Bike & Hike in den Deutschen Alpen (3)

Foto: Eisenschink
Auf zum Königssee, wo der Alpen-Express bereits bimmelnd seine Runden dreht und sich das eine oder andere Wander-Accessoire erstehen lässt: Wanderstöcke, wahlweise mit Kuhglocke oder Trillerpfeife für verloren gegangene Kinder, Trachtenmode für Hunde und das Plüschtier „Schweinchen Babe am Königssee“, das wie eine Flipperkugel durch seinen Pappkarton wirbelt.

Ich erwische das erste ablegende Boot, und mit 16 km/h tuckern wir gen West-ufer. Ein paar Wanderer sind mit an Bord, ein Nationalparkwärter auf dem Weg zur Arbeit und Roland Fuchs, der mit seinem „Flügelhörndl“ das Echo vom Königssee demonstriert. Die Kirche von St. Bartholomä erscheint, dahinter die senkrecht emporragende Watzmann-Ostwand, an der bislang knapp 100 Bergsteiger ihr Leben ließen. Hier legen wir an, tauchen – nur wenige Kilometer von Schweinchen Babe im Pappkarton entfernt – in eine der Zivilisation komplett entrückte Natur ein.

Das Boot verschwindet, und Stille senkt sich über die Pfade und Steige, die sich an knorrigen Baumriesen und Farnwäldern vorbei durch den 460 Quadratkilometer großen Alpen-Nationalpark ziehen. Ich wandere ein Stück am Ufer entlang, dann beginnt der Aufstieg zur Kührointhütte. Steine knirschen unter den Sohlen, Murmeltiere pfeifen. Ich schnüre die Schuhe fester und mache mich auf den Weg zur Achenkanzel. „Klettersteig, nur für Geübte“, steht in der Karte. Der so genannte Rinnkendelsteig führt tatsächlich steil den Fels hinan, gewinnt schnell an Höhe. Vorsichtig setze ich Fuß vor Fuß, kleine Steine kullern ins Tal, an manchen Stellen sichert lediglich ein Drahtseil den hart in den Fels gehauenen Tritt. Immer tiefer breitet sich unter mir der flaschengrüne Königssee aus. Bloß nicht schwindlig werden. 800 Höhenmeter liegen bis zum höchsten Punkt an. Kühle Luft vom See streift die erhitzten Muskeln. Nach gut zweieinhalb Stunden ist die Achenkanzel samt ihrer Wahnsinnsaussicht erreicht, eine weitere halbe Stunde später die Kühroint-Alm. Erschöpft stürze die angebotene Buttermilch in einem Zug hinunter, die Vesperbrote folgen zügig. Wandern macht hungrig. Und müde.
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Foto: Eisenschink
Das also war „mittlerer Schwierigkeitsgrad“, wie ich auf einer sonnenwarmen Holzbank dösend im Wanderführer nachlese und nebenbei völlig unbekannte Beinmuskelgruppen kennen lerne. Jetzt der Abstieg. Doch nun ist’s leichter, der Weg fällt breit und schattig durch den Wald allmählich wieder auf Seehöhe ab. Ein paar Meter und ich bin wieder auf dem Parkplatz beim Königssee. Endlich, die BMW! Dankbar sinke ich in den Sattel, wir rollen an. Nur nicht mehr bewegen.

Im Norden flaut der Verkehr jenseits der A 8 langsam ab, das Sträßchen windet sich über sanftgrüne Hügelkuppen, die Berchtesgadener Alpen breit aufgestellt im Rücken. Kein Souvenirladen mehr, allenfalls ein Traktor oder die Spitze einer Dorfkirche. Ich bin definitiv reif für die Einsamkeit. Hinterm Waginger See ziehe ich einen Bogen über Salzburg und Hallein zurück nach Berchtesgaden. Ich komme gerade recht, als auf dem Weg hinauf zum Roßfeld die Alpengipfel rosarot zu glühen beginnen. Links die Salzburger, rechts die Berchtesgadener. Es ist kurz vor Sonnenuntergang. Der Aufgang scheint Jahre zurückzuliegen.

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