Berlin Kopfüber in die Nacht

Eine Nacht lang unterwegs in der lebhaftesten Metropole Deutschlands, zwischen Techno-Parties, Currywurstbuden und Gassenkehrern - begleitet von dem Sound eines amerikanischen V2. Berlin, die Stadt ohne Limit.

Gegen drei Uhr morgens kommt der tote Punkt. Plüschiges Ambiente, Teppiche an den Wänden, kitschige Kronleuchter hängen von der hohen Decke. Wir stehen an der Bar des Kumpelnest 3000, einem umfunktionierten ehemaligen Bordell in der Lützowstraße, wo die Stimmung alles andere als animierend ist. Es riecht nach kaltem Rauch, ein Rest Kaffee klebt wie Harz in der Kanne, hinterm Tresen spült der Wirt lustlos die Gläser. Auf einem speckigen Samtsofa hinten im Raum hat es sich ein Riesenköter bequem gemacht. Frauchen oder Herrchen – so genau läßt sich das nicht bestimmen – hängt an der Bar und nippt an einer Flasche Bier. Der letzte vernünftige Satz ist schon Stunden her. Charles Bukowski hätte seine Freude gehabt. Wo sich die Szeneleute sonst auf die Füße treten, herrscht jetzt die trostlose Leere eines zu vorgerückter Stunde verwaisten Clubs. Momente, in denen unser ganzes Vorhaben zur quälenden Farce wird: Berlin bei Nacht zu erleben, im Morgengrauen. Nun stehen wir mit schweren Lidern verloren bei den letzten Schwärmern der Nacht. Der Tiefpunkt ist erreicht, die Motivation zum Weitermachen rangiert gegen Null. Doch fünf Stunden liegen noch vor uns bis zum Tagesbeginn. Der Wirt drängt zum Zahlen. Wir fühlen uns leer, irgendwie fehl am Platz.Hinter uns fällt die Tür ins Schloß, der Sperriegel fährt knirschend ins Metall. Wir stehen auf der Straße. Allein. Es ist ungewöhnlich kühl für Juli. Im Radio sprach der Moderator von Nacht-Temperaturen um acht Grad. Feiner Nieselregen benetzt unsere Wangen. Eine Sommernacht in Berlin. Die Straßen sind leer wie in einer Geisterstadt. Auf dem nassen Asphalt spiegeln sich Leuchtreklamen und das Wechselspiel der Ampeln. Sie scheinen sinnlos, keiner beachtet sie um diese Zeit. Im Rückspiegel erkenne ich die Reifenspur der Harley auf der nassen Fahrbahn. Es ist die einzige. Einsam cruisen wir durch die Häuserschluchten der großen Stadt. Kaum noch vorstellbar die Hektik im »Tresor« vor wenigen Stunden, dem derzeitigen In-Techno-Club Berlins. Hell Angels als Türsteher, begeisterte Raver auf der Tanzfläche, kaum Luft zum Atmen und von den Wänden tropfendes Kondenswasser -und 140 bis 150 Beats per Minute für beschleunigte Herzrhythmen. Irgendwann hätten in den Kellertresoren des alten Baus die Goldreserven der ehemaligen DDR gebunkert werden sollen. Statt dessen hat nun eine der Keimzellen der Techno-Bewegung hier Einzug gehalten. Ein Baseballkappenträger mit Kinnbärtchen verließ mit uns zusammen die Techno-Höhle. Er könnte die ganze Welt umarmen. Auch mich. Gut drauf von den wummernden Rhythmen und was weiß ich für Aufputschmitteln. Aus Syrien stamme er, erzählte er mir. Und das er Berlin möge. Nicht nur wegen Techno.Es scheint hundert Jahre her zu sein. Dabei liegt es erst wenige Stunden zurück. Ich fühle mich wie tot. Als erstes tauchen die Zeitungsausträger auf. So gegen vier. B.Z. und Berliner Morgenpost in fetten Bündeln in Karren hinter sich herziehend. Gegen fünf dann der erste Straßenkehrer. Während Rest-Berlin noch friedlich in den Federn schlummert, säubern die Männer von der BSR die Stadt. Hermann Radebach gehört zu ihnen. Der Kurfürstendamm von der Gedächtniskirche bis hinauf zur Leibnizstraße zählt zu seinem Revier. Wir treffen ihn bei der Arbeit vor dem honorigen Café Kranzler. »Jeden Tach, ooch am Wochenende, bin ick beim Kehren, und keener merkt«s«, erzählt der orangefarbene Saubermann, »und jeden Morgen fang ick wieda von vorne an.« Zum Glück hatte er bei der Love-Parade frei. Ein alter Kehraus-Hase, der weiß, wann er Urlaub zu nehmen hat. Denn als im vergangenen Jahr die größte Techno-Party aller Zeiten durch die Spree-Metropole tobte, blieben nicht nur glückliche Gesichter, sondern auch tonnenweise Müll zurück.Im Wartehäuschen der Bushaltestelle neben uns türmen sich blaue Mülltüten zu einem beachtlichen Berg. Dazwischen sitzt ein Häufchen Mensch, eingehüllt in einen dicken Mantel wie ein Eskimo. »Das ist Tütenpaula. Die sitzt immer da«, weiß der Zeitungsverkäufer am Straßeneck, »immer gleich dick eingepackt, im Sommer wie im Winter.