Bayerischer Wald, Böhmerwald Im grünen Bereich

Gleich um die Ecke, in den Nationalparks Bayerischer Wald und Šumava, entsteht echte Waldwildnis. Ob mit dem Motorrad, zu Fuß oder per Kanu – eine Erkundung des deutsch-tschechischen Grenzgebirges ist ein spannender Trip.

So kühl wie in Kanada oder Norwegen ist es schon. Fröstelnd kurve ich hinauf zum Bretterschachten, ziehe auf 1120 Meter einen zweiten Fleecepulli an. „Langlaufzentrum” steht auf einem Schild zu lesen. Im Winter zweigen hier Loipen ab. Jetzt, im Frühjahr, verschwinden mit Rucksäcken beladene Wanderer über verschlungene Trails im Nadelgehölz. Ich flitze über die gut ausgebaute Bergstraße zu Tal, im Augenwinkel den Großen Arber, mit 1456 Metern der höchste der Bayerwaldberge. Der Arbersee wirbt mit „Sonnenterrasse”, „Bockwurstsemmeln” und „Tretbootverleih”. Nett, aber nicht so verlockend wie unter strahlend blauem Himmel über den Großen Regen und dann gen Nordwesten entlang des Grenzgebirges zu fahren.

Am Ortsende von Bayerisch Eisenstein schraubt sich die Straße in vielen schönen Schleifen am fast 1300 Meter hohen Osser vorbei durch die Wälder. Hinter Lam kurve ich hinauf nach Rittsteig und – nach einem letzten dramatischen Blick zurück ins Tal – über die deutsch-tschechische Grenze. Nýrsko samt Stausee hinter mir lassend, folge ich dem Uhlava-Bach Richtung Hamry. Eine gute Wahl. Die F 800 schnurrt über ein schrumpliges Sträßchen durch den Wald. Mal holprig, mal kurvig. Immer durch sattes Grün. Hinter der Berghütte Hamry kringelt das Asphaltband zwei ausgelassene Kehren in die Waldeinsamkeit, wurstelt sich noch eine Weile über die Berge , um einen dann unvermittelt auf eine Hauptstraße auszuspucken.

Foto: Eisenschink
Gartenzwerge sitzen in den bunten Vorgärten von Schwarzach, dahinter baut sich das deutsch-tschechische Grenzgebirge auf. Ich gehe vom Gas, dirigiere die BMW mit Blick auf die geheimnisvolle, flaschen-grüne Bergwelt an idyllischen Einfamilienhäusern vorbei. Nach der Anreise über A 3, Deggendorf und Regen nehme ich die kleinen Straßen unter die Räder, die mich mal in engen, mal in lang gezogenen Kurven den dunklen Fichtenwäldern von Bayerischem Wald und Böhmerwald entgegentragen. Bodenmais mit seinen geschmückten Häusern und Glasmanufakturen fliegt linker Hand vorbei, der von dramatischen Wolken umspielte.

Böhmerwaldkamm rückt näher. Hier, im deutsch-tschechischen Grenzgebiet, sollen wieder Elche, Luchse und Wölfe leben. Und das nur einen Steinwurf von Gartenzwerg und Co. entfernt. Die Wildnis, so sagt man, kehre zurück. Fast so wie in Kanada oder Norwegen.


