Barcelona Night ...and Day Noche ...y Día

Das Leben in Barcelona pulsiert Tag und Nacht, laut, hektisch und überschwenglich wie in kaum einer anderen Metropole - was allerdings auch für den Verkehr gilt, durch den man sich am besten auf einem Zweirad schlängelt.

Funkelnde Augen verfolgen dich gierig. Der Boden unter deinen Füßen vibriert. Hektische Gasstöße, aggressives Brüllen. Eine blaue Abgaswolke wabert über dem nervösen Pulk. Du stehst mit deinem Motorrad unverrückbar mitten im Stau auf der Kreuzung, und gleich beginnt die Invasion von der Querstraße. Dein Puls wird schneller. Grün! Wie ein wildgewordener Wespenschwarm prescht eine ganze Armada von Motorrädern, Scootern und Mopeds gefolgt von Autos, Transportern und Bussen mit der Breite von sechs Spruen auf dich zu. Nur ein beherzter Dreh am Gasgriff bringt dich aus der Gefahrenzone, dann jagt die wilde Meute keine zwanzig Zentimeter hinter dir laut lärmend vorbei, um an der nächsten roten Ampel wieder in der Pole Position zu landen. Verkehrsalltag in Barcelona. Laut, hektisch und ein Fluß, der niemals abreißt.Schnell haben Sabine und ich auf der Yamaha die erste Lektion gelernt: Bloß nie stehenbleiben! Regel Nummer zwei, die ganz speziell für Zweiradpiloten gilt, um gegen die Übermacht der Autofahrer zu bestehen: An einer Kreuzung wird losgebraust, sobald das grüne Licht der Fußgängerampel blinkt, also kurz bevor sie auf Rot springt - ungeachtet der eigenen, noch auf Rot stehenden Ampel. Das spart zirka zwei Sekunden pro Stopp und bestimmt einige Minuten, wenn man den ganzen Tag in Barcelona herum fährt. Regel Nummer drei, an die sich jeder hält: Stets beharrlich drängeln, egal, wie dicht der Stau vor einem ist.Daß dieses scheinbare Chaos auf den Straßen der Großstadt trotzdem recht gut funktioniert, mag daran liegen, daß viele Barceloniner - nicht zuletzt des besseren Wetter wegen - absolute Zweiradfans sind: Laut Statistik besitzt jeder achte einen Motorroller oder ein Moped, und der Helm unterm Arm stört niemanden, egal ob man damit im Seidenanzug in eine Bank spaziert oder im abendlichen Outfit die nächsten Disko anpeilt. Denn mit Sicherheit hat der strenge Türsteher auch einen Scooter anstelle einer Monatskarte für die Metro.Endlich haben Sabine und ich ein freies Plätzchen auf dem Bürgersteig in der Nähe der Ramblas, der platanenbestandenen Flaniermeile Barcelonas, gefunden - nur ein paar Zentimeter zwischen einem Baum und einem Pkw, die als Parkplatz für die Yamaha reichen müssen. Doch ein eifriger Ordnungshüter ist gleich zur Stelle, um uns auf unseren allzu lässigen Umgang mit dem Parkraum hinzuweisen. Die überall auf den Gehwegen geparkten Zweiräder seien in Barcelona längst zu einer Plage geworden, erklärt er - eine Entwicklung, die sich die Stadtverwaltung mit einer großangelegten Werbekampagne, in der die Bewohner zum Umsteigen vom Auto aufs Zweirad animiert wurden, zudem auch noch selbst eingebrockt hat. Auf den bis noch vor wenigen Jahren chronisch verstopften Straßen ginge es zwar heute etwas schneller voran, erzählt der Beamte, dafür sei aber der Parkraum selbst für die kleinen Flitzer inzwischen Mangelware. Unsere XJ 600 darf allerdings, obwohl nicht ganz legal, stehen bleiben - der Gästebonus.Per pedes machen wir uns auf in Richtung der berühmten Ramblas, über die der Schrifsteller Eduardo Zalacamois schrieb: »Die Ramblas sind das Schaufenster der Stadt, ihr Gesicht, ihr Bewußtsein, ihre Stimme« - eine wahrlich treffende Beschreibung, denn hier, zwischen der Placa de Catalunya und dem Hafen, pulsiert das Leben wie an keinem anderem Ort Barcelonas, geht es auf den Bürgersteigen keineswegs weniger hektisch zu als im Straßenverkehr. Wir lassen uns treiben im Strom der Menschen, einem bunt gewürfelten Gemisch aus aller Herren Länder, stoßen zwischen unzähligen Geschäften, Bars und Marktständen auf einen alten Mann, der mitten im Gedränge voller Inbrunst kataklanische Volkslieder singt, obwohl ihm kaum jemand zuhört. Auch nicht die Alten am Rande des großen Boulevards, wo das Ausruhen auf den Blechstühlen 200 Peseten kostet, umgerechnet etwa XXX Mark. Die