« Wovon sie lebe, wisse auch keiner so recht. Ein Auto stoppt, er springt ans Fenster: »Eine B. Z. – bitte schön.« Dann erzählt er weiter. Nur alle paar Monate bringe Paula die Tüten mit dem ganzen Krempel weg, dann fange sie wieder von vorne an, Dosen, Flaschen, einfach alles mögliche aus den Mülleimern zu sammeln. »Ab und zu sitzt se auch im »Kranzler« und trinkt ein Bier.« Das sei dann wie Weihnachten. Eine Bildzeitung wird an den Mann gebracht. »Tütenpaula gehört einfach dazu. Die verscheucht nicht mal die Polizei.« Kaum merklich bekommen die Häuser Konturen. Der Himmel wechselt von Rabenschwarz zu Tintenblau, die ersten Piepmätze in den Baumkronen über dem Ku«damm beginnen sich wachzuträllern. Aus den Backstuben dringt verführerischer Duft, der sich mit der kühlen Morgenluft zu einem köstlichen Gemisch vermengt. Erste Lieferwagen preschen mit überhöhter Geschwindigkeit durch noch leere Straßen, Taxen fahren die letzten Gäste der Nachtschicht. Der 17. Juni gehört uns fast allein. Berlins stattliche Ost-West-Achse, die ihren Namen zu Ehren des 1953 erfolgten Aufstands in der ehemaligen DDR trägt. Die Buden des größten und teuersten Flohmarkts der Stadt sind noch mit Planen und Brettern verschlossen. Er öffnet erst um acht. Dafür gibt`s am Straßenrand zwischen den Lkw käufliche Liebe jeglicher Couleur. Johlende Männer, zu zweit oder zu dritt im sicheren Auto verschanzt, ergötzen sich an den leicht beschürzten Damen. Wir würden gern ein Foto machen. Doch die Nutten winken freundlich, aber sehr bestimmt ab: »Nee, nee, »n bißchen Privatsphäre müßta uns ooch lassen.« Mit der ersten Morgendämmerung taucht hinter dem östlichen Ende der Prachtstraße das Brandenburger Tor auf. Wohl kein Bauwerk stand mehr im Brennpunkt der bewegten deutschen Geschichte. Übrigens wurde es nach dem Vorbild der Propyläen auf der Akropolis in Griechenland erbaut. Für das geschichtsträchtige Tor ist diese Nacht ziemlich ruhig. Es posiert fotogen im Scheinwerferlicht des amerikanischen Motorrads. Mit zunehmender Helligkeit erkämpft sich der Ostberliner Fernsehturm - von der Berliner Schnautze respektlos »Telespargel« genannt - seinen Platz in der Perspektive zwischen den Säulen. Der kleine Stundenzeiger auf der großen Uhr am Rande des Boulevards nähert sich der Talsohle. Noch spenden die Straßenlaternen mehr Licht als der neue Tag. Auf provisorisch zusammengeflickten Straßen holpern wir über die größte Baustelle Europas: den Potsdamer Platz. Hier entsteht die metropolitane Mitte der Stadt. Mit einem immensen Investitionsvolumen wird die »letzte Wunde des kalten Krieges«, wie der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen den Platz nannte, ein für allemal geschlossen. Dazu werden 20 Millionen Tonnen Erde bewegt, ganze Gebäude versetzt und mit einem eigens dafür erbauten Informationszentrum der Wissensdurst der Besucher bis ins Jahr 2000 gestillt. Rund um die Uhr wird geschuftet, um der Stadt ein neues Zentrum zu erschaffen. Ein Wald von Kränen wogt über klaffenden Baugruben, aus den betonierten Fundamenten ragen die Armierungseisen. Der Platz wirkt im fahlen Licht der ersten Stunde wie ein skurriles Geschöpf, das hilflos auf dem Rücken liegt und seine Gliedmaßen in die Höhe streckt. Mit durchschlagenden Federn und Dämpfern poltern wir durch die sich allmählich belebenden Straßen in den Osten der Stadt. Es stinkt schon lange nicht mehr nach blauem Zweitaktdunst, die Trabbis und Wartburgs sind selten geworden. Im Automobilsektor wurde die Vergangenheit mit Sicherheit am schnellsten aufgearbeitet. Mittlerweile hat der Tag an Kraft gewonnen. Die Zeiger stehen nun im 180-Grad-Winkel: sechs Uhr früh. Zeit für einen Sprung zu »Konnopke«s Imbiß«. Wahrscheinlich Berlins legendärste Würstchenbude. Gegründet 1930 und unter der Hochbahn Dimitroffstraße/Ecke Schönhauser Allee mitten auf einem tosenden Verkehrsknotenpunkt plaziert. Trotz der wenig romantischen Lage ist die Bude eine Institution und hat sich gegen die umliegenden Burgers und Mäcs erfolgreich behauptet. »Die Soße is dat beste, wat Berlin in dem Punkt zu bieten hat«, informieren uns zwei Kehrmaschinen-Chauffeure über das Frühstück. »Altes Jeheimrezept.