Autobahn-Report Auf deutschen Bahnen

Die deutsche Autobahn - letztes Reservat für Speedfreaks, Schicksalsmeile ungezählter Akteure, Bühne und Rennstrecke in einem. Ein Klassiker deutschen Daseins. Das Protokoll eines Tages.

Konzentriert rolle ich durch die Gasse zwischen mittlerer und linker Spur, tausend Augen gleichzeitig auf den Lenkbewegungen der Räder vor mir, den Gesichtern in den Rückspiegeln, den Handys, Türen, Blinkern und sommerlich hochgekrempelten Ärmeln in offenen Fenstern. Im Ohr die langsam näher kommenden Techno-Bässe aus dem bebenden Blech eines alten Corsa, ein Surfbrett-Logo handtuchbreit auf dem Heck: Fanatic. Du musst fühlen, wie sie reagieren werden. Jetzt und in der nächsten Sekunde, deine Knie fast an ihren Kotflügeln, während sie dich im Rückspiegel abschätzen, bevor sie die Spur zumachen. Oder auf, je nach Charakter. Meistens auf. Obwohl bei umsichtiger Fahrweise von der Polizei zunehmend toleriert, gilt es noch als »unerlaubtes Rechtsüberholen« und kann mit 100 bis 150 Mark geahndet werden. Über drei Spuren kriecht der Verkehr in Richtung Leonberger Dreieck, Knotenpunkt von A 8 und A 81 und mit bis zu 140 000 Fahrzeugen täglich einer der meistbefahrenen Abschnitte der 11368 Kilometer Autobahn in Deutschland, dem dichtesten Highspeed-Netz Europas. Von denen sich laut ADAC 1000 im Dauerstau befinden. Und weshalb 33 Millionen Liter Sprit und 13 Millionen Stunden Zeit überflüssig verbraucht würden und damit ein volkwirtschaftlicher Schaden von 550 Millionen Mark entstünde, wie die Gelben weiter ausrechneten. Puh, dann doch lieber drängeln. Die A 81 zweigt nach Norden ab, ich wechsle vorsichtig eine Reihe weiter zwischen heiße Dieselwolken, dröhnende PS-Boliden und Räder bis auf Schulterhöhe. Nicht auszudenken, wenn hier was schief ginge. »Selbst bei Stürzen mit hohem Tempo stellt für Motorradfahrer der übrige Verkehr meist die größere Gefahr dar«, beobachtet Johann Stickl von der Autobahnpolizeidirektion in Stuttgart die Risiken für Biker. 50 verunglückte Motorradfahrer verzeichnete er 1999 in seinem 435 Kilometer großen Zuständigkeitsbereich, während es im gleichen Zeitraum xxx Autos erwischte. »Fast alle wegen nicht angepasstem Tempo.«Hinter dem Engelbergtunnel herrscht wieder freie Fahrt. Fast. So frei Tempo 120 eben sein kann. Ich rolle auf der mittleren Spur dahin, die CBR kühlt entspannt ihren Reihenvierer. Ein schwarzer Maserati läuft langsam von hinten auf, Ludwigsburg Süd, LB-Nord. Er wartet. Ich auch. Erst hinter Pleidelsheim endet das Tempolimit. Jetzt. Zielstrebig zirkeln die Zeiger der 600er nach oben, 180, 200, 240, ein Orkan beginnt am Helm zu rütteln, Landschaft und Leitplanke fliegen vorbei, die Augen tasten wie Radare die unter mir dahin schießende Bahn ab, sehen diesen Lkw, der an der Steigung vor dem Wunnenstein mit maximal 80 Knoten auf die mittlere Spur zieht, direkt vor einen kleinen Polo. Wie reagiert der? Gott sei Dank, er bleibt dahinter. Dennoch gehe ich intuitiv vom Gas, der Maserati zischt vorbei. Noch mit 220 km/h auf dem Tacho saust die Welt mit gut 61 Metern pro Sekunde vorbei. Bei neuerdings möglichen 300 km/h sind es über 83 Meter, immerhin nähern wir uns nahezu einem Drittel der Schallgeschwindigkeit. Als ich das weißhaarige Ehepaar in dem kleinen Polo sehe, weiß ich, dass sie sich darüber keine Gedanken machen. Als sie jung waren, wurde vermutlich gerade vom Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer die erste Autobahn eingeweiht, 1932 von Köln nach Bonn. Hitler, dem