Pensionäre lesen Tageszeitung, tratschen oder beobachten, wen die Metro-Station unablässig auf die »Rambles« spuckt. Autogestank, Lärm und Hitze scheinen hier niemanden zu stören. Schaulustige und Kleinkünstler, Teenager, Studenten und Arbeitslose flanieren und stöbern oder sitzen in einem der unzähligen Straßencafés. Manch einer der Touristen erhascht mit viel Glück sogar einen der begehrten Fensterplätze neben den zumeist älteren Stammgästen im feudalen Café de L`Opera - quasi der Logenplatz für das Straßentheater.Ein paar Meter weiter laufen wir Elvis Presley über den Weg - besser gesagt einem »versteinerten« Elvis-Verschnitt mit einem Mikrophon in Hand. Sobald ein Geldstück in seiner »Juke-Box« landet, schmettert Elvis einen von vier Rock ´n´ Roll-Songs, ausgewählt nach dem Zufallsprinzip. Viel Aufmerksamkeit zieht auch gleich nebenan der »goldene Ali Baba« auf sich. In seltsamen Posen harrt er auf das ersehnte Klingeln in der Kasse. Mit jeder Münze zuckt er in eine andere Haltung, um dann wieder zu erstarren. Die Spender, zumeist Kinder, erschrecken dabei fast zu Tode.Nach einem Café con Leche sitzen wir wieder auf unserem Mietmotorrad, froh darüber, daß mich das »B« für Barcelona auf dem Kennzeichen der Yamaha nicht als Greenhorn entlarvt. Mit inzwischen etwas Übung und gelegentlich auch mit viel Gas manövriere ich das Bike zum Hafen und biege auf den Passeig de Colom ein, die Allee, die zum Port Vell und zum Olympischen Dorf führt. Auf der kurzen Geraden klettert die Tachonadel erstmals über die 60-km/h-Marke. Port Vell liegt nun rechter Hand. Der alte Hafen mit dem neu angelegten Yachthafen, den Mega-Kinos und anspruchsvollen Museen zählt zu den architektonischen Glanzpunkten der Stadt und steht für das moderne, postolympische Barcelona, so wie es sich die Stadtväter pünktlich zur Olympiade 1992 vorgestellt hatten. Die Metropole sollte zur Weltstadt werden, und die Katalanen wollten - mit viel Sinn für Kunst und Esthetik - das unter der Diktatur Francos entstandene chaotische Stadtbild und den provenzialen Mief endgültig loswerden.Doch dazu mußte das alte Barcelona völlig umgekrempelt werden, mußte nicht nur in der bis dahin verrufenen Altstadt ein gewaltiger Besen kehren, um diesen Teil auch für die Barceloniner aus der vornehmeren Oberstadt wieder attraktiv zu machen. An der »Poetischen Windrose« - einer Skulptur, die, wie der Reiseführer vollmundig verkündet, als »Katalysator zwischen Tradition und Zukunft« funktionieren soll - spiegelt sich der Kontrast zwischen altem und neuem Barcelona. Rechts das moderne Hafenareal, links die prachtvollen, verspielten Fassaden altehrwürdiger Gebäude, dahinter schließlich Barceloneta, das ehemalige Armenviertel der Stadt, auf einer Halbinsel zwischen Port Vell und dem olympischen Dorf gelegen.Der Charme Barcelonetas erinnert an Italien. Wir fahren durch eine enge Gasse, in der die alten Häuser rechter und linker Hand so dicht zusammen stehen, daß sich die Nachbarn fast die Hand reichen können. Über den schluchtenartigen Gassen hängt Wäsche zum Trocknen. Schließlich parken wir das Motorrad am Strand, der gleich hinter den Häusern beginnt. Seit Olympia sind die vielen Restaurants hier zwar kein Geheimtip mehr, aber gut Essen läßt es sich in Barceloneta noch immer. Besonders die Auswahl an köstlichen Tapas läßt kaum Wünsche offen. Lästig ist lediglich, daß uns die Köche etwas zu aufdringlich in ihre Gaststätten zu locken versuchen.Mit dem Geschmack von frischem Knoblauch im Mund rauschen wir weiter durch die Stadt. Überall fallen uns bis zur Perfektion gestylten Gebäude auf - zumeist Hotels, Bars, Restaurants oder Geschäfte. Längst steht die Architektur Barcelonas für eine eigene Stilrichtung, und die Stadt sieht sich gern in der Rolle der extravaganten Diva. Je länger wir auf zwei Rädern durch die Straßen bummeln, desto größer wird unsere Begeisterung für die Bauwerke, deren Stil untrennbar mit drei Namen verbunden ist: Gaudí, Miró und Picasso, die von den Bewohnern der Stadt hoch verehrt werden: Die »großen Drei« prägen noch heute den Stil der Barceloniner Architekten und Künstler, so daß man