Ardennen Die Chance nutzen

Sonne satt. Und das im Herbst und an einem Wochenende. So viel Glück ist äußerst selten. Wer jetzt nicht noch einmal raus auf die Strecke geht, ist selber schuld. Uns hat es spontan in die Ardennen gezogen.

Foto: Deleker
Ardennen-Tour, MOTORRAD 23/2003
Ardennen-Tour, MOTORRAD 23/2003
Unsere bekannte Welt endet in Monschau. Noch nie haben Birgit und ich den Sprung über die Grenze nach Belgien gewagt – stattdessen kurvten wir auf unseren Wochenendtouren zumeist durch die Eifel. Das war ursprünglich auch diesmal unser Plan. Doch als die ersten Sonnenstrahlen das herbstlich verfärbte Laub noch einen Tick kräftiger strahlen lassen und der Wetterbericht ein perfektes Wochenende verheißt, beschließen wir beim Frühstück, statt in die Eifel endlich einmal in die Ardennen zu
rauschen. Eine halbe Stunde später peilen wir bereits Monschau an, das kurz vor der Grenze zum kleinen Nachbarland liegt.

Was für ein Start in den Tag! Monschau gilt als eine der schönsten Städte Deutschlands. Uralte, weiße Häuser mit schwarzem Fachwerk schmiegen sich an die Ufer der Rur, die sich fast schon im Zickzackkurs hin und her schlängelt, und verwinkelte Gassen führen durch die toll restaurierte Altstadt bis zum gepflasterten Marktplatz. Dort stehen vor einem Eiscafé noch ein paar Stühle und Tische, die bei gut 20 Grad, auf die das Thermometer inzwischen geklettert ist, natürlich alle besetzt sind. Eigentlich wollten wir gleich weiterfahren, doch für einen Kaffee im Stehen opfern wir bei diesem Ambiente gerne ein paar Minuten.

Gleich hinter Monschau passieren wir die Grenze nach Belgien und peilen das Hohe Venn an, eine Hochebene, die zugleich die höchste Erhebung des Landes ist. Schnurgerade gewinnt die Straße an Höhe, es wird spürbar kühler. Und windiger. Vielleicht liegt darin einer der Gründe versteckt, warum wir hier noch nicht entlanggefahren sind: Das Hohe Venn zählt zu den kältesten und regenreichsten Regionen Mitteleuropas. Schöne Straßen, keine Frage. Aber ständig Regenkombialarm. Weil die Wolken, die der Westwind vom Meer hertreibt, an diesem Höhenzug auf das erste ernsthafte Hindernis treffen, aufsteigen und sich ihrer feuchten Last erleichtern. Heute scheinen wir dagegen Glück zu haben. Kein Regen in Sicht, als wir auf dem Dach Belgiens, dem 700 Meter hohen Signal de Botrange, die Motorräder abstellen und ein paar Schritte durch die subarktisch anmutende Moorlandschaft spazieren. Nur ab und an wenige graue Wolken, die kaum eine Handbreit über den Boden ziehen. Gelbes Pfeifengras biegt sich im Westwind, und irgendwie erinnert uns das alles ein wenig an die skandinavische Tundra. Tatsächlich wachsen auf dieser Hochebene Pflanzen, die sonst nur in Lappland oder den schottischen Highlands vorkommen.
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Foto: Deleker
Ardennen-Tour, MOTORRAD 23/2003
Ardennen-Tour, MOTORRAD 23/2003
Es heißt, dass die Belgier, denen diese Region nach Ende des Ersten Weltkrieges zugesprochen wurde, maßlos enttäuscht gewesen sein sollen, dass der „Gipfel“ des Hohen Venn nur 694 Meter hoch war. Flugs wurde eine Aufstockung beschlossen, ein sechs Meter hoher Erdhügel aufgeschüttet, und schon war Belgien stolzes Mitglied im exklusiven Club der 700er-Länder. Eine nette Anekdote.

Eine Weile später rollen wir hinunter nach Malmédy. Eine Friterie lockt mit unwiderstehlichen Düften. Belgische Fritten gelten als die besten überhaupt und die zugehörigen Saucen, wie „Barbecue hot and spicy“, als bisweilen äußerst kühne Kompositionen. Stimmt. Aber es schmeckt. Dann heißt es Kurs West. In Trois-Ponts biegen wir auf eine der unzähligen kleinen Nebenstraßen ab, die sich durch die Täler der Ardennen schlängeln. Übrigens: Praktisch sämtliche dieser kleinen und äußerst kurvigen Straßen und Sträßchen sind auf der Karte mit einer grünen Markierung geadelt, gelten also als besonders reizvoll. Sie alle abzufahren würde sicher Tage dauern. Wir wundern uns immer mehr, warum wir dieses Revier, das quasi vor unserer Haustüre liegt, bisher noch nicht durchstreift haben.

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