In Gedanken gerade noch der herrlichen Natur nachhängend, blicke ich völlig unerwartet auf einen lackrot glänzenden Fliegenpilz. Allmächtiger! Das am Straßenrand aufgestellte Keramikmonstrum ist so hoch und breit wie mein Vorderrad. Dahinter tummeln sich Gartenzwerge in allen Größen, Keramikkühe, -schweine, -rehe, -adler, ja sogar -madonnen, -buddhas und -pharaonen. Ich bin in Železná Ruda angelangt, einem malerisch zu Füßen des Großen Arber gelegenen Städtchen, in dem Kolonien asiatischer Händler Billigprodukte feilbieten. Langsam dirigiere ich die BMW an quietschbunten Glaskugeln vorbei, an „Football Trickots”, Billig-Shirts und Schuhen mit gefälschtem Adidas-Emblem. „Zigaretten-Parfum-Alkohol-24h-Nonstop”-Läden tauchen auf. Dann kommt’s geballt: „Bolero Bar”, „Sandra Night Club”, „Ingo Casino”. Und: ein namenloser Nachtclub mit der Spezialität: „Wirbliche Badewanne”.
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Hinter Železná Ruda wird es ruhiger. Die Bäume rücken wieder an Fahrbahnrand. Holz statt Plastik. Grün statt Neonpink. Kleine Verkaufsstände „Böhmische Pilze”, „Waldbeeren”, „Honig vom Imker” fügen sich harmonisch in das Landschaftsbild. Zurück im Bayerischen Wald, lasse ich die BMW in einen nahezu schwerelosen Gleitflug übergehen und bremse erst am Schild „Skiwanderzentrum Zwieseler Waldhaus”, um spontan links abzubiegen. Vier Kilometer durch den Wald, dann ist Endstation. Aber was für eine. Hübsche, holzverkleidete Häuser tauchen auf, mit rosarotem Blütenmeer auf den Fenstersimsen und bunten Bauerngärten. Ich checke im historischen Gasthaus Zwieseler Waldhaus ein und gehe noch ein paar Schritte in den Wald, der gleich hinter der Gartenwirtschaft beginnt. Ein schmaler Trail führt über bemooste Steinbrocken, Baumstämme und an meterhohen Farnen vorbei. Und plötzlich sind sie da: Urwaldriesen. Die ihre mächtigen Wurzeln in den Boden krallen. Deren raue Rinde Risse und Narben haben. Die, von den Jahrhunderten gezeichnet, ein ehrwürdiges Alter erreicht haben. Gegen die Baumgestalten in Watzlikhain und Urwald Mittelsteighütte wirken die Standardgewächse im europäischen Forst wie leblose, in den Boden gesteckte Mikadostäbe.


Fasziniert von der urwüchsigen Natur des Nationalparks Bayerischer Wald, breche ich am nächsten Morgen zeitig auf, um die kleinen Straßen zu erkunden, die auf deutscher und tschechischer Seite des Grenzgebirges durch Nationalparkgebiet führen. Die Asia-Läden haben noch geschlossen, als ich über Železná Ruda dem Teil des Böhmerwaldes entgegenfahre, den die Tschechen Šumava nennen – das bedeutet rauschender, brausender Wald. Doch als ich am Abzweig nach Srní die Karte studiere, präsentieren sich die Bäume nahezu regungslos. Vögel zwitschern, Grillen zirpen. Ansonsten ist es still.

Gespannt folge ich dem kaum faden-dünn verzeichneten Sträßchen, das mitten durch den Nationalpark Šumava führt. Mit Blick auf die smaragdgrünen Böhmerwaldkuppen geht es an Waldwiesen und knorrigen Solitärbäumen vorbei. Hier und da zweigen alte Militärstraßen ab – Relikte aus den Zeiten des Kalten Krieges, die heute gut beschilderte Radrouten sind.

Über die Böhmerwalddörfer Prášily und Srní führt die kleine Straße zur Vydra, die wild über ihr steiniges Flussbett tobt. Mit etwas Glück kann man zwischen riesigen Granitblöcken und umgestürzten Bäumen Fischotter sehen, die sich in der urwüchsigen Landschaft wieder angesiedelt haben. Radler sind hier unterwegs. Und Wanderer, die ihre Rucksäcke schultern. Der Nationalpark Šumava ist Outdoor- und Entdecker-Revier in Reinkultur.

