Bergamasker Alpen Wandertag

Mit leichtem Gepäck, einem Rucksack und einer Enduro einfach losziehen. Nach Süden, in die Alpen vielleicht. Und nur kleinste Straßen fahren. Egal, wohin sie führen. Mehr kann ein langes Wochenende kaum bieten.

Ich bin viel zu spät, drengele mich entnervt durch den Großstadtverkehr. Der Wetterbericht hatte gutes Wetter in den Alpen gemeldet, ein langes Wochenende steht bevor - jetzt oder nie. Das Mittelmeer ist zu weit, aber eine Alpenrunde ist drin. Ein paar Telefonate - dann war klar - wir tun´s, sonst klappt´s sowieso nie. Die halbe Nacht geschraubt, neue Reifen aufgezogen, ein letzter Check am Motorrad, Werkzeug zusammengesucht, Ersatzschläuche, die Enduro-Sachen vom Speicher gekramt. Du liebe Zeit, was hatte man denn da immer so dabei? Die letzte Tour scheint Jahre her zu sein. Helm, Brille, Protektoren, die verbeulte Siggflasche, den kleinen Rucksack. Vom Comer See zum Gardasee, hatte Herbert vorgeschlagen, auf Schotter und Asphalt, was gerade so kommt, möglichst klein halt. Klingt perfekt. Viel paßt nicht rein in den kleinen Packsack, aber viel paßt auch nicht drauf auf die kleine Enduro. Turnschuhe, Pulli dick, Pulli dünn, ein paar T-Shirts, Wäsche, Socken, Waschbeutel, fertig ist die Laube. Dicke Handschuhe, Regenzeug, Papiere et cetera wandern in den Rucksack, die Karte an den Lenker. Acht Uhr, ich sollte schon lange auf der Autobahn sein. Du liebe Zeit, ist das ein Fahrgefühl mit den groben Stollenreifen. Traue mich kaum ein Grad Schräglage. So war es immer auf den ersten Metern. Ätzend. Doch alls der warme Fahrtwind in den offenen Enduro-Helm fährt, ist es da. Dieses leichte Gefühl des Wegfahrens. Vielleicht sind es auch diese Stiefel, wo schon gleich die altvertaute Stelle am Knöchel zu drücken beginnt, mit all dem Dreck und den Erinnerungen der letzten Touren und Stürze. Schnell noch Tanken. Bei 12,85 Mark ist das vorher fast leergefahrene Spritfäßchen der DR voll. Wenn man nach 6,5 verbrauchten Litern auf Reserve schaltet, ist noch immerhin ein guter Liter drin. Beruhigend. 400 Kilometer sind es bis zum Comer See. Im Schwarzwald noch Herbert und Heike abholen, quasi im fliegenden Start geht es weiter zur Schweizer Grenze, Schaffhausen, Winterthur, durchs Toggenburg und über den kleinen Reichenpaß. Die ersten Kehren, die ersten instabilen Momente. An einer Tankstelle erhöhe ich den Luftdruck ein wenig, 1,5 vorne, 1,9 hinten, so fährt die Fuhre nun wenigstens halbwegs um´s Eck. Dafür beginnt jetzt die Qual mit der harten Cross-Sitzbank. Gottlob darf ich spätestens alle 145 Kilometer zum Tanken absteigen. Spielzeug-Tank und Macho-Bank - welch eine Allianz. Stimmt, so war das immer. In Thusis wird Heu gemäht. Die Bauern scheinen also der Schönwetterlage zu vertrauen. Dennoch ziehe ich vor dem Anstieg zur nördlichen Alpenkette alles an, was da ist. Denn das laue süddeutsche Sommerlüftchen weicht mit jedem Höhenmeter derberer alpiner Kälte. Am Splügen hacken die Grenzer gerade noch die letzten Eisplatten vor dem Zollhäuschen weg. Neben der Straße schwingt sich die regelmässige Spur eines letzten Tiefschnee-Skifahrers den Hang hinab. Der Winter ist noch nicht lange vorbei.Steil überkopf stürzt sich der Splügen auf der Südseite in abenteuerlich übereinandergebauten Kehren nach Italien hinab. Der Schnee bleibt zurück und es wird warm. In Chiavenna sitzen wir das erste Mal im Straßencafé. Wie üblich an einer Straßenkreuzung, deren Lärm von den Schlagern aus der Musikbox übertönt wird, aber dafür bei dem ersten echten Cappuccino. Mehr Italien gibt es nicht. Wir fahren die letzten Kilometer zum Comer See hinab. Schimmernd reflektiert er das letzte Licht, umfangen von über tausend Meter hohenen Felsen. Grandios. In langsamen Kurven schwingen wir sanft am westlichen Ufer dahin. In Menaggio erwischen wir gerade noch die Fähre zur Ostseite. Verspielt und ungeheuer italienisch leuchtet uns die dicht