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Es gibt tausend gründe, um in die Cevennen zu fahren.

11025 Immer enger umschließen senkrechte Felsen die Straße. Kurve um Kurve in den Stein gehauen, windet sich die Strecke entlang der schäumenden Tarn, die sich in Jahrmillionen schwindelerregend tief in das Kalkgestein und den Granit gefressen hat - so, als ob das Land von einem gewaltigen Schwertstreich durchhauen wurde. Kein Windhauch dringt bis in die Tiefe des Canyons. Nur unbewegte, heiße Luft, die sich mir im Sattel der Triumph entgegenstemmt. Ab und zu passiere ich kleine, von Zypressen geschützte Weiler, auf der gegenüberliegender Seite winzige, steinummauerte Terrassenkulturen unterhalb überhängenden Wände errichtet wurden, die aber inzwischen längst nicht mehr bewirtschaftet werden. Dann verschwindet der flaschengrüne Fluß am Pas du Souci unter dicken Felsbrocken, taucht nach wenigen Metern wieder auf und durchfließt die engsten Stelle des Gorges du Tarn, der hier gerade einmal 30 Meter von Seite zu Seite mißt.Nur ein paar Minuten später katapultiert mich die Straße aus dem Canyon heraus. Kehre um Kehre folgte ich dem Weg, der sich von dem winzigen, in der Schlucht gelegenen Les Vignes hoch auf die weite Fläche der Causse de Sauveterre schraubt und schließlich bis zum Point Sublime führt. Dieser windige Aussichtspunkt auf einem steilen Felsen viele hundert Meter oberhalb des schäumenden Tarn offenbart die Einzigartigkeit dieses westlichsten Teils der Cevennen auf einen Blick: Die drei Flüsse Tarn, Jonte und Dourbie haben eine ehemals riesige Kalksteinebene zersägt und vier von steilen Felsabstürzen begrentze Plateaus - die großen Causses - entstehen lassen. Mir direkt gegenüber erstreckt sich die gewaltige, über 1000 Meter hohe Causse Méjan, deren fast schon wüstenhafte, braune Oberfläche abrupt an den Steilwänden endet. Nur von einer Handvoll Straßen durchzogen, gehören die Causses wegen des unfruchtbaren Bodens und des extrem rauhen Klimas zu den am dünnsten besiedelten Teils Frankreichs. Der Blick uf die Karte bestätigt die ungewöhnliche Geographie. Hunderte von kleinsten Straßen und Wegen durchziehen die Cevennen, winden sich durch die unzähligen Täler oder führen über einen der vielen Bergrücken. Doch dazwischen liegen die großen, weiß eingezeichneten Flächen der Causses, die so aussehen, als ob man vergessen hätte, Straßen und Ortschaften einzuzeichnen. Das hatte mich neugierig gemacht - und wunderte mich, daß ich in Mitteleuropa durch praktisch menschenleere Regionen fahren sollte.Wie im Sturzflug gelange ich auf dem gleichen kurvigen Weg wieder hinunter nach Les Vignes am Ufer des Tarn, dessen Wasser an dieser Stelle träge über die weißen Kieselbänke fließt. Bis Le Rozier lasse ich die Triumph einfach laufen, genieße das wilde Hin und Her der Straße, deren griffiger Belag eine wahre Freude ist - und den Umstand, daß ich im Herbst praktisch allein unterwegs bin. Auch in dem kleinen Ort, wo Tarn- und Jonte-Schlucht aufeinandertreffen und dessen schiefergedeckte Häuser und enge Gassen am späten Nachmittag bereits im Schatten zwischen den Wänden der Causse Méjan und Causse Noir liegen, geht es äußerst ruhig zu. Souvenirläden, Bistros, Restaurants und Hotels sind ausschließlich auf den Sommertourismus ausgelegt, und bei den wenigen Betrieben, die jetzt noch geöffnet haben, sitzt das Personal plaudernd an den Tischen vor den Eingangstüren. Nur ein paar ältere Männer arbeiten auf kleinen, künstlich angelegten Terrassenfeldern im Fels hinter den Häusern. Die Erde wurde in mühseliger Arbeit von den Bauern dorthin getragen, um ein paar Reben oder ein paar Obstbäume anzupflanzen. Leben kann von den Erträgen heute allerdings niemand mehr, und