diese Idee gerne zugeschrieben wird, zog übrigens erst 1935 mit der Trasse Frankfurt-Heidelberg nach, steckte während des Kriegs bei einem Umfang von 2100 Kilometern den Autobahnbau sogar ganz auf. Seine Truppen ließ er auf der Schiene transportieren. Weil’s billiger und schonender war. Die Raststätte Wunnenstein nähert sich und mit ihr und ihrer gefährlichen Ausfahrt auch wieder der rotweiße Schilderwald. Erst 120, dann 100 km/h sind erlaubt. Seit dem Musterprozess des Hamburger Mineralölhändlers Horst Fuhse, der 1999 gegen die Tempolimits auf der leeren A 1 zu Felde zog, muss nun jede Einschränkung von den Autobahnämtern penibel begründet werden. Aus pauschalen Sicherheits- oder ökopolitischen Erwägungen darf kein Lowspeed-Schild mehr aufgestellt werden. Einige Strecken wurden bereits wieder freigegeben, zwei Drittel sind zurzeit ohne ständige Geschwindigkeitsbeschränkung. Wer jedoch auf den anderen mit mehr als 41 km/h Überdruck erwischt wird, zahlt 200 Mark und geht vier Wochen zu Fuß.Auf dem nächsten Hügel beginnt das schönste Stück. In herrlichen, weiten Kurven schwingt sich dreispurige Bahn durch die Wälder und Weinberge von Heilbronn, der Maserati verschwindet im Rückspiegel, hat keine Chance mehr, jetzt beginnt echtes Sportmotorrad-Terrain. Die Honda muss mächtig in Schräglage gedrückt werden, um den abenteuerlichen Kurvenradien zu folgen, jede Kursänderung braucht bei Topspeed Kraft und Zeit. Ein paar Bodenwellen lassen das Fahrwerk kurz zucken, doch die Honda kann ihren Job. Die Strecke ist übersichtlich, und ich lasse es fliegen. Auch wenn Lärm und Wind schier den Atem nehmen, die sündhaft schnellen Schräglagen sind genial. Doch hinter der Reisbergbrücke beginnt bereits die Auslaufzone hinab zum Weinsberger Kreuz, Brems- und Blinklichter leuchten auf, Autos und Lkw ordnen sich auf die Richtungsfahrbahnen nach Würzburg, Nürnberg oder Mannheim ein. Die Honda fällt allmählich auf Richtgeschwindigkeit runter, der Puls auf Low-Position. Bis zu 180 Schläge pro Minute wurden bei Motorradfahrern bei Topspeed gemessen. Stress auf Formel 1-Niveau. Ich entspanne die Muskeln, nehme wieder Reiseposition ein und fädele mich auf die A 6 nach Mannheim ein. Toll war’s! Jetzt ist die freie Fahrt erst mal zu Ende, dicht an dicht rollt hier der Verkehr, rechts eine nicht abreißende Lkw-Kolonne. Seit den offenen Grenzen nach Osten ist der Fahrzeugdurchfluss auf der häufig nur zweispurigen Strecke spürbar angestiegen, wie eine Anwohnerin des kleinen Orts Wimmental, nur durch eine Böschung von der A 6 getrennt, erzählt. Still wird es dort nur noch, wenn ein Unfall passiert. Wie vor ein paar Jahren, als ein polnischer Lkw in die Böschung raste und den Verkehr komplett zum Stillstand brachte. »Nur das Radio aus dem zerstörten Führerhaus hörte man noch«, erinnert sie sich an das Grauen dieser Nacht.Der Maserati zieht vorbei, versucht sich erfolglos den Weg frei zu drängeln, doch es nervt mehr, als es bringt. Ich sitze die 50 Kilometer aus, bis sich die Bahn in ein paar Kurven aus dem Kraichgau hinab ins Rheintal stürzt und dort kunstvoll mit der A3 verschlingt. »Basel 225 km« – auf der Reifenflanke drehe ich auf Südkurs. Breit, heiß und topfeben führt nun die Piste dahin - jetzt gibt’s nur noch Kiefern, Sand und freies Blasen bis fast in die Schweiz. Das Revier der Autotester. Nachts jagen sie hier mit ihren messgerätebestücken Porsche und Viper um Hunderstelsekunden ringend dahin. Die längste Gerade im Südwesten.In Wohlfahrtsweiher fädelt sich dichter Verkehr ein, ein Stadtbus rollt über eine Brücke. Karlsruhe kündigt sich an. Die Tankuhr blinkt, ich peile den Rasthof Baden-Baden an. Hinter dem Edel-Restaurant aus Holz und Glas ragt ein Gebäude empor, pyramidenförmig, die Autobahnkapelle. Eine von 13 in Deutschland, die im Gegensatz zu den anderen Gotteshäusern steigende Besucherzahlen melden. In Spitzenzeiten 2000 täglich. Ich laufe die Treppen hinauf und betrete eine Oase besonderer Art. Der allgegenwärtige Lärm ist plötzlich weg und bodenhohe Glasfenster mit biblischen Motiven tauchen den Raum in farbiges Dämmerlicht. Welch ein Ort! Ich rutsche in eine Bank und entspanne mich unmittelbar. »Lieber Gott hilf, dass wir gut ankommen und Mama nicht immer so scharf bremst, weil mir dann schlecht wird!« Das dicke Gästebuch führt Protokoll über die Sorgen der Reisenden. Wie die von Veronica am 1.5.00. Am 3.6. hält ein unidentifizierbar Besucher fest, das er einfach nur mal wieder da war, am 15. wünscht sich die Klasse 9b eine gute Fahrt zur Jugendherberge am Feldberg. Auf der Autobahn scheint niemand himmlischem Schutz abgeneigt. Wieder draußen, tönen französische und englische Stimmen, Hunde werden Gassi geführt, Kinder angebrüllt, Vesperpakete ausgepackt, die A 3 hat internationales Flair. Kohorst Reisen – »Wir machen Ihre Träume wahr«- rauscht donnernd davon, Rhonetrans aus Lyon rollt mit 40 Tonnen Gefahrgut knirschend auf den freigewordenen Platz, zwei Autotransporter aus Valencia rüsten zum Aufbruch, ein paar Tramper winken an der Ausfahrt – die Urlauberwoge ist in vollem Gange. Der Verkehr rollt flüssig, 140 bis 180 km/h sind meistens drin und nicht schlecht für einen Werktagnachmittag, der Schnellere darf hier ungehindert passieren. »Raststätte Schauinsland – französische Grenze 45 km«. Ein Kaffee wäre gut. Ich lasse die Honda vor ein paar Holztischen ausrollen, Geldwechsler, Telefonmuscheln und Kaffeeautomat hängen an der Wand. Während eine ungarische Familie ihren Picknickkorb ausräumt, basteln ein paar Afro-Franzosen an einem startunwilligen Uralt-Daimler. In der kleinen Raststätte mischen sich bayrische und spanische Klänge, es gibt Currywurst, Chevapcici oder Gulasch, einen riesigen Fernseher und die Bildzeitung im Lesezirkel. Hier ist Fernfahrerrevier. 1945 eröffnete Irmgard Heintel an der A 9 bei Greding die erste von heute rund 330 Autobahnraststätten in Deutschland. Mit dem Fahrrad fuhr sie täglich zu ihrer Bretterbude, um den vorwiegend aus Lkwfahrern und GIs bestehenden Kunden Sirupplätzchen und Ersatzkaffee zu servieren.Es ist bereits dunkel, als ich kurz vor der Schweizer Grenze den Rückweg antrete. Tiefblau wölbt sich Himmel über der Bahn, die Fahrt wird zum Nachtflug. Alles scheint nur noch auf rote und weiße Lichtpunkte, den Lichtkegel und die glimmenden Armaturen reduziert. Der Rasthof Breisgau fliegt vorbei, mit noch regem Betrieb an allen Tanksäulen, dann wieder Dunkelheit. Doch plötzlich sind sie da, rechts und links, laufen mit aufgeblendeten Doppelscheinwerfern von hinten auf, die Spoiler knapp über den Bodenfugen rasierend, Auspuffrohre breit wie der Titisee, ein Kompaktwagen-Club aus Emmental auf der Jagd. Verschwinde, Honda! Okay Jungs, die Achterbahn der A 8 kommt gerade recht. Ich gebe gerade Gas, als kurz die Augen eines Rehs am Fahrbahnrand grünfluoreszierend aufblitzen. Sie reichen, um mich zur Besinnung zu bringen und wieder zuzudrehen. Wir beide sind ohne Sicherheitsfahrgastzelle unterwegs.

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