Bayerischer Wald (2)

Foto: Seitz
Richtung Finsterau hebt sich die Straße allmählich aus den engen Hügeln und führt über weitläufige Hänge. In die farbigen Herbstwälder mischen sich zunehmend dunkle, fast schwarze Fichtenhänge, und schneidende Kälte lässt die zunehmende Düsternis regelrecht fühlbar werden. Ein Stück fahre ich die tschechische Grenze entlang und schließlich über Heidmühle zum Dreisessel hinauf. Dort oben – nahe des Dreiländerecks Österreich-Tschechien-Deutschland – steht ein Felsklotz mit drei Sitzmulden. Auf denen der Sage nach einst die Herrscher der drei Länder gesessen und den Grenzverlauf ausgehandelt hätten. Vermutlich bei besseren Sichtverhältnissen, denn in dem dichten Nebel finde ich die Sessel nur mit Mühe, geschweige denn später in der zunehmenden Dämmerung die Honda.

Kaum liegt die Dreisesselstraße hinter mir, ist der Nebel wie weggeblasen. Entlang der österreichischen Grenze schlängelt sich die Route über Kropfmühl mit seinen berühmten Graphitvorkommen nach Hauzenberg, der Heimat des Bärwurz. Einer Pflanze beziehungsweise deren Wurzel, von der aufmerksame Bauern einst beobachteten, dass Kühe sie bei Unwohlsein aus dem Boden scharrten und fraßen. Was für eine Kuh gut ist, kann für einen Menschen nicht schlecht sein, dachten die findigen Nordostbayern und destillierten flugs einen Schnaps aus dem Wurzelwerk. Selbstverständlich geht es dabei nicht um den Alkohol, im Gegenteil, jeder Bayerwäldler wird Stein und Bein schwören, dass der Bärwurz eine Medizin sei. Und das, weil’s wahr ist. Eine rezeptfreie obendrein! Das einzig Apothekarische an dem Wundermittel ist der Preis. Doch weil man an der Gesundheit nicht sparen soll, lasse ich mir ein kleines Fläschchen einpacken.

Beim Frühstück am nächsten Morgen erzählt meine Pensionswirtin, dass heute am Arber der erste Schnee gefallen sei. Als ich wenig später hinauf Richtung Neuschönau fahre, glaube ich das gern. Winterliche Kälte hat Einzug gehalten. Vermutlich gerade recht für die scheuen Gesellen, die am Südrand des Nationalparks Bayerischer Wald ihren alten Lebensraum zurückerhalten haben. In weiten Gehegen streifen neben Luchsen unter anderem ein Wolfsrudel und eine Braunbärenfamilie durch den Wald. Der Nationalpark insgesamt bildet ein völlig sich selbst überlassenes Naturreservat ohne menschliche Eingriffe. Was abstirbt, bleibt und dient als Lebensgrundlage für die nächste Pflanzengeneration. So hat sich in einigen Gebieten bereits ein wilder Bergurwald gebildet aus kreuz und quer liegenden Baumstämmen.
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Im Zwieslerwaldhaus befindet sich eines der ältesten Kerngebiete des Parks, das bereits Anfang des vorigen Jahrhunderts unter Schutz gestellt wurde. Es ist wie ein Fenster in die Vergangenheit bayerischer Wald-Urzeiten. Moose glänzen wassertrunken auf den Resten zerfallender Baumstämme. Altes Holz wird inzwischen von Pilzen, Farnen und jungen Bäumchen erobert. Einzig ein winziges Tier verursachte mit Schreckensszenarien auf den Gipfeln von Rachel und Lusen, wo kahle Fichtenstämme wie Skelette emporragen, ernste Konflikte: der Borkenkäfer. Durch die feuchtwarmen Sommer der neunziger Jahre ungehemmt vermehrt, schädigte er selbst den gesunden Bergwald. Die Nationalparkverwaltung stand vor dem Dilemma, riesige Waldgebiete zu verlieren oder in die Selbstregulierung der Natur einzugreifen und die befallenen Bäume frühzeitig zu fällen. Und damit den restlichen Wald eventuell zu retten. Schweren Herzens besann man sich auf den eigentlichen Sinn des Parks und ließ den Käfer gewähren.

Zum Aufwärmen geht’s hinunter nach Riedlhütte zu den Glasbläsern. Die Bleikristallhütte Nachtmann ist eine der vielen Glashütten im nordöstlichen Teil der Region, in der aus Quarzsand, Pottasche und allerlei geheimen Zutaten das Rohmaterial für Glas gewonnen wird. In wohliger Ofenwärme formen schwitzende Männer mit der Glasmacherpfeife für das Publikum Vasen und Trinkgläser.

Es gibt richtig was zu sehen in dieser Ecke des Bayerischen Waldes. Nur ein Katzensprung ist es bis Bodenmais und zum benachbarten Silberberg. Zwar fand sich in dem Bergwerksstollen nie wirklich viel Silber, aber hier wurde schon gebuddelt, bevor Kolumbus Amerika entdeckte. Bereits Anfang des 14. Jahrhunderts war man auf der Suche nach edlem Metall und Gestein. Bei der Führung durch den Stollen erfahre ich Genaueres. Schwefel- und Magnetkies bauten die Bergleute ab. Daraus entstanden mit Vitriol und Polierrot wichtige Mittel für die Glasverarbeitung. Die Arbeit im Stollen muss grauenhaft gewesen sein. Zur Sprengung wurde das Gestein zunächst durch Holzfeuer im Stollen erhitzt und anschließend mit kaltem Wasser „abgeschreckt“. Entsprechend umgaben die Arbeiter ständig beißender Staub, Rauch und Dampf.

Draußen hat sich der Herbst endlich entschlossen, etwas Sonne zu zeigen. Die Straßen sind abgetrocknet, und die Reifen krallen sich in jeder Kurve in den Teer, wie es sich gehört. Vorbei an abgelegenen Bauernhöfen führt die Strecke nach Arnbruck. Auf meinem Weg begleiten mich immer wieder so genannte Totenbretter. Zunächst als Totenbahre verwendet, wurden sie später mit einem kurzen Spruch über das Leben des Verstorbenen verziert und neben einem Kreuz oder einer Kapelle am Straßenrand drapiert. Dieser Spruch wurde offenbar nicht immer ganz ernst genommen und verleitet mitunter eher zum Schmunzeln als zum Beileid.


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