In Kvilda stoße ich wieder auf die Hauptroute, die kaum breiter als die Nebenroute ist. Ein Blick auf die Karte, dann rausche ich über Stražný und die tschechisch-deutsche Grenze nach Freyung und schwenke dort ab in Richtung Grafenau. Für Abwechslung ist gesorgt: im Osten holprige Waldsträßchen und mit Kuhfladen gesprenkelte Baumalleen, im Westen feinster Straßenbelag. Nur das Bergpanorama ist hüben so schön wie drüben. Bei Hohenau erblicke ich Großen Rachel und Lusen – mit 1453 und 1373 Metern die Granden des Nationalparks Bayerischer Wald. Doch was ist das? Der Wald, an den Rändern noch grün, sieht im Zentrum aus wie eine Schwarzweißfotografie. Graue Baumskelette ragen in gespenstischen Grauschattierungen in die Lüfte.

„Der wächst schon wieder”, beruhigt mich Nationalpark-Ranger Volker Hartwig, den ich in der Nationalpark-Infostelle Mauth nach dem Waldschwund befrage. Als Mitte der 1990er Jahre die schlimmste Borkenkäferplage seit Menschengedenken der smaragdgrünen Fichtenpracht den Garaus machte, entschied die Nationalparkverwaltung, nicht einzuschreiten. Eine gute Entscheidung, findet der Ranger. Denn was hier vorher stand, war kein Wald, sondern Forst. Und der muss nun mal sterben, bevor richtige Waldwildnis entsteht.

Ich erkunde noch ein paar Winzsträßchen um Mauth und Freyung, die mir Hartwig, selbst leidenschaftlicher Motorradfahrer, empfohlen hat. Dann lasse ich die BMW beim Gasthof Postwirt in Rosenau stehen und fahre mit dem Nationalpark-Bus zum Wandern in die Berge. In Spiegelau gehe ich die geplante Route anhand der Wanderkarte noch mal durch: Rachelsee, Rachelkapelle, Großer Rachel, Waldschmidthaus. Gehzeit: vier Stunden, Höhendifferenz: 700 Meter. In dem auf fast 1400 Meter gelegenen Waldschmidthaus will ich über-nachten, morgen geht es dann in vier Stunden über den Klingenbrunner Rachelsteig zurück nach Spiegelau.
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Als die Sonne die Landschaft in goldenes Abendlicht taucht, bin ich bereits hoch über dem Rachelsee und genieße einen grenzenlosen Panoramablick auf das deutsch-tschechische Gipfelmeer. Der Trail mit der Markierung „Auerhahn“ führt über Steine und Wurzeln steil bergan. „Beschwerlicher Weg. Nur mit festem Schuhwerk begehbar!”, stand an seinem Anfang auf einem Schild zu lesen. Es geht an satt-grünen kleinen Fichten vorbei, die ringförmig um aufrecht stehende Totholzstämme wachsen. Die abgestorbenen Fichten wirken wie ein moderner Heizkörper, weiß ich von Ranger Volker Hartwig. Sie schützen den Jungwald vor Schnee und Eis. Zudem geben sie lebenswichtige Nährstoffe ab. Der neuen Fichtengeneration scheint‘s zu bekommen. Wie die Orgelpfeifen sprießen sie zwischen den Tothölzern empor. Da-zwischen wuchern Heidelbeerbüsche und Ebereschen. Vereinzelt wachsen Birken, Salweiden, Bergahorn – Pionierbäumchen, die es hier zu Zeiten der Fichtenmonokultur nicht gegeben hat. Niemand weiß, wie sich die Natur entwickeln wird. Es gibt keine menschengemachte Ordnung, keinen Plan – und doch ist alles am richtigen Platz. Aus Totholz entsteht neues Leben, bunte Schmetterlinge gaukeln umher, der Buntspecht zimmert sich eine Wohnhöhle zurecht, an den Blüten herrscht fröhliches Bienengebrumm.


Rachelgipfel, 1452 Meter. Erschöpft, aber glücklich setze ich mich unters Gipfelkreuz und genieße die Aussicht auf Bayern und Böhmen. Einst stellte der mitten durch diese Landschaft verlaufende Eiserne Vorhang eine unüberwindbare Grenze dar. Heute arbeiten Deutsche und Tschechen zusammen und blicken gemeinsam auf ein zusammengerechnet fast tausend Quadratkilometer großes Nationalparkgebiet. Das ist flächenmäßig so viel wie München plus Frankfurt plus Köln. Wenn ich wollte, könnte ich noch Tage und Wochen durch die entstehende Waldwildnis des Grenzgebirges ziehen. Mehr als 300 Kilometer Wanderwege gibt es allein auf deutscher Seite.

