Bergstraße Leben auf der Kante

Maximal zwei Kilometer breit und 60 lang - allein mit ihren Daten lockt die Bergstraße keinen Biker in den Sattel. Doch hier macht´s die Fallhöhe. Wer einmal vom Auerbacher Schloß ins Rheintal hinabgeblickt hat, versteht, worum es geht.

Ein paar sanfte Hügel noch, eine Pferdekoppel, und in Wiesloch rechts halten, dann müßte sie eigentlich beginnen, die Bergstraße. Ein zentraler Verbindungsweg, steinalt wie der Gotthard oder die Via appia, vor Urzeiten entstanden, von den Römern ordentlich gepflastert und im Mittelalter mit Burgen flankiert - Broadway der alten Welt quasi, der dramatisch an der östlichen Steilkante des Odenwalds entlangführt. Momentan tritt er hier unten zwischen Wiesloch und Heidelberg allerdings bloß als lärmige L 594 mit dem Charme des Ruhrschnellwegs in Erscheinung und nervt entsetzlich. Das Hinweißschild »Bergstraße«, rührend in Sütterlinschrift, steht verloren irgendwo zwischen Cosi-Wash und Multi-Markt. Oberhalb davon die ersten Heidelberger Trabantenstädte aus Glas und Stahl, fremd und cool wie französische Skiorte im Sommer. Die Landstraße mutiert nun immer mehr, flutet schließlich vierspurig in die Neckar-Metropole Heidelberg hinein.Bald bevölkern zunehmend dunkelhäutige Gesichter die Bürgersteige, die Autos tragen mehr und mehr amerikanische Zulassungen auf den Stoßstangen, der Tom Sawyer-Weg zweigt ab, vierstöckige Kasernen säumen die Straße. In Heidelberg residiert das Hauptquartier der europäischen US-Streitkräfte. Die Liebe der amerikanischen Armee-Kommandeure zu der wunderschönen Altstadt verhalf Heidelberg unversehrt wie im Auge des Hurrikans durch die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs, während rundum alle Industriestädte in Schutt und Asche gelegt wurden. Für den Morgen danach wollten sich die Sieger wenigstens noch ein hübsches Fleckchen lassen.Weinheim und Innere Medizin geradeaus, Thorax und Eberstadt zweigen rechts zum Neckar ab - Heidelbergs Wegweiser versprühen den Charme eines Emergency-Rooms. Unübersehbar, daß hier eine der bedeutendsten deutschen Universitätskliniken liegt und die Orientierung darüber mindestens so wichtig ist wie die lokale Geographie. Ich lasse Thorax und das Schloß rechts liegen, folge Chirurgie und Innerer Medizin zusammmen mit der Trolleybuslinie vier nach Norden. So schön Heidelberg sein mag, an einem warmen Sommertag ist schon allein die Vorstellung eines Stadtbummels in Motorradkleidung so verlockend wie Teneriffa im Jersey-Kostüm. Die Stadt verschwindet, und das Ortsschild von Dossenheim, das immer ein wenig nach einem Schreibfehler aussieht, schließt an. Wohnhäuser, Tankstellen-Stores und Gebrauchtwagenplätze reißen nicht ab. Zwar tauchen an den sich allmählich aufbauenden Odenwaldhügeln schon erste Weinberge auf, aber laut Landkarte führt dort keine Straße hin. Egal. Entschlossen bahne ich mir einen Weg durch die zahllosen Birken-, Finken- und Anemonenwege der Einfamilienhausareale, bis ich schließlich über kleine Wirtschaftswege hinauf zwischen die Weinberge gelange und vor einer unvergleichlichen Aussicht über das Rheintal stehe. Das ist sie, die eigentliche Bergstraße, diese Kante zwischen Himmel und Erde, die bis über 400 Höhenmeter zwischen Odenwald und Rhein überspringt. Oben kühl, still und klar, unten heiß, hektisch und quirlig wie bei Karstadt am langen Samstag. Die Mega-Verkehrsader Südwestdeutschlands, mit gleich zwei Nord-Südautobahnen, einer Schnellzuglinie, dem größten Fluß des Landes, acht Bundes- und ungezählten Land- und Kreisstraßen allein zwischen Darmstadt und Heidelberg. Hier wurde die erste Autobahn gebaut, hier trugen Rudolph Caracciola und Bernd Rosemeyer ihre Rennen aus, und hier fuhr sogar das erste Automobil, wie ich später in Schriesheim von einer Wirtin erfahre, die mir von Carl Benz erzählt, der in als Nachbar ihrer Großeltern in