischen den Tafelbergen einer riesigen, steppenartigen Ebene in Richtung des Rio Gállego, der die natürliche Grenze zwischen den Provinzen Zaragoza und Huesca bildet. Still liegt die große Wasserfläche des Embalse de Ardisa, in dem das aus den Pyrenäen herabrauschende Wasser gestaut wird, in der Sonne. Eigentlich wollten wir uns hier in einer „habitaciones“, den fast überall angebotenen Privatzimmern einmieten, aber die vielen idyllischen Plätze am Fluss verlocken sehr zum Zelten. Schließlich haben wir auch noch frisches Baguette und eine Flasche einheimischen Rotwein im Gepäck. Die Winzer in Maluenda am Rio Jiloca berufen sich immerhin auf eine fast 2000-jährige Tradition. Frische, lebendige Weißweine, aromatische Rote und fruchtige Rosés bringt der kalkhaltige und steinige Boden der Region Catalayud im Süden Aragóns hervor.

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