Berchtesgadener Land Die Umsteiger

Hartes Schicksal für Endurofahrer: Nicht nur zwischen den Chiemgauer Alpen und dem Berchtesgadener Land sind nahezu alle Schotterpisten für Motorräder gesperrt. Zwei Off Road-Fans stiegen deshalb um - auf Mountain-Bikes.

Nichts geht mehr. Die Fahrt endet an einem Schlagbaum. Unter dem runden, weiß-roten Schild steht lapidar: »Nur für Forstfahrzeuge«. Ich stelle den Motor ab. Ein paar Dohlen flattern aufgeregt aus den Baumkronen. Dann herrscht Stille. Nur noch der Motor knistert leise vor sich hin. Etwas wehmütig blicken Sabine und ich dem geschotterten Weg nach, der nur wenige Meter weiter im dichten Wald verschwindet.Keine Weiterfahrt also. Die Chiemgauer Alpen und das Berchtesgadener Land erweisen sich nicht als Endurado. Zumindest nicht auf legalem Wege, weil jeder Feldweg nach wenigen Metern an einer Schranke oder an einem Verbotsschild endet. Somit beschränken sich unsere eigentlich geplanten Geländeausflüge auf einen kurzen Trip über den geschotterten Parkplatz einer Seilbahnstation. Aber der Fahrspaß mißt sich gottlob nicht ausschließlich an der Schlammkruste auf dem Motorrad. Die südöstlichste Ecke Deutschlands hat genügend asphaltierte Kurven, Kehren und Serpentinen zu bieten, auf denen auch ein von vielen Pässen verwöhnter Bergfahrer voll auf seine Kosten kommt. »Tiroler Gröschtl besteht aus angebratenen Kartoffeln, Speckwürfeln und Knödelstücken«. Ein handgeschriebenes Schild neben der Kasse in der Berggaststätte Ahornkaser beschreibt nüchtern die »typische« Mahlzeit der Alpenländer, die sich mit diesem Hinweis wohl den lästigen Fragen der angereisten Nordländer entziehen wollen. Nüchtern ist auch das Ambiente. Anstelle uriger Gemütlichkeit herrscht in der Hütte eher das Flair einer Großkantine. Orangefarbene Plastiktabletts, mit denen man sich die lieblos auf den Teller geklatschten Speisen abholt. Hüttenromantik an der Roßfeldringstraße. Nichts wie weg.Fünf Mark beträgt die Maut für einen Ausflug über die Roßfeldringstraße. Fünf Mark, die aber jeden Pfennig wert sind: In langgezogenen Biegungen windet sich die Strecke von Unterau zum 1553 Meter hohen Hennenköpfl. Die gut ausgebaute Straße führt dazu, daß ich die Schräglagenfreiheit der großen Enduro voll auszunutze. Ein Fahrspaß ohne Ende. Dann das Scheitelstück der Straße, das einen Vergleich mit höhergelegenen Alpenstraßen nicht zu scheuen braucht. Eindrucksvoll verläuft die Strecke auf einem schmalen Grat. Das Salzburger Land liegt vor uns in der Talsenke. Die Trasse tänzelt über dem Abgrund und hüpft dabei als Grenzgängerin mal auf deutschen und mal auf österreichischen Boden. Wir balancieren dabei zwischen Spaziergängern und Reisebussen. Viel Rummel statt lauschiger Bergidylle. Die Aussicht auf ein kleines Enduro-Schmankerl legen wir hier oben endgültig ad acta.Ein Helm fliegt auf den Boden, der Kopf taucht in den eiskalten Brunnen. Prustend wischt sich der Mountain-Biker das Wasser aus dem Gesicht. Der grellbunt Gekleidete winkt seine Freunde heran. Eine ganze Gruppe von Bergradlern macht sich über die Tränke her, an der ich mein Visier reinigen wollte. Im Nu bin ich von holländischen Fahrradfahrern umzingelt. Einer von ihnen erklärt mir, daß die Clique jedes Jahr zum Mountain biken in die Alpen fahre, um neue Strecken-Highlights unter die schmalen Räder zu nehmen. »Heute geben wir uns insgesamt mehr als 1000 Höhenmeter auf einer Strecke von 30 Kilometern«, faßt er die Tour kurz, aber nicht ohne Stolz zusammen. »Will einer mal mit mir tauschen?« frage ich die Gruppe mit der vollen Überzeugung eines Motorradfahrers. Wie aus einem Mund erhalte ich ein lachendes »Niemals« als Antwort. So verschwitzt und geschafft die Jungs und Mädels aus dem flachen Land auch aussehen, den harten Sattel ihrer Bikes wollen sie auf gar keinen Fall mit der bequemen Sitzbank meiner BMW vertauschen. Faszination Mountain biken. Da muß was dran sein.Und ob da was dran ist, dämmert es mir. Denn wo für mich und meine Enduro alle Wege an Verbotsschildern oder Schranken enden, bleiben mir zum Fortkommen nur Schusters Rappen oder – und diese Alternative wird mir immer sympathischer – ein Mountain Bike. Völlig neue Horizonte würden sich für uns eröffnen, schwärme ich Sabine vom Ausflug jenseits der Fahrverbote vor. Mit dem Mountain Bike wäre ein Ausflug in die Region möglich, die uns schon beim Kartenstudium ganz besonders ins Auge fiel: der Nationalpark Berchtesgadener Land, der nicht nur nach der Meinung des weitgereisten Naturforschers Alexander von Humboldt zu den schönsten Ecken der Welt gehört. Um so mehr verwundert es, daß dieses Gebiet erst 1978 für schützenswert befunden wurde. Nach dem großen Vorbild Yellowstone Nationalpark in den USA läßt man seitdem den Kräften der Natur freien Lauf. Der Mensch hält sich raus. Straßen gibt es keine.Ein Land wie vor unserer Zeit. Das macht neugierig und räumt auch Sabines letzte Bedenken aus. An der Jenner-Talstation setzen wir die Idee in die Tat um und satteln zwei gemietete Drahtesel. Wackelig drehen wir die ersten Runden. Die Räder kommen uns im Vergleich zum Motorrad eher wie ein Steckenpferd vor. Dann geht´s los. Unser Ziel: die Gotzenalm – mitten im Nationalpark.Das derbe Profil beißt in den groben Schotter. Kiesel knirschen schwer unter der Last der Stollenreifen. Ein dicker Schweißtropfen kullert über meine Stirn. Mit jeder Pedalumdrehung ringe ich dem Berg mühselig eine Handvoll Höhenzentimeter ab. Der nächste Tropfen fällt. Sekunden später ist Zählen zwecklos: Der Schweiß läuft in Strömen. Und bis zur Gotzenalm sind es noch immer 300 Höhenmeter. Ein Himmelfahrtskommando. Verdammtes Mountain biken. Sabine ergeht es nicht anders. Sie keucht nur wenige Meter hinter mir den Berg hinauf. Die Tour gilt nach einem Bike-Reiseführer als sehr schwer. Wenn´s nach uns ginge, würde die Einstufung brutal lauten. Aber wer fragt schon Motorradfahrer auf Abwegen? Ein Martyrium, das auf 600 Metern Höhe beginnt und bis zum Bergkamm des Gotzensteinmassivs auf 1710 Metern ansteigt. Die 1100 Höhenkilometer, die es auf der Strecke zu bewältigen gilt, zehren gewaltig an der Kondition, saugen uns aus. Immer öfter halten wir während dieser Tort(o)ur, um ein paar Schluck zu trinken oder an einem Müsli-Riegel zu knabbern, damit wir nicht ganz schlapp machen.Den Königssee bekommen wir auf dieser Strecke nur sporadisch zu Gesicht. Meist versteckt er sich zwischen hohen Bäumen, und wir können nur ahnen, wie der See gleich einem norwegischer Fjord zwischen den schroffen, steil abfallenden Felswänden liegt. Zeit zum Staunen hätten wir kaum. Wir müssen weiter. Der Berg ruft. Dann wieder nur der eintönige Schotter des nicht enden wollenden Fahrwegs. Zermürbende Monotonie. Wer den Fehler macht, Rad-Distanzen auch nur annähernd mit Motorrad-Etappen zu vergleichen, hat von vornherein aufs falsche Pferd gesetzt: Für Umsteiger ist Mountain biken wie die Entdeckung der Langsamkeit. Wieder greift Sabine zur Flasche, nimmt einen großen Schluck, wischt sich die Schweißperlen von der Stirn. Wortlos setzt sie sich neben mich auf einen Stein. Wir schwitzen und schweigen; schauen mit leerem Blick ins Tal. Sonst fängt sie jede nur erdenkliche Situation mit der Kamera ein. Jetzt läßt sie sogar das beeindruckende Panorama gut sein. Denn sie ist schlichtweg mit etwas wichtigerem beschäftigt: mit sich selbst.Wie störrische Mulis peitschen wir unsere Bikes den schmalen Weg hoch auf das Gotzensteinmassiv. Er windet sich in steilen Serpentinen an der Flanke des Bergs entlang. Nur so bleibt die Steigung in einem halbwegs erträglichen Maß. Der Gipfelgrat ist schon zu sehen. Endlich. Gleich haben wir es geschafft. Pustekuchen. Kurz vor dem Kamm fordert der vermaledeite Berg nochmals vollen Pedaleinsatz: 24 Prozent Steigung. Ganz schön schräg. Ohne die richtige Fahrtechnik würden wir sofort auf der Strecke bleiben: Verlagert man sein Gewicht zu stark nach hinten, hebt sich das Vorderrad; steigt man zu kräftig in die Pedale, dreht das Hinterrad durch. Genau an dieser Stelle wünsche ich mir, ich könnte lässig den leichtgängigen Gasgriff meiner Enduro dosieren, anstatt mich mit diesem Bike abzuplagen.Fix und fertig erklimmen wir den Bergrücken. Oben angekommen, weht uns zur Begrüßung ein scharfer Wind beinahe vom Rad. Wir sind am Ziel, doch von Ausruhen kann keine Rede sein. Wir haben alle Mühe, daß unsere zum Trocknen in die Sonne gelegten Klamotten nicht auf und davon flattern. Extremer Föhnwind tobt über das Gotzenstein-Hochplateau. Wie besoffen torkeln wir kurz darauf über dem Fahrweg. Die plötzlichen Böen machen es unmöglich, eine gerade Linie zu radeln. Wogegen die außergewöhnlich klare Luft das südlich liegende Steinerne Meer, das Teufelshorn, den Schneibstein und noch weiter entferntere Berge zum Greifen nahe erscheinen läßt.Der Hüttenwirt der Gotzenalm gibt uns den entscheidenden Tip, wir sollten unbedingt zum Feuerpalfen radeln. Ein Aussichtspunkt nur wenige Bike-Minuten von der Alm entfernt. Diesmal schiebt uns der Föhnwind zurück zum Grat, dann folgen wir nach links einem schmalen Trampelpfad - in Bikerfachsprache ein sogannter Single-Trail -, stolpern ein paar Treppen hinunter, und plötzlich verschlägt es uns fast den Atem: 1000 Meter fällt der Fels vor uns senkrecht in die Tiefe. Direkt unter uns liegt der Königssee, tiefblau, wie gemalt. Unbewußt krallen sich die Hände fester um das Holzgeländer. Das Panorama ist der pure Wahnsinn. Einfach grandios. Die Entschädigung für die ganze Schinderei.ist perfekt.Auf dem See tuckern Boote gemütlich zur berühmten Wallfahrtskirche St. Bartholomä, dem architektonischen Wahrzeichen des Nationalparks. Von oben sehen sie aus wie ferngesteuerte Spielzeuge. Sie sind die bequemste Möglichkeit, zur Kapelle zu gelangen und entsprechend voll besetzt.Beeindruckend erhebt sich am Ende des Sees der Watzmann. Knapp 2000 Meter steigt die gegenüberliegende Ostwand vom Ufer jäh zum Gipfel an. Der größte Felsabsturz der Ostalpen. »Du bist so groß, und i nur der Zwerg«, singt Liedermacher Wolfgang Ambros in seinem Gebirgsepos »Der Watzmann ruft«. Passender kann man diesen respekteinflößenden Anblick wirklich nicht in Worte kleiden. Mit insgesamt 2713 Metern ist der Watzmann nach der Zugspitze zwar nur der zweithöchste Berg Deutschlands, aber um keinen anderen Steinriesen ranken sich mehr Sagen und Geschichten. Flankiert wird er von der Watzmannfrau und den fünf Watzmannkindern. Der Sage nach wurde die ganze Familie wegen ihrer Hartherzigkeit zu Stein verwandelt. Berühmt berüchtigt wurde der Watzmann aber wegen seiner gefährlichen Ostwand. Bis 1990 kamen bei der Durchsteigung der lawinen- und steinschlaggefährdeten Felswand 91 Bergsteiger ums Leben. »Groß und mächtig, schicksalsträchtig...« schildert Ambros den »ewigen Kampf des Menschen mit dem Berg«. Im Westen bauen sich hohe Wolkentürme auf. Es wird Zeit, die Rückfahrt anzutreten. Der Mountain Biker rechnet in anderen Dimensionen als der motorisierte Wanderer. Zwar ist die Abfahrt weniger schweißtreibend als der Trip nach oben, sie hat aber durchaus ihre Tücken. Das ungefederte Vorderrad des Bikes springt bei Bodenwellen wie ein Hirschbock auf Freiersfüßen, und beim Anbremsen vor den engen Kehren wedelt das Hinterrad auf dem Schotter wie Nachbars Lumpi. Der mühsam erklommene Anstieg, die engen Serpentinen, alles, was vorher im Schneckentempo erkämpft wurde, saust nun im Zeitraffer an mir vorbei. Ich habe alle Hände voll zu tun, bei der stürmischen Abfahrt nicht auf der Nase zu landen. So angenehm die im Bikerchargon Downhill genannten Bergabpassagen auch sind, sie verlangen volle Konzentration und höchste Vorsicht. Und anstatt der Beinmuskeln brennen nun die Handgelenke vom Abstützen des Körpergewichts auf den Lenkerenden und vom ständigen Bremsen. Selten habe ich mich so gefreut, unsere Enduro wieder zu sehen. Ein Gefühl, wie nach einer langen Reise nach Hause zu kommen. Die Muskeln schmerzen jetzt fürchterlich. Trotzdem, während wir unsere geschundenen Knochen ausstrecken, spüren wir eine tiefe Zufriedenheit über das, was wir in den letzten Stunden geleistet haben. Ein Funken der Faszination Mountain Bike ist übergesprungen. Wir haben das »Enduro-Fahrrad« auf dieser Tour nicht nur hassen sondern auch lieben gelernt. Und eines ist sicher: In Zukunft werde ich jeden einzelnen Höhenmeter zu schätzen wissen.

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