Borneo Fremden-Verkehr

Motorrad-Touristen waren in der westlichsten Provinz Borneos bisher genausowenig anzutreffen wie am Südpol - doch die strengen Behörden hatten nicht mit der Hartnäckigkeit eines englischen Enduro-Fahrers gerechnet.

Mein Plan war einfach: Ich wollte während der Monsum-Monate meiner Wahlheimat Malaysia entfliehen und per Enduro den Westen der Insel Borneo, die Provinz Kalamantan Barat, erkunden. Mich lockte der Gedanke an einen abenteuerlichen Trip durch eines der größten Regenwaldgebiete der Welt mit einer einzigartigen Flora und Fauna. Bisher hat angeblich kein ausländischer Motorradfahrer sein Bike durch den Schlamm der Urwaldpisten in dieser Region Borneos getrieben. Gründe dafür gibt es genug: Malaria und Cholera, Giftschlangen, krankheitsübertragende Parasiten, eine überaus schlechte Ersatzteilversorgung - und ein striktes Einreiseverbot für Motorradfahrer. Ich wollte es trotzdem versuchen.Kuching in der Provinz Sarawak auf Borneo. Problemlos übernehme ich meine Suzuki im Hafenzollamt. Problemlos, weil dieser Teil der Insel zu Malaysia gehört und meine Enduro ebendort zugelassen ist. Doch der Beamte lächelt, als er von meinem Plan hört, daß ich mit dem Motorrad in den indonesischen Teil Borneos reisen will. »Good luck!«Das kann ich brauchen. Mein erster Versuch, die Grenze bei Sematan im Westen Sarawaks zu überschreiten, scheitert - nur Einheimische dürfen von hier per Boot nach Liku in Kalamantan Barat reisen. Im nächsten Grenzort die gleiche Antwort, die gleichen abweisenden und strengen Blicke der indonesischen Beamten. Was jetzt noch bleibt, ist der Übergang bei Entikong. Um es kurz zu machen: Sechsmal tauchte ich bei den Grenzern auf, genausooft hieß es, das Motorräder nicht eingeführt werden dürften. Schließlich fuhr ich zurück nach Kuching, um nach tagelangen Verhandlungen bei der indonesischen Botschaft eine Sondererlaubnis zu ergattern, die dann an der Grenze für Aufruhr sorgte. Höchste Stellen hatten mir zugestanden, zwei Wochen im Land reisen zu dürfen - mit Motorrad. Den überraschten Grenzern von Entikong beibt nichts anderes übrig, als mir die Schranke zu öffnen. Ein kleine Sensation.Gelassen fahre in in Richtung Pontianak, der Hauptstadt der Provinz. Der Zustand der Straße ist überrschend gut. Mit Tempo 60 gehöre ich zu den schnelleren Verkehrsteilnehmern. Die Landschaft ist wenig berauschend. Mehrere Stunden lang geht´s durch streng symmetrisch angeordnete Ölpalmen-Plantagen, dann ziehen sich Reisfelder bis zum Horizont. Von Dschungel keine Spur. Die hier lebenden Dayak haben jahrzehntelang Brandrodung betrieben, um ihre Reisterrassen anlegen zu können. Doch die Böden sind längst nicht so ergiebig wie in anderen Ländern Indonesiens. Viele Parzellen liegen nach einer Ernte brach, und es dauert Jahre, bis dort wieder Reis angebaut werden kann.Pontianak empfängt mich laut, hektisch und stinkend. Rund 400 000 Menschen leben in der größten Stadt Borneos, deren einzige Attraktion ein Denkmal ist, das auf den durch die Stadt verlaufenden Äquator hinweist. Hotels und Restaurants? Schon, aber nicht der Rede wert. Pech habe ich auch mit den Behörden, als ich um eine Verlängerung meines Visums bitte. Zwar erlaubt man mir großzügig einen Aufenthalt von zwei Monaten, doch das Bike darf nur zwei Wochen im Land bleiben: »Sorry Mister.«Ich entschließe mich zu einem Abstecher in den Norden nach Liku. Hinter Singkavang ist das Land fast menschenleer und gleicht einem grünen Teppich, der bis zum Horizont verläuft. Kleine Flüsse und Kanäle trennen die einzelnen Felder voneinander und sind gleichzeitig die Hauptverkehrswege. Dann und wann ein paar einfache Hütten aus Holz inmitten wild wuchernder Gärten voller Rosen, Hibiskus und betörend riechender Mandelbäume. Sobald ich in einer dieser winzigen Siedlungen anhalte, die nicht einmal auf einer Karte verzeichnet wären, wenn es eine geben würde, werde ich neugierig bestaunt. Vor allem das Motorrad, der bunte Helm und meine digitale Armbanduhr wecken das Interesse. Per Zeichensprache werden großzügige Tauschangebote gemacht - zwei Ziegen für den Helm, sechs für die Suzuki...In Liku lerne ich Ismet kennen. Angeblich kennt er jeden Winkel dieser Region. Auf ein Blatt Papier zeichnet er großzügig den Umriß Borneos, fügt mit weit ausholenden Handbewegungen Straßen und Flüsse hinzu, trägt Ortsnamen ein, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Zufrieden betrachtet er sein Werk, und ich nicke anerkennend. Seinen Angaben zufolge existiert auf Borneo ein gut ausgebautes Straßennetz, und mir kommen die ersten Zweifel, ob er jemals Liku verlassen hat.Gespannt starte ich in Richtung Osten. Bis Sanggau am Ufer des Kapuas, des größten Flusses Borneos, hält der Zustand der Straße, was mir Ismet versprochen hat. Neuer Asphalt, der schnurgerade durch tropischen Wald führt. Ich komme schnell voran. Aber es ist gnadenlos heiß, und die Luftfeuchtigkeit beträgt nahezu 100 Prozent. Selbst der Fahrtwind verschafft keine Kühlung. Völlig ausgelaugt und klatschnaß geschwitzt erreiche ich am frühen Abend und mit dem letzten Tropfen Benzin Sanggau. Tanken und Trinken, eine Schale Gado gado - Erdnußsoße, kleine Kartoffelstücke, Chili und Reis - und dann todmüde ins Bett sinken. Aber an Schlaf ist nicht zu denken. Auch nachts sinken die Temperaturen kaum, der Ventilator in dem schäbigen Hotelzimmer macht einen Höllenlärm, und Moskitos und Kakerlaken treiben mich fast zum Wahnsinn.Bis Sintang führt die Straße entlang des stellenweise über 500 Meter breiten Kapuas. Unzählige Hausboote, schnelle Außenborder, vollbeladene kleine Fähren mit Kisten und Körben verkehren auf dieser Lebensader, die die Dörfer miteinander verbindet. Straßen oder Wege enden früher oder später im Niemandsland des Dschungels.Ich komme nur langsam voran, denn der Zustand der Hauptstraße wird ab hier zusehends schlechter. Fast scheint es, als würden mich die vielen Boote auf dem trägen, braunen Fluß überholen. Die 150 Kilometer bis Sintang verbringe ich wegen der enormen Hitze wie in einem Dämmerzustand. Doch plötzlich bin ich wieder hellwach. Hinter dem kleinen Ort verschwindet die Piste im dichten Urwald, dann windet sich der Weg über mehrere, kleine Bergrücken. An den steilsten Passagen wühlt sich der Hinterradreifen tief durch den vom Regen ausgewaschenen Weg. Kleine Holzbrücken - in der Regel nicht mehr als zwei lange, schmale Bretter - führen über die ungezählten Seitenarme des Kapuas. Mit einem Auto kein Problem, aber mit der Enduro jedesmal ein nervenaufreibender Balanceakt.Nach 400 Kilometern erreiche ich endlich Putusibau, die letzte größere Siedlung am Kapuas-Fluß vor dem Müller-Gebirge, das Borneos Provinzen West- und Ost-Kalimantan voneinander trennt. Am Ufer liegen unzählige Boote und Kanus zwischen den Pfahlbauten. Die in den Wäldern lebenden Stämme der Dayak und Iban kommen regelmäßig hier her, um Waren zu tauschen oder um Benzin, Kleidung und Lebensmittel zu kaufen. Überall wird gehandelt und gefeilscht, Frauen waschen ihre Wäsche im trüben