Auf Goethes Spuren durch Weimar Goethe würde Guzzi fahren

Weil er damit 1. immer auf »Italienische Reise« gehen könnte, der üppige V2 ihn 2. an seine Christiane erinnerte sowie 3. an das Blatt des Ginkgo, das hochsymbolische. Und 4. müsste es die Stone sein von Guzzi, wegen Charlotte, Frau von Stein.

Foto: Sorg
Goethe? Aber sicher, ist doch eine Guzzi...
Goethe? Aber sicher, ist doch eine Guzzi...
Mit Goethe und Weimar scheint es sich ähnlich zu verhalten wie mit Rüdesheim und dem Wein oder Bad Schwartau und der Marmelade. Was sie berühmt machte und auf die braunen Schilder neben der Autobahn brachte, tragen die Kommunen mitunter so dick auf (Vierfrucht), dass es den Besuchern alsbald den Magen umdreht (Liebfrauenmilch) und es schwallend durch die Gassen schallt: »Uns ist ganz kannibalisch wohl, Als wie fünfhundert Säuen.« (Faust I) Weswegen der Motorradtourist als solcher, zu dessen vorzüglichsten Eigenschaft es ja gehört, ausgetretene Pfade, Busparkplätze und Marmeladenmuseen zu meiden, um solch massenkompatible Örtlichkeiten gemeinhin einen Bogen schlägt. Weimar – ist das nicht die Stadt, fragt er sich, wo verschwurbelte Oberstudienräte marodierende Schüler aus dem Goethe- ins Schillerhaus treiben und ihren werten Gattinnen Ginkgo-Schößlinge aus dem Goethe-Shop für den Wintergarten apportieren? Klar, das ist Weimar auch, ein Residenzstädtchen, das es zu Weltruhm und Klassenfahrten gebracht hat. Dank der größten Dichterdichte aller Zeiten – Goethe, Schiller, Wieland, Herder, Jean Paul, Musäus, Andersen et cetera. Stadt der toten Dichter, aber eine, die pulsiert, die zu leben versteht mit all den Leichen, die sie in ihren Katakomben und Grüften hat.

Neben einer Bäckerei hängt ein Schild: »Hier kaufte Velda ihre Brötchen«. Eine Persiflage auf Gedenktafeln der vermeintlich nutzwertigeren Sorte: »In diesem Haus wohnte Musäus«, »An dieser Stelle zog Herder vor Christiane Vulpius nicht den Hut«. Davor bleiben nur Touristen stehen, die auch sonst in ihrem Leben Erbsen zählen. Die Guzzi rumpelt vorbei, schaukelt übers Kopfsteinpflaster zum Burgplatz, parkt dekorativ vorm ACC-Café. Und dort, wo man unten trinkt und isst und oben, im Überbau sozusagen, moderne Kunst präsentiert, darf sie jetzt eine Weile stehen. Weil das klassische Weimar so winzig ist, 400 Meter im Karree, dass es alle seine Attraktionen schlendernd, en passant halt, offeriert. Italienische Studentinnen, die vorm Goethe-Haus japanische Germanisten fotografieren; Liebespaare auf den Parkbänken bei den Schlössern, dösend, knutschend; Klaviersonaten, die aus dem Fürstenhaus, der Musikhochschule, perlen; und Zehntklässler, die im Schatten des Herder-Standbilds die Frage, wer denn nun das größere Luder sei, Brittney Spears oder Christina Aguilera, mit dem gebotenen Ernst disputieren.

Alles völlig normal also, auch wenn’s rundum heftig goethet und schillert. Wer Weimar besucht, täte gut daran, nicht nach dem Geist der deutschen Klassik zu suchen, denn der ist schon längst entfleucht oder spukt hergerichtet zur Karikatur, durch Souvenir- und Ginkgo-Shops. Richtig: Gingko-Shops, wo perfekt geschultes Fachpersonal Schößlinge, Tees, Essenzen und was es sonst an Spitzen-Gingko-Produkten noch so gibt, an den naturbewussten Menschen und Goethe-Freund verkloppt. Hier freilich offenbart sie sich endlich, die Macht der Poesie, die mit einem Gedicht aus dem »Westöstlichen Divan« mittelständische Arbeitsplätze schafft: »Ist Es ein geheimes Wesen, das sich in sich selbst getrennt? Sind es zwei, die sich erlesen, Daß man sie als eines kennt?« Dieses »Es«, das ist das Blatt des Gingko
Biloba, zweiteilig und doch eins, wie ein V-Motor eben oder die Liebe, zu deren Symbol der Gingko wurde. Dank Goethe, zur Divan-Zeit mal wieder nicht in seine Christiane, sondern in Marianne Willemer verknallt, eine gelernte Schauspielerin und versiert Verse schmiedende Bankiersgattin zu Frankfurt am Main.