längst sind die meisten Bewohner von hier und aus den umliegenden Dörfern abgewandert. Noch ist es zu früh, um ein Quartier für die Nacht zu suchen. Wie im Rausch vergeht die Fahrt durch den Gorges de la Jonte, durch den die stellenweise kaum wagenbreite Straße auf und ab an der steilen Flanke der Causse Méjan und entlang an bizarren, von Erosion geformten Felsen führt. Nur ab zu drängen sich ein paar Häuser aus dicken, grauen Steinen tief in der engen Schlucht, und in Les Douzes reicht der Platz gerade für je eine Häuserreihe rechts und links der Straße. Ab und an führen gemauerte Treppen zu kleinen Äckern an den Hängen oder hinunter an den Fluß, der so ruhig dahinfließt, daß es mir ein Rätsel ist, wie er sich so tief in das Land fressen konnte. Inzwischen liegen selbst die breitesten Stellen des Canyons im Schatten, während die nackten Felsen hoch über mir noch immer grell in der Sonne leuchten. Doch erst bei Meyrueis, das abgeschieden am Ausgang des Tals liegt, wo die bewaldeten Berge der Cevennen enden und die kahlen Hochflächen beginnen, gelang es den Straßenbauern, einen Weg hoch hinauf auf die Causse Méjan zu treiben: Die N986 windet sich zuerst durch dichte Kastanienwälder, dann klebt sie so verwegen und kurvig im Hang, wie ich es selbst in den Alpen kaum erwarten würde. Abwechselnd im ersten und zweiten Gang sprinte ich mit der Speed Triple durch die engen Kehren, staune mit jedem gewonnenen Höhenmeter über den immer grandioseren Ausblick in die zerklüftete Jonte-Schlucht und traue meinen Augen kaum, als die Straße mit eine Satz über den Rand des Plateaus führt. Vor mir dehnt sich dieses menschenleere Land aus, auf das ich bereits vor ein paar Stunden vom Aussichtspunkt am Point Sublime auf der gegenüberliegenden Causse de Sauveterre geschaut hatte. Eine weite, hügelige Steppe, die sich bis zum Horizont erstreckt. Kein Baum und kein Haus, nur ab und an ein paar große, helle Steine oder Felsbrocken, die diese Monotonie unterbrechen. Rötlich schimmert das Gras in der Abendsonne - eine windbewegte Fläche, die von den Schatten der tiefhängenden Wolken gefleckt ist. Langsam folge ich der Straße, biege an der ersten Kreuzung nach rechts auf einen noch kleineren Weg ab, der in Richtung Osten führt, wo das Land noch eine Spur weiter und großartiger wird. Und karger. Ich fahre vorbei an distelübersähten Weiden, entdecke Dolinen, deren rot schimmernder Lehmboden die einzigen Felder in diesem unfruchtbaren Gebiet trägt, da der ansonsten durchlässige Kalkboden jedes Regenwasser sofort versickern läßt. Schließlich passiere ich Drigas und Hures, zwei winzige Dörfer inmitten dieser verwitteren vegetationslosen Ebene. Flache Häuser aus dicken Steinmauern, wenigen kleinen Fenstern und Dächern aus schweren Kalksteinplatten. Doch auch hier haben die harten Lebensbedingungen, das rauhe Klima im Winter und die glutheißen Sommer die meisten Anwohner längst vertrieben. Nur noch 350 Menschen sollen auf der 300 Quadratkilometer großen Causse Méjan leben. Einzige Einnahmequelle sind die Milch der Schafe und der bittersüße Honig der Wildblumen. Eine melancholische Stimmung liegt über diesem weltfremden, abgeschiedenen Land, das selbst dann nahezu unbeachtet bleibt, wenn unten in den Schluchten der alljährliche Ferienrummel herrscht.Auf einmal stehe ich wieder vor einem Abgrund. Die Causse endet jäh an einer über 500 Meter tiefen, nahezu senkrechten Felswand, an der entlang eine haarsträubend geführte Straße steil bis ins im Tal gelegene Florac führt. Der Blick reicht über das zerschnittene Land. Im Süden die dicht bewaldeten Hänge und Bergrücken um den Mont Aigoual, wo das Mittelmeerklima Wein, Oliven und Lavendel gedeihen läßt. Im Osten die schier unendlichen Kastanienwälder