Ich aber will nach meinem Zwei-Tages-Trip per pedes wieder ein bisschen Motorrad fahren. Und so brettere ich zum Wochenende mit der BMW von Rosenau über Zwiesel der tschechischen Grenze entgegen. Die Bärwurzerei Hieke („Hast Du Bärwurz in der Blutbahn, kannst Du balzen wie ein Truthahn”) zieht am Straßenrand vorbei, das Gasthaus Wurzlsepp in Ludwigsthal. Meine Motorrad-Route steht jetzt fest: Železná Ruda, Horská Kvilda, Vimperk, Horní Vltavice. Dann entlang der Moldau nach ?eský Krumlov – einem von der UNESCO zum Weltkulturerbe gekürten mittelalterlichen Städtchen. Gegen Nachmittag falle ich dort auf einer urigen Restaurant-Terrasse mit Moldau-Blick ein und beobachte, wie Kanus und Kajaks Fontänen aufwirbelnd über Wehre flitzen, sich bisweilen überschlagen, abtauchen und sich wieder aus den Fluten kämpfen.

Auch ich will aufs Wasser. Aber lieber näher an der Natur. Also dirigiere ich die BMW zum Lipno-Stausee, quartiere mich dort auf einem Campingplatz ein und buche eine Kanutour auf der jungen Moldau zwischen Lenora und Nová Pec im Nationalpark Šumava.

Am nächsten Morgen geht’s los. Der Frühnebel kriecht noch über die dschungel-grünen Kuppen, als die Kanus am Campingplatz Soumarsky Most aufs Wasser gehen und angetrieben von lautlosen Paddelschlägen an den Zeltkolonien vorüberziehen. Am Ufer brutzeln Spiegeleier über Gaskochern, Reißverschlüsse von Schlafsäcken surren, Geschirr klappert, und Plastiktüten rascheln. Dann ist es mit der Zivilisation vorbei. Die Boote gleiten durch urwüchsige Auwälder, die ihre Äste tunnelförmig über den Wasserlauf wölben, und folgen den ausgelassenen Kehren der Moldau, die völlig naturbelassen gen Südosten mäandriert. Hier eine Ringelnatter, die sich durch das kristallklare Wasser schlängelt. Dort ein Graureiher, der erschrocken seinen Schlafplatz verlässt. Ein Angler hebt gut gelaunt die Hand zum Gruß, ansonsten ist Kilometer um Kilometer kein Mensch zu sehen.

Vor Nová Pec weitet sich die Moldau und lässt kleine Schilfinseln entstehen. Ein Silberreiher steht regungslos im Wasser, eine Haubentaucher-Familie schwimmt an den Kanus vorbei. Fehlen nur noch Krokodile, Zebras und Flusspferde, dann wähnte man sich in den endlosen Weiten des Okawango-Deltas. Allerdings nicht lange, denn zwei Biegungen weiter kommen die Sonnenschirme des Strandkiosks „Hostinec U mostu” in Sicht. Aus riesigen Lautsprecherboxen wummern Rockarien, die den Übergang des tschechischen Nationalflusses in den Lipno-Stausee musikalisch untermalen.

Als gegen Mittag quietschbunte Kanuschlangen nebst Luftmatratzen über die Moldau ziehen, sitze ich schon wieder auf dem Motorrad, fahre bei Schöneben über die tschechisch-österreichische Grenze und flitze über Schwarzenberg und Philippsreut zurück in den Nationalpark Bayerischer Wald. Spüre fadendünn verzeichnete Sträßchen auf, beobachte die entstehende Waldwildnis, genieße Kanada-Feeling. Und das ganz ohne Jetlag. Genial!

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