praktisch überall Elemente ihrer Ausdrucksform findet.Absolutes Highlight: Antoni Gaudís Kathedrale Sagrada Familia, die bis heute unvollendete »Predigt aus Stein«, die nach einer Weile vor uns Motorrad auftaucht - und uns glatt den Atem verschlägt. Weithin sichtbar ragen die zwölf Apostel- und die vier Evangelistentürme, der Marien- und der 170 Meter hohe Christus-Turm schraubenförmig in den Himmel. Die Fassaden sind verziert mit einer verwirrenden Ansammlung religiöser und mythologischer Motive, so vielfältig, daß wir, nachdem wir wieder ein paar Minuten nach einem Parkplatz für die Yamaha Ausschau halten mußten, mit offenen Mündern um und durch die Sagrada laufen, die zum Wahrzeichen Barcelonas geworden ist. Mehr als vier Jahrzehnte hat Gaudí an seinem Lebenswerk gewerkelt - zumeist auf der Suche nach Spendenwilligen -, um nach seinem Tod im Jahr 1926 nicht mehr als eine Bauruine mit nur einem seiner geplanten 18 Türme zu hinterlassen. Erst 1952 entschloß man sich, die »Büßerkirche zur Heiligen Familie« nach den rekonstruierten Originalplänen Gaudís, von denen die meisten in den Wirren des spanischen Bürgerkriegs verloren gegangen waren, endgültig fertigzustellen. Ein Prozeß, der vermutlich noch viele Jahre dauern wird, da der Bau der Sagrada auch heute ausschließlich aus den mehr oder weniger üppigen Spenden reumütiger Kirchgänger finanziert wird.Wir machen uns wieder auf den Weg, fahren zum Parc de Joan Miró und erklimmen schließlich die Serpentienen zum Montjuïc. Der Verkehr Barcelonas ist für uns inzwischen kein Thema mehr. Wir haben uns angepaßt, schlängeln uns auf dem Motorrad mit der Routine eines Einheimischen an den Autos vorbei, gewinnen sogar den einen oder anderen Ampelspurt. Auch wenn uns Buß oder Metro vermutlich schneller ans jeweilige Ziel bringen würden und uns unter unseren Helmen und in den Motorrad-Jacken so manches Mal der Schweiß ausbricht, macht es einfach Spaß, per Bike durch diese Stadt zu fahren, sie damit einfach »hautnah« zu erleben.Es dämmert bereits, als wir die Yamaha vor den Mauern des Kastel de Montjuïc, das bis 1960 als Militärgefängnis diente, abstellen. Wir bleiben bis zum Sonnenuntergang, schauen von unserem erhöhten Standpunkt fasziniert auf das Lichtermeer dieser Großstadt, in der das Leben rund um die Uhr pulsiert. Schließlich sind wir bereit, uns ins Nachtleben der Metropole zu stürzen.Unser Motorrad verschwindet in einem bewachten Parkhaus, wir im Los Caracoles, einem urigen Restaurant, das zwar weniger für die Qualität des Essens, dafür aber um so mehr für sein einzigartiges historisches Ambiente berühmt ist. Um in den Speisesaal zu gelangen, passieren wir die weißbeschürzten Köche hinter ihren dampfenden Pfannen und Töpfen - und lassen schließlich hier zwar nicht unsere Gaumen, aber zumindest unsere Augen von dem museumsreifen Dekor verwöhnen.Nach diesem Ausflug in die Geschichte zieht es uns, wie unzählige andere Nachtschwärmer, in die Altstadt Barcelonas. In der Calle Lancaster lassen wir uns von einem Türsteher in einen Nachtclub locken, nehmen vor einer winzigen Bühne Platz und lauschen eine ganze Weile einer Sängerin, die hier Nacht für Nacht mit verrauchter Stimme über die Liebe und das Leben singt, auch wenn sich kaum mehr als eine Handvoll Gäste im Schummerlicht des engen Saals verteilen. Denn vielmehr als die kleinen Kabaretts ziehen die unzähligen Bars, aus denen laute Musik bis auf die übervölkerten Straßen und Wege dröhnt, die Gäste an. Teenager, Juppies oder schrill gekleidete Szene-Jünger flanieren auf und ab, jeder auf der Suche nach dem neusten In-Treff, die vermutlich ebenso zahlreich wie kurzlebig sind - und in denen man die Zeit verbringt, bis gegen zwei Uhr die riesigen Tanztempel ihre Pforten öffnen. Barcelona feiert durch, bis der Silberstreif am Horizont den Morgen ankündigt und um fünf Uhr die Metro wieder ihre Fahrten aufnimmt. Auf den Gehwegen spazieren dann noch immer die Schönen der Nacht, die Straßen sind vollgestopft wie zur Rush-Hour, und hinter uns tobt die Fahrzeugmeute auf die nächste rote Ampel zu.

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