rund um das Massiv des Mont Lozère, dem höchsten Berg der Cevennen, dessen kahler Gipfel knapp 1700 Meter mißt - wahrlich keine alpine Rekordmarke, aber dennoch eine imposante Spitze. Dann entdecke ich Geier, die hoch über mir ihre Kreise ziehen. Ihr Schrei ist weithin zu hören. Weil der Mensch diesen Lebensraum allmählich aufgibt, werden hier längst verschwundene Tierarten wieder ausgesetzt. Langsam rolle ich hinunter nach Florac. Schotter liegt verstreut auf dem löchrigen Asphalt, und nur eine kniehohe Mauer schützt vor einem Abflug in den Abgrund. Mit jedem Meter wird es wärmer, und bald sind die dicht gedrängten, bunten Dächer des kleinen Ortes am Ufer des Tarnon in greifbarer Nähe, bis ein schmaler Boulevard im Schatten mächtiger Plantanen von Bar zu Bar führt. Leute schwatzen, haben die bunten Korbstühle in Richtung Straße gedreht, nicken mir zu, weil sie vermutlich Gefallen am Design und Klang derTriumph finden. Oder einfach, weil Motorradfahrer hier selten sind.Beim Frühstück am nächsten Morgen brauche ich länger als sonst, um mich auf der Karte für eine Route zu entscheiden. Unendlich viele Wege, einer kurviger als der andere, winden sich zwischen Le Vigan, Alès und dem Mont Lozère durch den süd-östlichen Teil der Cevennen. Ein Muß, so der dickbäuchige Wirt, sei die Corniche des Cévennes. Praktisch die Hauptaussichtsstraße, die von Florac nach St. Jean-du-Gard führt - und die ebenso spektakulär beginnt, wie der Tag gestern endete. Ruckzuck windet sich der Weg aus dem Grabenbruch des träge fließenden Tarnon am Fuß der Causse Méjan hoch auf den gegenüberliegenden, fast 1000 Meter hohen Col du Rey und führt in weiten Kurven über einen scharf geschnittenen Höhenrücken in Richtung Le Pompidou. Keine Spur mehr von der Enge in den Canyons, sondern stets der weite Ausblick auf bewaldetes Land, dessen wüste Topographie einem zerknäulten Blatt Papier ähnelt. Dann stürze ich mich nach 30 Kilometern am Col de St. Pierre wieder hinunter, fahre durch das winzige St. Jean-du-Gard, bis ich mich auf der Strecke zurück nach Florac durch das schmale und grüne Vallée Francais, dem entvölkersten Tal in den Cevennen, befinde - in die Handvoll Dörfer, die kleinen Trutzburgen ähneln, kehren nach einem anderswo verbrachten Arbeitsleben nicht einmal mehr die Alten zurück. Bittere Realität: Der ärmste Teil Frankreichs ist gleichzeitig eine der schönsten Regionen des Landes.Hinter Florac entscheide ich mich für die winzige D998. Ein enges Kurvenknäuel, das eingebettet zwischen dem Tarn und der Südflanke des Mont Lozère hinauf nach Le Pont-de-Montvert kriecht. Entlang der Strecke sind die Berghänge über und über von Heidekraut überzogen, bis der Weg hinter der Stadt bergan durch die Mondlandschaft des Lozère führt. Nackte Felsplatten ragen aus dem Boden hervor, dann eine Gesteinwüste, auf der die Brocken wie von Riesenhand hingeworfen die steilen Flächen übersähen - das Dach der Cevennen ist ein einziger Buckel aus Granit, eine von Wind und Wetter gezeichnete Öde. Kurz vor dem knapp 1500 Meter hohen Col de Finiels wende ich die Triumph noch einmal und stelle mich in die Leere. Die Einsamkeit und die Weite sind unfassbar. Von hier wellen sich die Berge der Cevennen ins Unendliche, verschwimmen die Plateaus der Causses in einem bläulichen Dunst, sollen sogar an besonders klaren Tagen die Pyrenäen zu sehen sein. Als ich endlich weiterfahre, die Kurven hinab auf der anderen Paßseite in mich aufsauge, schließlich wieder bei Le Bleymard in einem der gewundenen Täler in Richtung Villefort verschwinde und am Abend im lärmenden Alès lande, schießen mit tausend Gedanken durch den Kopf. Alles Gründe, um in die Cevennen zu fahren.

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