« Die Hochbahn kreischt, Autos hupen, Tauben flattern über unser Köpfe - aber die Curry-Wurst hat mindestens einen Michelin-Stern verdient. Imbißmahlzeiten gehören in der Fast-Food-Metropole zum täglichen Dasein. Daran gewöhnt sich der Gaumen schnell. Doch Döner, Gyros oder Pommes bereits zum Frühstück ist trotz allem hart. Der Regen hat aufgehört, und allmählich beginnen die ersten Sonnenstrahlen durch die Lederjacken zu wärmen. Wir näheren uns Prenzlauer Berg. Seit der Wende hat sich ein großer Teil der Szene vom immer geschäftsmäßiger werdenden Kreuzberg in die ehemalige Zone verlagert. Ganze Viertel aus der Jahrhundertwende blieben dort seit Kriegsende mehr oder weniger unangetastet. Allen voran Prenzlauer Berg. Die Mieten in den zum Teil extrem heruntergekommenen Altbauten waren und sind im Vergleich zu anderen Städten lächerlich niedrig. Hausbesetzungen, Kneipen, Restaurants, Kunst, Kultur - binnen kürzester Zeit löste »Prenzelberg« Kreuzberg als Synonym für das Szene-Berlin ab. Grobes Kopfsteinpflaster am Käthe-Kollwitz-Platz, dem Zentrum des alten Viertels quasi. Auf der Harley spüren wir jede Fuge in den Bandscheiben. Vor gut der Hälfte aller Fenster fehlen die Simse und Verzierungen, weggeschossen vor über 40 Jahren und nie mehr ersetzt. Über den Eingängen der Geschäfte, über denen noch kein neues Display hängt, bekommt man einen Schnellkurs in alten Handelsbezeichungen: »Seifenhaus«, »Kohlen & Briketts« oder »Zweiradwerkstätte«. Inzwischen sind häufig Kneipen oder alternative Läden und Projekte dort eingezogen. Einer paar wackelige Bierbänke stehen vor »Obst & Gemüse« in der Oranienburger Straße. Der Wind weht eine erste Brise Shit in unsere Richtung. Bier gibt es nur aus der Flasche, handgemalte Plakate kündigen eine Performance an. Für die Harley interessiert sich so früh kein Schwein. Es scheint aber ohnehin, als habe die Simson Schwalbe aus Thüringen in diesem Teil der Stadt größeren Kultstatus als der V2 aus Amiland. Ehrerbietung verlangt dagegen die nahegelegene »East-Side-Gallery«. Ein Teilstück der Mauer an der Spree, das Graffiti-Künstler zu einem Gesamtkunstwerk gesprayt haben. Mittlerweile steht das Übrigbleibsel des einstigen »imperialistischen Schutzwalls« unter Denkmalschutz. Touristen aus der ganzen Welt kommen, um das Artefakt zu bestaunen. Dahinter, am Ufer der Spree, eine Wagenburg. In alten Unimogs, Bauwagen, VW-Bussen und anderen Vehikeln leben einige Leute abseits von horrenden Mieten. Zwei Jungs schieben einen Einkaufswagen mit Wasserkanistern von der 24-Stunden-Tanke über die Straße: »Haste ma ´ne Zigarette?« fragen sie fast schon mechanisch im Vorbeigehen und verschwinden hinter der Mauer. Ein Stadtstreicher bewundert die Harley. »Nächste Woche kommt Easy Rider im Fernsehen. Da geh´ick dann inne Kneipe und schau et mir zum vierten Mal an...« Dann trottet er dahin. Daß der ehemalige Staatsratsvorsitzende Honecker auf einem der Gemälde der »Gallery« dem einstigen Obersten Sowjet Leonid Breschnew einen Zungenkuß als gut gemeinten »Bruderkuß« gibt, erregt wohl nur noch unsere Aufmerksamkeit. Langsam beleben sich die Boulevards. Acht Stunden hatten wir sie fast uns alleine. Keine Staus, wenig Autos, Verkehrsstreß ein Fremdwort. Sehenswürdigkeiten präsentierten sich exklusiv, Nebensächliches rückte plötzlich in den Vordergrund. Auf dem Alexanderplatz hält eine Handvoll Studenten Mahnwache. Nicht gerade professionell, mit den herunterhängenden Transparenten, aber immerhin im Blickfeld des Roten Rathauses. Sie demonstrieren gegen die geplante Einführung von Studiengebühren und gegen eine Zweiklassen-Ausbildung. Ein paar Kids ohne Zuhause nutzen das Ereignis, um sich mit einer oder zwei Flaschen Rotwein den beginnenden Tag zu versüßen und dabei über eine gerechtere Welt zu philosophieren. Eine türkische Pizza und der letzte Kaffee dieser Nacht, bevor die Hektik des Tages anbricht. Ich könnte umfallen vor Müdigkeit, und wir möchten nur noch schlafen. Eine Nacht in Berlin fordert ihren Tribut. Eine Nacht, wie jede andere hier auch.

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