besiedelte Uferzeile entgegen, alte Villen mit verzierten Brüstungen und Balkonen, kleinen Cafés an der Hafenmole. Hier übernachten wir. In langen Kehren klettern wir am nächsten Tag die Berghänge hinan, kleine Sträßchen, die irgendwann in Schotterwege übergehen. Allmählich erheben wir uns weit über den See, der sanft von morgendlicher Dünnung geriffelt wird.Steif und ungelenk stehe ich auf den Rasten, noch will nichts zusammenpassen, erschreckt mich das erste Rutschen und Schlingern zu Tode, statt wie sonst Spaß und Lust zu wecken. Ich habe das Gefühl, den ersten Schotterweg meines Lebens zu fahren. Der harmlose Packsack erweist sich nun als böses Handicap, reißt die leichte Maschine heftig in die Kurven hinein und behindert beim Fahren im Stehen. Auch das Motorrad selbst scheint zickig und bockig. Ich stelle die Federlelemente etwas weicher ein, senke den Luftdruck wieder auf Geländeniveau (0,9 und 1,2 bar). Es wird besser, doch nicht richtig gut. Herbert erbarmt sich schließlich und nimmt meinen Sack auf seine große BMW, die diese zehn Zusatzkilo willig akzeptiert. Manchmal macht´s einfach die Masse. Jetzt funktioniert`s. Wie befreit stürmen wir hinauf, bis der Blick frei über die umliegenden Zweieinhalbtausender reicht. Es ist umwerfend. Wir stellen die Motoren ab, versuchen uns zu orientieren. Doch dicke Wolken ziehen die Täler hinauf, Blitze zucken in die Bergrücken, der Donner rollt unbehaglich dicht hinterher. Die ersten Tropfen platschen auf die warmen Felsen, ein Unterstand ist nicht in Sicht. Weiter unten schützt der Wald zunächst noch ein wenig, dann hilft auch er nicht mehr, die Teerstraße scheint endlos weit weg. Als wir sie erreichen, bietet sogar eine kleine Bauruine Schutz. Sobald der Regen nachläßt, flüchten wir ins nächste Café. Doch wir sind zufrieden, waren fast oben gewesen. Abends wagen wir noch einen kleinen Ausflug ins Abseits, poltern mühselig einen groben Weg in die Berge hinein. Ein Trialfahrer kommt vorbei, elegant auf den Rasten stehend zieht er scheinbar schwerelos seine Bahn über das wüste Geröll. Eine Angelroute ragt aus seinem kleinen Rucksack, buona serra, winkt er herüber. So fahren können! Trialmotorräder scheinen in den italienischen Bergen zum Hausstand zu gehören wie Fahrräder in der Lüneburger Heide. Alte abgewrackte Fantic und Montesa meist, ab und an eine funkelnde neue Beta oder Gas Gas dazwischen. Außer Frauen und Mädchen ist damit alles unterwegs, Jungs, Männer, Greise. Entsprechend wird eine kleine Enduro kaum beachtet. Bei einer 1000er BMW guckt man zwar schon leicht irritiert, aber Motorrad ist Motorrad und damit grundsätzlich erstmal positiv besetzt. Wir erreichen eine Hochebene und folgen der Spur des Trialers hinter einer Kapelle zum nächsten Gehöft, dann verschwindet die Sonne unwiderbringlich hinter den Felszacken der 2554 Meter hohen Pizzo dei Tre Signorie. Den erhofften Rundweg finden wir nicht, es zweigen lediglich irgendwelche Gamssteige ins Tal ab. Bleibt nur wieder der üble Geröllweg. Wir haben völlig die Zeit aus dem Auge verloren. Als wir gegen 21 Uhr endlich Barzio, den einzig größeren Ort in der Umgebung erreichen, hat zwar noch eine Albergo geöffnet, die Küche aber bereits geschlossen und die umliegenden Lokale ebenso. Welch ein Panne! Der Wirt lädt uns ohne langes Palaver in seinen Fiat und bringt uns in ein Restaurant im Nachbarort. »Ruft an, wenn ihr fertig seid.