Flußwasser, Schweine, Hühner und Kinder laufen umher, aus unzähligen Garküchen dampft und brodelt es.Früh am nächsten Morgen bin ich bereits wieder unterwegs. Von Putusibau führt eine schmale Urwaldpiste nach Lanjak, einem winzigen Nest in der Nähe zur Grenze zum malaysischen Teil Borneos. In wenigen Tagen läuft bereits das Visum für das Motorrad aus, und es ist an der Zeit, die Rückreise zu planen. Allerdings kann mir niemand sagen, ob dieser Grenzposten überhaupt geöffnet ist.Schon nach ein paar hundert Metern ist von Ptusibau nichts mehr zu erkennen. Immer dichter umschließt der Regenwald die Straße, bis kaum noch Sonnenlicht durchdringt. Ab und zu passiere ich kleine Siedlungen, meistens Holzhäuser auf hohen Stelzen. Plötzlich beginnt es zu regnen, erst ein paar Tropfen, dann gießt es wie wie aus Kübeln. Sofort verwandelt sich die Piste in ein einziges Schlammloch, an manchen Stellen stecke ich bis zu den Knien im Morast. Mühsam quäle ich mich mit dem Motorrad Meter für Meter voran, aber mir ist klar, daß ich Lanjak heute nicht mehr erreiche.Ein paar Stunden später - ich bin inzwischen naß bis auf die Haut - entdecke ich endlich ein paar einfach Hütten, die um ein traditionelles Langhaus der Dayak gebaut sind: eine riesige Konstruktion auf Stelzen, in der früher die gesamte Dorfgemeinschaft lebte. Sofort werde ich vom Clan-Führer eingeladen. Gestenreich führt er mich in ein kleines Zimmer im Langhaus, dessen zahlreichen Eingänge von finster blickenden Masken bewacht werden. Während der Regen laut auf das Dach plätschert, serviert die nur mit einem bunten Tuch bekleidete Frau meines Gastgebers kleine Schüsseln mit Reis, Bananen, Fisch und frischen Früchten. Schließlich breitet sie drei geflochtene Matratzen aus. Völlig erschöpft versuche ich zu schlafen. Doch nach Sonnenuntergang wird es laut im Dschungel. Von allen Seiten kreischt und kichert, brummt und singt es. Affen und Vögel liefern ein ohrenbetäubendes Konzert, leider bekomme ich keines der Tiere zu Gesicht. Aber langsam verstehe ich, was die Dayak meinen, wenn sie davon reden, daß der Dschungel voller Geister und Dämonen steckt.Lanjak. Das erste, was mir auffällt, ist die Polizeistation. Prompt werde ich von den Beamten herangewunken, und sie staunen ungläubig über mein Visum für das Motorrad. Schließlich trage ich mich im Büro in eine sogenannte Besucherliste ein - als erster Tourist seit acht Monaten in dieser Region. Der Grund dafür ist einfach: Die Grenze im nahen Badau ist für Ausländer geschlossen. Allerdings erfahre ich von einem der Beamten, daß morgen ein Versorgungsboot ausläuft, dessen Ziel Semitau ist, was mir den langen Rückweg über Putusibau ersparen würde.Pünktlich gegen acht stehe ich an der Anlegestelle. Zusammen mit vier kräftigen Burschen heben wir die Suzuki auf das Deck des kleine Hausboots. Knapp zwei Stunden später tuckert der Kahn gemütlich über den breiten Fluß, der sich in großen Schleifen träge durch den unberührten Wald windet. Dichte Mangroven machen hier ein Anlegen unmöglich. Einmal entdecke ich ein paar Affen in den Bäumen, etwas später lassen sich ein paar Süßwasserdelphine neben dem Boot blicken.In Semitau beginnt mein Endspurt: Morgen muß ich das Land verlassen haben. So schnell es eben geht, treibe ich die Suzuki wieder bis Sanggau, dann in Richtung Norden bis nach Entikong. Schließlich die Grenze, doch die Beamten werfen nicht einmal einen Blick in meine Papiere - ich hätte einfach bleiben sollen.

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