Bike & Hike in den Deutschen Alpen (2)

Foto: Eisenschink
Vor dem Hotel „Zum Türken“ – im Dritten Reich Kommandozentrale des Reichssicherheitsdienstes – stehen drei Bistro-Tische, und eine Eis-Fahne weht im Wind. Nach all den Jahrzehnten, so die Chefin, sei der Gasthof wieder im Familienbesitz. Weinranken klettern an den Holzbalkonen empor, aus den Blumenkübeln quellen leuchtende Geranien – alpenlän-dische Gemütlich-keit scheint aus allen Poren zu dringen. Bis auf den Keller, wo unverändert Gefängniszellen, Schießscharten und ein Eingang zum rund drei Kilometer langen Führerbunker an die unselige Zeit erinnern.

Das Labyrinth unter Tage setzt sich an der Oberfläche lückenlos fort: Scharitzkehlstraße, Salzbergstraße, Rennweg. Die BMW brummt über dreidimensional verschachtelte Bergstraßen, auf denen sogar die 1:200000er-Karte kaum noch weiterhelfen kann. Bald taucht sogar der Watzmann auf, Deutschlands zweithöchster Berg. Mit seinem gezackten Kamm und der 2712 Meter aufragenden Mittelspitze nicht minder markant als Rekordhalterin Zugspitze. Darunter die fast 2000 Meter hohe Watzmann-Ostwand – eine senkrechte Wüste aus Stein.

Kontrastprogramm wenig später in Berchtesgaden. Idyllische Gassen, Häuser mit Lüftlmalerei, Pralinen, Honigschnaps, Meister-, Edel- und Bärwurz im Schaufenster von Grassels Enzianbrennerei. Das Nationalparkhaus am Franziskanerplatz empfiehlt für Sportliche heute eine geführte Wanderung zum Kärlingerhaus am Funtensee: Salet, Sagereckwand, Grünsee und zurück über die Saugasse nach St. Bartolomä, Tourstart am Park-platz Königssee in 15 Minuten.
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Foto: Eisenschink
Bevor ich allerdings für einen längeren Trip vom Motorrad steige, lasse ich mich von der Alten Reichenhaller Straße zu einem Klassiker einheimischen Wegebaus geleiten – der Deutschen Alpenstraße. Es zuckt kurz in den Fingern, dann kriegt die BMW Feuer, und wir brausen Richtung Inzell davon. Prompt sind alle Wanderpläne erst mal vergessen, Asphalt, Schräglagen und Bremspunkte bestimmen nun die Wahrnehmung. Als ich wieder zur Besinnung komme, sind bereits die sanftgrünen Hügel des bayerischen Voralpenlandes zu sehen, die zackigen Kalkalpen liegen hinter mir.

Aber bereits westlich von Ruhpolding schlängelt sich die Alpenstraße in perfekt geformten Bögen ganz namensgemäß wieder ins Gebirge. Links taucht silbrig glänzend der Förchensee auf, Lödensee, Mittersee, Weitsee folgen. Glasklare Gewässer, Regenbogenforellen dicht unter der Wasseroberfläche, bewaldete Inseln und malerische Schilfbuchten dringen ins Bewusstsein zurück. Abzweig Winkelmoosalm. Ein schmales Mautsträßchen wickelt sich zügig den Berg hinauf, passiert Almhütten, Kuhherden, Ski-Lift-Stationen und endet schließlich mit einem fulminanten Weitblick auf die Loferer Steinberge. Rosi Mittermaiers Pistenrevier der wilden 70er. Nach einem Blick auf die Karte stehen die nächsten Etappenziele fest: Reit im Winkl und Kössen im österreichischen Kaiser-winkel. Wenn schon Winkel, dann richtig.

Rasant treibt es mich Richtung Österreich und bald taucht wie ein Scherenschnitt der Fels-kamm des Wilden Kaisers auf. Ab hier übernimmt die Tiroler Ache das Geleit gen Norden. Über Marquartstein nach Schnappenwinkl, von dort nach Grabenstätt-Winkl und am Heinrichswinkl vorbei nach Chieming. Wo ich vom Landesteg am Chiemsee fast bis zum Malerwinkel bei Gstadt schauen kann. Es dämmert, als ich am Ende der Winkel-Tour erneut nach Berchtesgaden rolle. Und es ist noch immer dunkel, als der Radiowecker am nächs-ten Morgen den ersten alpenländischen Jodler ins Hotelzimmer schmettert. Wanderstöcke, Bergstiefel und Brotzeitpaket stehen bereit, der geplante Wandertrip durch den Berchtesgadener Nationalpark kann beginnen.

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