« Überglücklich futtern wir uns einmal quer durch die Speisekarte. Über einen nirgendwo verzeichneten Wirtschaftsweg finden wir am nächsten Tag einen Übergang ins nächste Tal, doch dort ist dann erst mal Schluß mit dem Ostkurs. Alle legalen Wege scheinen hier an einer Wand von nationalparkgeschützten Zweieinhalbtausendern zu enden. Wir schlagen also über den winzigen Passo di San Marco, Morbegno und durch die Ebene von Valtellina einen nördlichen Bogen um das Gebiet. Auf halber Strecke zweigt der kleine Passo della Foppa ab, der in nahezu unberührte, zum Teil noch verschneite Höhen führt. An mehreren Stellen müssen wir die Motorräder behutsam über die extrem glitschigen Reste der winterlichen Pracht bugsieren. Eine unbedachte Bewegung, und die Fuhre segelt haltlos über das Geröll zu Tal. Die Schutzplanken hat der Schnee schon vor Monaten hinabgedrückt. Ein kurzes warmes Aufatmen in der quirligen Wochenendatmosphäre von Edolo, einer kleinen Stadt, die sich lautstark auf drei freie Tage vorbereitet, erste Touristen in den Cafés, Motorräder vor den Lokalen. Dann biegen wir noch einmal von der Hauptstraße zum Passo del Vivione ab. Es ist schon spät, aber manche Tag scheinen hundert Stunden zu haben. Bereits nach wenigen Kilometer reut mich meine Zustimmung, den Abzweig noch mitzunehmen, denn eisige Feuchtigkeit beißt plötzlich im Gesicht. Von dem kleinen Wildbach steigt offenbar ständig feiner Nebel auf, und einem tropischen Regenwald gleich, umrankt hier dichtes, sattes Grün den Weg, überziehen Moose und Farne die Felsen und den Wald. Gottlob erhebt sich die schmale, von Geröll und abgefallenen Tannenzapfen übersähte Straße bald aus dem Urwald heraus. Doch dann scheint endgültig Schluß. Ein Erdrutsch hat die Fahrbahn fast komplett unter sich begraben. Nur am Rand ist eine gut reifenbreite Spur noch frei. Am talseitigen Rand. Es ist knapp, aber es reicht. Motorrad in Position bringen, irgendeinen Punkt jenseits der Engstelle fixieren und vorsichtig drüberrollen. Wer vor`s Vorderrad oder nach unten guckt, hat schon verloren. Wenig später ist die ganze Straße ganz weg, von gewaltigen Felsbrocken, deren Ursprung noch bedrohlich über uns hängt, einfach mitgerissen. Oh Scheiße! Allmählich habe ich genug von diesen Absturzstellen. Last und Lust der kleinen Nebenstraßen - sie liegen in der Prioritätenliste der Räumdienste weit hinten und werden nach dem Winter als letztes in Stand gesetzt. Von Oktober bis Mai bleiben sie sich selbst überlassen. Aber sie bieten das meiste Vergnügen von allen. Naja, meistens. Mit stützenden Händen bugsieren wir die drei Maschinen auf einem kleinen verblieben Grat hinüber. Die BMW-Zylinder kratzen am Fels, doch es geht. In völliger Einsamkeit fahren wir am weißgefleckten Gipfel des Monte Gaffione entlang, ziehen in den von Frostaufbrüchen durchzogenen Kehren unsere Bahn. In Schilpario, dem einzig nennenswerten Ort an der Strecke, gibt es gottlob einen Gasthof. Eigentlich hat nur die Kneipe offen, denn wer sollte vor Juni schon über den Paß kommen - doch der Wirt macht eine Ausnahme. Mille Gracie, wir können ein Bett brauchen. Am nächsten Morgen starten wir zur letzten Etappe zum Idro-See. Den wunderschönen Passo di Croce Domini heben wir uns für die morgige Rückreise auf - jetzt suchen wir eine möglichst kleine Querverbindung südlich davon. Tatsächlich - nach ungezählten Abzweigen, Irrwegen und Sackgassen zu irgendwelchen Hütten und Bauernhöfen finden wir eine winzige Verbindungspassage. Stunden scheinen wir auf diesen maximal 40 Kilometern Luftlinie zu verbringen, sitzen Gewitterschauer in Ziegenställen aus, essen belegte Brote in einem kleinen bewirtschafteten Refugien am Weg, fragen trialfahrende Bergbauern nach dem Weg. Und erfahren, daß wir völlig falsch sind. »Immer nach Süden und immer bergab«, übersetzen wir uns die gestenreiche Wegbeschreibung. Es ist acht Uhr abends, als wir endlich auf die SS 237 stoßen und am Westufer des Lago de Idro ausrollen. Hier ist inzwischen das Samstagnachtfieber in vollem Gange. Wie betäubt starren wir auf die Horden von Motorrädern, die plötzlich um uns herum branden, irritiert von Lärm, Hektik und sommerlicher Hitze. Wir scheinen Jahre da oben in den Bergen gewesen zu sein. Abgeschieden und zeitvergessen. Mit einem Rucksack und einer 350er. Gerade genug für eine kleine Flucht und ein tausendstündiges Wochenende.

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