Ladenburg an seinen ersten Motorwagen tüftelte. »Und seine Frau mußte die Dinger dann immer ausprobieren«, erklärt die alte Dame stolz, hier direkt am Haus sei sie vorbeigefahren, »auf der B 3 bis nach Bensheim«. Das war in der Regel Bertas Umkehrpunkt, denn dort gab es eine Apotheke mit Benzin.So phänomenal Berta Benz sich damals auf der B 3 gefühlt haben mag, hundert Jahre später ist die Strecke schlichtweg zu voll, zu gerade und zu öde. Sorry, Berta, aber ich entfliehe vorübergehend in die Kurven des Odenwalds, der gleich hinter der Starkenburg beginnt. Sanft steigt die Straße in Richtung Wilhelmsfeld an, neben mir schlängelt sich der kleine Kanzelbach weich zwischen Weidenbüschen und Wiesen durch das Tal. Die Hitze bleibt im Rheintal zurück, aufatmend schwinge ich durch die Kurven, genieße fast vergessene Schräglagengefühle. Ich biege nach Heiligkreuzsteinach ab, der Odenwald legt noch ein paar Höhenmeter nach, die Strecke gewinnt an Schwierigkeitsgrad. Schnell lasse ich die wendige Ducati in die Kurven kippen, alles wird zu einem einzigen, erregenden Öffnen und Schließen des Gasgriffs, zu einem helleren oder tieferen Fauchen des Twins. Zwei Kilometer bis Eiterbach, die Straße sieht schon verwegen klein auf der Karte aus und sonderbar grau statt gelb im mittleren Abschnitt. Trotzdem. Der arme Bach mit dem abtörnenden Namen sprudelt hell und klar unmittelbar neben dem kaum mehr autobreiten Sträßchen, dahinter Wiesen, die an den Talrändern in dichte Wälder übergehen. Kurz hinter dem Ort hört der Asphalt tatsächlich auf, nur noch ein an Werktagen zur Benutzung freigegebener Forstweg führt weiter. Na denn, ich wollte es ja klein. In Kehren windet sich der breite, gut befahrbare Schotterweg durch den Wald, an Farnen und Holzabfuhrplätzen entlang, allenfalls noch Wanderwegweiser zur Orientierung bietend. Ein Mountain-Biker saust vorbei, ein alter Mann, der sein Rad die Steigung hinaufschiebt, winkt mir freundlich zu. Ich überquere etwas desorientiert mehrere Abzweigungen, doch allzu kompliziert kann´s im Odenwald nicht werden. Irgendwann die ersten Häuser, die Asphaltdecke setzt bröckelnd wieder ein und holt mich zurück ins Leben. Und wie! Schon nach wenigen Kilometern gerate ich kurz unterhalb der 577 Meter hohen Tromm in ein herrliches Kurvenlabyrinth, sause in schnellen Wechselkombinationen wieder gen Westen. Bei Rimbach lockt noch einmal eine Minimal-Passage, ich finde auch den Abzweig nach Albersbach, tuckere durch ausgedehnte Wiesengebiete, und dann stehen sie plötzlich vor mir: Pferde, wunderschön, eine ganze Herde, 40 oder 50 Stück, Rappen, Schimmel, Braune mit hellen und dunklen Mähnen, alle Arten, große, muskulöse Tiere und Fohlen, noch ungelenkt umherstaksend. Was für ein Anblick, noch nie habe ich so viele dieser faszinierenden Vierbeiner auf einmal gesehen. Völlig egal, daß der Weg nicht weitergeht, ich stelle den Motor ab und kann mich lange nicht losreißen von den schönen Tieren. Irgendwann fahre ich weiter, lasse mich vom Odenwald sanft und ausnahmsweise ohne harte Abrißkante wieder hinab zur Bergstraße tragen. Wie weiche Watte umgibt mich mit jedem verlorenen Höhenmeter wieder ihre Wärme und die nun schon vertraute Hektik. Ich lande in Heppenheim, ihrer Zentrale quasi, taste mich über Einfallstraßen, Einkaufspassagen, Umgehungen und immer kleiner werdende Altstadtgassen bis ins Herz der Stadt. Noch ein paar Ecken, dann ist das kaum mehr mülltonnenbreite Sträßchen zu Ende und ein wunderschöner mittelalterlicher Marktplatz breitet sich vor mir aus. Vom ohrenbetäubenden Glockenspiel der Rathausuhr wie Casimodo umtost, trete ich zwischen die viele hundert Jahre alten Fachwerkhäuser, die den Platz umstellen. Über den Giebeln und Straßenschluchten leuchten die umliegenden Weinberge grün in die Stadt. Als die Glocken verstummen, breitet sich eine geradezu mittelalterliche