Als er sie aufsuchen wollte, brach eine Achse an seiner Kutsche noch in weimarschen Gefilden. Goethe hielt das für ein Omen, ließ darob ab von der Willemerei, gestand sich seine Niederlage ein. Als Liebhaber und als Minister, der für den Zustand der Straßen verantwortlich war. Und auch hier in einem Dilemma steckte. Als Politiker sorgte er dafür, dass das Herzogtum eine moderne Verwaltung und Infrastruktur abbekam, die aufklärerischen Prinzipien folgte. Als Künstler kam ihm diese Entwicklung äußerst suspekt vor. »Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein, um, tierischer als jedes Tier zu sein.« (Faust I) Geschwindigkeit konnte der Olympier nicht ab, dieses für ihn so entscheidende Charakteristikum der Moderne. »Veloziferisch« nennt er sie, die neue Zeit, ein Kunstwort aus velocitas (Eile) und luziferisch (teuflisch). Auch deswegen wäre Goethe Guzzi gefahren, weil mit dem Eimer schwerlich rasen ist. Und erinnert der Zylinderwinkel des V2 nicht an die Proportionen eines Gingko-Blatts?

Raus aus dem »Gingkomuseum« und nichts wie rein in den nächsten Souvenirladen. Kitsch kann so grandios dämlich und verschroben sein, dass er schon wieder ins Herrliche kippt. Doch dann zackt Frage auf Frage durchs Gehirn: Wer stellt sich wohl die porzellanene Frau-von-Stein-Silhouette in Vitrine oder Regal? Und wer zückt das Portemonnaie für Plastik-Goethe und Plastik-Christiane im fabulösen Babuschka-Look? Niemand, eine geschlagene halbe Stunde lang niemand. Das dauernde Schielen zur Kasse rüber, ob sich da nicht was tue, macht die Verkäuferin nervös. Okay, ist in Ordnung, tschüs. Und der Helm ist übrigens fürs Motorradfahren gedacht, nicht für einen Raubüberfall. Aber stopp, die Goethe-Büste für 14,95 Euro, die muss noch mit.
Zum Espresso in einem der Cafés am Theaterplatz. Bei einem bleibt es nicht, weil in Weimar die hübschesten und bestgelaunten Mädels weit und breit bedienen und hier, nur ein paar Meter vom Goethe- und Schiller-Denkmal getrennt, Touristengucken so viel Freude macht, dass man glatt vergisst, dass man selber einer ist.


Weimar hat im Frühjahr diese italienischen Momente, dann spielt sich das Leben auf den Straßen ab und in den Höfen, nehmen die Studenten ihre Bücher und ihre Liebste raus ins Grüne an der Ilm, auf die Wiese vor Goethes Gartenhaus.
Den Park hat Goethe gründlich umgemodelt, die Landschaft neu inszeniert: da eine Baumgruppe, dort Büsche wohlproportioniert auf Rasen positioniert, Bauwerke ins Ensemble integriert und alles mit Brücken, Skulpturen und Gedenksteinen garniert. Als dieses Stück Natur zur Zufriedenheit des Meisters geordnet war, öffneten sich die Tore auch fürs gemeine Volk – einer der ersten öffentlichen Parks. Für Goethe lohnte sich solche Freizügigkeit, am 12. Juli 1788 soll er hier Christiane Vulpius begegnet sein.
18 Jahre lebten Goethe und die Vulpius zusammen, bevor sie 1806 heirateten. Und selbst danach zerrissen sich die Weimarer noch ihr lästerliches Maul. Goethe musste zeitweilig sogar aus dem Haus am Frauenplan und an den Stadtrand ziehen, den Bürgern sei es nicht zuzumuten, alltäglich Zeuge dieser unmoralischen Verbindung zu sein. Und natürlich war auch Charlotte not amused, die ausgemusterte Muse, die Frau von Stein. Ihre hehre platonische Liebe beschmutzt, zerstört von einer üppigen, derben, südländisch aussehenden Proletin, die einst in einer Werkstatt für ledige Frauen künstliche Blumen band.


Goethe war das Gewäsch egal, Christiane verkörperte für ihn das Glück, das er in Italien gefunden hatte. Und da er so bald nicht wieder gen Süden reisen konnte, holte er sich den Süden eben nach Weimar. Mit Christiane, aber ebenso mit den unzähligen Zeichnungen, Skulpturen und Gemälden, die er mitbrachte oder sich schicken ließ. Sein museales Haus am Frauenplan ist voll davon. Und in der Orangerie von Schloss Belvedere, unter Zitronen und Zypressen, konnte Goethe
sogar einen Hauch mediterranen Lebens spüren. Die Guzzi schießt die gerade Allee zum Schloss herauf. Von hier oben, drei Kilometer südlich der Stadt, sieht Weimar aus wie die ewige deutsche Idylle, mit ihren Kirchen und Schlössern, den engen, verwinkelten Gassen. Die Plattenbauten aus sozialistischer Zeit hat man verschämt gen Nordwesten hin separiert, damit nichts die schöne Aussicht stört. Und die Gedenkstätte Buchenwald liegt noch einige Kilometer dahinter. Zum »Erzieher zu Volkstum, Führertum und Nation« hatten die Nazis sich Goethe zurechtgebogen. Ausgerechnet Goethe, den Freigeist, Weltbürger und Pazifisten. In der DDR haben sie Goethe dann zum Vorläufer des Sozialismus interpretiert. Und heute? Da kriegt ihn keiner mehr unter einen ideologischen Hut. Sicher ist eigentlich nur noch eines: Goethe würde Guzzi fahren.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote