Bulgarien Südost-Kurs

Bulgarien - Billigreiseland? Transitland im Süd-osten Europas auf dem Weg in die Türkei? Stimmt, aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Lächelnd fordert mich die freundliche Zollbeamtin auf, die Papiere zu zeigen, ein kurzer Blick auf das Visum, dann wünscht sie mir eine gute Fahrt. Bulgarien. Wenig oder nichts weiß ich über dieses Land. Selbst der Anruf beim bulgarischen Fremdenverkehrsamt war eine Enttäuschung: »Am besten, Sie buchen eine Pauschalreise zum Schwarzen Meer, denn zur Zeit werden viele Autos gestohlen.« Meine Idee, mit einem Motorrad durch das Land zu fahren, fand wenig Anklang. Laut den mageren Auskünften sollte ich von meinem Vorhaben besser Abstand nehmen. Vor ein paar Stunden aber hatte ich Istanbul verlassen und mir vorgenommen, auf dem Weg nach Deutschland trotzdem durch Bulgarien zu fahren. Ich war gespannt. Der verschlafene Grenzort Malko Tarnov liegt bereits einige Kilometer hinter mir. Kurve an Kurve windet sich die Straße durch kühle Laubwälder. Gelassen fahre ich in Richtung Nesebar am Schwarzen Meer, einem kleinem Dorf auf einer Halbinsel, die durch einen zehn Meter breiten und 300 Meter langen Damm mit dem Festland verbunden ist. Nur wenige Menschen bummeln durch die engen Gassen zwischen den herausgeputzten Holzhäusern. Einstmals gab es über 40 Kirchen in dem kleinen Ort, der zu den ältesten Siedlungen Europas gehört, heute sind es zwar nur noch elf, damit immer noch mehr als in jedem anderen Ort Bulgariens.In den Sommerferien soll hier laut meinem Reiseführer die Hölle los sein. Einige Schilder sind sogar deutsch beschriftet - ein Hinweis, für wen die Cafés und Souveniershops gedacht sind: Schon immer waren die bulgarischen Sandstrände die erste Adresse für deutsche Urlauber mit Kleinstbudget. Die Preise sind tatsächlich unglaublich niedrig. Gegrillter Fisch kostet umgerechnet achtzig Pfennige, eine Unterkunft mit Blick aufs Meer ganze fünf Mark für eine Nacht. Bei mehreren Übernachtungen gibt´s das Zimmer für drei Mark fünfzig.Der Zustand der Küstenstraße ist schlecht. Oder andersherum, zwischen den Schlaglöchern ist auch noch ein Rest von Straße erhalten. Trotzdem, mir gefällt´s. Hinter Bjala verabschiedet sich die Straße vom Meer, führt kurvig durch ein hügeliges Gelände, ab und zu geht´s durch kleine Waldstücke, schließlich vorbei an Feldern und Weinbergen. Bei Staro Orjachovo kann ich der Versuchung nicht widerstehen, noch einmal einen Abstecher ans Meer zu machen. Nach acht Kilometern erreiche ich bei Schkorpilovzi die Küste - und staune: Hinter einem dichten Waldstück erstreckt sich ein herrlicher Sandstrand mit vielen Dünen. Touristen? Fehlanzeige. Anscheinend nicht einmal im Sommer, denn Hotels gibt´s hier so gut wie keine.Doch inzwischen lockt mich das Inland. Ich biege ab in Richtung Madara - zumindest hoffe ich, daß der Weg dorthin führt. Schilder und Wegweiser sind ausnahmslos in kyrillischer Schrift gehalten, und ich versuche, mir zumindest ein paar Brocken des Alphabets zu merken, um wenigstens die Ortsschilder enträtseln zu können. Doch nicht nur die Schrift ist anders: Bulgaren schütteln den Kopf, wenn sie zustimmen, und sie nicken, wenn sie anderer Meinung sind. Mißverständnisse sind programmiert: In der Nähe von Sumen will ich tanken, der Tankwart nickt eifrig - und ich wundere mich, warum er mir trotzdem kein Benzin geben will. Klar, weil er keines hat, wie ich ein paar Minuten später von einem deuschsprechenden Bulgaren erfahre, der an der Dieselzapfsäule mehr Glück hat als ich. Pech auch an der nächsten Tankstelle. Mir fallen plötzlich all die Geschichten ein, in denen Ostblockreisende die meiste Zeit ihrer Reise damit verbrachten, Benzin zu organisieren. Aber bereits in Preslav ist der Spuk zu Ende und der Tank wieder bis zum Rand gefüllt.Endlich erreiche ich Madara, ein archäologisches Reservat mit Weltruf. Der Reiter von Madara, ein fast drei Meter hohes Felsenrelief, ist das einzige monumentale Relief aus dem frühen Mittelalter in ganz Europa. Doch von dem in den Stein gemeißelten Reiter ist zur Zeit leider nichts zu sehen. Das Werk wird restauriert und ist mit Plastikplanen verhängt. Unweit des Originals steht eine maßstabsgetreue Kopie des Reiters am Straßenrand. Zwar kein Ersatz, aber dennoch beeindruckend.Gegen Abend erreiche ich Veliko Tarnovo. Die Stadt zählt zu den schönsten des Landes. Die teilweise prächtigen Gebäude, die am Nordrücken des Balkan-Vorgebirges errichtet wurden, wirken wie eine riesige Festung, Häuser und Felsen scheinen längst zusammengewachsen. Der Umfang der Festungsmauer läßt die einstige Größe und Bedeutung von Veliko Tarnovo erkennen. Zwischen 1187 und 1393, kulturgeschichtlich die Blütezeit des Landes, war diese ehemalige Zarenstadt die Metropole Bulgariens.Auf dem Weg zum Sipkapaß biege ich in Drjanovo auf eine Nebenstraße ab. Als ich am Ortsende anhalte, stoppt hinter mir plötzlich ein Wagen. Ein Mann im Tarnanzug springt heraus und spricht mich auf Deutsch an. Bald ist klar, daß er sich für die Honda interessiert. Er ist selbst ein begeisterter Motorradfahrer und bittet mich, einen Augenblick zu warten. Kurz darauf erscheint er mit seiner Maschine, einer M 72, dem russischen Nachbau der Wehrmachts-BMW. Allerdings hat er die Fuhre etwas modifiziert. Da es keine Ersatzteile gibt, hat der Bulgare den Tank einer russischen Isch montiert, Sitzbank und Verkleidung selbst gebaut und ein Koffersystem aus rechteckigen Blumenkästen sowie den Fensterrahmen eines ausgedienten Autobusses konstruiert. Er erzählt, daß der Motor bereits über 200 000 Kilometer auf dem Buckel habe. Klar, die Africa Twin gefällt ihn, am liebsten hätte er aber eine BMW. Bei einem Monatsverdienst von umgerechnet rund 75 Mark ist er allerdings froh, überhaupt zwei Räder unterm Hintern zu haben.Über den Sipkapaß erreiche ich Kazanlak, eine auf den ersten Blick unscheinbare Kleinstadt, die aber eine einzigartige Attraktion besitzt - zumindest, wenn man sich für Gräber interessiert: Das thrakische Grabmal aus dem 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung besteht zwar nur aus einem engen Raum, aber die an den Wänden und Decken gut sichtbaren Malereien, die verschiedene Personen, Kampfhandlungen und zahlreiche Symbole zeigen, sind in ihrer Ausdruckskraft überwältigend. Kein anderes Denkmal aus der hellenistischen Welt ist so gut erhalten wie dieses. Damit das so bleibt, ist der Zutritt inzwischen verboten. Besucher dürfen nur noch über einen detailgetreuen Nachbau nebenan staunen.Gemütlich rausche ich weiter in den Süden in eine wunderschöne Bergregion. Das Rhodopengebirge südlich von Plovdiv gilt als eine der landschaftlich attraktivsten Gegenden Bulgariens. Zu Recht. Sie ist ein Labyrinth aus unzähligen Bergkämmen und Tälern, in denen der Weg nur ab und zu kleine, weltabgeschiedene Dörfer streift, in denen die Zeit irgendwann vor vielen Jahren stehengeblieben zu sein scheint. Endlose Wälder säumen die Strecke wie eine dichte Mauer, dann wieder geben Lichtungen den Blick frei auf ein wild geformtes Land. Gelegentlich zweigen von der Hauptstraße kleine Wege ab, die irgendwo in den Bergen enden. Einer davon führt zu den Höhlen bei Jagodina in der Nähe von Trigrad. Die Fahrt dorthin ist ebenso abenteuerlich wie unheimlich. Fast sieben Kilometer folgt der Weg entlang einem Wildbach durch den Bujnowez-Engpaß. Links und rechts ragen steile Felswände auf, der Durchbruch ist an manchen Stellen nur ein paar Meter breit. Schließlich hängen die Felsen so weit über den Weg, als führe man durch einen Tunnel. Dann überquert die Strecke mehrmals den tiefgrünen Bach - auf schmalen Brücken, die aus dicken Baumstämmen gezimmert sind und nicht sehr vertrauenserweckend aussehen. Im Schrittempo balanciere ich die schwere Enduro durch diese atemberaubend schöne Felsenlandschaft.Am Ende der Strecke gönne ich mir einen Spaziergang durch eine der beiden riesigen Höhlen, in der es einen über 60 Meter hohen Wasserfall geben soll. Doch wie mir ein Guide erklärt, sind zur Zeit die Stufen zur der eigentlichen Attraktion der Höhle nicht passierbar. Das erfahre ich allerdings erst, nachdem ich den Eintritt bezahlt habe. Dieses Schlitzohr lacht vermutlich noch heute über meinen zaghaften Protest.Wieder auf der Hauptstraße, fahre ich in Richtung Westen nach Melnik, der laut Reiseführer »kleinsten Stadt Bulgariens«, die inmitten einer von nackten und steilen Felsen umgebenen Schlucht liegt. Weiße, märchenhafte Häuser, die übereinander gebaut wurden, enge, steile Wege, in denen kaum ein Fahrzeug Platz hat. Es duftet betörend nach Akazien, Grillen zirpen, Ansonsten ist nur mal der Schrei eines Hahnes oder Esels und das Blöcken von Schafen zu hören. Ein wunderschöner Ort, der inzwischen von der Regierung schmeichelhaft zum Architektur-Reservat erklärt wurde.Praaktisch kurvenfrei geht´s von hier nach Norden, in Richtung der Hauptstadt Sofia. Vorbei an den Ausläufern des Pirin-Gebirges und bis zum weltberühmten Rila-Kloster, einem ebenso mächtigen wie prachtvollen Bauwerk, daß die meistbesuchte Attraktion des Landes ist. Dann tauchen auf einmal die ersten Trabantenstädte Sofias unter einem dichten Dunstkessel auf. Ein Anblick, der nicht sehr einladend wirkt. Ich will auch gar nicht bleiben, sondern suche verzweifelt einen Weg aus dem immer dichter werden Verkehr in Richtung Norden.Aber nach einer Stunde sind Verkehrsstaus, Smog und Lärm schon wieder vergessen. Hinter Novi Iskar führt die Überlandstraße abermals durch eine gewaltige Naturkulisse: Auf einer Länge von über 60 Kilometern hat sich die Iskar im Laufe von Jahrtausenden einen Weg durch die Felsen des Balkans gegraben. Ganz im Norden folgt noch die eigenartige Felsenlandschaft bei Belogradtschik: rotbraune Säulen und Steinblöcke, die wie von Geisterhand plaziert mitten in dichten Wäldern stehen. Von hier sind es nur noch ein paar Kilometer bis zur Donau, der Grenze nach Rumänien.Fast wäre ich während der letzten Etappe doch noch liegengeblieben: Die Tankstellen haben kein Benzin mehr, denn der kostbare Treibstoff wird lieber im benachbarten Serbien für den doppelten Preis verkauft. An die freundlich nickenden Tankwarte werde ich noch lange denken. Und auch an die Leute vom Fremdenverkehrsamt. Statt nur Paulschalreisen ans Schwarze Meer zu empfehlen, sollten sie das Land, das weit mehr als Küste zu bieten hat, vielleicht mal selbst unter die Räder nehmen.

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