Gedämpftheit aus. Trotz badender Kinder im Marktbrunnen, trotz einer Ente, die seltsam deplaziert über das Kopfsteinpflaster läuft, trotz diskutierender Geschäftsleute und klingelnden Handys, trotz greller Brauerei-Sonnenschirme vor den Cafés - völig egal, dieser Platz hat eine Aura, bildet pricklend eine Kontaktfläche zwischen Alt und Neu. Unkompliziert werden beim Friseur »Palma Stilista« hinter fast 500 Jahre alten Mauern die Locken gedreht, stellt die »Solar- und Energieberatung« ihre Kollektoren zwischen die Sandsteinbögen und rauschen die PCs der Stadtverwaltung im Rathaus von 1551. Es ist bereits Abend, und die Läden schließen nach und nach. Zwei alte Damen ziehen mit Klapptisch und Spätlese zum Dämmerschoppen vor ihre Haustür, ein paar Redakteure der Lokalzeitung gehen beim Italiener den neuesten Ortstratsch durch, ein Kollege vom Balkon gegenüber ruft ein paar scherzende Worte herab. Es ist nicht der Piazza del Campo von Siena, aber es ist fast so schön. Dieser Platz ist sich selbst genug.Ich will das letzte Licht noch nutzen, fahre zum höchsten Punkt der Bergstaße, zum Schloß Auerbach, direkt am 517 Meter hohen Melibokus. In herrlichen Kehren geht`s hinauf, bis oben lange Reihen parkender Autos die letzten Meter begleiten. Das Auerbacher Schloß ist eine Attraktion ganz besonderer Art - es bietet echtes Ritterleben, Living History, wie die Neuweltler sagen. Schon sind die ersten Dudelsack- und Leier-Klänge zu hören, dringen Theaterdialoge aus den Fensternhöhlen der Ruine, hasten Junker und Burgfräulein mit Schüsseln und Tellern über den Burghof. Heute gibt es das sogenannte Rittermal, für 89 Mark schmausen und saufen wie d´oiden Rittersleut, Voranmeldung unbedingt erforderlich. Mit Händen und Dolch futtern, Met aus dicken Krügen trinken, die Knochen unter den Tisch schmeißen. »Gegen Aufpreis auch mit Herold«, informiert mich ein Burgfräulein. Mit Herold? »Ja, der trägt dann die Menukarte vor.« Aha. Um dem Andrang Herr zu werden, weicht man in Stoßzeiten vom Burgrestaurant in große Zelte im Burghof aus. Gleich drei Gesellschaften tafeln hier zwischen Kettenhemd und Hellebarde. Im Halbdunkel taste ich mich zu den Turmaufgängen und klettere die finsteren Wendeltreppen hinauf. Oben erwischt mich die Bergstraße ein letztes Mal mit ihrer vollen Breitseite - der Ausblick ist schwindelerregend: Von Horizont zu Horizont breitet sich das Rheintal vor mir aus, von letzten orangen Sonnenstrahlen milde verklärt. Ganz im Westen dunkel die Silhouette des Pfälzer Waldes und die Kühltürme von Biblis, südlich davon die Metropolen Mannheim und Ludwigshafen, in der Gegenrichtung, im abendlichen Dunst mehr zu erahnen als zu ersehen, die letzten Ausläufer der Darmstädter und Frankfurter Vororte. Dazwischen ein grünbraunes Schachbrettmuster von Wiesen und Äckern. Unten wird gerade ein etwas umkomponierter Song von Ougenweide aufgespielt, im Hintergrund gellen die Lachsalven des Theaterpublikums. Direkt hinter mir wächst ein Baum. Mitten auf dem Wehrgang. Eine kräftige Krüppelkiefer, deren Wurzeln wie Adern eines Handrückens aus dem Boden dringen und sich weit über die ganzen Wehrgang verkrallen. Unglaublich, sie kann maximal zehn bis 20 Zentimeter Erdreich zur Verfügung haben. Die Sonne versinkt inzwischen blutrot, die kleine Straße nach Seeheim-Jugenheim schimmert noch einmal hell im Gegenlicht auf - es sind die letzten Kilometer der Bergstraße. Stiller, ruhiger und endlich jenseits der lauten B 3, Schrebergärten werden dort die Weinstöcke ablösen, die Odenwaldberge allmählich niedriger werden. Doch noch immer wird dieser unglaubliche Duft in der Luft liegen. Intensiv und schwer vom Atem unzähliger Blüten und Früchte, nach einem warmen Sommertag aus jeder Pore strömend und sich zu einem betörenden Mixtur vereinigend. Das ist die Bergstraße. Endlich.

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