Bhutan (2)

Foto: Sauer
In dem kleinen Ort lernen wir aus nächster Nähe das Leben auf dem Land kennen. Die ganze Familie wohnt unter einem Dach, vom Säugling bis zur Großmutter – in Bhutan scheint das Sozialsystem noch intakt. Wie über 80 Prozent der Bevölkerung betreibt auch unsere Gastfamilie ausschließlich Ackerbau und Viehzucht. Maschinen gibt es keine – die schmalen Reisterrassen im Hang werden mit Ochsengespannen gepflügt. Beeren, Früchte und Pilze aus dem Wald verkaufen sie – nach einem langen Fußmarsch – am Wochenmarkt in der Stadt. Obwohl Bhutan zu den ärmsten Ländern der Welt gehört, leidet niemand Hunger. Arbeitslosigkeit und Kriminalität sind ebenfalls Fremdwörter in einem Land, in dem, so der König, „das Pro-Kopf-Einkommen der Bürger nie schneller wachsen soll als das Pro-Kopf-Glück“. Die Politik des überaus beliebten Monarchen sieht vor, den Tourismus so weit wie möglich zu begrenzen – die Sorgen Nepals, das vom Fremdenverkehr förmlich überrannt wurde, schrecken ab.

Am nächsten Morgen brechen wir zeitig auf, um nicht zu spät den nächsten Pass zu erreichen. Oft bilden sich im Laufe des Tages Wolken, die sich an den hohen Bergspitzen festsetzen und beißende Kälte mitbringen. In einer scheinbar nicht enden wollenden Folge von Kurven schlängeln wir uns auf dem Pele-La-Pass in die Black Mountains hinauf. Fast könnte man einen Drehwurm bekommen. Der Wald wird immer dichter. Von den knorrigen, hoch aufragenden Nadelbäumen hängen lange Moosfetzen herunter, die wie zerfranste Mäntel wirken. Dazwischen üppige Rhododendren-Wälder, durchsetzt von Bambus und Farnen. Direkt an der Passhöhe zwingt uns ein eigenartiges zotteliges Rindvieh mit mächtigen Hörnern zum Anhalten – ein Yak. „Diese Tiere haben sich perfekt der rauen, hoch gelegenen Umgebung angepasst“, klärt uns Kinley auf. Das gewaltige Urvieh hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck.

In Trongsa sind wir in einer kleinen Lodge einquartiert und lauschen interessiert den Geschichten von Namgay, dem Hausherrn, der zugleich königlicher Umweltbeauftragter ist. Das weitgehend unerschlossene Bhutan, erzählt er, sei zu gut 70 Prozent mit Wald bedeckt, der nicht abgeholzt werden dürfte. Somit seien Überschwemmungskatastrophen oder Murenabgänge im Königreich gänzlich unbekannt. Eine überaus lobenswerte Politik.
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Karte: Maucher
Szenenwechsel: Wir fahren durch „Little Switzerland“, wie der Distrikt Bumthang auch genannt wird. Breite Täler mit Weiden, Almhütten und Rindern, umrahmt von hohen Bergen, deren Hänge von dichten Kiefern- und Lärchenwälder überzogen sind. Zeit für eine kleine Trekking-Tour. Ausgangspunkt ist das „Swiss Guest House“, das seit vielen Jahren von einem Schweizer Auswanderer betrieben wird. Kunstvolle Schnitzereien zieren das mächtige, im alpenländischen Stil erbaute Anwesen. Wir fühlen uns wie daheim.

Ziel der Tour ist ein entlegenes Kloster in den Bergen. Markierungen gäbe es keine, wir sollten einen der unzähligen Hunde mitnehmen, rät die Hausherrin, der kenne den Weg. Nach mehr als drei Stunden mühseliger Kraxelei erreichen wir das reich verzierte Kloster. Schon aus einiger Entfernung sind ungewohnte Klänge und Gesänge zu hören. „Eine Puja“, erklärt uns Kinley ehrfürchtig und beschreibt das Instrument als eine Mischung aus Trompete und Alpenhorn. Oben angekommen, tritt ein alter Mönch aus der Pforte und heißt uns herzlich willkommen. In Bhutan leben etwa 4000 Mönche, von denen die meisten Laienbrüder sind. Ihr Zeichen ist die rotbraune Kutte.

Wieder erfahren wir eine unglaubliche Gastfreundschaft, bekommen Tee und Kekse serviert. Und sollen unbedingt ein wohlschmeckendes, apfelweinartiges Getränk kosten, das uns nach mehrmaligem Nachschenken ganz ordentlich in den Kopf steigt. Später müssen wir auch noch Arra, einen lokalen Schnaps, probieren. Erst dann kommen wir zum Eigentlichen und dürfen einer Zeremonie im obersten Altar beiwohnen. Mönche – eingehüllt in Schwaden von Räucherstäbchen – lesen bei mystischen Klängen von den langen Blashörnern und Trommeln buddhistische Gebete.

Uns zieht es weiter Richtung Osten zum höchsten Pass dieser Reise. Verglichen mit europäischen Bergstraßen scheint der Aufstieg kein Ende zu nehmen. Die längste Gerade ist garantiert keine 100 Meter, den vierten und fünften Gang könnte man sich in diesem Land getrost sparen, reiner Luxus. Die erste Straße Bhutans wurde vor nicht einmal 40 Jahren gebaut, und die, auf der wir uns bewegen, erweckt den Eindruck, als habe man einen Eselspfad einfach mit Teer überzogen. In unseren Breiten würde eine solche Verbindung wegen Unpassierbarkeit gesperrt. In dem kleinen Königreich gilt die Straße als „Highway“ – wohl wegen der Höhe.

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